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Deutsche “Vergangenheitsbewältigung” und postnazistische Normalität

Die Grüne Jugend ist immer wieder involviert, wenn es darum geht, vor einem Verdrängen und Vergessen der nationalsozialistischen Gräueltaten zu warnen. Ob bei den alljährlichen Anti-Nazi-Demos in Dresden, bei der bevorstehenden Gedenkstättenfahrt anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, bei der Auseinandersetzung mit dem Trümmerfrauenmythos oder der Kritik an der riesigen nationalen Party, die kürzlich zum 25. Jahrestages des Mauerfalls in Berlin stattfand, am Jahrestag der Reichspogromnacht: Immer wieder wird innerhalb des Verbandes thematisiert, dass es Probleme im Umgang der deutschen Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit gibt, ohne wirklich ausbuchstabieren zu können, was denn die Alternative wäre und manchmal auch ohne wirklich anklagen zu können, was falsch läuft.

Aus diesem Grund fand vom 28. bis zum 30. November ein Seminar des Fachforums Nahost statt, welches einen Raum für eine intensive Beschäftigung mit dem Thema Vergangenheitspolitik bieten sollte, zugunsten der Entwicklung von Positionen, mit denen die Teilnehmer_innen innerhalb und außerhalb des Verbandes zukünftig in die Diskussionen um das Erinnern an die Shoah eintreten können. Das Seminar sollte in problematische Dynamiken postnazistischer Erinnerungskultur einführen und eine grundlegende Kritik an Kontinuitäten einer deutsch-österreichischen „Vergangenheitsbewältigung“ vermitteln und für den Umgang mit modernen Debatten über den NS sensibilisieren.

Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit?

Das inhaltliche Programm des Seminars begann mit dem gemeinsamen Lesen des Textes „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit„, den Theodor W. Adorno 1959 veröffentlichte. Er spricht den kollektiven Selbstbetrug der Deutschen an, „die von den Geschehnissen damals nichts gewußt haben wollen, obwohl überall Juden verschwanden, und obwohl kaum anzunehmen ist, daß die, welche erlebten, was im Osten geschah, stets über das geschwiegen haben sollen, was ihnenunerträgliche Last gewesen sein muß“. Max Kausch, Mitglied der GRÜNEN JUGEND Berlin, moderierte das gemeinsame Lesen und sprach mit den Seminarteilnehmer_innen über kritische Tendenzen im deutschen Umgang mit der Geschichte. Adorno kritisiert, dass in Deutschland das Bestreben nach einem Schlussstrich unter die Vergangenheit groß ist, dieser soll das Vergessen legitimieren. Das heutige Sprechen von einer „Vergangenheitsbewältigung“ zeigt das ebenso: Aufgearbeitet sei die Geschichte schon, jetzt müsse es einen abschließenden Vorgang geben.

„Aufgearbeitet wäre die Vergangenheit erst dann, wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt wären“, so Adorno.

Sekundärer Antisemitismus

Der zweite Seminartag begann mit einem Vortrag vom Antisemitismus-Forscher Marc Schwietring, der die Debatte um Norman Finkelsteins 2001 veröffentlichtes Buch „Holocaust Industrie“ vorstellte, welche sich dafür eignet, den Zustand der deutschen „Vergangenheitsbewältigung“ zu Beginn des 21. Jahrhunderts anhand eines konkreten Debattenbeispiels abzubilden. Finkelsteins Buch „Holocaust-Industrie“ ist eine Reaktion auf Daniel Goldhagens Thesen in seinem 1996 veröffentlichten Buch „Hitlers willige Vollstrecker“. Wie der Titel bereits erkennen lässt, stellt Goldhagen die deutsche Bevölkerung im Nationalsozialismus nicht als Opfer Hitlers oder einiger weniger Nazis an, sondern beschreibt die Deutschen als willige, antisemitische TäterInnen. Konkret nennt Goldhagen den eliminatorischen Antisemitismus der deutschen Bevölkerung und die Möglichkeit des deutschen Militärs, Vernichtungsphantasien umzusetzen, als wesentliche Gründe für die Shoah. Diesen Thesen widerspricht Finkelstein, indem er behauptet, dass die Mehrheit der Deutschen die Shoah während des NS verurteilt hätte. Seit dem 6-Tage-Krieg, so Finkelstein, missbrauchten radikal-zionistische Amerikaner_innen die Shoah, um der jüdischen Bevölkerung in den USA und Israels einen Opferstatus zu zu schreiben und gegen antiisraelische Kritik zu immunisieren. Zudem würde mit Schuldausgleichszahlungen Profit geschlagen, sodass der „Holocaust“ angesichts der „Holocaust-Industrie“ zum größten Raubzug der Menschheit werde. Gleichzeitig lobt er immer wieder die Deutschen für ihren großartigen Umgang mit der NS-Geschichte und nimmt die deutsche Bevölkerung vor die in seiner Vorstellung rachsüchtigen, profitgesteuereten, radikal-zionistischen Organisationen in Schutz.

