Alle Artikel in: Queerfeminismus

Die Gefahren des “Party-Patriotismus”

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Dieser Artikel ist zuerst im Tagesspiegel erschienen. Die Fußball Weltmeisterschaft bringt eine allgemeine Deutschlandbegeisterung mit sich. Doch die Grenze zum Nationalismus kann schnell verschwimmen. Deutschland ist im Deutschlandfieber: Auch dieses Jahr erleben wir wieder wie Balkone, Autos und Gesichter mit Deutschlandflaggen geschmückt werden. Spaß an Sport ist super, allerdings steht hier oft nicht die Begeisterung für Fußball im Mittelpunkt, sondern der Wunsch, die Zugehörigkeit zur Nation zu demonstrieren. Dabei ist klar, Patriotismus ist nicht gleich Nationalismus. Doch die Grenzen sind oft fließend und es ist wichtig, zu hinterfragen, welche Konsequenzen „Party-Patriotismus“ hat. Es geht nicht darum, jeden der sich eine Deutschlandflagge ans Auto hängt zum Nationalisten zu erklären oder diese zu verbieten. Sondern darum wie der Gebrauch von nationalen Symbolen in ihrer Masse zu einer Stimmung beiträgt, die eine Aufwertung eines nationalen „Wir“ und die Abwertung „der Anderen“, die nicht zum Kollektiv gezählt werden, normalisiert. Antidemokratische und menschenfeindliche Einstellungen haben durch den sogenannten “Party-Patriotismus” zugenommen Diese Stimmung gibt nationalistischen Kräften Rückenwind, da sie sich in ihrem Anliegen bestätigt fühlen und die Situation nutzen, um für …

Rainbow Heart - von Mathias Rengel - CC0

Eine hasserfüllte Rede von einem etwas anderen Verständnis der ‘Nächstenliebe’

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Ein offener Brief Berühmtheit bedeutet keineswegs Weisheit. Und Christ*innentum bedeutet keineswegs Nächstenliebe. Das machte Peter Hahne mit seinem Auftritt im Juni in der Elia-Kirchengemeinde nahe Hannover ganz besonders deutlich, den ich als Redakteurin der lokalen Wochenzeitung vor Ort begleite. Leitet er seine Predigt noch mit den Liedstrophen „Gott, weil du mich kennst und trotzdem liebst (…)“ ein, geht es in Hahnes Auftritt schon bald ganz und gar nicht mehr um Liebe. Es mutet zunächst einmal großstädtisch an – der Auftritt eines (in die Jahre gekommenen) ZDF Moderators in einer Kleinstadtgemeinde – und doch berichtet Hahne aus seiner sehr kleinen Welt. Genderwahn? Es beginnt im einleitenden Dialog. „Als ich noch zur Schule ging, da mussten wir unerträgliche Aufsätze schreiben. Die Lehrkräfte haben uns damals mit Grammatik und Methoden das Schulleben zur Hölle gemacht,“ witzelt Hahne, und dann „Heute machen wir den Schülern das Leben plötzlich viel mehr mit so Blödsinn wie ‘Gendern’ schwer.“ Der 60 Jahre alte Cis-Mann wirbt für ein jahrhundertealtes, veraltetes männlich dominiertes System der Unterdrückung und der Heteronormativität und wettert gegen ein Aufbrechen …

Racoon Stuff - von Quinten de Graaf - CC0
Nach ausführlicher Beratung mit diesem Waschbär habe ich einen Vorschlag

Neue Quoten – Neue Wege

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Neue Quoten – Neue Wege Ein Plädoyer für neue Quoten Was war Was bisher geschah: Die Grünen haben sich einst auch aus der Frauenbewegung heraus gegründet. Seit jeher gilt: Die Hälfte der Macht den Frauen. Alle Ämter werden quotiert besetzt, ungerade Listenplätze gehen an Frauen. Alle anderen Plätze sind frei für alle. Es gab nie Männerplätze. Die Grüne Jugend als Jugendorganisation hatte das übernommen, aber dann irgendwie gemerkt, dass einerseits nicht nur Frauen aufgrund ihres Geschlechtes strukturell diskriminiert werden, und dass es andererseits mehr als zwei Geschlechter gibt. Die Jugend passte ihre Satzung an. Die quotierten Plätze sind seither keine reinen Frauenplätze mehr, sondern stehen auch für Personen offen, die inter oder trans sind. Was ist Die grüne Jugend hat damit auch Sichtbarkeit jenseits von Frauen per Satzung gesichert. Der Preis: Die Quotierung passt nicht mehr zu den Bündnisgrünen. Wer in der Jugend auf einen quotierten Platz gewählt werden kann, kann das in der Partei nicht mehr automatisch. Das ist gerade bei Plätzen, die von den Grünen fest an Amtsträgerinnen in der Jugend vergeben sind, …

