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Deutschlands gegliedertes Schulsystem – Das Abbild einer Klassengesellschaft?

Wohl kaum eine Frage war während meiner Schulzeit so zentral für den Kontakt zu Gleichaltrigen wie die nach der besuchten Schulform. Auch wenn es uns nicht vollkommen klar war, wo die konkreten Unterschiede liegen, waren wir doch überzeugt, dass es einen Unterschied macht – Gymmi, Real oder Haupt?

Das deutsche Schulsystem sieht vor, dass alle Kinder gemeinsam vier (in Berlin und Brandenburg sechs) Jahre lang die Grundschule besuchen. Nach Abschluss jener werden die Schüler*innen im Alter von Zehn bis Elf Jahren nach Leistung und Fähigkeiten getrennt. Grundlage hierfür ist die Empfehlung des*r Klassenlehrer*in, das letzte Wort haben aber immer die Eltern. Sie entscheiden, an welcher Schule sie ihr Kind anmelden.
Die leistungsstärksten Schüler*innen werden in der Regel auf ein Gymnasium geschickt, die weniger starken auf eine Realschule und die leistungsschwächsten auf eine Hauptschule. Die allgemeinbildende Hochschulreife, auch Abitur genannt, kann lediglich auf dem Gymnasium erlangt werden. Die Existenz unterschiedlicher Schulformen in der Sekundarstufe I wird als mehrgliedriges Schulsystem bezeichnet.

Ich selber besuchte ein Gymnasium in Niedersachen. Obwohl meine Schule räumlich in ein Schulzentrum integriert war, in dem sowohl das örtliche Gymnasium als auch die Real – und die Hauptschule untergebracht waren, blieb man als Schüler*in mehrheitlich unter sich. Trotz mancher gemeinsam genutzter Bereiche (wie etwa die Bibliothek oder die Aula) hat man deutlich gespürt: Die sind anders. Eltern, Lehrer*innen und Obrigkeit hielten diese Vorurteile am Leben, indem wir immer wieder daran erinnert wurden, dass wir ,,die Elite Deutschlands“ seien oder dass wir auf dem Pausenhof im Umgang mit den Schüler*innen der anderen Schulformen besonders vernünftig und vorbildlich sein müssten. Des Weiteren wurde nicht selten behauptet, der Beruf des*r Lehrer*in sei ausschließlich am Gymnasium ertragbar oder erstrebenswert, viele Lehrkräfte ,,hätten nicht studiert, um am Ende in einer Hauptschule zu unterrichten“.
Auf so eine Art und Weise über Kinder und Jugendliche und ihre Schulbildung zu sprechen ist schlicht verantwortungslos und desrespektierlich. Auch wenn es selten offen ausgesprochen wurde, der Grundtenor war stets klar. Gymnasiast*innen seien einfach die intelligentesten, vernünftigsten und besten, während Real- und noch stärker Hauptschüler*innen als weniger intelligent, unmotiviert oder unerzogen dargestellt wurden. Gymnasiallehrer*innen seien besser ausgebildet oder allgemein besser in ihrem Beruf, die Klassen oder Lerngruppen ruhiger und lernwilliger.

Die stetige Hintergrundberieselung mit solchen massiv vorurteilsbehafteten und herabwürdigenden Aussagen prägte unser Selbstverständnis und den Blick auf andere Schüler*innen außerordentlich. Leider.
Natürlich sind meine Erfahrungen nicht repräsentativ. Nichtsdestotrotz zeigen sie eine Reihe von weit verbreiteten Denkmustern auf, die zur Ungleichbehandlung von Schüler*innen und damit im Endeffekt zur sozialen Klassenbildung führt.

,,Aus gutem Hause“ – Wie viel Einfluss hat die Familie?

Schon lange steht das mehrgliedrige Schulsystem im Fokus der Kritik. Zum einen ist stark zu bezweifeln, ob das Klassifizieren von Kindern besonders in diesem jungen Alter pädagogisch und ethisch vertretbar ist. Da das individuelle Leistungspotenzial und die Lernfähigkeit sich nicht selten erst während der Pubertät oder sogar noch später entfalten, sind die Noten, mit denen die Schüler*innen die vierte Klasse abschließen, nur selten repräsentativ. Außerdem wird stark bezweifelt, dass die Empfehlung für die weiterführende Schule ausschließlich von den Leistungen abhängt. Viel eher entscheidet der sozioökonomische Hintergrund des Kindes über den Verlauf seines* oder ihres* Bildungsweges.

Laut einer PISA-Studie von 2006 hat ein Kind aus den oberen sozialen Schichten bei gleichem Wissenstand eine 2,7 Mal so hohe Chance, ein Gymnasium zu besuchen, als ein Kind, dessen Eltern keinen akademischen Abschluss haben.
Des Weiteren stellte das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung fest, dass der Intelligenzquotient von Gymnasiast*innen vom siebten bis zum neunten Jahrgang im Durchschnitt um 11,39 Punkte mehr gestiegen als der von gleichaltrigen Realschüler*innen. Dies deutet darauf hin, dass nicht alle Schulformen die Intelligenz ihrer Schüler*innen gleichermaßen fördern und deutlich unterschiedliche Entwicklungschancen bieten.