Natürlich wurde die Figur Finkelstein von der Nazi-Szene gehyped. Die Thesen fanden aber auch schnell Anklang in der Mitte der Gesellschaft. So wurde sein wissenschaftlich, methodisch und inhaltlich fragwürdiges Buch zum Bestseller des deutschen Buchmarktes; öffentliche Auftritte in Deutschland waren meist absolut überlaufen. Die Resonanz in der Presse verblieb größtenteils unkritisch. So feiert nicht nur die rechte Zeitung Junge Freiheit Norman Finkelstein als Tabubrecher, sondern auch die Berliner Zeitung und die Welt. Auch die FAZ druckte Finkelsteins Thesen unkommentiert ab. Natürlich wurde medial auch Kritik geübt. Es ist kein Zufall, dass Finkelstein rege Begeisterung bei einem großen Teil der deutschen Bevölkerung auslöste. Wie aktuelle Studien zeigen, sind klassische, antisemitische Vorstellungen wie „Juden geht es nur ums Geld/ haben zu viel Macht“ in der postnationalsozialistischen Gesellschaft sehr tief verankert. Zudem sind viele Deutsche es Leid, an den unangenehmen Teil der deutschen Geschichte erinnert zu werden, um sich mit der eigenen Nationalgeschichte wieder ein bisschen wohler fühlen zu können. Finkelstein, der amerikanische Jüdinnen und Juden zu Störenfrieden der Erinnerung macht, entlastet mit seiner Täter-Opfer-Umkehr alle, die sich nach einem „Schlussstrich“ sehnen und die deutsche Geschichte nicht mehr von Jüdinnen und Juden trüben lassen wollen. Kein Zufall also, dass Finkelstein als Tabubrecher wahrgenommen wurde, der in der Wahrnehmung einiger eben einmal ausspricht, was „alle“ gedacht haben. Und praktisch für die Gegner_innen der Political Correctness und der „Antisemitismus-Keulen“, dass mit ihm ausgerechnet ein Sohn von Shoah-Überlebenden als jüdischer Kronzeuge mal mit einem richtig politisch unkorrekten Wort wie „Holocaust-Industrie“ sagt, wie sehr die mit Schuld überbelasteten Deutschen eigentlich von den Jüdinnen und Juden durch den Kakao gezogen werden. Was nach der längst abgeklungenen, fast vergessenen Finkelstein-Debatte bleibt, ist ein mit dem Chiffre „Holocaust-Industrie“ geschaffenes öffentliches Klima zugunsten sekundär antisemitischer Diskussionen; für offenen Antisemitismus wegen Auschwitz.

„Das Wunder von Bern“ – Kartharsis der Nation

Den nächsten Workshop leitete Sonja Witte von der International Psychological University. Gemeinsam mit ihr sah sich die Gruppe Filmausschnitte zu deutschen Filmen zur NS-Geschichte an und analysierte diese im Zusammenhang mit dem deutschen Umgang mit dem Nationalsozialismus. Im Fokus dabei stand die Darstellung vom Umgang mit der Vergangenheit im 2003 erschienen Film von Sönke Wortmann „Das Wunder von Bern“. Die Geschichte des Films besteht aus drei Handlungssträngen im Nachkriegs-Deutschland von 1954: Eine Familie, dessen Vater zwölf Jahre lang in Kriegsgefangenschaft war und nun zurückkehrt, ein junges Ehepaar – ein Sportreporter und seine Frau, die vom Sport anfangs keine Ahnung hat und ihre Leidenschaft dafür entdeckt, und die Fußballnationalmannschaft von 1954. In allen Teilgeschichten gibt es jeweils eine Person, die nicht wirklich in die Gruppe integriert ist.

Am Ende des Films sind alle in der nationalen Einheit wieder integriert – als Deutschland die Männer-Fußballweltmeisterschaft 1954 gewinnt.

