AntiFa & AntiRa, Demokratie, Europa, SPUNK
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Von knappen Mehrheiten und “Nestbeschmutzern” – wer ist eigentlich dieses “Volk”?

Salongespräch auf der Leipziger Buchmesse: Wer ist das "das Volk"? (Foto: Vanessa Kleinwächter)

“Café Europa” nennen wir den Raum, in dem ich mich befinde. “E-U-R-O-P-A, wir müssen reden!”, hieß es in der Eröffnung, und genau darum geht es hier. Gemeinsam mit der Bosch-Stiftung hat die Leipziger Buchmesse 2017 den Programmschwerpunkt “Europa21” gesetzt. Das Ziel: Raum schaffen für Gespräch und Reflexion über die Zeiten, in denen wir leben. Auf der Bühne sitzt Katja Riemann. Für mich wird sie wohl immer ein wenig die Neustädter Hexe Barbara Blocksberg bleiben, die ihre Tochter Bibi karierte Hemden tragen und ganz selbstverständlich mit einem Jungen befreundet sein ließ, ohne ein einziges Mal einen anzüglichen Kommentar zu machen – doch ich bin nicht hier, um ein Autogramm zu erhaschen. Vielmehr ist es für mich, wie Tweets der Autorin Joanne K. Rowling rund um das Brexit-Referendum zu lesen: Die Gefahr ist deutlich realer als in meiner Kindheit und nicht nach neunzig Minuten abgewendet, während ich nur im Kino zu sitzen und zuzuschauen brauche. Bibi und ihre Hexenschwestern haben über Rabia von Katzenstein triumphiert, Harry Potter und seine Freund*innen haben Lord Voldemort besiegt – und jetzt sind wir dran!

Riemann ist auch nicht alleine, im Gegenteil. Das Podium ist besetzt mit Menschen aus allen Himmelsrichtungen, die doch eines gemeinsam haben: die Sorge über den aktuellen Rechtsruck in vielen Ländern. Moderiert wird das Ganze von Banu Güven. Die türkische Journalistin verlor im Herbst letzten Jahres ihren Job, als der Sender IMC TV von Regierungsseite aus geschlossen wurde. “Uns wurde vorgeworfen, terroristisch zu sein, doch das sind wir selbstverständlich nicht”, berichtet sie, und setzt kämpferisch hinzu: “Wir werden dem Präsidenten den Unterschied zwischen Journalismus und Spionage noch beibringen!”

„Volk“ – ein blutiger Begriff

Mit “nicht allein sein” sind wir dann auch schon mittendrin. Denn was tut der Mensch, wenn er nicht alleine sein möchte? Er sucht sich eine Gruppe. Ein Volk, zum Beispiel. Aber wer ist das überhaupt, dieses “Volk”?! Dieser Frage will das Salongespräch nachgehen. Katja Riemann hat dazu ein paar Gedanken formuliert: Beim Begriff “Volk”, so sagt sie, muss sie immer sofort an rechte Gruppen denken, da sei schon deutlich, dass etwas Anderes gemeint sei als mit “Bevölkerung”. Lieber mag sie da das englische “people”, einfach übersetzbar mit “Leute”. “Volk”, das klinge immer gleich so blutig – kein Wunder, kommt es doch vom germanischen “fulka”: Kriegsvolk. Bei Gruppen, die sich über Ausgrenzung und Zerstörungsfantasien definieren, wolle sie dann auf jeden Fall schon mal nicht dabei sein. Das Problem: Genau diesen Menschen werde nun immer mehr eine Bühne gegeben, kostenlose Werbung quasi – während die positiven Beispiele immer mehr von der Bildfläche verdrängt werden. “In 70 Jahren werden uns unsere Enkel fragen: Was habt ihr damals gemacht? Es war doch alles offensichtlich!”, sagt sie, und fordert uns auf: “Die Rechten wollen Ausgrenzung – aber was genau wollen wir? Darauf müssen wir Antworten finden und geben.” Was sie sich wünscht: Eine Demokratie wie eins Sokrates sie skizzierte, verbunden mit freier Kunst und Bildung. Vielleicht, meint sie, lernen wir das gerade erst richtig zu schätzen, wo diese Freiheit immer mehr bedroht wird.

