Europa, Soziales
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Der Thalys-Vorfall – ein Beispiel der europäischen Angst vor Terrorismus

Flächendeckende Überwachung durch Kameras, Gepäckkontrollen wie auf dem Flughafen, Train-Marshalls nach US-amerikanischem Vorbild… Solche und ähnliche Forderungen werden in letzter Zeit hierzulande wieder lauter gestellt. Grund dafür ist das beherzte Eingreifen vierer Männer* am 23.08 in einem Thalys-Schnellzug, welcher von Brüssel nach Paris fuhr. Sie überwältigten einen mit einer Kalashnikov bewaffneten 25-jährigen, nachdem dieser eine*n andere*n Passagier*in schwer verletzte und verhinderten damit ein mutmaßliches Attentat. Der französische Staatspräsident François Hollande zeichnete die drei US-Amerikaner und den Briten mit dem höchsten Orden des Landes aus und ernannte sie zu Rittern der Ehrenlegion. Des Weiteren hielt er zu diesem Anlass eine Rede, in welcher er andeutete, dass die Sicherheitsvorkehrungen im europäischen und insbesondere französischen Zugverkehr zu hinterfragen seien.
Kritische Stimmen nahmen diesen Gedanken auf und befürchten, dass auch deutsche Züge vermehrt zu Zielen extremistischer Gewalttaten werden könnten. Doch inwieweit sind welche Präventivmaßnahmen sinnvoll? Muss die Politik wie so oft Freiheit und Sicherheit der Bundesbürger*innen gegeneinander abwägen?

Eine solche Diskussion um Maßnahmen zur Erhöhung des Sicherheitsgefühls der Reisenden ist bei weitem nicht neu. So existiert zum Beispiel schon seit geraumer Zeit ein Abkommen zwischen der Deutschen Bahn und dem Innenministerium, welches besagt, dass Beamt*innen der Landes – und Bundespolizei umsonst Zug fahren können, so lange sie ihre Uniform tragen. Dieses Abkommen gilt für ganz Deutschland, mit Ausnahme von Sachsen-Anhalt und einer Einschränkung in Baden-Württemberg: Hier dürfen die Polizist*innen lediglich den Nahverkehr nutzen. In allen anderen Bundesländern darf beliebig Zug gefahren werden, ob die Reise dienstlich oder privat ist, spielt keine Rolle. Lediglich uniformiert muss der* oder die* Beamt*in sein.
Folglich herrscht in Zügen der Deutschen Bahn eine deutlich höhere Polizeipräsenz, die den Passagier*innen mehr Sicherheit zumindest suggeriert. Auch bei kleineren Vorfällen wie etwa Pöbeleien durch alkoholisierte Reisende oder ausschweifenden Streitigkeiten werden nicht selten die mitreisenden Beamt*innen um Hilfe gebeten. Ob sie allerdings eine ähnliche Funktion wie die in US-Amerikanischen Flugzeugen vorkommenden Air-Marshalls inne halten ist zu bezweifeln, da der rein dienstliche und damit wachsame Charakter der Zugfahrt keinesfalls gewährleistet ist. Viel eher wird hier mit den Ängsten der Reisenden gespielt, um die Deutsche Bahn attraktiver zu machen und den Polizist*innen ein ziviles Privileg einzuräumen.
Eine weitere Sicherheitsmaßnahme im Sinne der Bevölkerung soll eine großflächige und detaillierte Beobachtung öffentlicher Plätze durch Kameras darstellen. Überwachungskameras sind in deutschen Bahnhöfen schon seit Jahren zu finden, jedoch werden sie oft als ineffektiv kritisiert. So benutzen sie teilweise sehr abstarkte Videoformate oder verfügen über eine zu geringe Auflösung, als dass Personen oder Tathergänge sicher erkannt werden könnten. Des Weiteren ist die allgemeine Präventivfunktion von Kameras kritisch zu hinterfragen, da Gewalttäter*innen von außen meist nicht als solche zu erkennen sind und selbst bei eindeutiger Identifizierung einer*s Täter*in sich ein Eingriff in die Gefahrensituation oft auf Grund der schierer Größe vieler Bahnhöfe als sehr schwierig gestaltet.
Auch die Durchleuchtung des Gepäcks der Reisenden ist aus ähnlichen Gründen höchst realitätsfern. Deutsche Bahnhöfe sind architektonisch und verkehrsplanerisch nicht auf solche Maßnahmen ausgelegt, noch dazu soll der Zug als flexibles und bequemes Verkehrsmittel erhalten bleiben. Eine zeitaufwendige und stressige Gepäckkontrolle liegt somit eindeutig nicht im Interesse der Deutschen Bahn und damit nicht im Interesse des Staates.

