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Antisemitismus in Deutschland nach 1945

21.2.14: In der Süddeutschen Zeitung erscheint eine Karikatur, die den Facebook-Gründer Marc Zuckerberg als eine das Internet beherrschende Krake mit übergroßer Hakennase darstellt.

29.7.14: Die Synagoge in Wuppertal wird mit mehreren Molotowcocktails beworfen.

9.11.14: Gregor Gysi wird von einer Gruppe Aktivist_innen im Bundestag bedrängt und auf eine Toilette verfolgt, weil er eine antiisraelische Veranstaltung im Namen der Fraktion der Linkspartei untersagt.

Dies sind drei Beispiele von 175 antisemitischen Vorfällen, die die Amadeu-Antonio-Stiftung für das Jahr 2014 gesammelt hat, die Dunkelziffer dürfte um einiges höher sein. Mit dabei sind zahlreiche körperliche Übergriffe auf als Jüdinnen und Juden oder Israelis erkennbare Menschen, geschändete Denkmäler oder Friedhöfe. Und insbesondere ein Sommer voller Demonstrationen mit offen auf die Straße getragenem Antisemitismus („Hamas, Hamas – Juden ins Gas!“).

Der Antisemitismus dieser Demos ist keineswegs „neu“ oder wurde aus dem Nahen Osten „importiert“, wie so manche Rechtskonservative es gerne verkaufen würden. Im Gegenteil: der Antisemitismus der Deutschen verschwand 1945 nicht einfach so, er passt sich nur immer wieder den neuen kulturellen Gegebenheiten an und zieht sich kontinuierlich weiter durch die Geschichte.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich eine Form der Judenfeindschaft, die sich selbst Antisemitismus nannte. Getrieben von der Vorstellung, dass Jüdinnen und Juden etwas Fremdes sind, das nicht dazu passt, und mit einer unvorstellbaren Macht für Unheil sorgt in einem Europa der aufkommenden Nationen, unterfütterte man konfuse Ängste mit einem pseudo-wissenschaftlichen Rassismus. Jüdinnen und Juden wurden zu einer anderen „Rasse“ erklärt, zum Fremdkörper jeder Nation. Schließlich waren es die Nationalsozialist_innen, die den Juden letztendlich jede Würde des Menschseins nahmen.

Ein verlorener Krieg später war die auf Vernichtung ausgerichtete Ideologie nicht einfach verschwunden, sondern passte sich dem neuen „Nie Wieder“-Konsens an. Es war gesellschaftlich-staatlich geächtet ein_e Antisemit_in zu sein, weshalb sich neue Spielarten des Antisemitismus entwickelten.

Plötzlich war das eigene Volk für das größte Verbrechen der Menschheit verantwortlich, von dem man selber doch eigentlich weder etwas wissen wollte und erst recht nicht dafür „bestraft“ werden wollte. Durch die Verdrängung und Verdrehung der Geschichte entstand etwas, was man als sekundären Antisemitismus, Antisemitismus „nicht trotz Auschwitz, sondern wegen Auschwitz“ bezeichnet. Durch das nationale Zugehörigkeitsgefühl verstärkte sich der Wunsch nach Vergessen. Jede Erinnerung an die Verbrechen des eigenen Kollektivs – gerade durch Jüdinnen und Juden selbst – erschien nachtragend und unversöhnlich.

Diese Gedankenfragmente sind bis heute präsent, aktualisieren sich allerdings immer wieder. Während in der jungen Bundesrepublik das Schweigen, Verdängen und Leugnen dominierte sind es heute Schuldabwehr-Figuren wie: „Schließlich haben wir uns doch schon genug mit dem Thema befasst!“, „Die nutzen doch jetzt unser schlechtes Gewissen aus!“, oder „Und überhaupt, haben wir Deutschen nicht auch unter Hitler gelitten? Und unter den Bomben der Alliierten erst!“.

