Alle Artikel in: Queerfeminismus

Lesbische Identität in einer Frauenrechtsorganisation – „Jeden Tag muss ich mich outen“

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Einige Monate habe ich mit großer Überzeugung für eine internationale Organisation gearbeitet, die sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen bekämpft und Überlebende nachhaltig unterstützt. Bereits beim Bewerbungsgespräch wurde gefragt, ob ich Feministin sei, das sei schließlich Einstellungsvoraussetzung. Kurz darauf bezog ich mein neues Büro und lernte die Mitarbeiterinnen kennen. Dabei fiel mir auf, wie homogen die Gruppe meiner Kolleginnen doch war: Zwar gab es junge und alte Frauen und vielleicht auch einige, die nicht studiert hatten. Insgesamt aber schienen alle ziemlich ähnlich gestrickt zu sein. Nicht zuletzt verbindet sie alle die gleiche Einstellung, Überzeugung und der Einsatz für die Rechte aller Frauen. Ein unsichtbarer Kampf Trotz dieser scheinbaren Homogenität merkte ich schnell, dass ein asymmetrischer Kampf herrschte, der von einigen wenigen Mitarbeiterinnen gegen die große Mehrheit geführt wurde – ohne, dass Letztere sich dessen bewusst schien. Die Rede ist von den wenigen lesbischen Frauen, die versuchten, ihre Identität in die Organisation einzubringen. Mit dem Ziel, die anderen Mitarbeiterinnen für das Thema zu sensibilisieren, aber auch die Unterstützung für LGBTQI-Frauen in den Kriegsgebieten mehr in den …

Queer Refugees for Pride: „Nothing about us, without us“

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First of all I would like to give information about myself. I’m Javid Nabiyev from Azerbaijan. In Azerbaijan I was working as a LGBTI Human Rights defender and I became as first openly gay politician. In Azerbaijan unfortunately we have a dictatorship government. Under these circumstances, there are no basic human rights, freedom of expression / speech / media, we experience fake elections and etc. Among the 49 member states of the Council of Europe we are in the last place regarding LGBTI Human Rights, even Russia ranks before us at #48 ( ILGA Europe Report 2016). Because of persecution and risk of being arrested I came to Germany in January of 2015. In my homeland I was accused of like sabotaging the government and being a spy of west. I came to Germany with a hope to continue my work / fight for LGBTI Human Rights in Azerbaijan. I thought here would be better conditions, freedom, and safety. Unfortunately the life in refugee camps, in refugee dormitory didn’t pay for my expectations which I …

Wand mit Graffitti "Gender: Queer"
Gender Queer - von Charles Hutchins - CC BY 2.0

Lasst uns den Mund aufmachen und hört gefälligst zu! – Über die Sichtbarkeit von Transpersonen im deutschsprachigen Raum

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Es gab eine Zeit, in der mir andere Transpersonen lediglich aus dem Internet und reißerischen, sensationsgeilen RTL II-Dokus bekannt waren, die klassischerweise durchweg falsche Pronomen benutzten und die Protagonist*innen mit ihren alten Namen bezeichneten. Die einzige Prominente, die ich zufällig durch die Bravo (das mit dem famosen Dr. Sommer) kennenlernte, war Kim Petras, die damals Schlagzeilen als erste Minderjährige machte, die eine Erlaubnis für eine Geschlechtsangleichung bekam. Außerdem hatte Petras bereits vor ihrer Pubertät Hormonblocker erhalten, weswegen sie niemals eine von Testosteron dominierte Pubertät durchlief. Durch den ausbleibenden Stimmbruch erhielt Kim sich eine verhältnismäßig hohe Stimme im Gegensatz zu vielen Transfrauen, die erst im Erwachsenenalter eine Hormontherapie beanspruchen und den Stimmbruch bereits durchlaufen haben. Eine gewisse Bekanntheit konnte sich Kim dadurch als Sängerin auf ihrem eigenen YouTube-Kanal verschaffen. Ich fand Kim damals unglaublich faszinierend, weil sie bereits im Kindesalter gegen das ihr fälschlicherweise zugewiesene männliche Geschlecht rebellierte und ihre Eltern sie in allen Schritten der Transition unterstützten. Von Kims Beispiel abgesehen, beschränkte sich meine Kenntnis anderer Transpersonen jedoch lange auf Menschen, die ich nur fand, …

