Allgemein, Berichte, Debatte, Demokratie, Herzlich willkommen im Internetz, Netzpolitik, SPUNK
Kommentare 3

Big Data im Wahlkampf – Auch Grüne können das!?

CGRB server room - von Shawn O'Neil - CC-BY

Wie konnte Trump diese Wahl gewinnen? Diese Frage stellen sich immer noch sehr viele Menschen. Zweifelsohne gibt es viele Gründe für seinen Sieg; und jeder für sich ist nicht einfach zu betrachten. Ein wichtiger Aspekt in der Kampagne von Trump war das Micro-Targeting. In einem Artikel, der von vielen Grünen geteilt wurde, wird nun ausgeführt, wie sich die Trump-Kampagne an dieser Methode bedient hat und wie sie funktioniert. Aber auch diese Erklärung ist nicht die einzige und vollumfängliche Erklärung für Trumps Sieg, wie schon andere Analysen festhalten. Der Artikel lässt sich aber auch nicht als „linke Verschwörungstheorie“ verharmlosen.

Ein wichtiger Teil des Micro-Targetings ist die Datenanalyse und -auswertung. Als Student der Wirtschaftsinformatik spezialisierte ich mich auf Business Intelligence (BI), also der Wissenschaft zur Analyse von großen Datenmengen, eben „Big Data“. Dabei ist die Erkenntnisgewinnung und Entscheidungsunterstützung das Ziel bei der Analyse und Auswertung großer Datenmengen. Big Data ist aber auch nicht per se was schlimmes: Auch das Präferenzwahlsystem ist ein Bereich von Big Data Analysen.

Ich entschied mich für diese Spezialisierung, weil mich die Kampagne von Obama beeindruckte – und zugleich auch schockierte. Denn anders als im Artikel beschrieben, ist nicht die Trump-Kampagne die erste gewesen, die Micro-Targeting und solch fragwürdige Methoden der Datensammlung und -auswertung einsetzte. Obama ist der eigentliche Pionier für den Einsatz von Big Data Analysemethoden und den daraus resultierenden Werbemethoden der gezielten Ansprache eines Menschen.

Brisant genug, wurde Obamas Methode erst nach dem Wahlkampf öffentlich – genau wie bei Trump. Sie wurde als die revolutionäre Methode des Wahlkampfes bezeichnet. Es sei das Ende von Massen-Flyern und Wahlwerbespots, der Anfang des wirklich persönlichen Wahlkampfes, das buhlen um jede Stimme – aber das eben vollkommen effizient und automatisiert. Die Gefahren wurden dabei ebenso deutlich, nicht nur für die Demokratie.

Und auch schon da stellte sich die Frage: Was ist, wenn gefährliche Kräfte von dieser Methode Gebrauch machen?

Und natürlich wurde die Methode weiterentwickelt.

Auch Clinton nutzte das Micro-Targeting, um für Wähler*innenstimmen zu werben.

Und so kam es, wie es kommen musste: Auch Trump nutzte das Micro-Targeting, um mithalten zu können – und um schließlich zu gewinnen.

Aber nur weil Trump gewonnen hat, macht es die Big Data Analyse im Wahlkampf schlimmer, als sie eh schon ist?

Sie war auch vorher schon „schlimm“, egal ob sie dem politischen Gegner zum Sieg verholfen hat oder nicht. Denn neben der direkten Beeinflussung und Manipulation des*der einzigen Wähler*in auf sein*ihr Wahlverhalten, wird auch der Datenschutz im großen Stil ignoriert und missachtet. Beide waren übrigens keine großen Fans vom Datenschutz.

In diesem Zusammenhang sind die sozialen Netzwerke eben das Problematische. Kritisch ist in diesem Kontext nicht, dass die Menschen ihre Daten preisgeben, sondern wie es sein kann, dass die Daten eben solchen Analyseunternehmen zur Verfügung stehen. Die sozialen Netzwerke müssen ihre Nutzer*innen besser vor solchen Analysen schützen. Sowohl auf dem juristischen als auch auf dem technischen Wege. Aber die Profite für die sozialen Netzwerke sind eben noch zu hoch, um selbst Initiative zu ergreifen. Von ethischen Grundwerten ganz zu schweigen.