Müssen Zugreisende also nun vermehrt um ihre Sicherheit fürchten? Mitnichten. Auch wenn das verhinderte potentielle Attentat im Thalys-Zug sich zu einer schrecklichen Tragödie hätte entwickeln können, so ist es doch nicht repräsentativ für die Gesamtsituation in Europa.
Insgesamt ist die Zahl an versuchten oder verübten Akten des Terrorismus in Zusammenhang mit dem Schienenverkehr recht gering. Die letzten gravierenden Anschläge fanden 2004 in Madrid, Spanien und 2005 in London, Großbritannien statt. Mehrere in einem Bahnhof, in Zügen bzw. in U-Bahn-Tunneln platzierte Bomben explodierten in kurzen Abständen und richteten verheerende Schäden mit vielen Todesopfern an. Die Attentäter*in Madrid platzierten die Bomben vor den geplanten Detonationszeitpunkten, in London handelte es sich um Selbstmordattentäter*, die die Sprengsätze direkt am Körper trugen. Amokläufe in Zügen ähnlich der Situation, die potentiell in dem Thalys-Zug herrschte, sind europaweit bisher nicht bekannt. Deutlich öfter, jedoch immer noch selten entgleisen Züge auf Grund von manipulierten Weichen oder anderen Bahnvorrichtungen. Solche Vorfälle sind nur schwer zu verhindern, da das Schienennetz viel zu umfangreich ist, als dass es effektiv überwacht werden könnte.

Kontrollen oder allgemeine verschärfte Sicherheitsvorkehrungen an Bahnhöfen würde also kaum potentielle Gewalttäter*innen tatsächlich aufhalten. Stattdessen würde die Freiheit der Reisenden weiter eingeschränkt und massive Privatssphäreverletzungen in Kauf genommen werden. Noch dazu besteht insbesondere in diesem Zusammenhang ein erhöhtes Risiko bezüglich Racial Profiling. Bereits an diesem Punkt des Diskurses rund um den Vorfall im Thalys-Zug wird die marokkanische Nationalität des Täters* von rechtspopulistischer Seite aus genutzt, um erneut gegen Muslim*innen zu hetzen und sie als Gefahr für die öffentliche Sicherheit zu denunzieren. Es wird ein islamistischer Beweggrund vermutet, obwohl mehrere Aspekte der Täter*charakterisierung dagegen sprechen und den jungen Mann* als nicht sonderlich interessiert an Politik oder Religion darstellt. Des Weiteren ist im Grunde auch noch völlig unklar, ob es sich bei dem Vorfall überhaupt um ein Attentat oder einen Amok-Lauf handelt. Auch wenn der Täter* sich allein schon durch das Verletzen mehrere Passagiere strafbar gemacht hat und sein* Handeln ohne Zweifel zu verurteilen ist, so behauptet er selber doch, er hätte die Waffe lediglich zufällig in Brüssel gefunden und nicht die Absicht gehabt, anderen Menschen Schaden zuzufügen.
Nichtsdestotrotz wird dieser Vorfall in den Medien und in sozialen Netzwerken gerne für populistische Zwecke genutzt und gezielt unberechtigte oder irrationale Angst vor Muslim*innen, Nicht-Deutschen und vor Terrorismus allgemein geschürt.

