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Deutschland – Weltmeister des Gedenkens?

Holocaust Mahnmal - von Velaeda - CC BY-NC-SA 2.0

(Dieser Beitrag erschien zuerst in englischer Fassung im Online-Magazin Ecosprinter)

“Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts ähnliches geschehe“ schreibt Theodor W. Adorno in der „Negative[n] Dialektik“ (1966).

Diesem kategorischen Imperativs folgend, sollte jegliches Gedenken an den Nationalsozialismus und an die Shoah zum Ausschluss künftiger Wiederholung von ähnlichen Verhältnissen führen, also sich der Verantwortung für die Zukunft bewusst sein und dieser nachkommen. Das eigene Denken und Handeln so einzurichten, dass eine Wiederholung von Auschwitz vermieden wird, erfordert Kenntnisse über den ideologischen Zustand einer Gesellschaft, in der die Morde an Millionen Jüdinnen und Juden, Sinti_za und Rom_nja, Behinderten, homosexuellen Männern, so genannten „Asozialen“ und politischen Gegner_innen der Nazis befürwortet oder wenigstens toleriert wurden. Eine kritische Auseinandersetzung mit der NS-Ideologie, die diesen Zivilisationsbruch ermöglichte, ist also grundlegend für jede Art des Gedenkens und des Umgangs mit der Geschichte des Nationalsozialismus.

Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen heißt dabei auch, die bestehenden Kontinuitäten des deutschen Nationalismus sowie antisemitischer und rassistischer Ideologie zu benennen und zu bekämpfen.

Die so genannte “Stunde Null” der europäischen Außenpolitik, also das Ende des zweiten Weltkriegs aufgrund der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945, wird oft als der Zeitpunkt betrachtet, an dem die Ära des Antisemitismus und Rassismus in Deutschland ein Ende hatte. In Wirklichkeit markiert dieses Datum lediglich das Ende der Möglichkeit, nationalsozialistische, rassistische und antisemitische Propaganda öffentlich zu äußern, ohne dafür eventuell belangt zu werden. Die „Stunde Null“ steht also eher für einen Wendepunkt, an dem neu geregelt wurde, welche Bestandteile der NS-Ideologie in welcher Form öffentlich und sanktionsfrei geäußert werden konnten und welche nicht. Der strikte Antikommunismus beispielsweise, der ein wichtiger Teil der NS-Propaganda und der antisemitischen Ideologie war, wurde zum Fundament für den Aufbau einer neuen westdeutschen Identität nach 1945. Während also dieser Bestandteil der NS-Ideologie einfach für den Aufbau der Bundesrepublik verwendet werden konnte, war Auschwitz als Symbol für die nationalsozialistischen Gräueltaten ein hemmender Faktor für eine ungetrübte Identifikation mit der deutschen nationalen Geschichte.

Wie der kürzlich erschienene Film namens „Im Labyrinth des Schweigens“ zeigt, waren die 1950er und 60er Jahre in der BRD von der Verdrängung der Vergangenheit geprägt. Viele (ehemalige) Nazis arbeiteten als Anwälte, LehrerInnen, PolizistInnen, PolitikerInnen und Verwaltungsangestellte.

Vergessen und Schweigen über die Geschehnisse in Arbeits- und Vernichtungslagern war die verbreitete Strategie, um eine deutsche Nachkriegsidentität zu bilden, obwohl Auschwitz passiert war.

Als die 1968er ein Ende des Schweigens und eine Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen forderten und kritisch nach der Beteiligung der älteren Generation daran fragten, setzte eine Veränderung im Umgang mit der Geschichte ein. Während die Bekämpfung der Gründe für Faschismus noch die Motivation der 68er war, wandelten die folgenden Generationen das Gedenken an Auschwitz in ein staatstragendes Element um. Heute wird Deutschland anerkennend „Weltmeister des Gedenkens“ genannt; einige Politiker_innen scheinen stolz auf diesen Titel zu sein. So sagte der frühere Kanzler Gerhard Schröder über das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, dieses solle ein Ort sein, „zu dem man gerne hingeht“1. Auschwitz wurde positiv in die deutsch-nationale Identität integriert und scheint diese nicht mehr per se in Frage zu stellen.

Noch immer leugnen viele den historischen Fakt, dass die große Mehrheit der Deutschen die politische Agenda Hitlers Regimes und damit die Shoah befürwortete oder mindestens tolerierte. Viele lehnen es ab, darüber zu sprechen, weil es ein Unwohlsein mit der nationalen Identität auslöst. Dass Jüdinnen und Juden stets als „Zersetzer“ der nationalen Geschichte angesehen werden, kann in vielen öffentlichen Diskursen, wie beispielsweise der “Finkelstein-Debatte”, beobachtet werden. Oft ist der israelische Staat als sichtbare und nicht zu leugnende Konsequenz der Shoah, die stets an das Geschehene erinnert, die Zielscheibe des Geschichtsrevisionismus oder sekundären Antisemitismus, der so genannte Antisemitismus wegen Auschwitz. Sogar in linken Zusammenhängen wird nationalsozialistische Terminologie genutzt, um die aktuelle israelische Politik zu beschreiben oder sie sogar mit der Shoah gleichzusetzen.

„Die Abwehr der Erinnerung an das Unsägliche das geschah, bedient sich eben der Motive, die es bereiten halfen“, stellten die vom NS-Regime verfolgten Philosophen Adorno und Horkheimer bereits 1959 fest.

Andere Pathologien des deutschen Gedenkens äußern sich in verschiedenen Mythen, in denen Deutsche zu hilflosen Opfern Hitlers gemacht werden und die den großen Rückhalt der Gesellschaft, die die NS-Verbrechen erst ermöglichten, leugnen. Zudem bestehen Missstände in der Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte bzw. der Rolle der eigenen Großeltern zwischen 1933 und 1945, wie Harald Welzers Studie „Opa war kein Nazi“ zeigt.

Aktuell ist die Forderung danach, einen “Schlussstrich” unter das NS-Kapitel der Deutschen Geschichte zu ziehen, sehr stark.

Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung wollen 81 % der Deutschen die Geschichte der Shoah hinter sich lassen.

Dabei würde der Imperativ, alles daran zu setzen, eine Wiederholung der geschehenen Barbarei zu vermeiden, eine nie endende Auseinandersetzung des Gedenkens und Bekämpfung der bestehenden Kontinuitäten erfordern, auch um einer Verantwortung für die Zukunft nachzukommen.

1vgl. Jan Feddersen: Die Erinnerungslücken bleiben. In: die tageszeitung, 10. Mai 2006

Jamila Schäfer war lange Mitglied der SPUNK-Redaktion und studiert in Franfurt am Main Soziologie und Philosophie. Sie ist die Bundessprecherin der GRÜNEN JUGEND.

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