Der vielbeschworene „Schlussstrich“ (den von Jahr zu Jahr immer mehr Deutsche unter die Geschichte ziehen wollen) ist hierbei ebenso symptomatisch wie der betrauerte „Bomben-Holocaust“, der jedes Jahr beim Gedenken in Dresden, Magdeburg und anderswo ausgepackt wird.

Mit der Gründung des Staates Israel 1948 und dem „Nahostkonflikt“ fand sich ein weiteres Ventil für Antisemit_innen – der Antizionismus. Der Zionismus, also die Idee, dass Jüdinnen und Juden nur in einem eigenen Staat sicher vor Antisemitismus sind, bietet dabei eine Projektionsfläche für alt bekannte antisemitische Mythen, tarnt sich dabei jedoch als Antirassismus, als eine angebliche Solidarität mit Palästinenser_innen. Besonders in der deutschen Linken hat diese Art von Antisemitismus eine gewisse Tradition. Mit der kruden Theorie, dass Faschismus die direkte Konsequenz des Kapitalismus sei , fiel es einfach sich von der Vergangenheit abzuwenden und sich den aktuellen „Verbrechen“ zu widmen. Im anscheinend kriegerischen, imperialistischen und kapitalistischen Israel fand man ein neues Feindbild. Der internationale, linke Kampf im Namen des Antiimperialismus hatte dabei verschiedene, traurige Höhepunkte. 1969 versagte die Bombe einer linken Gruppe, die im Westberliner Jüdischen Gemeindehaus platziert war. In München kamen 1970 sieben Juden bei einem Anschlag durch palästinensiche Terrorist_innen ums Leben. Die Kooperation palästinensischer Terrorist_innen mit RAF-Terrorist_innen im gemeinsamen Kampf gegen Jüdinnen und Juden ist ebenso ein Teil bundesrepublikanischer Geschichtsschreibung der politischen Linken.

Noch heute zeigt sich, gerade zum Beispiel in den Debatten im Sommer 2014, immer wieder, wie sich Antisemitismus hinter einer Endgegenstellung gegen vermeintlich rassistische Politik Israels versteckt.

Spätestens bei Angriffen auf Synagogen als Zeichen des Kampfs gegen Israel, bei Sprechchören gegen Juden oder Jubel für Adolf Hitler zeigt sich das antisemitischen Gedankengut deutlich – all das ist charakteristisch für die Palästinenser_innensolidarität des vergangenen Sommers.

Durch alle diese modernen Formen des Antisemitismus ziehen sich alte Vorurteile und Stereotype durch: Die politische Weltverschwörung (natürlich ausgehend von Israel), das herrschende Finanzkapital, der raffgierige und unversöhnliche Jude. Häufig wird versucht komplizierte Abläufe in einem komplexen System auf wenige Schuldige herunterzubrechen. . Egal ob das jetzt die Banker_innen sind oder Regierungen, die ein Prozent gegen „uns“, „den kleinen Mann“, die 99 Prozent – man findet Schuldige für Probleme, die ein System wie der Kapitalismus verursacht. Wenige Menschen, die eine solche Weltansicht vertreten, würden von sich selber sagen, dass sie etwas gegen Jüdinnen und Juden haben, im Gegenteil. Dennoch kann eine solche Argumentation schnell bei Antisemitismus landen oder ihn fördern.

Das Gefährliche bei all diesen Formen des Antisemitismus ist, dass sie sich quer durch die Gesellschaft zieht. Offen ausgelebter Antisemitismus, mit einem deutlichen Eintreten gegen Jüdinnen und Juden ist leicht zu erkennen. Gefährlicher sind tatsächlich die Formen, die Teil eines Weltbilds von Menschen sind, die in der viel beschworenen „Mitte der Gesellschaft“ ebenso vorhanden sind, wie in großen Teilen der Linken. Wirklich emanzipatorische Politik, geht aber nur frei von verqueren Weltbildern, verkürzter Kritik und der Suche nach Schuldigen.

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