Insgesamt stellt sich also wie so oft die Frage: Was können wir tun, um Terrorismus zu bekämpfen?
Die Antwort darauf ist unbequem und zugegeben auch etwas ängstigend. Wir als Gesellschaft können im Prinzip nichts tun. In einem Staat, der Freiheit und Selbstbestimmung als Teil seines demokratischen Wertesystems verficht, gibt es keine realistischen und gleichzeitig komplett effektiven Möglichkeiten, Terrorist*innen und Gewalttäter*innen frühzeitig zu erkennen und zu stoppen. Terrorismus ist eine Gefahr, die im Zuge der Globalisierung deutlich gestiegen ist und seiner Natur entsprechend ausnahmslos jede*n treffen kann. Wir müssen akzeptieren, dass wir nichts tun können, um jemanden, der wirklich Schaden verursachen will aufzuhalten.
Wichtig ist zu wissen, woher die Motivation für Attentate stammt. In der Regel ist Terrorismus ein Kommunikationsmittel, welches von konkreten Akteur*innen benutzt wird, um ihre individuelle, meist politische Botschaft den aus ihrer Sicht für ihre Probleme verantwortlichen Ländern auf brutale Weise zu verdeutlichen. Dabei wird planmäßig und gezielt vorgegangen. Der eigentliche Botschafts-Empfänger ist der Staat beziehungsweise die Regierung, das physische Ziel der Angriffe aber meist die Bevölkerung oder symbolträchtige Objekte. Die Attentäter*innen wollen also vor allem mediale Aufmerksamkeit für sich und ihre Botschaft erreichen. Je öffentlichkeitswirksamer ein Akt des Terrorismus, desto erfolgreicher.
In diesem Sinne ist die einzige dauerhaft wirksame Präventivmaßnahme das Verhindern der medialen Ausschlachtung solcher Anschläge. Selbstverständlich besteht das nachvollziehbare Bedürfnis nach Gesprächsraum und Aufklärung, welche der Bevölkerung an keinem Zeitpunkt verwehrt bleiben darf. Allerdings ist es höchst nachteilig, Terrorismus in den Mittelpunkt der öffentlichen Berichterstattung zu stellen, da dies genau der primären Intention der Täter*innen gleichkommt. So führt zum Beispiel das häufige Nennen von den Namen der Attentäter*innen zu einer Art von Berühmtheit, welche leicht Nachahmer und Bewunderer aus der Szene anzieht. Any publicity is good publicity.

Terrorimus ist ein schwieriges Thema. Es bewegt Menschen und trifft sie an ihrem empfindsamsten Punkt. Das dies Unsicherheiten und Konflikte schafft ist verständlich, schließlich verdeutlicht es uns, dass niemand jemals wirklich sicher sein kann.
Jedoch darf niemals vergessen werden, dass die Freiheit und Würde jedes*r einzelnen unantastbar bleibt und das ein erhöhtes Sicherheitsempfinden nicht auf Kosten dieser gehen darf. Wir leben mit vielen alltäglichen Gefahren, seien es Verkehrsunfälle, Krankheiten oder Naturkatastrophen. Terrorismus ist leider eine von ihnen geworden. Doch auch wenn eine Gewalttat schmerzt und Unschuldigen unsagbares Leid zufügt, so müssen wir als Gesellschaft uns selbstbestimmt zeigen und uns nicht unsere Werte, Überzeugungen und Ziele nehmen lassen, allen voran unsere Liebe zum Leben und der Freiheit.

Lisa-Marie ist 18 Jahre alt, wohnt in Braunschweig und studiert dort. Sie koordiniert das Fachforum Arbeit, Soziales, Gesundheit und Pflege und ist im Bildungsbeiratspräsidium der Grünen Jugend. Ihr Hobby ist Reden und das tut sie am liebsten über Menschenrechte, Glück und ihre Möbel.

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