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I want to bi free…

Inhaltswarnung: Dieser Artikel beschäftigt sich unter anderem mit bi-feindlichen Klischees, Kommentaren und Ausschlüssen.

In den letzten Tagen machte auf Twitter ein Screenshot aus einem Onlineartikel der Jugendzeitschrift BRAVO die Runde.  Hier erklärt das Dr.-Sommer-Team, was es heißt, bisexuell zu lieben – allerdings denkbar schlecht. Zunächst einmal wird hier durchgehend von „den beiden Geschlechtern“ geschrieben, obwohl es deutlich mehr gibt. Doch auch darüber hinaus wird Bisexualität hier auf eine Weise dargestellt, die nicht hilfreich ist und im Gegenteil noch Klischees verstärkt. So wird Bisexualität damit gleichgesetzt, unbedingt mehrere Beziehung haben zu wollen. Ganz beiläufig wird dabei auch noch suggeriert, Bisexuelle würden eher dazu neigen, zu betrügen. Liest mensch den Text weiter, heißt es, mache Bisexuelle würden ihre Bisexualität eben „nicht ausleben“ und „wie Heteros oder Homos“ in Mono-Beziehungen leben oder heiraten. Oder sie würden sich quasi abwechselnd Frauen* und Männer* als Partner*innen suchen – als könnte mensch sich entscheiden, in wen mensch sich verliebt. Dass es in Beziehungen nicht immer nur Sex geht, und auch asexuelle Menschen romantische Gefühle für Menschen von mehr als einem Geschlecht entwickeln können, wird gänzlich außer Acht gelassen.

Als bisexueller Mensch ist eins oft erstmal froh, wenn Bisexualität überhaupt thematisiert wird. Viel zu oft wird so getan, als gäbe es nur die Optionen „homo“ und „hetero“. So beispielsweise im Jugendroman „Will Grayson, Will Grayson“ von John Green. Hier sagt der schwule Hauptcharakter, dass Jungs, die auf Mädchen stünden, für ihn total uninteressant seien: schließlich könnten sie ihn ja eh nicht zurücklieben. Dass sich das überhaupt nicht gegenseitig ausschließt, scheint ihm nicht bewusst zu sein. Besonders absurd wird es in der Serie „Grace and Frankie“: Die Ehemänner der beiden Frauen eröffnen ihnen, dass sie seit zwei Jahrzehnten ein Paar sind und jetzt, wo das möglich ist, heiraten wollen. Immer wieder wird davon geredet, dass sie „jetzt schwul“ wären – während gleichzeitig auch weiterhin bestehende Gefühle für die Ex-Partnerinnen eine Rolle spielen.

Selbstverständlich steht es jeder Person frei, das Label für sich zu benutzen, das sich am passendsten anfühlt, oder festzustellen, dass eine Beziehung in Wahrheit nicht zu ihr passte. Dass homosexuelle Menschen zur Tarnung oder aus Unverständnis der eigenen Bedürfnisse heterosexuelle Beziehungen eingehen oder Menschen sich als „homosexuell mit Ausnahme“ bezeichnen, passiert so definitiv auch. Das Fehlen von ausdrücklich bi- und pansexuellen Charakteren in den Mainstream-Medien führt jedoch zum Fehlen von Vorbildern und Identifikationsmöglichkeiten für ebensolche Menschen.

Wenn die bisexuelle Person – sofern vorhanden – dann aber immer und immer wieder die betrügende Person ist, die ihre Sexgier nicht im Zaum halten kann oder Aufklärung, wie bei der BRAVO, so völlig daneben schlägt? Dann sitzt mensch als Bisexuelle*r vorm Bildschirm, facepalmt und denkt: „Ist ja cool, dass ihr da anscheinend ein neues Wort gelernt habt – jetzt wär‘s klasse, wenn ihr auch noch wüsstet, was es wirklich bedeutet…“
Vorurteile wie die aus der BRAVO finden sich überall. Wir hören sie beim Coming Out, auf dem Schulhof, beim CSD, im Fernsehen, im Radio, lesen sie in Zeitungen, im Internet, von Freund*innen, Verwandten, Bekannten, völlig Fremden. In all diesen Situationen haben sie eines gemeinsam: Sie sind verletzend, nervig und beleidigend. Wir haben euch hier einmal unsere Top 10 der Dinge, die wir nicht mehr hören können, aufgelistet. All diese Sätze haben wir selbst schon einmal gehört.

