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1,3 Milliarden Gandhis?

Eine subjektive Reportage von Merlin Stein direkt von den Straßen Indiens.

Wille, Einsatz, Selbstlosigkeit. Unabhängig! 1957.

Und heute? Was geschieht in der jetzigen indischen Demokratie? Eine klare Antwort gibt es nicht, doch ich wollte unbedingt zumindest einen Eindruck bekommen.

Deswegen bin ich im letzten halben Jahr auf die zugegangen, die mittendrin leben; auf der Straße, in Parteibüros, bei geheimen Treffen und inmitten von Protesten.

„Ban PETA! Ban PETA!“ fordern lautstark mehr als 100.000 Studierende, Mütter, Tagelöhner, Selbstständige und Angestellte, die sich in der glühend heißen Sonne auf dem größten Cricketsand im Herzen der Industriestadt Coimbatore im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu versammelt haben. Sie sitzen, schlafen, essen, trinken und protestieren dort für die Aufhebung des durch die globale Tierschutzorganisation PETA erwirkten Verbots des traditionellen tamilischen Stierfang-Sports „Jallikattu“. Jeder unterstützt, sodass eine kleine Proteststadt entsteht: Die Straßenverkäufer*innen von gestern stellen Wasser, Früchte und Snacks frei zur Verfügung; Textilshopbesitzer*innen verteilen frisch bedruckte Protest-Shirts; einige kleine Elektronikhändler*innen erstellen zusammen ein gigantisches Soundsystem.

Nach einigem Herumfragen stelle ich verblüfft fest, dass kaum jemand hier den nur selten zelebrierten Sport schon einmal live erlebt hat.

Es geht hier um mehr.

„Es kommt von oben draufgedrückt“, meinen einige der Demonstrierenden.

Das Verbot des Sports durch die Zentralregierung in Delhi fühlt sich für viele Menschen wie ein Angriff auf ihren südlichen Bundesstaat und ihre tamilische Kultur an.

Darüber hinaus ist hier im studentisch geprägten Protestfeld der Unmut über die generelle Politik der „korrupten Regierung“ bestehend aus „egoistischen Politikern“ stark spürbar.

Nach mehr als einer Woche Tag&Nacht-Protest wird das Verbot zeitweise aufgehoben, jedoch nicht vollständig. Trotzdem räumte die Polizei noch am selben Tag, am 23.Januar 2017, mit fraglicher Legitimation und starkem Gewalteinsatz den Platz. Das führte (auch aufgrund einiger gewaltbereiten Demonstranten) zu einer Eskalation des Konflikts und zu stundenlangen Straßenkämpfen.

The protests had the makings of a revolution but ended in a riot“ [The Hindu, bedeutendste südindische Zeitung].

1.300.000.000+ Einwohner*innen leben in der parlamentarischen, dezentralisierten Republik Indiens – unterteilt in 29 Bundesstaaten und 8 Unionsterritorien. 5 teilweise vollständig unterschiedliche Sprachfamilien sind tief in dem geschichtsträchtigen Land in den unterschiedlichsten Kulturen verankert. Hindus, Muslim*innen, Christ*innen, Sikhs, Buddhist*innen und Jains füllen die Straßen und Parlamente mit Leben.

Alle Menschen zusammenzuführen ist die größte Herausforderung der gigantischen Demokratie.

Ein Vertreter der kommunistischen Partei CPI(M) sieht darin die Stärke: „Unity in diversity – the pluralistic way which India has been going is unique in the world.“

Die regierende BJP, die Partei von Ministerpräsident Narendra Modi, sieht das kulturelle Erbe und den Zusammenhalt in Zeiten immer stärkerer Ungleichgewichte und globaler Konkurrenz gefährdet. Deswegen „stärken wir den Hinduismus hinauf zu einem Leitmantra zur vereinigenden Identifikation für alle in Indien lebenden“ (Hari, BJP-Aktivist). Dabei wird der Hinduismus als offene Art zu leben interpretiert, über seine Rolle als Religion hinaus. Auf der anderen Seite fürchtet Frank, christlicher Fabrikbesitzer, eine durch die Politik geförderte Diskriminierung, insbesondere gegen Christ*innen und Muslim*innen.

