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Familie bedeutet Vielfalt

[Hinweis: Eine Reihe von Begriffen, die eventuell nicht allen sofort klar sind, werden unten erklärt. Diese sind im Text unterstrichen.]

Ohana heißt Familie. Familie heißt, dass alle zusammenhalten und füreinander da sind.“


Das Zitat stammt aus dem Animationsfilm „Lilo & Stitch“. In diesem wachsen Lilo, ihre (leibliche) Schwester* Nani und ein kleines, blaues Alien namens Stitch nach einigen Anfangsschwierigkeiten zu einer Familie zusammen. Zwei weitere Außerirdische, darunter der Schöpfer von Stitch, werden Teil dieser Gemeinschaft.

Um auf das Zitat zurückzukommen: Entscheidend scheint nicht die biologische Verwandtschaft zu sein, sondern die Verbundenheit und gegenseitige Fürsorge. Nach innen definiert sich eine Familie also durch den Zusammenhalt ihrer Mitglieder. Aber wie sieht es nach außen aus? Zunächst einmal ist es egal, aus welchen und wie vielen Personen sie besteht. Ob ich nun eine traditionelle Großfamilie mit Großeltern, Eltern und Kindern habe oder eine kleine Gruppe, zu der ein blaues Alien zählt: Niemand kann ihnen ihre Zusammengehörigkeit absprechen. Davon ausgehend ergeben sich nicht nur die unterschiedlichsten Konstellationsmöglichkeiten, sondern auch die Einzigartigkeit eines jeden Menschen sorgt für Vielfalt.

Aber wenn Familie so vielfältig sein kann, wieso erfahren im Großen und Ganzen nur wenige bestimmte Familienformen Anerkennung und Unterstützung durch die Gesellschaft? Zum einem ist dies die traditionelle Ehe aus einem Mann* und einer Frau*, zum anderen die Ehe-Mutter-Vater-Kind-Familie. Selbst die Eingetragene Lebenspartnerschaft stellt trotz zugenommener Akzeptanz in der Bevölkerung eine bewusste Benachteiligung gegenüber der Ehe dar, zumal immer noch das gemeinsame Adoptionsverbot besteht. Jedoch sollten wir nicht bis in alle Ewigkeit an der Debatte um die Eheöffnung festhalten. Das Problem liegt tiefer: Unsere Gesellschaft neigt dazu, auszugrenzen, und das betrifft nicht nur Zwei-Personen-Lebensgemeinschaften. Das betrifft jegliche Abweichung von der Norm – von der Heteronormativität.

Für viele der Familienformen gibt es keine rechtliche Absicherung: polyamore Lebensgemeinschaften, Patchworkfamilien, Co-Elternschaften, Leihmutterschaften aus dem Ausland, und viele viele viele mehr! Für so manches Zusammenleben gibt es vermutlich nicht mal eine definierende Beschreibung und das ist auch nicht nötig. Aber nicht nur bei der rechtlichen Anerkennung scheitert es. Patchworkfamilien werden oft als zusammengewürfelte Versionen von gescheiterten Familien wahrgenommen und im Jahr 2016 wird in Talkshows allen Ernstes noch darüber diskutiert, ob ein Kind Mutter* UND Vater* braucht. Dabei sollten wir anfangen, neue Wege zu gehen, neue Konzepte für die rechtliche Anerkennung finden. Wir als GRÜNE JUGEND haben auf dem letzten Bundeskongress mit dem Vorschlag eines Familienvertrages einen Schritt in die richtige Richtung gemacht und auch Mitglieder der grünen Bundestagsfraktion haben kürzlich sinnvolle Vorschläge dafür gemacht.