1.       „Bist du eigentlich eher homo oder eher hetero?“
Nein. Einfach nein. Do not do this. Denn: Wie soll ich „eher“ etwas sein, das ich beides nicht bin? ¯\_(ツ)_/¯
2.       „Du bist doch nur bi, um Typen zu beeindrucken!“
Natürlich. Denn wir wissen ja, dass Frauen* alles, was sie tun, nur tun, um Typen zu beeindrucken.
3.       „Du bist doch eigentlich homo und traust dich nur nicht, dich zu outen!“
Weder noch.
4.       „Woher soll ich denn wissen, dass du mich nicht für das andere Geschlecht (sic!) verlässt, weil dir was fehlt?“
Spoiler: Bisexualität heißt nicht, dass eins Personen verlässt, weil sie ein bestimmtes Geschlecht haben bzw. nicht haben. Wir verlieben uns nicht wegen dessen Geschlechts in einen Menschen.
5.       „Du gehörst nicht zur Szene, weil du Hetero-Privileg hast!“
Mag so sein, wenn wir mit unseren Partner*innen gerade als „Hetero-Paare“ gelesen werden. Aber zu welchem Preis? Stichwort „Bi-Erasure“. Dazu werden wir weiter unten noch mehr schreiben.
6.       „Reicht dir dein*e Freund*in denn?“
Please never do this again. Never ever. Es ist verletzend und unterstellt uns, uns nicht auf eine Person festlegen zu können, wenn wir wollen. Wir bösen, auf immer untreuen Bisexuellen! Auch wenn es sicher einige Bisexuelle gibt, die gerne mehrere Beziehungen führen möchten – was im Einverständnis mit allen Beteiligten schließlich auch völlig in Ordnung ist -, ist Polyamorie völlig unabhängig von Bisexualität. Du betrügst doch auch nicht automatisch, nur weil du theoretisch an allen Menschen eines Geschlechts Interesse haben könntest.
7.       „Du stehst also auf Dreier? Bock?“
Erstaunlicherweise kam diese Frage immer von heterosexuellen Cisgendern…
8.       „Ein bisschen bi schadet nie!“
Dieser Spruch ist so alt, dass es mich wundert, dass er noch nicht zu Staub zerfallen ist. Bekäme ich für jedes Mal, das ich diesen Spruch höre, einen Euro, wäre ich reich. Es nervt.
9.       „Du kannst nicht bi sein, schließlich…“
a.       „… warst du noch nie mit [Geschlecht x] zusammen!“
b.       „… hattest du noch nie Sex mit [Geschlecht x]!“
Aha. Aber du wusstest schon immer, dass du hetero bist?
10. „Bisexuelle sind transfeindlich!“
Wir können verstehen, dass manche nichtbinären Menschen sich von dem Begriff nicht angesprochen fühlen. Allerdings bedeutet „bisexuell“ nicht „interessiert an Cismännern und Cisfrauen“, sondern schlicht „interessiert an zwei oder mehr Geschlechtern“. Auch viele selbst nichtbinäre Menschen nutzen das Label für sich selbst.

