Alle Artikel in: Kultur

fight sexismus - von Metro Centric - CC BY 2.0

Übergriffigkeit ist niemals Kunst

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Man möchte ja fast annehmen, es handele sich um sehr schlechte Satire, wenn eine Person, die dafür eintritt, Vergewaltigung zu legalisieren, aufgrund von Sicherheitsbedenken eine Veranstaltung absagt, im Rahmen derer eine Vernetzung unter Gleichgesinnten erfolgen sollte. Es handelt sich jedoch nicht um besagte schlechte Satire sondern um genau das, was im Falle des Pick-Up-“Artists“ (dieser Begriff – wörtlich übersetzt: Aufreißkünstler – steht hier bewusst in Anführungsstrichen, da nicht der Anschein erweckt werden soll, beim Aufruf zu Straftaten würde es sich um eine Kunst handeln) Daryush „Roosh“ Valizadeh vorgefallen ist. Die Szene der sogenannten Pick-Up-“Artists“ hat ihren Ursprung in den USA und versteht sich selbst als Männerrechtsbewegung, die gegen Emanzipation eintritt. Von ihren Akteuren werden unter anderem Seminare veranstaltet, auf denen andere Männer lernen, wie sie Frauen auch entgegen ihres Abwehrverhaltens „abschleppen“ und „flachlegen“ können. Schon hier sollten sämtliche Alarmglocken schrillen. Tun sie das nicht: Weitere Hintergründe zu besagtem geplanten und dann abgesagten Treffen und dem Menschen dahinter. Valizadeh führt einen Blog namens „Return of Kings“. Auf diesem rief er für den 6. Februar zu 165 …

Alte Bogenbrücke über einem Fluss
Clare College Bridge, Cambridge - von Kosala Bandara - CC BY 2.0

Eliteuniversitäten – eine Selbstkritik

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Ich studiere Philosophie in Cambridge. Neben Ivy League Universitäten [1] in den USA und Oxford eines der Relikte vergangener Zeiten von Exklusivität und Elfenbeinturmabschottung. Studiere ich in einer toten Institution oder zumindest einer, die nicht in eine progressive, egalitäre Weltvorstellung passt? Die ZEIT schreibt über dubiose Zulassungsbestimmungen und unüberwindbare Bewerbungsgesprächhürden; der Guardian veröffentlicht Unirankings mit meiner Universität ganz oben; den Platz als Stipendiatin der Heinrich Böll Stiftung habe ich vielleicht auch nicht allein meinem Können zu verdanken; in meinem Schrank hängt eine dieser schicken, schwarzen Roben, die man sonst nur aus Harry Potter kennt; die entsprechenden Schühchen stehen in dem Regal daneben und warten auf das nächste formal Dinner. Das Wochenende in der Bibliothek zu verbringen, ist keine Seltenheit, sondern Normalität und wenn Wäschewaschen schon eine zu lange Essaypause vergönnt, ist es klar, dass ich die Stadt, in der ich lebe, fast nur aus Hörsaalfenstern kenne. Aber natürlich arbeite ich höchstens eine Stunde am Tag, denn alles andere würde die unangreifbare Voraussetzung angreifen, dass nur Genies hier studieren. Selbstzweifel in großem Ausmaß sind wohl auch …

Peace For Paris : Jean Jullien - von H. Michael Karshis - CC BY 2.0

Solidarität für 9,90 €

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Am 13. November 2015 um 21:17 Uhr erreichte der Terror der dschihadistischen Miliz ,,Islamischer Staat‘‘ (IS) endgültig Paris und damit ganz Europa. Die Anschlagsserie ereignete sich bei einem Fußballspiel im Stade de France, während eines Rockkonzerts im Theater Bataclan sowie vor mehreren Restaurants, Bars und Cafés. Nach Angaben der französischen Regierung wurden dabei 130 Menschen getötet, weitere 352 verletzt. Die Terrorist*innen wählten gezielt westliche Symbole der Freiheit, Selbstbestimmung und Lebensfreude als Ziel ihrer Attacken aus und griffen wahllos all die an, die bis dahin diesen Abend in Paris frei, selbstbestimmt und lebensfroh genossen. Entsprechend groß war die Fassungslosigkeit und Trauer, mit der die ganze Welt reagierte. Von Solidaritätsbekundungen in sozialen Netzwerken, über Schweigeminuten bei öffentlichen Ereignissen bis hin zu Monumenten, die in den Farben des Tricolore angestrahlt wurden – für einige Zeit waren wir alle Pariser*innen. Solidarität und Mitgefühl kann man auf unendlich viele Art und Weisen zeigen. Es schweißt Menschen zusammen, gibt Kraft und Hoffnung. Doch was ist, wenn aus Solidarität ein Modetrend wird? Wenn Beileidsbekundungen das Unternehmensimage aufpolieren sollen? Was ist, wenn man …

Zu heiß für Deutschland? – Das Hotpantsverbot

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Immer wenn es draußen wärmer wird und etliche Menschen die Hüllen fallen lassen, wird die ewig gleiche Diskussion angeheizt: Wie viel nackte Haut dürfen Frauen* (seltener Männer*) in der Öffentlichkeit zeigen? Was ist aufreizend, was provokant, was anstößig? Insbesondere an Schulen wird regelmäßig kritisiert, dass Schüler*innen zu viel Bauch, Bein oder Brust zeigen. Angesprochen wird dabei stets der sexuelle Kontext und seine ablenkende Wirkung auf andere. Erschreckend, wenn man bedenkt, dass die Schule ein Ort der Objektivität und der freien Entfaltung einer*s jeden Einzelnen sein sollte. Nun hat eine Schule in Baden-Württemberg mithilfe eines Briefes an die Eltern der Schüler*innen ,,aufreizende‘‘ Kleidung verboten. Dabei werden explizit Mädchen* beschuldigend angesprochen. Bei Verstoß gegen diese neue Kleiderordnung werden an die Betroffenen weite T-Shirts verteilt, welche für die Dauer des Schultags ihre Körper verstecken sollen. Die für diese Maßnahme verantwortliche Schulleiterin Bianca Brissaud gibt ein ,,gesunde[s] Schulklima […], in dem sich alle wohlfühlen und in dem gesellschaftliche und soziale Werte gelebt und gefördert werden‘‘, als Begründung an. Nackte Haut wird also als Bedrohung für die Werte unserer aufgeklärten …