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Anmerkungen einer merkwürdigen Patriotismus-Debatte

Im Dokumentarfilm „Die Arier“ reiste die Autorin Mo Asumang durch die Bundrepublik, um folgende Frage zu beantworten:

Was ist eigentlich „deutsch“? Wie definiert sich so etwas wie das Adjektiv „deutsch“?

Allein die Sprache zu sprechen, dürfte, nicht ausreichen. Die Landschaft Deutschlands ist zwar sehr schön, könnte aber auch andernorts in Europa sein. Es nach Verhalten oder sogar dem Aussehen zu messen, wäre klar rassistisch. Wie baut sich also das Konstrukt des Deutsch-Seins auf?

Diese Frage stelle ich mich besonders in Zeiten der Fußball-WM, wenn sich Deutschland nämlich in ein schwarz-rot-goldenes Meer verwandelt und man stolz darauf ist, Deutsche*r zu sein. Alle zwei Jahre boomt der sogenannte „Party-Patriotismus“ in Deutschland und die Verbundenheit zur eigenen Nation ist stärker als sonst. Plötzlich ist es eine Schande, wenn man kein Deutschlandsymbol am Körper trägt, um stolz auf den DFB zu sein und die eigene Fußballmannschaft zu unterstützen. Dass wir auf nichts stolz sein können, was wir nicht selbst vollbracht haben, wird bei ebendiesen Meisterschaften oft vergessen. Und mit der Aufwertung des eigenen „Wir“ kommt meist auch automatisch die Abwertung der „Anderen“[1]. Einige von vielen weiteren Beispielen sind „Inselaffen“ (Großbrittanien), „Froschfresser“ (Frankreich) oder sogar das „N-Wort“ (Ghana).

Traditionell gehört auch die kritische Auseinandersetzung über die problematische Germanophilie dazu: Darf Deutschland so viel Flagge zeigen? Sind die Deutschen mit ihrer Geschichte überhaupt schon soweit oder sind sie einfach nur vergesslich?

Eine Studie hat ergeben, dass der Patriotismus in Deutschland angestiegen ist, als ein großer Teil der Gesellschaft in ein Hartz-IV-Loch gefallen ist oder sich zumindest davon bedroht fühlte, hineinzufallen[2]. Menschen suchen in Zeiten sozio-ökonomischer Instabilität nach einem „Etwas“, an dem sie sich festhalten können, um so ein Gruppengefühl und eine Gemeinsamkeit herzustellen. Die eigene Nation kann ein solches Gruppengefühl ganz klar herstellen. Dabei wären andere identitätsstiftende Merkmale viel geeigneter, um ebendiese Probleme anzugehen (beispielsweise die „Klasse“)[3].

Es ist komisch, dass die Gegen-Argumente bei den Flaggenträger*innen nicht wirklich fruchten. Sie sind meist zu abstrakt und auf hohem Niveau gehalten.

Es scheint, als sei die Patriotismusdebatte eine elitäre, die von der Mehrheit der Gesellschaft durch ihre Komplexität nicht verstanden wird.

Sollte sich diese Tendenz in den nächsten Jahren nicht ändern, würde das bedeuten, dass das patriotismuskritische Lager gegen das finanzstarke Marketing von „Schwarz-Rot-Gold“ verloren hat und die Abneigung gegenüber den Kritiker*innen stärker werden würde. An Letzterem tragen die Kritiker*innen jedoch auch sehr viel Selbstschuld. Patriotismuskritik kann einfach nicht funktionieren, wenn man den*die Flaggenträger*in als „rechts“, „rassistisch“ oder gar als „Nazi“ bezeichnet. Damit verhöhnt man nicht nur Opfer rechtsradikaler Angriffe, sondern setzt Flaggenträger*innen auch mit ebensolchen gewalttätigen und menschenverachtenden Menschen gleich, was man als Flaggenträger*in selbstverständlich nicht möchte. Die Methode muss sein, dass die gesamte patriotismuskritische Debatte auf ein niedrigeres Niveau heruntergebrochen wird, um sie verständlicher zu machen und somit Menschen zum Nachdenken anzuregen. Nur so kann die Debatte auch gesamtgesellschaftlich Veränderungen hervorrufen und einen Prozess in Gang bringen.

 

[1]Ruf, Werner (2012): ‚Der Islam – Schrecken des Abendlands‘, PapyRossa Verlag, Köln, S. 11

[2]http://www.youtube.com/watch?v=hkA3tTNv4mw

[3]Bottero, Wendy (2004): ‚Class identities and the identity of class‘, In: Sociology, Dezember 2004, Volume 38 Nummer 5, Seite 958 – 1003

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