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Lasst uns den Mund aufmachen und hört gefälligst zu! – Über die Sichtbarkeit von Transpersonen im deutschsprachigen Raum

Wand mit Graffitti "Gender: Queer"
Gender Queer - von Charles Hutchins - CC BY 2.0

Es gab eine Zeit, in der mir andere Transpersonen lediglich aus dem Internet und reißerischen, sensationsgeilen RTL II-Dokus bekannt waren, die klassischerweise durchweg falsche Pronomen benutzten und die Protagonist*innen mit ihren alten Namen bezeichneten. Die einzige Prominente, die ich zufällig durch die Bravo (das mit dem famosen Dr. Sommer) kennenlernte, war Kim Petras, die damals Schlagzeilen als erste Minderjährige machte, die eine Erlaubnis für eine Geschlechtsangleichung bekam. Außerdem hatte Petras bereits vor ihrer Pubertät Hormonblocker erhalten, weswegen sie niemals eine von Testosteron dominierte Pubertät durchlief. Durch den ausbleibenden Stimmbruch erhielt Kim sich eine verhältnismäßig hohe Stimme im Gegensatz zu vielen Transfrauen, die erst im Erwachsenenalter eine Hormontherapie beanspruchen und den Stimmbruch bereits durchlaufen haben.

Eine gewisse Bekanntheit konnte sich Kim dadurch als Sängerin auf ihrem eigenen YouTube-Kanal verschaffen. Ich fand Kim damals unglaublich faszinierend, weil sie bereits im Kindesalter gegen das ihr fälschlicherweise zugewiesene männliche Geschlecht rebellierte und ihre Eltern sie in allen Schritten der Transition unterstützten. Von Kims Beispiel abgesehen, beschränkte sich meine Kenntnis anderer Transpersonen jedoch lange auf Menschen, die ich nur fand, weil ich bewusst nach ihnen suchte bzw. weil ich im Thema eben „drin war“ oder mich andere Transpersonen auf sie aufmerksam machten. Alles in allem, gab es doch wenig starke Vorbilder während meiner Schulzeit, was mich wenig zuversichtlich stimmte für meine eigene Zukunft nach der Transition.

„Laverne Cox stellte mein Weltbild auf den Kopf“

Dann kam Laverne Cox und stellte mein pessimistisches Weltbild auf den Kopf. Seit langem bin ich ein großer Fan von Fernsehserien, dementsprechend zog die internationale Revolution des Streamingportals Netflix und dessen Hitserie Orange is the New Black auch an mir nicht spurlos vorbei. Mit Cox rundem, ausgereiften Charakter schufen die Serienmacher*innen nicht nur ausgedehnten Raum für eine Transfrau in einer Fernsehserie, sie casteten mit Cox auch eine talentierte, schwarze Transfrau, um den Part zu verkörpern, was in Hollywood trauriger Weise noch immer eine Seltenheit darstellt. Cox, die früher mit dem Kellnern in einer Drag-Bar über die Runden hatte kommen müssen, wurde bald darauf nicht nur weltbekannt, sondern auch eine bedeutende Advokatin für Trans-Rechte und den intersektionellen Feminismus. Im Mai 2014 zierte Cox als erste Transfrau überhaupt das Cover des amerikanischen TIME Magazines, zudem lautete die Schlagzeile des Leitartikels der Ausgabe „The Transgender Tipping Point“, der die Fortschritte der Trans-Community beleuchtete.

Ich muss zugeben, dass ich nach der turbulenten Phase meiner Transition, mich etwas aus der Community zurückgezogen hatte und somit alltäglich eher weniger mit Trans-Themen konfrontiert wurde. Cox Part in Orange is the New Black stellte den großen Wendepunkt und einen Türöffner dar, infolgedessen ich mich wieder zunehmend mit der Sichtbarkeit von Transpersonen im öffentlichen Raum auseinandersetzte. Über Cox lernte ich viele weitere Trans-Aktivist*innen kennen und es riss mich geradezu von den Socken zu sehen, wie viel sich in den letzten paar Jahren bei der Sichtbarkeit von Transpersonen zum Positiven gewandelt hatte. Einen weiteren Serienhit mit Trans-Thematik landete Amazon mit Transparent, in deren Mittelpunkt das Coming-Out und die Transition der sich bereits im fortgeschrittenen Alter befindenden Transfrau Maura steht. Zwar verkörpert mit Jeffrey Tambor ein Cis-Mann Mauras Rolle, so wird die Serie dennoch von Transpersonen an vielerlei Stellen vor und hinter der Kamera mitgeformt, ob in Nebenrollen oder der Produktion.

Auch Journalismus scheint derweilen keine ausschließliche cis-geprägte Domäne mehr zu sein. Janet Mock, die in der Vergangenheit als Redakteurin beim People Magazine arbeitete, erlangte durch ihre Bestseller-Autobiografie Redefining Realness: My Path to Womanhood große Bekanntheit. Sie begründete den Twitter-Hashtag „GirlsLikeUs“, der die Sichtbarkeit von Transfrauen erhöhen soll, und moderiert das Magazin So Popular beim amerikanischen Sender MSNBC.