Hier wird, wie in mehreren anderen Filmen, das Bild dreier Generationen aufgemacht: Die TäterInnengeneration, die Generation der durch Geschichte ihrer Eltern belasteten Kinder und die der Enkelkinder. Diese Enkelkindergeneration wird in dem Film durch den jüngsten Sohn der Familie (Matthes) personifiziert. Das besondere an dieser Generation ist, dass diese einen versöhnlicheren Umgang mit der TäterInnengeneration hat, als die Generation zuvor und bereits einen zeitlichen Abstand zur NS-Geschichte hat. Sönke Wortmann erzählt die Geschichte vom „Wunder von Bern“ hauptsächlich aus Matthes‘ Perspektive, der versucht, die TäterInnengeneration, insbesondere seinen Vater, zu verstehen und sich zu versöhnen. Matthes‘ Sicht symbolisiert eine Perspektive, auf die sich alle folgenden Generationen einigen können und gemeinsam in die nun vermeintlich geklärte und schuldfreie Zukunft blicken. Beim „Wunder von Bern“ stellt sich am Ende heraus, dass die Ehefrau des Sportreporters schwanger ist, als sie im Stadion „Deutschland vor!“ schreit – in das das ganze Stadion einstimmt, woraufhin Deutschland das Spiel gewinnt. So ist in dieser Szene schon die nächste Generation präsent, die durch den Sieg im Fußball wieder auf Deutschland stolz sein können soll.

Ähnliche Bilder finden sich in „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ und „Der Untergang“. In der Szene, in der Sophie Scholl vor Richter Roland Freisler im Gericht steht, sagt sie, dass sie nur das ausspreche, was viele Deutsche denken und sich nicht zu sagen trauten. Daraufhin werden betreten blickende Zuhörer des Prozesses gezeigt, deren Gesichter geheime Zustimmung zu Scholl suggerieren. Richter Freisler, der einige Mitglieder der Weißen Rose zum Tode verurteilte, wird in dem Film als tyrannischer Wahnsinniger dargestellt, der von vielen Mitläufern eigentlich abgelehnt wird. Dieses Bild ähnelt der Darstellung von Adolf Hitler in „Der Untergang“, welcher mehr wie ein durchgedrehter Opa, der zwar unangefochtene Autorität besitzt, vom engsten Umfeld aber nicht mehr wirklich ernst genommen wird. Dadurch werden die Prozessbeobachter bei „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ oder Hitlers Vertraute bei „Der Untergang“, die wiederum für deutsche Bevölkerung stehen, zu ohnmächtigen Mitläufern stilisiert und damit entlastet.

Die eigentlichen „Bösen“ sind symbolisiert durch Figuren wie Freisler und Hitler, die klar von der „normalen Bevölkerung“ abgegrenzt werden. Dass die Zustimmung der deutschen Bevölkerung zum Nationalsozialismus und den Verbrechen die Shoah erst ermöglichte, gerät damit in den Hintergrund.

Auch „Der Untergang“ endet mit der Darstellung einer neuen schuldfreien Generation: Hitlerjunge Peter überlebt zusammen mit Hilters jugendlicher Sekretärin Traudl Junge, die ebenfalls stets als unbedarfte, unschuldige Mitläuferin dargestellt wird, und schreitet mit ihr durch die Trümmer Berlins. Beiden wird hier eine Opferrolle zugesprochen, als sie mit dem Leid des beendeten Krieges konfrontiert werden.

Im Labyrinth des Schweigens

Die Verdrängung der NS-Verbrechen in der Nachkriegszeit verdeutlicht der Film „Im Labyrinth des Schweigens“, den sich die Seminargruppe am Samstagabend gemeinsam im Kino ansah. Er greift die Vorgeschichte der Frankfurter Auschwitz-Prozesse auf: In der Zeit des Wirtschaftswunders werden die Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs unter den Teppich gekehrt; sogar von hohen Staatsanwälten. Wer nach Auschwitz gefragt wird weiß von nichts – und will es auch gar nicht wissen. Ein junger Staatsanwalt will unter der Schirmherrschaft des Generalstaatsanwalts Fritz Bauer die Verantwortlichen für die im KZ Auschwitz geschehenen Gräueltaten unbedingt vor Gericht bringen. Dabei erfährt er bei seinen Recherchen und den Vernehmungen erstmals vom Ausmaß der Shoah und stößt durch den noch von Nazis durchsetzten Staatsapparat immer wieder auf Hindernisse. Der Film sicherte den Gesprächsstoff für den Abend. Insgesamt waren die Teilnehmenden positiv überrascht von der filmischen Inszenierung des Themas.