Der Rechtsruck im demokratischen Gewand

So eine Bedrohung kommt dann auch gerne mal in sehr demokratisch erscheinender Form daher, zum Beispiel durch Referenden. Die mag sie nicht, sagt Moderatorin Banu Güven, denn dadurch könne sich eine knappe Mehrheit als “das Volk” bezeichnen, obwohl ein fast ebenso großer Teil der Bevölkerung eine gegenteilige Position vertrete. Und damit gibt sie das Wort an den deutschen Kulturwissenschaftler Martin Roth. Er leitete das Victoria & Albert Museum in London – bis das Brexit-Votum kam, das ihn bewog, zurück nach Deutschland zu ziehen und sich von hier aus für eine friedliche Zukunft einzusetzen. An der Entscheidung für den Brexit sei deutlich geworden, dass wir uns zu sehr auseinander dividieren lassen, sagt er und bezieht sich auf François Mitterand: “Wer sich für Nationalismus einsetzt, der setzt sich für Krieg ein.” Den haben Roths Eltern und Großeltern selbst miterlebt, was ihn umso mehr antreibt. (Um mal zu verdeutlichen, wie glücklich wir weißdeutschen Jugendlichen uns aktuell schätzen können: Ich habe gerade ewig hier gesessen und mich gefragt, ob ich mir das richtig aufgeschrieben haben kann, dass er von der Generation seiner Eltern gesprochen hat.) “Es kann nicht wahr sein, wie schnell wir vergessen!”, wettert er. Die Idee Europa bedeute für ihn Frieden, deshalb bezeichne er sich auch am Liebsten als Europäer. Im Gespräch mit polnischen Kollegen habe er auch immer wieder miterlebt, wie dort immer wieder kritische Stimmen zum Schweigen gebracht werden. Sie haben ihm mit auf den Weg gegeben: “Wer jetzt nichts sagt, wird nie wieder was sagen können.”

Worte aus alten Zeiten

Genauer kennt sich mit Polen Katarzyna Wielga-Skolimowska aus. Von 2013 bis 2016 leitete sie das Polnische Institut Berlin – bis sie zur Bestürzung vieler Kulturschaffender von der polnischen Regierung abberufen wurde. Das Wort “Volk” mag sie nicht. Die Rechten, sagt sie, wissen genau, dass sie nicht die gesamte Bevölkerung vertreten – das sei aber auch überhaupt nicht das Ziel. In Wahrheit gehe es um Bevormundung. Wer es wage, gegen sie zu stimmen oder kritische Fragen zu stellen, werde aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen. Kunst und Kultur habe für die Rechtspopulisten in Polen und Ungarn einen hohen Stellenwert als Mittel, eine Volksidentität zu schaffen. Was leicht übersehen werde: Die Regierungsebene in Polen sei nach dem Staatsstreich sehr “gleichgeschaltet” – die kommunale Ebene hingegen nicht! So gebe es immer wieder auch Protestwellen. Die Protestierenden wiederum würden als “Nestbeschmutzer” dargestellt und beschimpft: Der Versuch, mit Sprache Realität zu gestalten. Viele Begriffe, die Rechtspopulisten heute benutzen, haben schon die Nationalsozialisten verwendet. “Ich würde nicht sagen, dass wir in einer komplett ähnlichen Situation sind wie in den 20ern”, sagt Martin Roth, aber: “Wir sind einfach nicht gegen Propaganda gefeit.” Das alte Problem bleibe: Dass viele sich nicht mehr trauten, was zu sagen. Dabei sei es wichtig, zu bedenken, dass es nicht immer die ganz großen Gesten sein müssten, um etwas zu verändern. Er ruft auf: “Gehen Sie wählen, wählen Sie eine demokratische Partei!”

Nicht lange diskutieren – Haltung zeigen!

Ob sich mit den Menschen, die nun immer reaktionärer würden, noch ins Gespräch kommen ließe, fragt Banu Güven. Das sei natürlich immer so eine Sache, antwortet Katja Riemann, wichtiger sei jetzt aber erstmal, Haltung zu zeigen, um freiheitliche Gedanken wieder zu verbreiten und gesellschaftlich relevant zu machen: “Wir sind mittendrin! Die Zeiten ändern sich!” Bewegung sei aber ja erstmal immer besser als Stillstand. Und was macht eigentlich die Kunst? Katarzyna Wielga-Skolimowska erzählt von einer Arbeitsgruppe zum Thema Brexit: Bei vielen britischen Kulturschaffenden haben Fördergelder der EU eine große Rolle gespielt, die nun wegfallen. Womit wir als Gesellschaft, aber auch als Kunstschaffende ebenfalls konfrontiert sind, ergänzt Roth: Die neue Geschwindigkeit, mit der die Dinge passierten. In Dresden habe die Politik aber auch gar nicht versucht, gegen Pegida vorzugehen. Auch er plädiert dafür, nicht mit denen zu diskutieren, die ohnehin nicht diskutieren wollen, sondern sich lieber untereinander zu vergewissern, ähnliche Gedanken zu  haben, und sich gegenseitig und Menschen mit Fluchterfahrung zu supporten. Über Parteien ist bisher noch nicht viel geredet worden, Banu Güven möchte aber zumindest mal klarstellen: Diese haben die Verantwortung, sich nicht von rechten Ideen mitschleifen zu lassen! Ob die Kunst gerade wichtiger werde als der Journalismus, in einer Zeit, in der Gefühle mehr zu wiegen scheinen als Fakten? Dem widerspricht Katja Riemann entschieden: “Wir müssen anfangen, zu denken, und miteinander reden. Jeder hat etwas beizutragen – ganz egal, ob Künstler oder Maurer!” In den Niederlanden, so Katarzyna Wielga-Skolimowska, sei es gelungen, die Rechtspopulisten auszubremsen, weil man zusammengestanden und gezeigt habe, dass das, was diese unter dem “Volk” verstehen, nicht das sei, was viele Andere wollen. Besteht also Hoffnung? “Ja!”, schließt Banu Güven das Salongespräch, “Wenn wir zusammenkommen und die Sache angehen.”

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