Debatte, Soziales, Wirtschaft
Schreibe einen Kommentar

Contra GDL-Streik

Um es gleich zu Beginn zu sagen: Als Gewerkschafterin und Sozialdemokratin habe ich nichts gegen Streik. Im Gegenteil. Er ist ein legitimes und wichtiges Instrument im Arbeitskampf. Der Streik ist ein Mittel, um tarifliche Forderungen wie ein höheres Entgelt und Beteiligung am wirtschaftlichen Reichtum und sozialen Fortschritt durchsetzen zu können. Ohne das Streikrecht wären Tarifverhandlungen „kollektives Betteln“.

Wie sich gezeigt hat, geht das Abendland auch nicht – wie von zahlreichen JournalistInnen befürchtet – durch einen mehrtägigen Bahnstreik unter. Die kollektive mediale Aufregung liegt wohl vor allem darin begründet, dass Streiks in Deutschland zu selten stattfinden: lm europäischen Vergleich rangiert Deutschland an vorletzter Stelle der Streikstatistik, noch hinter Österreich und Schweden. Lediglich in der Schweiz gibt es noch weniger Streiktage (Quelle: IW Köln).

Klar muss deshalb sein: Die Diskussion darf sich nicht gegen das Streikrecht richten. Für bessere Arbeitsbedingungen zu streiken ist grundsätzlich zu unterstützen. Die Debatte hingegen muss sich um die Frage drehen, was der Machtkampf einer Spartengewerkschaft für die innerbetriebliche Solidarität zwischen den Beschäftigten bedeutet.

Die GDL spaltet die Belegschaft und schwächt damit ihre Durchsetzungsfähigkeit

Die GDL, die sich so kämpferisch gibt, missachtet mit ihrem Vorgehen nämlich bewusst zwei Grundprinzipien der Gewerkschaftsbewegung. Erstens: „Gemeinsam sind wir stark“, und zweitens: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. Statt im Betrieb und mit anderen Gewerkschaften Mehrheiten für die eigenen Positionen zu suchen, profiliert sich die GDL auf Kosten der anderen. Solidarität sieht anders aus.

Die Konkurrenz unterschiedlicher Gewerkschaften innerhalb eines Betriebes schwächt die Kampfkraft der Beschäftigten insgesamt und dadurch sinken die Chancen, für alle im Betrieb ordentliche Tarifabschlüsse zu erzielen. Bricht etwa eine der Berufsgruppen mit dem größten Streikpotential aus dem gemeinsamem Forderungsverbund aus, nimmt sie den verbliebenen Beschäftigten dieses Drohpotential. Sollte die GDL ihr Ziel erreichen und eigene Tarifverträge für „das gesamte Zugpersonal“ verhandeln, mit welchem Drohpotential gehen dann die anderen Berufsgruppen (die in der EVG als Einheitsgewerkschaft organisiert sind) in die Tarifverhandlungen? Auf jeden Fall mit einem stark geschwächten. Solidarität sieht anders aus.

Ein anderes mögliches Ergebnis der GDL-Forderungen wäre, dass die gleiche Tätigkeit im Betrieb aufgrund unterschiedlicher Tarifverträge unterschiedlich entlohnt wird. Dann holt sich die kampfstärkere Gruppe immer den größeren Teil vom Kuchen, zulasten der anderen. Und wo es keine Verteilungsgerechtigkeit gibt, wo das Lohngefälle wächst, gibt es keinen Frieden und kein Miteinander und kein gemeinsames Auftreten gegenüber dem Arbeitgeber. Solidarität sieht anders aus.

Solidarität heißt für mich, dass alle Beschäftigten einer Branche ungeachtet ihres Status, ihres beruflichen Profils oder ihrer politischen Orientierung in und von einer Gewerkschaft vertreten werden und nicht einzelne durchsetzungsstarke Berufsgruppen für sich – und ausgewählte andere – bessere Bedingungen durchsetzen.

Die derzeit beschworene Solidarität der GDL mit dem „gesamten Zugpersonal“ wäre besser eingesetzt, wenn sie im Interesse der gesamten Beschäftigten ihre Kampfkraft gemeinsam in die Tarifauseinandersetzungen einbringen würde. Dies betrifft weniger die Organisationsform als einen solidarischen Umgang miteinander. Einheitliche und gemeinsame Tarifforderungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen – das zeigt die Geschichte gewerkschaftlicher Arbeitskämpfe – können die Interessen der Schwächeren im Unternehmen besser berücksichtigen. Innerbetriebliche Solidarität ist eine Notwendigkeit. Dies gilt für alle Beschäftigten! Sowohl auf betrieblicher als auch auf tariflicher Ebene.

Nun wäre es an der Zeit endlich gemeinsam an einem Strang zu ziehen, denn das „gesamte Zugpersonal“ der Bahn hat zweifelsohne bessere Arbeitsbedingungen verdient – und alle anderen Bahnbeschäftigten auch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.