Insgesamt ist deutlich zu beobachten, dass die Herkunft der Schüler*innen ihre Kompetenzen erheblich beeinflusst. Je sozial und / oder finanziell ,,niedriger“ gestellt, desto geringer die schulischen Fähigkeiten. Auch wenn mehrere Studien dieses Phänomen zuverlässig belegen, sah die Kultusministerkonferenz keinen Grund für eine Änderung der frühen Selektion von Schüler*innen, es wurde lediglich an der ,,Sensibilisierung der Lehrkräfte“ gearbeitet.
Einzig in der Grundschule, der einzigen Schulform, in der (fast) alle Kinder gemeinsam lernen, ist die Leistungsstreuung vergleichsweise gering. Auf Grund dessen wird unter Anderem eine bundesweite Ausweitung der Grundschule auf die fünfte und sechste Klasse gefordert.

Spezielle Schulen, spezielle Schüler*innen?

Einen besonderen Fall stellt die sogenannte Förderschule dar. Diese Schulform bietet sonderpädagogischen Unterricht für Kinder, die in ihren Bildungs-, Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten mehr oder minder stark eingeschränkt sind, sei es durch eine körperliche oder geistige Behinderung oder durch langfristige Erkrankungen.

Es existieren unterschiedliche Fördertypen, um so gut wie möglich auf die jeweiligen Beeinträchtigungen der Schüler*innen eingehen zu können. Unter Anderem gibt es spezielle Schulen für Blinde, Taube oder lernbehinderte Menschen. Etwa 4,5% aller deutschen Schüler*innen besuchten 2007 eine Förderschule, das sind etwa 430.000 Kinder und Jugendliche. Meistens beinhalten diese Schulen einen eigenen Grundschulzweig, sodass sie von der Einschulung bis zum Abschluss besucht werden können.

Förderschulen werden auf Grund ihres Angebots und ihrer schieren Existenz stark kritisiert. Ihre Schüler*innen erzielen an regulären Schulen bessere Ergebnisse und erreichen mit höherer Wahrscheinlichkeit einen Schulabschluss, zu diesem Schluss kam eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Insbesonders körperlich behinderte Schüler*innen würden von einer inklusiven Schulpolitik profitieren. Außerdem schreibt die UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 ein inclusive education system vor, was in Deutschland offiziell mit ,,integratives Bildungssystem“ übersetzt wird. Kritiker sehen darin eine Verwässerung der ursprünglichen Intention, da Integration lediglich Einbeziehung bedeutet, nicht aber volle Inklusion. Der von der Konvention implizierte Rechtsanspruch auf eine inklusive Beschulung wird so nicht deutlich genug gemacht.
Nichtsdestotrotz halten Befürworter der Förderschulen an ihnen als besten Bildungsweg für lernrelevant beeinträchtigte Kinder und Jugendliche fest. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass inklusive Klassen auch mehr sonderpädagogisch geschultes Personal benötigten und Schulen gegebenenfalls barrierefrei oder zumindest barrierearm gestaltet werden müssten. Solche Maßnahmen kosten Geld und stoßen oft auf Widerstand bei den Eltern nicht-behinderter Schüler*innen. Jene befürchten, dass ihre eigenen Kinder durch das angeblich niedrigere Niveau in inklusiven Klassen Nachteile erleiden könnten. Das diese Befürchtungen grundlos sind zeigte 2006 die DESI-Studie: Leistungsheterogenität innerhalb einer Schulklasse hat keinen Einfluss auf die Leistungsentwicklung der nicht-behinderten Schüler*innen.

Die Frage, 0b das deutsche Schulsystem soziale Klassenbildung fördert, ist keine einfache. Sicher ist jedoch, dass es nicht egalitär und im Grunde auch nicht direkt leistungsorientiert ist. Viel eher sind die Kinder, deren Elternhaus sozial besser gestellt ist und die Förderung und Forderung bereits zuhause erfahren, auch in der Schule mit mehr Chancen und mehr Raum zur Selbstentfaltung ausgestattet als diejenigen, die aus sozial benachteiligten Familien stammen.
Es ist erschreckend, wie oft der Bildungsweg und die damit verbundenen Möglichkeiten eines Kindes von Anfang an vorgezeichnet sind. Die unterschiedlichen sozialen Schichten zeigen sich sehr undurchlässig, was mit der Zeit zu Eliten- aber auch Unterschichtsbildung führt. All diese Faktoren tragen im Endeffekt zu der immer weiter auseinander klaffenden Schere zwischen Arm und Reich bei, die auch der Grund für noch mehr überaus weitreichende soziale Missstände ist.

Jedes Kind hat unterschiedliche Bedürfnisse, Begabungen, Einschränkungen und Möglichkeiten. Das die sozioökonomische Herkunft dabei eine wichtige Rolle spielt, ist unumstritten und (realistisch betrachtet) wohl auch kaum änderbar. Jedoch hält Bildungspolitik eine enorme Verantwortung inne, diese umweltbedingten Unterschiede zu irrelevant wie möglich zu machen und allen Schüler*innen unabhängig von ihrer persönlichen Situation faire und gleichverteilte Chancen zu bieten. Elitäres Denken hemmt die Entfaltung des Leistungspotentials aller Kinder und benachteiligt gezielt genau diejenigen, die sich am wenigsten dagegen wehren können.
Wenn wir eine Gesellschaft wollen, in der alle Menschen einen Platz haben und in der Bildung ein Recht und kein Privileg ist, müssen wir aufhören, bereits Zehnjährigen genau so eine Schule zu verweigern

Lisa-Marie ist 18 Jahre alt, wohnt in Braunschweig und studiert dort. Sie koordiniert das Fachforum Arbeit, Soziales, Gesundheit und Pflege und ist im Bildungsbeiratspräsidium der Grünen Jugend. Ihr Hobby ist Reden und das tut sie am liebsten über Menschenrechte, Glück und ihre Möbel.

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