Kultur, Queerfeminismus
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5 Gründe, wieso Feminist_innen den neuen Mad Max sehen sollten!

Achtung: In diesem Text werde ich leichte Spoiler für die ersten 20 Minuten von Mad Max ausgeben und auf eine Gruppe Bezug nehmen die erst ab der Hälfte des Films vorkommt. Ich nehme nicht Bezug auf Wendepunkte in der Geschichte. 😉

Fury Road ist der vierte Teil einer legendären postapokalyptischen Filmtrilogie aus den 80ern. In dieser Welt, verwüstet durch mit Atomwaffen geführte Kriege um Öl und Wasser, gibt es keinerlei Zivilisation mehr und die wenigen Überlebenden haben sich zu motorisierten Banden zusammengerottet oder leben unter brutaler Gewaltherrschaft. Irgendwo dazwischen schlägt sich der titelgebende „Mad“ Max Rockatansky in seinem getunten Ford GT Coupe durch – Explosionen, wilde Verfolgungsjagden und schießwütige Motorradbanden inklusive.

In Fury Road gerät Max in die Fänge eines religiösen Kultes um den ehemaligen General Immortan Joe. Mit seiner Armee aus indoktrinierten selbstmörderischen jungen Männern herrscht er brutal über eine der wenigen Quellen sauberen Wassers im gesamten Outback. Zeugungsfähige Frauen haben in diesem Kult nur eine Aufgabe: Dafür zu sorgen, dass Immortan Joes Dynastie fortbesteht. Als jedoch eine der wenigen weiblichen Soldatinnen, Imperator Furiosa, seine schwangeren Sklavinnen einer waghalsigen Aktion befreit, mobilisiert er augenblicklich sein gesamtes Militär um „sein Eigentum“ zurück zu holen. Und Mad Max, der alte Glückspilz, landet mittendrin. Wie das aussieht, könnt ihr euch im Trailer zu Gemüte führen.

Die Zusammenfassung lässt es schon vermuten: Der Handlung ist Feminismus nicht gänzlich fremd. Und das wirkt sich auch auf die Frauenrollen aus: Imperator Furiosa hat zwar nur eine Hand, dafür aber eine größere Sprechrolle als Mad Max und gibt den Film über den Ton an. Das war bereits zu viel für Amerikas rechtsradikale Männerrechtler (sic!), weshalb sie unter lautem Gepolter zum Boykott des Films aufgerufen haben. Nach einer tiefgründigen Investigativ-Recherche, die aus dem Lesen von Reviews und Trailer-gucken bestand, kamen sie nämlich zu der Erkenntnis, dass es sich bei Max Max: Fury Road um eine feministisch-kulturmarxistische False-Flag-Operation handeln würde. Unschuldige Männer sollen mit dem Versprechen von fetten Explosionen, Schießereien und Flammenwerfer-Elektrogitarren angelockt werden, nur um dann völlig wehrlos subversiver, feministischer Propaganda-Gehirnwäsche ausgeliefert zu werden! (Und nein, das ist kein Scherz!)

Aber stimmt das denn? Naja. Sagen wir es so: Wenn der Abspann läuft, ist nicht nur eine zweistündige adrenalingeladene Verfolgungsjagd durch die postapokalyptischen Wüsten Australiens zu Ende, sondern auch der Beweis erbacht, dass Action-Filme und Feminismus eine ziemlich unschlagbare Kombination eingehen können. Wieso das so ist, und warum ihr euch den Film auf jeden Fall noch ansehen solltet, möchte ich euch nun erläutern. Immerhin können sich diese beiden Feminist_innen ja auch nicht irren!

 

1. Mad Max besteht den Bechdel-Test vorbildlich.

Der berühmte Bechdel-Test ist eine schöne Schablone, die ihr über Filme legen könnt um eine grobe Einschätzung darüber zu bekommen, wie Frauen(-rollen) in diesem Film repräsentiert werden. Ein Film besteht den Test nur, wenn a) zwei oder mehr Frauen mit Namen vorkommen, b) mindestens zwei dieser Frauen miteinander sprechen und c) das Gespräch sich um etwas etwas anderes dreht als um einen Mann. Natürlich ist der Test kein wasserdichter Feminismus-Indikator, aber die Zahlen sprechen für sich: Von den über 5000 Filmen die auf bechdeltest.com analysiert werden, schaffen ihn nur 57% – darunter sind sowohl viele Filme die keinesfalls Blockbuster waren sowie Filme, in denen es Interpretationsspielraum ist, ob der Test wirklich bestanden wurde. Mad Max: Fury Road hingegen lässt keinen Raum für Spekulationen offen. Hier gibt es knapp 10 Frauen die einen Namen haben und über den ganzen Film über andere Dinge miteinander reden als Typen, und das gerade obwohl der zentrale Konflikt der Widerstand gegen patriarchale Gewalt ist. Dieser Film schafft den Bechdel-Test so grandios und mühelos, dass er locker als künftiges Musterbeispiel für den Test herhalten kann.

