Berichte, Globales, SPUNK
Schreibe einen Kommentar

Bericht vom Seminar "Neokolonialismus"

Landkarte - von Laura Ehrich - CC BY 2.0

Dass die Epoche des Kolonialismus eine Zeit der Unterdrückung und Ausbeutung war, ist hinlänglich bekannt. Doch ist überhaupt schon alles, was den Kolonialismus ausmachte, Geschichte? Oder ist die militärische Unterdrückung nicht vielmehr nur neuen, besser getarnten Methoden der Einflussnahme und Ausbeutung gewichen? Unter dem Titel „Neokolonialismus“ fand hierzu vom 29. bis 31. Mai in Hamburg ein Seminar des Fachforums Europa & Globales statt. Unser Ziel war dabei die Analyse der globalen Strukturen und Abhängigkeiten und der gegenseitigen Bereicherung der Staaten untereinander. Wir wollen das System verstehen, in dem die ehemaligen Kolonialstaaten weiterhin zum eigenen Vorteil Einfluss auf die nun sogenannten Entwicklungsländer nehmen — im Kulturellen, Wirtschaftlichen und Politischen.

Freitagabend: historischer Kolonialismus

Um sinnvoll über den Begriff „Neokolonialismus“ zu diskutieren, muss erst ein Basiswissen über die Zeit geschaffen werden, die wir historisch als Kolonialismus bezeichnen. Gemeint ist damit ist die expansiv-aggressive Landnahme und Fremdherrschaft von Überseegebieten, die seit dem 16. Jahrhundert vor allem von europäischen Staaten betrieben wurde. Dabei ist es wichtig anzumerken, dass Kolonialismus sowohl zeitlich als auch geographisch unterschiedlich ausgeprägt war. Koloniale Herrschaft als solche hatte dabei zahlreiche Merkmale, unter anderem:

  • Schaffung künstlicher Grenzen, neuer Gesetze und Verwaltungsstrukturen
  • die Machtübertragung auf Mittelmänner, Schaffung von Arbeitsteilung in der Gesellschaft
  • Zwangsumsiedelungen, Vertreibungen, Versklavung
  • Schaffung von Export-Infrastruktur, zum Beispiel Hafenstädte und Schienen von Bergwerksminen dorthin
  • Einführung neuer Sprachen, Religionen und von rassistischen Ideologien

Samstagvormittag: politischer Neokolonialismus am Beispiel Landgrabbing

In den ehemals kolonialisierten Ländern, den heutigen sogenannten Entwicklungsländern, existieren häufig nur schwach entwickelte rechtsstaatliche Strukturen. Westliche Konzerne nutzen dies aus, indem sie Kleinbauern unter falschen Versprechungen Landrechte abkaufen. Dieses Land wird dann genutzt um Futtermittel oder Pflanzen, aus denen Biotreibstoff gewonnen wird, für den europäischen Markt anzubauen. Diese Praxis nennt sich Landgrabbing und war das Thema eines Vortrags von Sarah Nüdling von der Agrarkoordination. Von Entwicklungsbanken und afrikanischen Regierungen werden solche Deals gutgeheißen, da die westlichen Konzerne im Gegenzug „Entwicklung“ für die betreffenden Regionen in Form von Arbeitsplätzen und Infrastruktur versprechen. Am Beispiel der Schweizer Firma Addax in Sierra Leone (zu sehen hier: https://www.youtube.com/watch?v=5kmYCPM1H38 ) ist jedoch zu sehen, dass weder die versprochenen Schulen gebauten wurden noch die ausgestellten Arbeitsverträge gültig sind. Ein extremes Machtgefälle ist bemerkbar und viele Parallelen zu kolonialistischen Praktiken zu erkennen.

Samstagnachmittag: Workshop-Phase zu kulturellem Neokolonialismus

Unter den Begriff „kultureller Neokolonialismus“ oder „Kulturimperialismus“ sind eine Vielzahl von Lebenspraktiken zu fassen, die an koloniale Praktiken erinnern: Der Export von Wertvorstellungen und Konsumgütern, die Verinnerlichung rassistischer Ideologien, die Vorstellung dass Staatsformen und Lebensstile aus den ehemaligen Kolonialherrenländern denen anderer Länder überlegen sind. In Workshops haben wir uns mit verschiedenen Aspekten dieses Themenkomplexes auseinandergesetzt.

