Autor: Paula Keller

CC BY 2.0 - The Newest Piece Of England by John Stratford http://gruenlink.de/1a1d

“Oh, das wollten wir doch gar nicht. Wir wollten doch eigentlich nur ein bisschen …”

von

Es ist fünf Uhr morgens. Es ist heiß, ich habe wenig und schlecht geschlafen, bin erst relativ spät nach Hause gekommen, mein Handy vibriert neben meinem Kopfkissen, ich wache auf. Die ersten Meldungen zum Ausgang des Referendums erleuchten auf dem Bildschirm, nacheinander berichten der Guardian, die Zeit, die FAZ,… von dem Unheil. Am Abend zuvor war ich, beruhigt von feuchtfröhlichem Beisammensein und Prognosen, zufrieden und zuversichtlich, dann – um fünf Uhr morgens – lese ich verschlafen diese Meldungen, denke mir, das ändert sich sicher noch, drehe mich in meinem viel zu warmen Bett um, bin wieder eingeschlafen, bevor der Handybildschirm aufhört zu leuchten. Gegen neun wache ich erneut auf, in Großbritannien ist es jetzt zehn, die Ergebnisse wurden vor zwei Stunden in Manchester verkündet, mein Handybildschirm sagt immer noch das gleiche, nur deutlicher. Vier Prozentpunkte Unterschied. Der Tag wird anstrengend: irgendwann gehen mir all diese Menschen, die mich auf das Referendum ansprechen, so richtig auf die Nerven. In dem zehn Minuten Intervall nach der einen, vor der anderen Referendumsfrage, ist es mir jeweils knapp gelungen, zu vergessen. …

Alte Bogenbrücke über einem Fluss
Clare College Bridge, Cambridge - von Kosala Bandara - CC BY 2.0

Eliteuniversitäten – eine Selbstkritik

von

Ich studiere Philosophie in Cambridge. Neben Ivy League Universitäten [1] in den USA und Oxford eines der Relikte vergangener Zeiten von Exklusivität und Elfenbeinturmabschottung. Studiere ich in einer toten Institution oder zumindest einer, die nicht in eine progressive, egalitäre Weltvorstellung passt? Die ZEIT schreibt über dubiose Zulassungsbestimmungen und unüberwindbare Bewerbungsgesprächhürden; der Guardian veröffentlicht Unirankings mit meiner Universität ganz oben; den Platz als Stipendiatin der Heinrich Böll Stiftung habe ich vielleicht auch nicht allein meinem Können zu verdanken; in meinem Schrank hängt eine dieser schicken, schwarzen Roben, die man sonst nur aus Harry Potter kennt; die entsprechenden Schühchen stehen in dem Regal daneben und warten auf das nächste formal Dinner. Das Wochenende in der Bibliothek zu verbringen, ist keine Seltenheit, sondern Normalität und wenn Wäschewaschen schon eine zu lange Essaypause vergönnt, ist es klar, dass ich die Stadt, in der ich lebe, fast nur aus Hörsaalfenstern kenne. Aber natürlich arbeite ich höchstens eine Stunde am Tag, denn alles andere würde die unangreifbare Voraussetzung angreifen, dass nur Genies hier studieren. Selbstzweifel in großem Ausmaß sind wohl auch …