SPUNK
Schreibe einen Kommentar

Das Unmögliche möglich machen

Photo by "My Life Through A Lens" on Unsplash

Wie der Begriff der Utopie in der Geschichte der politischen Linken verhandelt wurde und was wir heute daraus ziehen können.

Dieser Artikel wurde ursprünglich veröffentlicht im gedruckten SPUNK 01/2018.

Was sind Utopien? Heutzutage lässt sich ja vieles einfach im Internet nachschlagen. Was bei einer schnellen Suche zu finden ist: Eine Utopie sei „eine Idee, die so wirklichkeitsfern oder fantastisch ist, dass man sie nicht verwirklichen kann“. Also nichts Anderes als ein Hirngespinst, das sich eh nicht erreichen lässt. Aber warum hat sich die politische Linke dann immer wieder mit Utopien beschäftigt? Weil sie in ihrer Geschichte eben viel mehr waren als das. Und zwar eine Beschreibung dessen, was die Gesellschaft nicht ist, aber sein sollte – und damit eine Annäherung an das, was es zu erschaffen gilt. Die Formulierung eines „Noch-Nicht“ (Ernst Bloch) sozusagen.

Der Begriff Utopie bedeutet „Nicht-Ort“. Die Utopie existiert also erstmal abseits des bereits Bestehenden. Das erste Mal wurde der Begriff der Utopie von dem Briten Thomas Morus verwendet, der 1516 seine Vorstellung einer idealen Gesellschaft beschrieb. Während Morus diese ideale Gesellschaft noch auf einer Insel verortete, fand im Laufe des 18. Jahrhunderts eine „Verzeitlichung der Utopie“ statt. Die Utopie wurde nicht mehr in einer fernen Weltgegend, sondern in der Zukunft verortet. Durch diese Verschiebung wurde sie zu etwas, dass es anzustreben galt – sie war also nicht mehr ein Ort, den man suchen muss, sondern ein Zustand, den es noch zu erschaffen gilt. Damit entwickelten sich Utopien zu Leitlinien von politischem Handeln. Dabei dienten sie immer auch dazu, der bestehenden Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Durch die Beschreibung davon, wie die Welt aussehen sollte, treffe ich automatisch auch eine Aussage darüber, wie sie jetzt ist. Die Utopie war somit immer auch ein Mittel der Kritik. Wenn zum Beispiel die Arbeiter*innenbewegung zu Beginn der Russischen Revolution vom „Ende der Vorgeschichte der Menschheit“ (Marx) und einer klassenlosen Gesellschaft träumte, transportierten sie damit immer auch Kritik an Hunger, Armut und Ausbeutung im Kapitalismus. Und wenn die Umweltbewegung eine Welt forderte, in der Menschen im Einklang mit der Natur leben, kritisierte sie damit auch die anhaltende Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlage.

Wenn Utopien diese Funktion der Spiegelhaftigkeit erfüllen sollen, bedeutet das auch, dass sie nicht losgelöst von den bestehenden Verhältnissen entwickelt werden können. Im Gegenteil: Aus ihnen entstehen sie erst. Deshalb war und ist es nicht das Ziel von Utopien, die perfekte Gesellschaft am Reißbrett zu entwerfen. Denn unser Bewusstsein ist von den bestehenden kapitalistischen Verhältnissen beeinflusst und begrenzt. Mit der Veränderung dieser Verhältnisse hin zur Emanzipation des Individuums verändert sich auch unser Bewusstsein und der Rahmen dessen, was denkbar ist. Eine Utopie, die im Hier und Jetzt gedacht wird, kann also kein vollkommen abgeschlossenes Bild sein. Vielmehr sollte sie in der konkreten Kritik dessen, was ist, das aufzeigen, was sein könnte. Gerade Herbert Marcuse, Philosoph der kritischen Theorie, unterstrich in seiner Rede „Das Ende der Utopie“, dass die Bedingungen zur Verwirklichung von Utopien bereits in der bestehenden Gesellschaft angelegt sind, aber noch nicht im Sinne der Befreiung des Menschen verwendet werden. Eine politische Utopie ist somit mehr als nur Träumerei – sie lotet den Rahmen des Möglichen und des Vorstellbaren aus, um Wege aufzuzeigen, wie eine befreite Gesellschaft Wirklichkeit werden könnte.

Jetzt denken sich wahrscheinlich einige: „Klingt ja ganz nett, aber was hat das jetzt mit unserer Arbeit in der GRÜNEN JUGEND zu tun?“. Utopien gewannen in der Geschichte der politischen Linken immer dann an Bedeutung, wenn sie zur Grundlage von Strategie wurden. Eine Utopie kann noch so schön sein, wenn sie ohne Verbindung zur politischen Praxis besteht, nützt sie nicht viel. Aber wenn wir unseren Anspruch, nicht nur am Status Quo herumzudoktern, sondern tatsächlich eine ökologische, solidarische und emanzipatorische Gesellschaft zu erschaffen, ernst nehmen, dann können Utopien für uns der Maßstab sein, an denen wir das Hier und Jetzt bewerten. Utopien helfen uns, die Gesellschaft um uns herum zu verstehen. Denn im Lichte dessen, was sein soll, können wir erkennen, was derzeit ist. Das Ziel unserer politischen Strategie muss es sein, immer wieder neue Ausgangslagen zu schaffen, die die Utopie für uns klarer erkennbar machen.

Das bedeutet auch, dass politische Macht kein Selbstzweck sein darf, sondern dass es darauf ankommt, ob wir sie nutzen können, um einer befreiten Gesellschaft näher zu kommen. In den letzten Jahren und gerade auch bei der Bundestagswahl hatten viele Menschen das Gefühl, nicht mehr wirklich zu wissen, wofür Parteien überhaupt noch streiten. Sie hatten den Eindruck, selbst dem linken Spektrum gehe es nur noch um Prozentpunkte und Regierungsoptionen. Von Utopie und einem tatsächlichen gesellschaftsverändernden Anspruch scheint nicht viel übrig zu sein. Resignation und Verzweiflung über den heutigen Zustand der politischen Linken hilft aber gerade in Anbetracht des Rechtsrucks nicht weiter. Umso wichtiger ist es, dass wir als GRÜNE JUGEND aufzeigen, welcher Zweck hinter unserem politischen Handeln steht und Utopien nicht als realitätsferne Spinnereien sehen. Denn sie können Chancen sein, um Menschen für den Einsatz für eine andere Gesellschaft zu begeistern. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir uns nicht auch für konkrete Verbesserungen im Hier und Jetzt einsetzen sollten. Das wäre unsolidarisch gegenüber den Menschen, die von diesen Verbesserungen profitieren. Doch dort dürfen wir nicht stehen bleiben. Stattdessen müssen wir anhand konkreter Lebensrealitäten auf Brüche im bestehenden System hinweisen und Schlaglichter aufzeigen, wie eine befreite Gesellschaft aussehen könnte, in der alle ohne Angst verschieden und in ihren Unterschieden dennoch vereint sind.

Ricarda Lang lebt in Berlin und studiert Jura. Ihre politischen Schwerpunkte liegen im bildungs- und hochschulpolitischen Bereich.

Kategorie: SPUNK

von

Ricarda Lang lebt in Berlin und studiert Jura. Ihre politischen Schwerpunkte liegen im bildungs- und hochschulpolitischen Bereich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.