Familie bedeutet Vielfalt

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[Hinweis: Eine Reihe von Begriffen, die eventuell nicht allen sofort klar sind, werden unten erklärt. Diese sind im Text unterstrichen.] „Ohana heißt Familie. Familie heißt, dass alle zusammenhalten und füreinander da sind.“ Das Zitat stammt aus dem Animationsfilm „Lilo & Stitch“. In diesem wachsen Lilo, ihre (leibliche) Schwester* Nani und ein kleines, blaues Alien namens Stitch nach einigen Anfangsschwierigkeiten zu einer Familie zusammen. Zwei weitere Außerirdische, darunter der Schöpfer von Stitch, werden Teil dieser Gemeinschaft. Um auf das Zitat zurückzukommen: Entscheidend scheint nicht die biologische Verwandtschaft zu sein, sondern die Verbundenheit und gegenseitige Fürsorge. Nach innen definiert sich eine Familie also durch den Zusammenhalt ihrer Mitglieder. Aber wie sieht es nach außen aus? Zunächst einmal ist es egal, aus welchen und wie vielen Personen sie besteht. Ob ich nun eine traditionelle Großfamilie mit Großeltern, Eltern und Kindern habe oder eine kleine Gruppe, zu der ein blaues Alien zählt: Niemand kann ihnen ihre Zusammengehörigkeit absprechen. Davon ausgehend ergeben sich nicht nur die unterschiedlichsten Konstellationsmöglichkeiten, sondern auch die Einzigartigkeit eines jeden Menschen sorgt für Vielfalt. Aber wenn …

I want to bi free…

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Inhaltswarnung: Dieser Artikel beschäftigt sich unter anderem mit bi-feindlichen Klischees, Kommentaren und Ausschlüssen. In den letzten Tagen machte auf Twitter ein Screenshot aus einem Onlineartikel der Jugendzeitschrift BRAVO die Runde.  Hier erklärt das Dr.-Sommer-Team, was es heißt, bisexuell zu lieben – allerdings denkbar schlecht. Zunächst einmal wird hier durchgehend von „den beiden Geschlechtern“ geschrieben, obwohl es deutlich mehr gibt. Doch auch darüber hinaus wird Bisexualität hier auf eine Weise dargestellt, die nicht hilfreich ist und im Gegenteil noch Klischees verstärkt. So wird Bisexualität damit gleichgesetzt, unbedingt mehrere Beziehung haben zu wollen. Ganz beiläufig wird dabei auch noch suggeriert, Bisexuelle würden eher dazu neigen, zu betrügen. Liest mensch den Text weiter, heißt es, mache Bisexuelle würden ihre Bisexualität eben „nicht ausleben“ und „wie Heteros oder Homos“ in Mono-Beziehungen leben oder heiraten. Oder sie würden sich quasi abwechselnd Frauen* und Männer* als Partner*innen suchen – als könnte mensch sich entscheiden, in wen mensch sich verliebt. Dass es in Beziehungen nicht immer nur Sex geht, und auch asexuelle Menschen romantische Gefühle für Menschen von mehr als einem Geschlecht …

fight sexismus - von Metro Centric - CC BY 2.0

Übergriffigkeit ist niemals Kunst

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Man möchte ja fast annehmen, es handele sich um sehr schlechte Satire, wenn eine Person, die dafür eintritt, Vergewaltigung zu legalisieren, aufgrund von Sicherheitsbedenken eine Veranstaltung absagt, im Rahmen derer eine Vernetzung unter Gleichgesinnten erfolgen sollte. Es handelt sich jedoch nicht um besagte schlechte Satire sondern um genau das, was im Falle des Pick-Up-“Artists“ (dieser Begriff – wörtlich übersetzt: Aufreißkünstler – steht hier bewusst in Anführungsstrichen, da nicht der Anschein erweckt werden soll, beim Aufruf zu Straftaten würde es sich um eine Kunst handeln) Daryush „Roosh“ Valizadeh vorgefallen ist. Die Szene der sogenannten Pick-Up-“Artists“ hat ihren Ursprung in den USA und versteht sich selbst als Männerrechtsbewegung, die gegen Emanzipation eintritt. Von ihren Akteuren werden unter anderem Seminare veranstaltet, auf denen andere Männer lernen, wie sie Frauen auch entgegen ihres Abwehrverhaltens „abschleppen“ und „flachlegen“ können. Schon hier sollten sämtliche Alarmglocken schrillen. Tun sie das nicht: Weitere Hintergründe zu besagtem geplanten und dann abgesagten Treffen und dem Menschen dahinter. Valizadeh führt einen Blog namens „Return of Kings“. Auf diesem rief er für den 6. Februar zu 165 …