Der Nationalsozialismus im familiären Gedächtnis

Der letzte Workshop des Wochenendes am Sonntag beinhaltete einen Input von Jacob Hayner, Publizist, über das Erinnern an den Nationalsozialismus in der Familie. Zunächst bemerkte Hayner, dass es einen aktuellen Trend gäbe, deutsche Fernsehfilme über den zweiten Weltkrieg zu produzieren, in denen meist eine deutsche Opfergeschichte mit Happy End inszeniert wird. Ein Bespiel dafür sei der Fernsehfilm „Dresden – Das Inferno“. Aber auch andere Medien, wie etwa die ZEIT in ihrem Artikel „Die Unfähigkeit zu Vertrauen„, wirkten auf einen versöhnlicheren Umgang mit der NS-Vergangenheit hin. Eine Art Generationen-Verständigung, von der auch schon bei Sonja Wittes Workshop die Rede war, soll einen „entspannteren Umgang“ mit der Vergangenheit ermöglichen. Das Ziel: Man wolle sich „mit Deutschland versöhnen“ und endlich wieder schuldfrei fühlen können. Doch wie bereits in Adornos Text die Rede war, kann Aufarbeitung nur erfolgen, wenn das Fortwirken von Strukturen bewusst wird und bleibt. Was zurzeit geschieht, meint Hayner, sei vielmehr eine Pseudoaufklärung. Durch die Individualisierung von Geschichte bleibt der gesamthistorische Kontext im Hintergrund. Jacob Hayner unterteilt die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in drei Arten: Die öffentliche Rede – also der mediale und wissenschaftliche Diskurs-, die nichtöffentliche Rede, die beispielsweise in der Familie stattfindet, und die literarische Rede. Momentan sieht er die Tendenz, die öffentliche Rede durch die nichtöffentliche ersetzen zu wollen. Das heißt also: Eine öffentlich-politische Auseinandersetzung und Aufklärung findet weniger statt, vielmehr besteht das Bestreben nach privaten Gesprächen mit Verwandten der TäterInnengeneration. Dass hierbei aber wie bereits gesagt keine wirkliche Aufklärung, sondern lediglich eine versöhnliche Pseudoaufklärung herauskommt, belegte er anhand der Studie „Opa war kein Nazi“ von Harald Welzer. Im Rahmen der Studie wurden vierzig Familien in Gruppen- und Einzelinterviews zum Wirken von Verwandten im NS befragt. Das Ergebnis war erschreckend geschichtsrevisionistisch:

Je höher der Bildungsabschluss der Befragten, desto höher ist die Tendenz, die eigenen Familienmitglieder der TäterInnengerneration zu Widerstandskämpfer_innen umzudeuten. Außerdem wird zwischen „den Nazis“ und „den Deutschen“ unterschieden und das bekannte Wissen über den Nationalsozialismus nicht auf das eigene Leben und die eigene Familie bezogen.

Aber auch wenn die eigenen Verwandten aus der Zeit erzählen, werden die Erzählungen nur selektiv wiedergegeben. Dabei wird gerne auch heroisiert – die Großmutter, die offen zugibt, dass sie keine Verfolgten bei sich aufnehmen wollte und diese abwies, wird von Kindern und Enkeln in einem Beispiel zur Heldin stilisiert, die in großem Maße Schutzsuchende bei sich aufnahm. Auch wird bei den Erzählungen viel mit Metaphern und Bildern gearbeitet, die dem Ganzen eine gewisse Unschärfe geben. Historisch widerlegte Erzählmythen der nationalsozialistischen Propaganda werden von den Erzählenden übernommen und teilweise sogar wirklich für wahr gehalten. Ein bekanntes Beispiel für einen Deutschen-Opfermythos ist der hochemotional aufgeladene Trümmerfrauen-Mythos, der sich auch in Bezug auf Städte hält, in denen fast ausschließlich Alt-Nazis und ehemalige Soldaten Wiederaufbau betrieben. Weitere Verfälschungen kommen in Form von situativem Verdrehen der Ereignisse zustande. Neben der Heroisierung kommt es dabei auch immer wieder zur Umdeutung zu Opfergeschichten. Mündliche Erzählungen lassen sich natürlich um einiges leichter umdeuten als schriftliche Zeugnisse wie etwa Tagebücher, in denen die TäterInnen beschreiben, wie sehr sie von der nationalsozialistischen Ideologie überzeugt waren. Grundsätzlich wird eben versucht, die Geschehnisse so zu deuten, dass Loyalitätsbeziehungen innerhalb der Familie erhalten bleiben können. Diese Verfälschung und Pseudoaufklärung anzugreifen und die Aufarbeitung der Vergangenheit wieder in die öffentliche Debatte zu tragen, ist aber eine wichtige antifaschistische Aufgabe. Die Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit und Kontinuitäten sollte narütlich auch eine zentrale Aufgabe einer antifaschistischen, Bildungsarbeit leistenden Jugendorganisation wie der GRÜNEN JUGEND sein.

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