Die Tatsache, dass Bisexualität oft unsichtbar gemacht oder klischeebehaftet dargestellt wird, macht es für viele von uns schwierig, ihre eigene Identität überhaupt zu erkennen. Einige halten sich zunächst für hetero- oder auch homosexuell, und können ihre Gefühle für weitere Geschlechter gar nicht einordnen. Wer möchte schon für eine Person gehalten werden, die sich nur aufspielt? Selbst wenn wir immer wieder Interesse an Menschen unterschiedlicher Geschlechter bei uns wahrnehmen, kann es passieren, dass wir uns weiterhin lange nicht trauen, das Label „bisexuell“ für uns anzunehmen. Schließlich bedeutet Interesse ja erstmal nicht zwingend, schwer verliebt oder in einer Beziehung zu sein – und was, wenn das dann noch nicht wirklich romantisches oder sexuelles Interesse war…?! So ging es mir (Kim) lange: Vom ersten Mal, dass ich eine Frau* attraktiv fand, bis zu dem Tag, an dem ich das Label „bisexuell“ endlich voll für mich annehmen konnte, vergingen über drei Jahre. Bei genauerer Betrachtung sind die Gedanken, die ich mir in der Zeit so gemacht habe, natürlich Unsinn: Auch heterosexuelle Menschen können ja von sich sagen, woran sie interessiert sind, ohne gerade verliebt oder vergeben zu sein. So darf das auch bei Bisexuellen für sich stehen. Oft zweifeln wir, ob wir „bi genug“ wären, um uns dieses Label geben zu dürfen. Dabei ist es wie mit anderen Labeln auch: Wenn wir das Gefühl haben, dass sie zu uns passen, dürfen wir sie benutzen und ausprobieren – selbst, wenn wir wirklich später feststellen sollten, dass ein anderes Label doch besser zu uns passt. Eine der inklusivsten und am meisten zitierten Definitionen von Bisexualität kommt von der amerikanischen Aktivistin Robyn Ochs. Die beschreibt diese Orientierung als “das Potential, sich romantisch und/oder sexuell von Menschen mehr als eines Geschlechtes angezogen zu fühlen – nicht zwingend gleichzeitig, nicht zwingend auf die selbe Art und Weise und nicht zwingend gleich stark.”

Wenn wir unsere sexuelle und/oder romantische Orientierung für uns selbst geklärt haben, sind wir damit aber leider oft noch lange nicht am Ende der Probleme. Es bleiben weitere Fragen offen: Vor wem kann ich mich sicher outen – oder wie sehr hat mein Umfeld all diese Klischees verinnerlicht? Wissen meine Eltern überhaupt, dass es Bisexualität gibt? Bisexuelle werden oft ausgegrenzt – mal mehr, mal weniger bewusst. Zum Einen sehen sie sich oft genug auch in vermeintlichen queeren Safespaces Bifeindlichkeit ausgesetzt. Zum Anderen werden sie tagtäglich mit Bi Erasure konfrontiert. Bi E- was? Bi Erasure ist die Nicht-Sichtbarkeit und Nicht-Anerkennung von Bisexuellen. Das Wort kommt aus dem Englischen; „to erase“ bedeutet so viel wie „auslöschen, ausradieren“.

Anne: In der ersten Zeit nach meinem Coming Out war ich hauptsächlich an Frauen* interessiert und probierte als Mensch in einer doch sehr ländlichen Gegend ohne queere Infrastruktur natürlich irgendwann die typischen Datingseiten und Foren aus. Ich erinnere mich noch genau an den Schreck, als ich das erste Mal auf dem Profil einer Frau die Worte „Bis verpisst euch!“ las. Was war denn das Problem mit Bisexuellen? Waren Bisexuelle etwa per se als homofeindlich verschrien? Ich verstand es einfach nicht. Und dachte mir: „Ach, das wird schon nur dieses Internet sein!“ Bald merkte ich: Leider nein. Auch in queeren Räumen, auf CSDs und Partys, bekam ich die volle Breitseite an Bi-Klischees ab. Es begann damit, dass eine Frau* mir erklärte, ich solle sie in Ruhe lassen; ich sei doch nur auf der Suche nach einem Abenteuer, um irgendeinen Hetero-Typen zu beeindrucken. Auch ein eigentlich aussichtsreiches Date scheiterte schließlich daran, dass ich bi bin. Die Frau hatte schlichtweg Angst, dass ich sie früher oder später „für einen Mann“ verlasse, weil mir „etwas fehlt“.