Um dem Gefühl von Ausgrenzung und Armutsbedrohung entgegen zu wirken, liegt eine Sache ganz besonders im Trend, die seit einigen Monaten im Kino akzentuiert wird. Kurz vor jedem Filmstart erscheint die indische Flagge im Siegeswind wehend riesig auf der Leinwand. Alle Kinobesucher*innen stehen auf. Stehen geradlinig mit Blick nach vorne. Die indische Nationalhymne ertönt. Die Regierung hat beschlossen, dass erst danach ein Film beginnen darf. Patriotismus. Überall. Alle vereinen. So wie deutsche Patrioten oder Europa-Befürworter*innen?

Im Klassenzimmer. 7. Klasse. Kurzvortrag. Die selbstbewusste Schülerin ist soeben fertig geworden, hebt die rechte flache Hand nach vorne. Stolz stehend sagt sie „Jai Hind!“ (=„Lang lebe Indien“) und setzt sich hin. Schüler*innen und Referent*innen in vielen Vorträgen tun es ihr gleich.

All das für ein starkes, buntes, gemeinschaftliches Indien mit geteilten Werten angelehnt an den Hinduismus, um in der globalisierten Welt alle mitzureißen.

„Abgehängt und machtlos“ fühlt sich die Niedriglohnarbeiterin Lakshmi, eine von den zwei Dritteln der Inder*innen, die in Armut leben oder von Armut bedroht sind. Das sind ca. 800 Millionen Menschen, die praktisch ohne jegliche staatliche Absicherung nur auf die nächsten Tage und Wochen schauen können – dabei sind die Träume und Wünsche groß.

2019 ist die 17. Wahl des Nationalparlaments „Lok Sabha“ – und in den Wochen davor ist der magische Begriff „Freebies“ nicht mehr aus Alltagsgesprächen wegzudenken. Plötzlich werden Wünsche wahr – Kleidung, Essen und manchmal auch ein Mixer werden von zukünftigen Abgeordneten mit guten Kontakten zu Fabrikbesitzenden verschenkt. Die Uniarbeitsräume werden mit neuester Technik inklusive Parteiaufklebern eingerichtet. Dazu versprechen Politiker*innen eine Erhöhung der monatlichen freien Lebensmittel im sog. „Rationshop“. – Ganz zum Wohl von Familienvater Paldrash, der mir gerade mit der aktuellen monatlichen Ration von 2kg Linsen, 15kg Reis, 1kg Zucker, 1l Öl, 2kg Salz und einem Teepäckchen entgegen kommt.

Während Jayabalan, städtischer Parteisekretär meint: „Freebies are a way of giving wealth to poor people”, sieht Personal-Manager Abdul Freebies als „Virus” für Indien: Mit diesen kurzfristigen Geschenken würden Politiker*innen nur Stimmen von ungebildeten Wähler*innen kaufen, sodass eine inhaltliche Debatte oder eine wirkliche gute Politik gar nicht nötig sei, um wiedergewählt zu werden. IT-Spezialist Jay fügt hinzu: „There is no scope for self-sustaining with freebies, it is equal to treating slaves.”

Wo das Kreuz auf dem Wahlzettel gesetzt wird, hängt nicht nur von Inhalten und Geschenken ab. „Die meisten Wählenden stimmen für Kandidat*innen der eigenen Kaste, insbesondere in den Länderwahlen”, sagt Jurastudentin Annamalai. Taktisch klug wählen die Parteien ihr Team: Die Parteigesichter sollen zu möglichst vielen unterschiedlichen Kasten gehören und dazu bekannt sein: Das bedeutet auch, dass ehemalige Filmstars Politiker*innen werden.

Da sich „nichts ändern wird, wenn die Partei wechselt”, so Anand, kommt ihm die Möglichkeit mit „None of the above (NOTA)“ eine Proteststimme abzugeben, gerade recht. „Wer NOTA ankreuzt, verschwendet seine Stimme“, meint der 28-jährige Rajasekar, „beschäftige dich mit Politik und wähle eine alternative Partei!“

Mit anderen Engagierten startete er noch im Januar die Jallikattu-Proteste. Nun haben sie die „TN Youth Party“ gegründet, um im Parlament Akzente zu setzen. Im Machtzirkel der Parteien etwas zu bewegen, sei zurzeit noch extrem schwierig, meint der Privatarzt Rajasekar, bis jetzt gäbe es nur außerparlamentarisch eine wirksame Opposition – die Demonstrierenden. Auf Basis von Freiwilligen und Social-Media-Kampagnen bauen sie sich ihre Unterstützer*innenkreise auf, damit sie unabhängig von Unternehmen bleiben können. Im IT-Outsourcing-Land Indien „sind Facebook, Whatsapp & Co elementar für den notwendigen Wandel“, meint Rajasekar. Doch neben den ca. 250 Millionen Nutzern sozialer Netzwerke in Indien haben andererseits über zwei Drittel der Bewohner*innen keinen Zugang zum Internet.

