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Care Arbeit und Beruf

Trotz höherer Bildungsabschlüsse und anspruchsvoller Qualifikationen sind es nach wie vor die Frauen, die sich beruflich einschränken, wenn Kinder kommen oder Angehörige zu pflegen sind. Heute sind mehr Frauen erwerbstätig als dies in der Generation ihrer Mütter und Großmütter der Fall war. Treten aber Verpflichtungen in der Familie hinzu, sind es mehrheitlich Frauen, die den Männern im Beruf den Vortritt lassen. Typischerweise unterbrechen Frauen ihre Erwerbstätigkeit für Familie und Kindererziehung, anschließend arbeiten sie häufig in Teilzeit und unterhalb ihrer Qualifikation.

Im Jahr 2013 arbeiteten 47,3 Prozent aller Frauen in Teilzeit, verglichen mit 10,4 Prozent der erwerbstätigen Männer (1).

Unter den Frauen mit Kindern arbeiten 70 Prozent in Teilzeit; die Teilzeitquote von Müttern ist am höchsten, wenn das jüngste Kind im Grundschulalter ist (2). Im europäischen Vergleich liegt der Anteil nicht erwerbstätiger Mütter mit 37 Prozent sehr hoch. Das Erwerbsmuster von Frauen wird zu einer finanziellen Benachteiligung, wenn Frauen ein weiteres Mal auf Einkommen und Karriere verzichten, um hochbetagte Eltern und andere Familienangehörige zu pflegen.

Neben den gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen gibt es immer noch viel zu viele Anreize, die eigene Erwerbsarbeit zu Gunsten von familialen Reproduktions- und Pflegeleistungen zu unterbrechen: der niedrige Verdienst, das Ehegattensplitting und die oft geringe Bezahlung nach einer längeren Arbeitspause konservieren die tradierten Erwerbsverläufe von Frauen.

Sie stehen im Widerspruch zu den Wünschen von jungen Paaren, die beide arbeiten wollen, die Mütter oft länger und die Väter oft kürzer. Familienministerin Manuela Schwesig thematisiert, wie für die „gehetzte“ Generation der 30 – 50-Jährigen Erleichterungen geschaffen werden könnten. Sie schlägt für Männer und Frauen in der Familienphase Teilzeit sowie ein Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit vor (3).

Diese Idee greift aber zur kurz: sie unterschlägt regelhafte Überstunden und andere Formen von Flexibilität, die in vielen Positionen als Selbstverständlichkeit erwartet werden und damit familiengerechte Arbeitszeiten verhindern.

Wie sehr Frauen in den mittleren Jahren unter Druck sind, zeigt sich auch an den hohen Krankheitsraten des Burnouts und anderen psychischen Erkrankungen. Die DAK schreibt in ihrem Gesundheitsreport 2013: „Von 1997 bis 2012 nahmen die Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen um 165 Prozent, oder anders gesagt, um den Faktor 2,7, zu.“ (4). Psychische Erkrankungen tragen bei Frauen am häufigsten zu Krankheitstagen bei. Frauen sind dabei fast doppelt so häufig betroffen wie Männer. Einige große Krankenkassen nahmen diese dramatische Zunahme im vergangenen Jahr zum Anlass an die Unternehmen zu appellieren, von ihnen eine Rücknahme der Forderung nach ständiger Erreichbarkeit der Beschäftigten zu fordern und stattdessen Angebote zur Stressprävention in den Betrieben zu etablieren (5).

Männer und Frauen, die nicht auf Kinder verzichten und ihre Karrierewünsche einlösen wollen, bezahlen dies mit einer hohen Belastung in der mittleren Lebensphase. Dies gilt, solange finanzierbare Kinderbetreuungsmöglichkeiten fehlen, die flexibel die Arbeitszeiten der Eltern abdecken. Zusätzlich verhindert die Entwicklung in der Arbeitswelt die Realisierung ihrer Lebensentwürfe . „Die Zunahme von Jobs außerhalb des Normalarbeitsverhältnisses gilt insbesondere für hoch qualifizierte, kreative Bereiche (Selbstständigkeit ohne Angestellte), für das Gesundheits- und Sozialwesen sowie für den akademisch-wissenschaftlichen Bereich (Teilzeit, Befristungen), für einfachere Tätigkeiten im Dienstleistungssektor (Minijobs) sowie für die verarbeitende Industrie (Zeitarbeit).“ Doch auch bei den Normalarbeitsverhältnissen ist der Druck auf die Beschäftigten gestiegen.

Erwartet wird mehr Anpassung in Form von „flexiblen Arbeitszeiten und ungewöhnlichen Arbeitszeitmustern“. Es wird vermehrt mobiles Arbeiten gefordert, so dass sich Arbeitszeit und Freizeit verwischen (6).

Ebenso haben Nacht- und Wochenendarbeit sowie Schichtarbeit zugenommen.Von Führungskräften und Vorgesetzten werde erwartet, dass sie abends, am Wochenende oder im Urlaub erreichbar seien; die Arbeitsintensivität und der Arbeitsdruck hat insgesamt zugenommen und äußert sich in somatischen und psychischen Beschwerden.

„Der Wandel hin zu atypischen Erwerbsformen ist ein langfristiger Trend, der seit den 90er Jahren zu beobachten ist“ (7).

Der ständig verfügbare und von sich entfremdete Mensch war bereits Thema von Charlie Chaplin im Stummfilm „Moderne Zeiten“, der 1936 uraufgeführt wurde. Der Tramp unterwirft sich dem Taylorismus in der Arbeitswelt und landet schließlich in der Psychiatrie.

(1) Destatis (2015): PM vom 08.01.2015, Ungenutztes Arbeits­kräfte­potenzial: 6,3 Millio­nen Men­schen wollen (mehr) Arbeit (https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2015/01/PD15_005_132.html

(2) Destatis (2015): Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ergebnisse des Mikrozensus 2013/ https://www.destatis.de/DE/Publikationen/WirtschaftStatistik/Bevoelkerung/VereinbarkeitFamilieBeruf_122014.pdf?__blob=publicationFile

(3) Tagespiegel v. 08.01.2015, Interview mit Ministerin Manuela Schwesig / http://www.tagesspiegel.de/politik/familienministerin-manuela-schwesig-im-interview-wir-machen-druck/11198598.html.

(4) DAK Gesundheitsreport 2013: 27f https://www.dak.de/dak/download/Vollstaendiger_bundesweiter_Gesundheitsreport_2013-1318306.pdf

(5) http://www.focus.de/finanzen/versicherungen/gesundheitskosten/psychische-erkrankungen-kassenchefs-geben-arbeitgeber-mitschuld-am-burn-out-boom_id_4114971.html

(6) Eichhorst, Werner, Tobsch Verena, IZA 2014 Flexible Arbeitswelten: Eine Bestandsaufnahme: 6; http://ftp.iza.org/sp72.pdf

(7) IAB, 2014, Zentrale Befunde zu aktuellen Arbeitsmarktthemen: 7; http://doku.iab.de/aktuell/2014/aktueller_bericht_1401.pdf

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