Soll man nun als Partei eben auf den Zug mit aufspringen, bevor es die Rechten tun? Oder auch dann, wenn es die Rechten schon tun? Immerhin ziehen sie ja schon Social Bots in Betracht. Es gilt immerhin auch, erkämpfte Werte zu schützen und gar auszubauen. Wahlkämpfe sind im Grunde auch nichts anderes als wirtschaftliche Wettbewerbe, in denen durch die Nutzung neuer Werkzeuge Wettbewerbsvorteile erlangt und verringert werden sollen. Aber diese Situation zeigt eben auch, wohin uns das führt.

Eine solche Entwicklung gab es bereits. Während sich in den Anfängen der sozialen Netzwerke vor allem linke Kräfte geweigert haben, Facebook als Kommunikationswerkzeug zu nutzen, ist es heute nicht mehr wegzudenken. Aber wie ist es mit manipulativen Werkzeugen?

Bisher lehnen die meisten Parteien die Nutzung von Social Bots ab. Was das Micro-Targeting angeht, sind die Hemmungen aber nicht mehr so groß. So begleitete und beobachtete die SPD die Methoden von Obama im Wahlkampf und engagierte sogar selbst einen Daten-Strategen von Obama.

Auch die Grünen sind aufgesprungen. So luden die Grünen in NRW zu ihrer Wahlkampfwerkstatt einen Kampagnenexperten von Obama ein  (eben dieser Experte bat bei einem anderen Vortrag Datenschützer*innen nach draußen). Man will von Obamas Erfolg lernen. Den angeblich so vorbildlichen Methoden steht man dann auch unkritisch gegenüber. So bewegt man sich schon gerne im Grenzbereich des Möglichen, was die Datenschutz-Ethik und die Gesetze angeht. Projekte wie der Wahlatlas sind da nur ein Beleg für.

Als Wahlkampfmanager in Bonn bin ich natürlich froh über Daten, die es mir ermöglichen, meine knappen Ressourcen zielgerichtet und effizient einzusetzen. In solch einer Position ist man eben auch unter Druck, denn Ziel ist eben ein gutes Wahlergebnis und es lässt sich eben nicht von der Hand weisen, dass Potentialdaten hilfreich sind und zielgerichtete Ansprache das Ergebnis deutlich verbessert. Dennoch gibt es da den Konflikt in mir zwischen dem Kampf für ein gutes grünes Ergebnis und damit auch insgesamt Gutes zu tun, und eben den ethischen Problemen dieser Datenanalyse. Fakt ist jedoch: Micro-Targeting ist auch bei den Grünen angekommen. Und das wir in diesem Bereich nicht noch mehr machen, liegt nur an unseren begrenzten Mitteln. Es braucht definitiv einen kritischeren und bewussteren Umgang mit Daten im Wahlkampf – auf allen Ebenen.

Aber es gibt auch den anderen Weg: Die Aktivitäten anderer Parteien in diesem Bereich offen zu legen und zu kritisieren. Wann immer uns eine Nachricht persönlich erreicht, die unter Umständen aus dem Micro-Targeting stammen könnte, lohnt sich immer eine Anfrage nach § 34 Bundesdatenschutzgesetz (Auskunftspflicht über Herkunft personenbezogener Daten, wie Namen oder Adressen). Diese Fragen müssen beantwortet werden und könnten durchaus die Wahlkampfmaschinerie enorm belasten. Außerdem könnten wir auch ganz einfach Aufklärungsarbeit leisten. Sensibilisierung sorgt für ein kritisches Verhalten und verhindert Manipulation.

Eins lässt sich aber mit Sicherheit sagen: Das Micro-Targeting aus den USA ist in Deutschland nur schwer möglich. Womöglich wird es auch nicht zu einer ganz persönlichen und zielgerichteten Ansprache kommen. Es gibt keine öffentlichen Wahlregister und auch gesetzlich gibt es viele Barrieren. Wer aber keine Skrupel hat und auch sonst nicht viel mit Datenschutz anfangen kann, der*die kann auch das Micro-Targeting perfektionieren und damit manipulativer werden, als es die sogenannte und verhasste „Lügenpresse“ je werden könnte.