Wir leben in Zeiten, in denen in Deutschland die beiden führenden Parteien wenig Alternativen bieten können, viele Bürger*innen das Gefühl haben, nur noch bei Wahlen gehört und beachtet zu werden und so viele Lobbyist*innen wie nie zuvor die Politiker*innen auf ihrem Weg zu den „richtigen“ Maßnahmen und Gesetzen beraten.

Und währenddessen dürfen wir nicht vergessen, dass überall auf der Welt die Demokratie in Gefahr ist.

Stimmen der Bevölkerung:

“You can survive in Indian politics only if you are corrupt.” – Studentin Aiswarya, die deswegen auf keinen Fall in die Politik gehen will.

Democracy is killing us…“, so die internationale Textilhändlerin Saraswat, “…The process and changes are just too slow, all our clients start to buy from China”

 

BJP: Die rechtskonservative, hindunationalistische „Bharatiya Janata Party“ (Hindi, „indische Volkspartei“) ist die weltweit mitgliederstärkste Partei. Erst 1980 gegründet, übernahm sie von 1998 bis 2004 und ab 2014 die Regierungsführung vom „Indischen Nationalkongress“ (INC). Dieser führte sozialliberal und säkular orientiert die Unabhängigkeitsbewegung an, entwickelte sich jedoch mit der anfangs hoch geachteten Nehru-Familie an der Spitze zu einer Familienangelegenheit, die sich später nur mit Vielparteienkoalitionen an der Macht halten konnte. In der Folge von Korruptionsskandalen verlor sie in den letzten Jahren viele Wahlen.

Lok Sabha: 543 Sitze starkes Unterhaus des indischen Parlaments, wird nach dem relativen Mehrheitswahlrecht bestimmt, d.h. dass jeder Wahlkreis die*den dortigen Sieger*in ins Parlament schickt. Dazu kommt das Oberhaus „Rajya Sabha“, mit ähnlicher Rotation wie der amerikanische Kongress, welches den Gesetzen zustimmen muss.

Kaste: Religiös begründete gesellschaftliche Hierarchie, durch die Zugehörigkeit des Vaters festgelegt. Heirat auch heute noch i.d.R. innerhalb der eigenen Kaste. Sie ist verpflichtend anzugeben u.a. bei Uni-Bewerbung etc..

NOTA: Unterstes ankreuzbares Feld bei einer Wahl, womit kein*e Kandidat*in unterstützt wird, sondern die Unzufriedenheit mit allen wählbaren Kandidat*innen ausgedrückt wird. Eingeführt auch auf Staatsebene 2014 um die Wahlbeteiligung zu erhöhen (erfolgreich: 66% zu vorherigen 58%.) Meist 1-5% der Stimmen.

merlinstein@t-online.de'

Merlin Stein

Merlin erlebte in den vergangenen 12 Monaten intensiv, wie Indiens Demokratie mehr und mehr abgebaut wird. Neben seiner Arbeit bei der lokalen Umweltschutzorganisation „Siruthuli“ in Coimbatore engagierte er sich bei Protesten und mit der neuen Initiative „FutureGardens“ für Transition-Towns in Indien.  Auf seiner Reise durch das riesige Land lernte er unterschiedlichste Menschen kennen und schrieb ihre Geschichten auf: bloggermerlin.tumblr.com
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Merlin erlebte in den vergangenen 12 Monaten intensiv, wie Indiens Demokratie mehr und mehr abgebaut wird. Neben seiner Arbeit bei der lokalen Umweltschutzorganisation „Siruthuli“ in Coimbatore engagierte er sich bei Protesten und mit der neuen Initiative „FutureGardens“ für Transition-Towns in Indien.  Auf seiner Reise durch das riesige Land lernte er unterschiedlichste Menschen kennen und schrieb ihre Geschichten auf: bloggermerlin.tumblr.com

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