2. Imperator Furiosa (Charlize Theron)

Auch wenn der Film nach Mad Max benannt wurde, ist Imperator Furiosa die eigentliche Protagonistin des Films. Sie ist es, die den Plan schmiedet die Sklavinnen von Immortan Joe zu befreien und führt ihn quasi im Alleingang durch – Max hingegen ist über weite Strecken des Films ein Nebencharakter in ihrer Geschichte, der häufiger von ihr gerettet werden muss als sie von ihm. Und obwohl sie locker als sexy Kampfmaschine hätte geschrieben werden können, ist sie mehr als die Summe ihrer Kinnhaken: Im Film erleben wir sie ebenfalls wütend und verzweifelt, nur dass keiner dieser Momente Zweifel daran aufkommen lässt, dass sie die richtige Frau für diese Aufgabe ist. Gerade in einer Zeit, in der Actionheldinnen zwar vorkommen, aber oft auf emotionslose sexy Kampfmaschinen heruntergekürzt werden, ist die emotionale Dreidimensionalität von Furisa erfrischend – und macht deutlich, wie selten solche Rollen eigentlich immer noch sind. Aus dieser Sicht macht es durchaus Sinn, sie mit der legendären Ellen Ripley aus den Alien-Filmen vergleichen. (Und die Tatsache dass ihre Armprothese niemals kommentiert wird, noch sie in irgend einer Form daran hindert Leute zu verprügeln ist schon ziemlich cool!)

3. Die Darstellung der Folgen von sexualisierter Gewalt ist sensibel.

Während im Zentrum der Handlung die Rettung von Gewaltopfern vor ihrem Peiniger steht, verzichtet der Film im Gegensatz zu vielen anderen Filmen oder Serien (ich schaue auf dich, Game of Thrones) darauf, diese Gewalt explizit zu zeigen und die Kamera drauf zu halten. Die Fünf Frauen sind alle merklich durch ihre Erfahrungen und die Gewalt die ihnen angetan wurde gezeichnet, aber wir müssen diese Erlebnisse nicht direkt via Flashback oder anderem miterleben. Das, was wir durch ihre Interaktionen sehen, reicht, um die psychologischen Folgen ihres Missbrauches nachzuvollziehen. Im Gegenzug sind sie keine passiven, zerbrochenen Opfer die bei jeder Gelegenheit vor Immortan Joes Armee geschützt werden müssen. In ihrem Widerstand und in ihrem streiten für ein besseres, freies Leben finden sie eine Stärke, die sie im Film mehrmals unter Beweis stellen. Und das war auch Absicht: Eve Ensler, die Theaterregisseurin und Mitinitiatorin von One Billion Rising, wurde von Miller dazu eingeladen mit den Schauspielerinnen der Fünf Frauen über sexualisierte Gewalt gegen Frauen in Krisenregionen zu sprechen. Ein schönes Interview über ihre Mitwirkung am Film findet ihr hier. Davon profitiert die Erzählung des Films enorm. Es ist nämlich eben nicht nur der Kampf Furiosas, sondern der Kampf aller Frauen. Und das gilt auch für …

4. Battle-Omas!
Foto: Jasin Boland/Warner Bros./dpa

Foto: Jasin Boland/Warner Bros./dpa

Im Film tauchen neben dem oben genannten Kult auch andere Gruppen auf, die die postapokalyptische Einöde bewohnen. Dazu gehören die Vuvalini, eine Motorradbande die vor allem aus alten Frauen besteht, keinen Schuss mit ihren Scharfschützengewehren verfehlen und mehr drauf haben als ein Dutzend der „War Boys“ unter Immortan Joe. Der gemeinsame Kampf wirkt ein bisschen so, als kämpfen hier First, Second und Third Wave Feministinnen Seite an Seite gegen das Patriarchat. Und die teilweise an die 80 Jahre heran reichenden Schauspielerinnen haben ihre Stunts selber gemacht. BÄM! o/

5. Science Fiction kritisiert nur selten selbstzerstörerische Männlichkeit

Laurie Penny wies in ihrem Review auf den Film darauf hin, dass der Kult von Immortan Joe eben auch ein Todes-Kult ist, in dessen Zentrum Misogynie und selbstzerstörerische Ideen von Männlichkeit stehen. Die Armee von Immortan Joe wird von naiven, indoktrinierten „War Boys“ bestückt, für die es im Leben nichts schöneres gibt als im Kampf zu sterben und möglichst viele Gegner mit in den Tod zu reißen. Frauen haben nur dann einen Wert (für Männer) wenn sie zeugungsfähig sind und gefügig bleiben. Die Blaupause dieser Gewaltordnung ist das Patriarchat, und im bester Tradition des Genres wird dieses in einem Zukunftsszenario weiterentwickelt und ausformuliert. Unter diesen Vorzeichen wird die Frage der Fünf Frauen danach, wer die Welt getötet habe, zu einer rhetorischen Frage. Und besonders schön: Als Ausweg aus dieser toxischen Männlichkeit bleibt den Männern nur die Allianz mit Frauen.

Alles in allem handelt es sich bei Mad Max um einen Film, der hoffnungsvoll stimmt. Feminismus wirkt hier als eine erzählerische Bereicherung und gerade die Kombination aus Action und „Smash Patriarchy“-Stimmung macht diesen Film auch aus politischer Sicht sehr sehenswert – vor allem, weil Blockbuster-Kino leider immer noch kein sonderlich spaßiger Raum für feministische Kritik ist. Aber es bleibt zu hoffen, dass die Nachricht ankommt: Grandioses Action-Kino, tolle Frauenrollen und feministische Themen sind eine Kombination, die immer noch viel zu selten auf der Leinwand zu sehen sein wird. Oder um es in den Worten von Charlotte Obermeier zu sagen:

Bonus: Der Film hat jetzt auch ein eigenes Mem: Feminist Mad Max. Ungefähr so heiß wie Feminist Ryan Gosling, aber mit weniger Schwiegersohn-Faktor!

Ich bin gespannt auf eure Meinung! Wie fandet ihr Mad Max? War er aus eurer Sicht feministisch? Oder gab es ganz gravierende Gründe für euch, die dagegen sprachen? Flutet die Kommentarspalten! 🙂

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