Kay Wilhelm Mähler

Kay Wilhelm Mähler

Kay Wilhelm Mähler ist Beisitzer im Bundesvorstand der GRÜNEN JUGEND. Er beschäftigt sich mit Netzpolitik, Ausbildungspolitik und ist Kommunalpolitiker in Bonn.
Kay Wilhelm Mähler

Letzte Artikel von Kay Wilhelm Mähler (Alle anzeigen)

3 Kommentare

  1. Pingback: EXTRADIENST.NET - Big Data im Wahlkampf – Auch Grüne können das!? (Lehren aus Trump XII) | Beueler Extradienst

  2. liebergruen@googlemail.com'
    Jonas sagt

    Hallo Kay,

    vielen dank für deinen interessanten Beitrag! Ich habe allerdings ein paar Fragen, die ich dir gerne stellen würde: Du bist ziemlich implizit, wenn du schreibst:

    „Die Gefahren [des Micro-Targeting] wurden dabei ebenso deutlich, nicht nur für die Demokratie.“

    Was sind denn deiner Meinung nach diese Gefahren? Wo wäre zum Beispiel für dich der Unterschied zu Grünen, die sich vor einem Bioladen aufstellen, um für ihre Partei zu werben?

    Und wenn ich eine so persönliche Frage stellen darf, würde ich gerne wissen, warum du dich entschieden hast, dir in deinem Studium genau diese Techniken anzueignen, deren Gefahren du so „deutlich“ zu erkennen glaubst? Aber das musst du nicht beantworten.

    Du schreibst, dass du als Wahlkampfmanager in Bonn froh über die Daten seiest, die dir zur Verfügung stünden. Was für Daten sind das denn? Welche Informationen sind darin über welche Personengruppen enthalten? Woher hast du sie? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie von freundlichen Dritten kostenlos zur Verfügung gestelt werden. Haben alle Wahlkampfteams der Grünen solche Daten?

    Ich würde mich freuen, wenn du die Zeit fändest, ein paar Worte dazu zu schreiben, die Fragen sind nicht rhetorisch gemeint und ich bin wirklich gespannt auf deine Antwort.

    Neben diesen Fragen möchte ich gerne noch meine Meinung zu deinen Ausführungen über soziale Netzwerke teilen. Du schreibst:

    „In diesem Zusammenhang sind die sozialen Netzwerke eben das Problematische. Kritisch ist in diesem Kontext nicht, dass die Menschen ihre Daten preisgeben, sondern wie es sein kann, dass die Daten eben solchen Analyseunternehmen zur Verfügung stehen. Die sozialen Netzwerke müssen ihre Nutzer*innen besser vor solchen Analysen schützen. “

    Ich kann nicht nachvollziehen, warum die sozialen Netzwerke ihre Nutzer*innen schützen sollten. Facebook und co. stellen neben der Möglichkeit, sich mit Gott und der Welt zu vernetzen und kommunizieren, unglaubliche Mengen an Speicherplatz zur Verfügung – ohne Geld dafür zu verlangen. Statt mit Geld bezahlen Nutzer*innen eben mit ihren Daten. Entweder sind sie so naiv, das zu übersehen, oder sie haben ihre Entscheidung bewusst getroffen. Wenn sie naiv sind, sollten sie aufgeklärt werden: „There is no such thing as a free lunch.“ Wenn sie ihre Entscheidung bewusst getroffen haben, müssen wir ihnen diese Mündigkeit zugestehen. Wir fordern ja auch nicht, dass Raucher*innen ohne Gesundheitsrisiken rauchen können sollten. Sie haben sich eben entschieden, diese Gesundheitsrisiken für die Befriedigung ihrer Lust auf Nikotin in Kauf zu nehmen. Wenn sie sich über diese Risiken im Klaren sind (und es ist wirklich schwierig, eine einzige Zigarette zu rauchen, ohne von sehr plastischen Bildern und Hinweisen darüber in Kenntnis gesetzt zu werden), ist es nicht an uns, zu entscheiden, ob das eine clevere Abwägung ist, oder nicht. Was ich sagen will ist, dass soziale Netzwerke ihre Nutzer*innen nicht „vor solchen Analysen schützen“ können und müssen. Es ist gerade die Idee sozialer Netzwerke, Nutzerdaten zu sammeln, auszuwerten und dann zu so viel Geld wie möglich zu machen. Die einzig gangbare Alternative wäre eine Beitragsfinanzierung, die aber niemand zu wollen scheint.