Doch auch übers Dating hinaus, wenn wir bereits in einer wie auch immer gearteten Beziehung mit „nur“ einer Person sind, ist Bifeindlichkeit und Erasure weiter präsent. Denn dann wird eins sofort entweder als homosexuell oder als heterosexuell einsortiert. Insbesondere bei Beziehungswechseln von als homosexuell gelesenen Beziehungen zu vermeintlichen heterosexuelle Beziehungen und anders herum wird eins häufig mit uncoolen Kommentare à la „Wusste ich es doch, du bist eigentlich homo/hetero und hast nur rumexperimentiert!“ Als Frau*, die derzeit eine Beziehung mit einem Mann führt, werde ich in queeren Räumen meistens als heterosexuell gelesen. Oute ich mich nicht, werde ich schnell mit vernichtenden Blicken bedacht, frei nach dem Motto: „Was macht die Hete hier?“ Oute ich mich später als bi, werde ich trotzdem eher kritisch beäugt. Es ist auch diese Art von Ausgrenzung, die dafür sorgt, dass ich mich in vielen queeren Räumen eher unwohl fühle.

Doch das geht leider nicht nur Anne so. Viele Bisexuelle fühlen sich in queeren Räumen zunächst einmal unwohl. Der Hauptgrund liegt in der Namensgebung oder dem Wording der Selbstbeschreibung. Oftmals werden Räume nur als lesbisch oder schwul (oder beides) ausgewiesen – obwohl sie fast immer auch offen für Bisexuelle sind. Betritt eins einen solchen Raum, ist das immer ein Risiko: Bin ich nun willkommen hier oder setze ich mich gleich wieder Bifeindlichkeit aus? Oft stoßen wir selbst bei Menschen, die gleichgeschlechtliche Beziehungen ganz selbstverständlich akzeptieren, noch auf Unverständnis. Unverständnis dafür, dass Bi sein nicht „irgendwas mit auch aufs Menschen des eigenen Geschlechts stehen“ ist – sondern eine eigene Orientierung, die so auch anerkannt und benannt gehört.

Erfreulicherweise gibt es eine leichte positive Entwicklung in letzter Zeit. Immer mehr berühmte Persönlichkeiten trauen sich, öffentlich über ihre Bisexualität zu sprechen, und können so Vorbilder für viele bisexuelle Menschen sein. So hat sich beispielsweise die Schauspielerin Amandla Stenberg, die in den „Hunger Games“-Filmen Rue spielte, Anfang des Jahres via Snapchat-Video als bisexuell geoutet. Der Hashtag #ownvoices (zu deutsch: „eigene Stimmen“) macht Autor*innen, die selbst queer sind und queere Bücher schreiben – darunter auch immer mehr bisexuelle. Und jedes Jahr im September wird die Bi Awareness Week gefeiert. Der Bi Visibility Day ist jedes Jahr am 23. September. Happy Bi Day also an alle Bi- und Pansexuellen sowie an alle Bi- und Panromantischen da draußen! *rennt durchs Internet und glitzert alle voll*
Und ein kleiner Spoiler an alle anderen: Uns gibt wirklich. Wir sind nächste Woche immer noch da. Fangt doch also einfach schonmal an, uns zu behandeln wie alle anderen auch.

***

Anne Herbold ist frauenpolitische Sprecherin* im Landesvorstand der Grünen Jugend Hessen und kümmert sich dort hauptsächlich um Frauen*- und Queerpolitik. Auf Twitter ist sie unter @Anne_Herbold zu finden.

Kim heißt außerhalb des Internets anders, möchte ihren Namen jedoch lieber nicht nennen. Auf http://kim-barely.tumblr.com/ bloggt sie über ihr Leben als bisexuelle Frau mit Depression.

SPUNK

Seit dem 1. Februar 2014 ist der SPUNK das Online-Magazin des Bundesverbandes der GRÜNEN JUGEND.

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