Der Online-Journalismus wurde zudem ganz maßgeblich von der britischen Transfrau Paris Lees aufgemischt, die für die internationale Medienmarke VICE unglaublich wortgewandte und witzige Artikel schreibt, u.a. über ihre Erlebnisse als Trans*frau auf Tinder. Lees, die auch Artikel für den Guardian oder den Independent schreibt, machte sich in Großbritannien zu einer bekannten Medienpersönlichkeit und Advokatin der queeren Community. Einige ihrer Artikel sind auch in der deutschen Ausgabe des VICE Magazins zu lesen.

Aufmerksame Leser*innen werden an dieser Stelle bereits bemerkt haben, dass sich die hier aufgezählten Beispiele der sich verbessernden Sichtbarkeit von Transpersonen auf den englischen Sprachraum begrenzen. Tatsächlich kenne ich bis heute keine Transperson, die den deutschen medialen Alltag oder die Politik breit und öffentlichkeitswirksam mitbestimmt. Man sucht hierzulande lange und relativ erfolglos nach den Cox, Mocks und Lees bei uns. Das nahekommendste Beispiel, das mein populärkulturelles Gedächtnis ausspucken mag, ist vielleicht Conchita Wurst, bei der es sich allerdings um eine Drag Queen handelt.

„Die Bewegung hierzulande steckt in den Kinderschuhen“

Der fatale Fehlschluss, den es zu verhindern gilt lautet jedoch: Nur, weil wir sie nicht sehen, heißt das nicht, dass sie nicht existieren. Selbstverständlich gibt es auch bei uns Transpersonen, wir müssen uns allerdings die unangenehme Frage stellen, wieso diese entweder von der Öffentlichkeit weitgehend ignoriert werden oder sie es vorziehen mit ihrer Identität im Verborgenen zu bleiben. Zumindest gibt es auf verschiedenen deutschsprachigen Social-Media-Kanälen diverse Accounts die zu Transthemen twittern oder bloggen. Im August letzten Jahres gründete sich zudem der Bundesverband Trans* e.V., der für „geschlechtliche Selbstbestimmung und Vielfalt“ streitet. Die Beispiele zeigen jedoch wie sehr die Bewegung und Sichtbarkeit hierzulande noch in den Kinderschuhen zu stecken scheinen.

Der zunehmende Trend zur gestiegenen Bereitschaft über Trans-Identitäten zu berichten ist allerdings auch am deutschsprachigen Raum nicht völlig spurlos vorbeigezogenen. Letztes Frühjahr sendete die ARD mit „Mein Sohn Helen“ einen Fernsehfilm mit einer Transfrau als Hauptcharakter. Der Film strotzte jedoch nur so von klischeehaften Darstellungen. Dazu kommt noch, dass die Hauptrolle nicht wie in Cox Fall von einer Trans-Schauspielerin, sondern von einem Cis-Mann verkörpert wurde. Auch hier reproduziert sich das alte Narrativ von Trans-Identitäten, die nicht von Betroffenen, sondern von Cis-Menschen erzählt werden.

„Gerade von den Öffentlich-Rechtlichen erwarte ich mehr“

Cis-Schauspielerinnen schlüpfen für einen befristeten Zeitraum in die Haut einer Trans-person, danach entledigen sie sich ihrer Maske. Es ist generell sehr fragwürdig, wenn marginalisierte Gruppen – seien es Migrant*innen, Frauen*, sexuelle Minderheiten oder Menschen mit Behinderung – von privilegierten Personen dargestellt werden. Natürlich ist es eine große Leistung der Schauspielerei in andere Rollen und Lebensgeschichten zu schlüpfen, aber wir müssen auch bedenken, dass das marginalisierte Gruppen von wirklicher Teilhabe abhält und einer angemessenen Repräsentation einen Bärendienst erweist. Letzten Endes ist es die alte Leier, wieder mal wird über Transpersonen gesprochen, statt mit ihnen. Ich bin es langsam leid! Gerade von den öffentlich-rechtlichen Medienanstalten erwarte ich eigentlich, dass sie unsere Gesellschaft nicht nur thematisch divers widerspiegeln, sondern auch personell. Das funktioniert nur mit einer ehrlichen Bemühung um Teilhabe und dem Anspruch Trans*personen in die öffentliche Darstellung ihrer Lebensrealitäten einzubinden. Wenn der WDR das mit Formaten wie FrauTV oder CosmoTV schafft, sollte bei all den anfallenden täglichen Sendeminuten auch Raum für ein Magazin mit einer*m Trans-Moderator*in sein.