Nun muss es zur Aufgabe des Queerfeminismus werden, für mehr Akzeptanz und gelebte Vielfalt zu sorgen. Queer ist nämlich nicht gleich LGBITT*, queer ist die Abweichung von der Heteronormativität, queer ist auch kein fest umrissener Begriff, queer bedeutet Vielfalt. Und auch Familie bedeutet Vielfalt. Vielfältig in ihren Formen, vielfältig durch ihre Mitglieder. Auch eine Familie aus lauter heterosexuellen Cis*Menschen kann somit queer sein, solange sie ihren eigenen Weg geht. Aktuell jedoch kämpfen viele queere Aktivist*innen überwiegend für die Ehe für alle. Das „für alle“ scheint aber in eine Richtung zu gehen, in der Ehe zwischen zwei Personen als Ziel für alle Menschen aufrechterhalten wird. Die Realität ist jedoch eine andere: die Ehe ist auf dem Rückzug, die Scheidungsrate hoch. Mehr und mehr Menschen leben Alternativen und diese müssen ebenso abgesichert werden.

Was ist mit Drei-Eltern-Konstellationen, in denen die beiden Sorgeberechtigten sterben? Aktuell besitzt der verbleibende Elternteil dann keine Rechte.

Die meisten Reproduktionsmaßnahmen werden aktuell nur in einer Ehe unterstützt bzw. finanziert. Polyamore Lebensgemeinschaften, die füreinander sorgen und sich gegenseitig unterstützen, sind rein rechtlich nichts anderes als Wohngemeinschaften oder gute Freund*innen. Starre Strukturen können also nicht die Lösung sein, da sie zu wenige Situationen des Alltags abdecken.

Abschließend sei noch erwähnt, dass das Wort Alien nicht nur Außerirdischer bedeutet. Es steht auch für Fremde oder Außenstehende. Lasst uns also für eine Welt voller Aliens eintreten und somit für eine queere Welt! Wie bereits erwähnt, geht es dabei nicht nur um die LGBITT*Community. Es betrifft alle Formen des Zusammenlebens und somit uns alle.

 

Zu erklärende Begriffe:

Heteronormativität: Bezeichnung für die als natürlich gehaltene und zur Norm erhobene Einteilung in zwei Geschlechter: Mann und Frau. Heterosexuelle Beziehungen werden ebenfalls als Norm und alleinig richtig betrachtet.

polyamor, Polyamorie: Liebesbeziehungen mit mehreren Partner*innen gleichzeitig, werden als polyamor bezeichnet. Dabei müssen nicht alle Personen untereinander eine Beziehung führen.
(Als Polyamore Lebensgemeinschaften habe ich hier Beziehungen bezeichnet, in denen alle Beteiligten untereinander eine Beziehung führen und ggf. zusammenleben.)

Patchworkfamilien: kein fest umrissener Begriff. Meist werden Neukombinationen von Familien z.B. nach Scheidung als Patchworkfamilien bezeichnet. Als Beispiel: Eine Frau* bringt zwei Kinder aus ihrer früheren Beziehung mit und ihre neue Partnerin* hat ebenfalls bereits ein Kind.

Co-Eltern: Dieser Begriff ist ebenfalls nicht exakt definiert. Vereinfacht gesagt bedeutet es das Teilen von Rechten und Pflichten zwischen zwei oder mehr Elternteilen, die sich entscheiden, ohne eine Liebesbeziehung unter allen Beteiligten ein Kind zu bekommen. Beispiel: Zwei Freund*innen entscheiden sich zusammen ein Kind zu bekommen und sich gemeinsam darum zu kümmern. Dies funktioniert auch, wenn eine der beiden Beteiligten oder gar beide unabhängig davon eine Liebesbeziehung führt.

Leihelternschaft: Eine gebährfähige Person stellt ihre Gebärmutter zur Verfügung, um für jemand anderen ein Kind auszutragen. Diese Praxis ist in Deutschland verboten und auch im Ausland auf diesem geborene Kinder werden teils nicht als deutsche Staatsbürger*innen anerkannt, auch wenn ein Elternteil eine besitzt.

Cis*Menschen: Bei Cis*Menschen deckt sich ihr tatsächliches Geschlecht mit ihrem zugewiesenen Geschlecht. Das Gegenstück dazu sind Trans*Menschen.

tizian.optenberg@gj-sachsen.de'
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