    Ich bin gespannt auf deine Antwort.

    Liebe Grüße,
    Jonas

  3. kay-wilhelm.maehler@gruene-jugend.de'
    Kay Wilhelm Mähler sagt

    Hallo Jonas,

    Ziel meines Artikels war es darzustellen, dass die Methode, die als „Bombe“ präsentiert wurde, inzwischen eine etablierte und eine von weitgehend allen genutzte „Bombe“ ist. Sie wird auch nicht dadurch zur „Bombe“, weil sie angeblich Trump zur Präsidentschaft verholfen hat (da gehört noch einiges mehr zu).

    Zugegeben, der Artikel stellt sowohl dar, dass die Methodik böse ist, um sie an einer anderen Stelle wieder gutzuheißen. Dementsprechend sollte die Botschaft aber auch klar sein: Das Micro-Targeting ist sinnvoll und gefährlich zugleich – und deswegen muss eine Debatte darüber geführt werden. Eine Debatte, die das Prinzip nicht als „Bombe“ bezeichnet, aber eben auch nicht als die Lösung und ausschließliche Methode des künftigen Wahlkampfes präsentiert. Es ging eben auch darum den Grünen zu zeigen, dass das was viele derzeit kritisieren und verteufeln gerade in der eigenen Partei zumindest zum Teil Strategie ist.

    Im Artikel habe ich deutlich gemacht, wieso ich mich für diesen Schwerpunkt interessiere. Weil eben die Methodik so umfangreich, chancenreich und gefährlich ist. Um die Dinge besser verstehen zu können, die Möglichkeiten eben zu wissen und die Gefahren darin zu sehen, lohnt sich immer ein tiefergehendes Studium. Das gilt doch auch für alle Gebiete. Im Studium muss ich doch nicht immer etwas machen, was ich hinterher auch im Rahmen der Leistungsgesellschaft verwerten muss, oder? Und wie gesagt: Ich finde diese Methodik nicht gänzlich gefährlich oder böse – es gibt aber ein hohes Potential des Misbrauchs.

    Klar sollte jedoch sein: Das Micro-Targeting eignet sich perfekt für den Populismus. Die Trump-Kampagne zeigt eben das deutlich und unmisverständlich. Es ist eben auch eine Methode der gezielten Anstachelung. Wenn diese Methode eben dazu genutzt wird, bestimmte Menschen vom Wählen abzuhalten, dann besteht darin der Unterschied: Denn vor dem Biomarkt rufe ich zum Wählen auf.

    Hinsichtlich der Daten verweise ich dich auf die Altgrünen. Diese haben dazu schon einige Male geäussert.

    Ich denke sehr wohl, dass Unternehmen dazu verpflichtet sind dem Datenschutz nachzukommen und geltende Gesetze und Richtlinien einzuhalten. Dazu gehört eben auch der Schutz der Daten vor dem Zugriff dritter Unternehmen. Hinsichtlich deiner Argumentation, denke ich nicht dass es Idee eines sozialen Netzwerkes ist aus den Daten anderer Menschen Geld zu schöpfen. Das mag die kapitalistische Idee des Ganzen sein, ja. Aber sicher nicht die Idee, weswegen sich die Menschen registrieren. Das von dir angesprochene Prinzip der Daten Sourveränität führt die Gesellschaft in Post-Privacy. Denn neben dem, was ich freiwillig angebe, gibt es eben auch Dinge, die ich nicht freiwillig angebe. Sei es der Like-Button im Erotik-Fachhandel: Da speichert Facebook meinen Besuch mit! Da bin ich mir nicht sicher, ob die Menschen sich dessen bewusst sind und wenn doch machen die das nicht, weil sie ihre Daten unbedingt hergeben möchten, sondern weil sie den Preis für diese Gegenleistung akzeptieren. Das bedeutet doch nicht, dass wir den Preis dabei nicht regulieren dürfen. Und dafür eben Datenschutz.

    LG Kay

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.