„Viele Transpersonen tauchen auf ewig ab“

Damit kämen wir auch schon zur Ursachensuche einer umfassenden Misrepräsentation und Unsichtbarkeit von Transpersonen. Durch in unserer Gesellschaft tief verwurzelte transphobe Ressentiments als auch einen eklatanten Mangel an prominenten Vorbildern, ist es nicht verwunderlich, dass so viele Transpersonen die Überzeugung verinnerlichen als bekennende Transperson nicht erfolgreich sein zu können. Eine weit verbreitete Angst unter Transpersonen ist es, nicht als „echter“ Mann oder als „echte“ Frau wahrgenommen zu werden verbunden mit dem Glauben, dass das Label „Trans“ ein immerwährendes Stigma im eigenen Leben darstellt, sei es im privaten Umfeld, im Liebesleben oder im Beruf. Die Furcht, dass die eigene Identität immer eine gläserne Decke bedeutet – ähnlich wie sie Frauen* im Berufsleben wahrnehmen – oder im schlimmsten Fall beim Outing sogar ein Karriereaus zur Folge haben kann, führt dazu das viele Transpersonen auf ewig abtauchen, ihre eigene Identität/Vergangenheit verschleiern und sich an cis-geprägten Normidentitäten orientieren. Sie leben von da an stealth.

Oft bleibt als einziger Ausweg gegen die eigene Diskriminierung zu kämpfen, sich in queere Bündnisse oder sich in feministische Kreise zu flüchten. Doch auch queere Menschen und Feminist*innen sind nicht immer frei von Vorurteilen. Trauriger Weise versäumen es manche Strömungen des Feminismus für Frauen* zu kämpfen, die nicht ihren Vorstellungen vom Frau-Sein entsprechen. Ebenso verkommt der Kampf für die Beendung der strukturellen Diskriminierung von Transpersonen in manchen Organisationen zum Nischenthema, das eher selten thematisiert wird, weil die vermeintliche Betroffenengruppe zu klein ist. Gerade schwule Cis-Männer, die einen großen Teil der LGBTIQAP-Szene dominieren, erwecken von Zeit zu Zeit den Eindruck, dass die Öffnung der Ehe für alle das primäre Ziel der Bewegung darstellt. Aus diesem Grund kommt es sehr leicht dazu, dass Transpersonen ausschließlich den Zugang zu gleichgesinnten suchen und damit noch eher unter sich bleiben. Eine weitere soziale und politische Segregation ist die Folge.

All das verdeutlicht, dass bei der Einbindung und der sozialen Teilhabe für Transpersonen in Deutschland bisher einiges schiefgelaufen ist. Noch immer ignorieren oder leugnen Vertreter*innen öffentlicher Interessen, sei es in der Politik oder den Medien, wie wichtig es ist Transpersonen in die öffentliche Debatte einzubinden. Nicht nur weil alle Transpersonen da draußen eine faire Repräsentation und ermutigende Vorbilder verdient haben, sondern auch weil nur so die Ausgrenzung und strukturelle Diskriminierung von Transpersonen in unserer Gesellschaft abgeschmolzen werden kann. Es ist an der Zeit, dass Trans*personen in unserer cis-geprägten Öffentlichkeit mitmischen. Dafür braucht es mutige Transpersonen, die nicht abtauchen, laut und stark für ihre Recht kämpfen, insbesondere braucht es dafür aber auch Unterstützung und die Bereitschaft von Cis-Personen ihnen Gehör zu verschaffen und einen kleinen Teil des Kuchens abzugeben.

 

Glossar

Transition – Bezeichnet bei Transpersonen den Übergang im gefühlten Geschlecht zu leben und aus dem fälschlicherweise zugeschriebenen (dauerhaft) auszubrechen

Transperson – Bezeichnet einen Menschen, der das bei der Geburt zugewiesene Geschlecht ablehnt

Cis(person) – Bezeichnet einen Menschen, der sich mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifiziert

Geschlechtsangleichung – Bezeichnet einen operativen Eingriff, der eine körperliche Anpassung an das für Transpersonen gefühlte Geschlecht vornehmen soll, umgangssprachlich (aufgrund abwertender Konnotation und aus theoretischen Gründen jedoch von Betroffenen abgelehnt) meist als „Geschlechtsumwandlung“ benannt. Oftmals handelt es sich um eine Reihe von Eingriffen.

LGBTIQAP – eines verschiedener Akronyme, dass als Dachbegriff für unterschiedle queere Identitäten steht

 

nykeslawik

Nyke ist 22 Jahre alt und studiert Englisch und Medienwissenschaft in Düsseldorf. Sie ist die politische Geschäftsführerin der Grünen Jugend NRW, sowie Landtagskandidatin für die GRÜNEN NRW auf Listenplatz 29.
Kategorie: Aktuelle Artikelserie, Queerfeminismus, SPUNK

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Nyke ist 22 Jahre alt und studiert Englisch und Medienwissenschaft in Düsseldorf. Sie ist die politische Geschäftsführerin der Grünen Jugend NRW, sowie Landtagskandidatin für die GRÜNEN NRW auf Listenplatz 29.

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