Berichte, Gesellschaft, Soziales, Wirtschaft
Schreibe einen Kommentar

“Aufstehen, die Bullen sind da” Chronik und Hintergrund einer Hausbesetzung

In Göttingen gibt es eine Menge Leerstand. Es gibt verschiedenste Häuser, die nicht vermietet werden, weil ihre Bausubstanz schlecht ist und die Stadt sie (noch) nicht renovieren kann. Außerdem gibt es auch Spekulationsobjekte, die so lange leerstehen, bis die Mieten durch die künstlich gesteigerte Wohnraumnachfrage explodieren. Die Stadt verkauft ihre Häuser an Investor*innen, anstatt sie zu pflegen und zu angemessenen Preisen zu vermieten. Gegen diesen gezielten Leerstand und die Wohnraumpolitik formt sich Widerstand. In der Kritik steht dabei die Stadt, die zu wenig Geld in die Hand nimmt und höchstens mit ihrer Ideenlosigkeit auffällt.

Ein Beispiel: Statt in einer geeigneten Unterkunft zu leben, müssen Geflüchtete in Göttingen für lange Zeit in der „Siekhöhe“ weit außerhalb der Stadt wohnen. Die „Siekhöhe“ ist eine alte Lagerhalle im Gewerbegebiet, in der die Stadt schnellstmöglich ein paar leichte Holzwände hochgezogen hat. Die Lebensbedingungen im Lager Siekhöhe sind somit unzureichend, um Integration zu ermöglichen und widersprechen dem Bedürfnis nach Privatsphäre. Anstatt dass mehr Sozialwohnungen geschaffen werden, wird Göttingen immer mehr zu einer Unistadt der Privilegierten gemacht. Statt Gemeinschaftlichkeit in Wohnprojekten zu fördern, gibt es jahrelange Konflikte zwischen dem Studienwerk und selbstverwalteten Hausprojekten.

Um gegen diese Entwicklungen aktiv zu werden, beschloss eine Gruppe von Menschen in Göttingen, ein Haus im Friedjof-Nansen-Weg zu besetzen. Das Haus stand bereits über ein halbes Jahr leer. Die Stadt wandte hier die genannte Taktik an: Sie wollte das Haus verkaufen und kurzfristig an Geld kommen, statt es sozialverträglich zu vermieten.

Am 07.05. traf sich morgens eine Gruppe von Aktivist*innen, die sich gemeinsam zum Friedjof-Nansen-Weg aufmachte.

Bereits eine halbe Stunde später hingen die ersten Transpis aus dem Fenster.

„Die Häuser denen, die drin wohnen“ oder „Papiere für alle“. So lauteten unsere Forderungen. Schon vor der Besetzung wurde ein Social-Media-Team gewählt. Es veröffentlichte regelmäßig Pressemitteilungen und pflegte den Blog des Bündnisses. Ziel der Besetzung war es stets, die Politik der Stadt zu kritisieren. Unsere Forderungen wollten wir durch die Öffentlichkeitsarbeit für alle Göttinger*innen transparent machen. Alle Entscheidungen, die wir trafen, basierten auf einem Konsens der Anwesenden. In täglich mehreren Plena wurden anstehende Aufgaben besprochen und verteilt. Immer wieder wurde das eigene Selbstverständnis diskutiert. Dass sich alle mit der Situation wohlfühlen war dabei genauso Thema wie unser Gruppenverhalten im Falle einer Räumung. Und natürlich kleine Sachen: Wer bleibt wie lange? Was wollen wir posten? Wie gestalten wir unseren Abend? Tagsüber lagen wir auf der Wiese vor dem Gebäude, redeten, spielten Karten, sangen und spielten Ukulele. Oder wir lernten in unserem eigens eingerichteten „Büro“ für unsere Statistikklausuren.

Nachbar*innen und Supporter*innen kamen vorbei, brachten uns Essen, Getränke, Kaffee und Kuchen. Abends kochten wir für alle oder grillten zusammen. Danach planten wir die Nacht und teilten Schichten für eine Nachtwache ein, von 22 Uhr bis 8 Uhr morgens mit Schichten á zwei Stunden. So kam es, dass wir in einer kalten Samstagnacht, als wir gerade Schicht hatten, fest in Schlafsäcke gewickelt, mit einem Megaphon immer bereit an einer Querstraße saßen und gebannt die „Känguru-Chroniken“ hörten. Die Stimmung unter den Besetzer*innen war gut. Es waren Menschen da, die wir vor der Besetzung teilweise gar nicht gekannt hatten. Im Laufe der Tage lernten wir sie immer näher kennen. Dass unser friedliches Dasein, unser hippie-mäßiges Treiben auf dem Grundstück eine Straftat war, trat für uns in den Hintergrund. Wir genossen die Tage und die Nächte im besetzten Haus.

Am Montagmorgen wurde unsere illegale Idylle jedoch unterbrochen. Sirenen von Megaphonen gingen los und Hektik breitete sich aus, als ein anderer Besetzer in unser Zimmer platzte: “Die Bullen sind da!”. Nach einer kurzen Schocksekunde sprangen wir auf und stopften schnell das Wichtigste in unsere Taschen. Aufgeschreckt aber zielstrebig packten alle um uns herum Sachen ein, irgendwelche, egal ob die eigenen oder nicht. Jemand rief, die Bullen stünden hinter einer dünnen Holzwand und würden sie gleich durchbrechen. Es war so gegen 6:00 Uhr. Im Schlafanzug und voll bepackt auf der Treppe vor dem Haus angekommen erwarteten uns dreihundert Cops. Sie starrten uns misstrauisch an. Über uns schwirrten Drohnen. Im Haus befanden sich 27 Menschen. Unser Konsens war: Wenn wir geräumt werden, gehen wir friedlich. Als klar war, dass wir noch ein paar Minuten hätten, um unsere Sachen rauszuräumen, holten wir noch persönliche Dinge, die vorher in der Hektik liegen geblieben waren. Wir räumten alle Habseligkeiten von einer Woche Besetzung aus dem Haus und fegten noch die Küche durch, wir sind ja schließlich gute Besetzer*innen. Nach einem letzten Plenum neben den Hundertschaften und unter den Drohnen wurden wir einzeln abgeführt und durften unsere Personalien abgeben. Wenn die rechtlichen Besitzer*innen des Hauses die Anzeige nicht zurücknehmen, müssen wir und unsere Mitbesetzer*innen uns vor Gericht wegen Sachbeschädigung und Hausfriedensbruches behaupten.

Das Haus haben wir verlassen, aber unser Kampf um eine gute Wohnraumpolitik in Göttingen geht weiter. Wöchentlich trifft sich eine Gruppe, die weiter Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit zu dem Thema macht. Sie geht auf Politiker*innen in der Stadt zu und versucht sie davon zu überzeugen, die Wohnraumpolitik Göttingens sozialer zu gestalten. Die Hausbesetzung hat uns mit Menschen mit verschiedenen Hintergründen zusammengebracht. Sie hat gezeigt, wie Widerstand gewaltfrei und zielgerichtet stattfinden und wie Solidarität praktisch gelebt werden kann. Sie hat gezeigt, dass Leerstand zu Wohnraum werden kann und dass in Göttingen Platz ist für alle Menschen, die zu uns kommen wollen oder müssen. In diesem Sinne bleibt zu sagen: Die Häuser denen, die drin wohnen! Und: Kein Mensch ist illegal!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.