Eine Gruppe stellte sich die Frage, warum Menschen in ehemals kolonialisierten Ländern so häufig nach Mode, Musik und Technologien aus der westlichen Welt streben. Dabei wurde „colonisation of the mind“ thematisiert: die Idee, dass „westliche“ Lebensstile per Prinzip überlegen und deshalb erstrebenswert seien. Interessant ist hierbei auch die Theorie des Sozialwissenschaftlers Foucault, dass wir den Übergang von einer Disziplinargesellschaft ( hier Kolonialismus) zu einer Kontrollgesellschaft (hier Neokolonialismus) erlebt haben, in der die Menschen freiwillig nach Anpassung streben.

Im Workshop zu „Weltwärts und Neokolonialismus“ wurde darüber diskutiert, inwiefern der entwicklungspolitische Freiwilligendienst „Weltwärts“ des BMZ Neokolonialismus fördert. Dabei kam heraus, dass es sowohl positive Seiten an diesem Dienst gibt — vor allem die Entwicklung der Freiwilligen selbst. Die negativen Aspekte sowie die Vertiefung (neo)kolonialer Abhängigkeiten führten uns zu dem Schluss, dass Weltwärts Neokolonialismus durchaus fördert.

Auch die Verbreitung der Demokratie mithilfe westlicher Staaten kann als Neokolonialismus gewertet werden, vor allem dann, wenn sie den Menschen gegen ihren Willen aufgezwungen wird, im Extremfall mithilfe eines Krieges. In einem dritten Workshop wurde darüber diskutiert, ob es gesellschaftliche Voraussetzungen für eine gelungene Demokratie gibt und welche das sein könnten. Außerdem wurde über verschiedene strukturelle Probleme gesprochen, die den „Export“ unseres demokratischen Systems in andere Länder erschweren. Zuletzt wurde über die Frage gesprochen, ob wir das Recht haben, ein von den Menschen weit überwiegend gewolltes – aber gleichwohl undemokratisches – politisches System als falsch zu bezeichnen und zu versuchen es zu verändern.

Zum Thema Rassismus schauten wir am Abend den sehr gelungenen Satire-Film „Das Fest des Huhnes“, der Auslandsreportagen über „fremde Länder“ parodiert. (https://www.youtube.com/watch?v=ASzG4QdriOg )

Samstagabend: wirtschaftlicher Neokolonialismus am Beispiel Schuldenkrise der Dritten Welt

Seit die Länder des Globalen Südens seit den 1960ern große Investitionen in ihre Modernisierungsentwicklung getätigt haben, haben sie einen immer größer werdenden Schuldenberg angehäuft. Die Verschuldung der „Dritten Welt“ wurde während des Kalten Krieges noch durch billige Kredite, die Ölkrise, korrupte Herrscher und wirtschaftliche Rezession verschärft. 1982 erklärte Mexiko als erstes Land Staatsbankrott. Dies nutzen der IWF und die Weltbank, um den verschuldeten Ländern mit immer weiteren, billigeren Krediten neoliberale Reformen aufzuzwängen („Strukturelle Anpassungsmaßnahmen“). Die Reformen umfassten Privatisierungen, Kürzungen im öffentlichen Sektor und Handelsliberalisierung. In der Regel führten diese Reformen jedoch zu Arbeitslosigkeit und der Verschlechterung des Bildungs- und Gesundheitssystems. Diese Prozesse haben wir in einem selbstentwickelten Planspiel nachempfunden, indem wir in die Rollen von IWF, OPEC und Regierungen/Unternehmen/Bevölkerung verschiedener verschuldeter Länder schlüpften.

Sonntagmorgen: Debatte Neokolonialismus

Nachdem wir die Themen der Vortage Revue passieren ließen, zogen wir für uns das Resultat, dass es in unserer heutigen Gesellschaft sowohl postkoloniale Strukturen (also solche, die im Kolonialismus geschaffen wurden und seit dem fortbestehen) als auch neokoloniale Strukturen (also solche, die in den letzten Jahrzehnten durch neue Akteure und Institutionen geschaffen wurden) gibt. Wir diskutierten, ob die momentane Globalisierung an sich neokolonial ist oder ob sie nur von manchen Akteuren für neokoloniale Zwecke missbraucht wird.

Laura ist Mitglied im Fafo Europa und Globales

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.