Übernommen aus der Originalbroschüre

Gender As Told By Science

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Dieser Text ist die Übersetzung einer Broschüre von CV Vitolo-Hadded von der University of Wisconsin-Madison. Xier forscht dort zu Genetik, zu Gesundheitspolitik und zur Gesundheit von trans Personen. In diesem Text werden Genitalien erwähnt und abgebildet. Das hier ist eine Broschüre zu Transgenderidentitäten, wie sie von der Wissenschaft gesehen werden. In der Schule wird den meisten von uns ein sehr grundsätzliches Verständnis von sozialem und anatomischen Geschlecht beigebracht. Diese Verallgemeinerung ist grundsätzlich okay, aber Biolog*innen werden dir erzählen, dass sie sündhaft unvollständig ist. Also Freund*innen der Wissenschaft – Bevor es los geht: Es gibt ein paar Ausdrücke, die wir besser erst definieren sollten. Insbesondere nutze ich “Geschlecht” hier anders als einige Leser*innen das gewohnt sind. Manche Menschen trennen das anatomische und das soziale Geschlecht (im englischen Gender und Sex). Die Argumentation sieht so aus: SEX beschreibt Anatomie – Reproduktivorgane, Chromosomen and sekundäre Geschlechtsmerkmale. Männlich, weiblich und intersex (also weder männlich noch weiblich) wären Beispiele für (anatomische) Geschlechter. GENDER beschreibt die Selbstdefinition innerhalb sozialer Rollen – das ist ein kognitiver Prozess. Beispiele für Gender beinhalten Mann, …

Foto selbstgemacht, CC-BY

Schwangerschaftsabbruchwerbeverbot – wo stehen wir, wo wollen wir hin?

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Ende November hat das Gießener Landgericht Kristina Hänel zu einer Geldstrafe von 6000 Euro verurteilt. Das Gericht befand sie für schuldig, gegen das Verbot der Werbung für den Abbruch einer Schwangerschaft, verstoßen zu haben. Das mediale Echo war riesig. Am Urteil, aber auch am Gesetz selbst wurde Kritik laut. Ziemlich viele Menschen sind jetzt ziemlich sauer. Kritik wurde laut daran, dass das Gericht die Ärztin tatsächlich schuldig gesprochen hat. Daran, dass dieses Gesetz überhaupt gilt. Daran, dass überhaupt wer dieses Verfahren ausgelöst hat, dass es überhaupt eine Anzeige gab. Von vorne. Kristina Hänel ist Gynäkologin und führt unter anderem Schwangerschaftsabbrüche durch. Das ist in Deutschland durchaus straffrei möglich. Zusätzlich hat sie eine Website, auf der steht, dass sie eben dies tut. Das ist unstrittig. Irgendwer ist jetzt hergegangen und hat auf Basis dessen Anzeige erstattet, weil darin ein Verstoß gegen Paragraph 219a des Strafgesetzbuches gesehen wird. Der verbietet es, öffentlich für die Durchführung von Schwangerschaftsabbrüchen zu werben. Das ist ziemlich albern. Mindestens. Wenn nicht sogar gefährlich. Es muss klar sein, wo Schwangerschaftsabbrüche möglich sind. Warum? …

Lesbische Identität in einer Frauenrechtsorganisation – „Jeden Tag muss ich mich outen”

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Einige Monate habe ich mit großer Überzeugung für eine internationale Organisation gearbeitet, die sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen bekämpft und Überlebende nachhaltig unterstützt. Bereits beim Bewerbungsgespräch wurde gefragt, ob ich Feministin sei, das sei schließlich Einstellungsvoraussetzung. Kurz darauf bezog ich mein neues Büro und lernte die Mitarbeiterinnen kennen. Dabei fiel mir auf, wie homogen die Gruppe meiner Kolleginnen doch war: Zwar gab es junge und alte Frauen und vielleicht auch einige, die nicht studiert hatten. Insgesamt aber schienen alle ziemlich ähnlich gestrickt zu sein. Nicht zuletzt verbindet sie alle die gleiche Einstellung, Überzeugung und der Einsatz für die Rechte aller Frauen. Ein unsichtbarer Kampf Trotz dieser scheinbaren Homogenität merkte ich schnell, dass ein asymmetrischer Kampf herrschte, der von einigen wenigen Mitarbeiterinnen gegen die große Mehrheit geführt wurde – ohne, dass Letztere sich dessen bewusst schien. Die Rede ist von den wenigen lesbischen Frauen, die versuchten, ihre Identität in die Organisation einzubringen. Mit dem Ziel, die anderen Mitarbeiterinnen für das Thema zu sensibilisieren, aber auch die Unterstützung für LGBTQI-Frauen in den Kriegsgebieten mehr in den …