Bildung
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Die Debatte um den Akademisierungswahn: Der Kampf gegen die Öffnung der Hochschulen

The Library - von Zhu - CC BY-NC 2.0

Akademisierungswahn. Ein Wort, das seit der Veröffentlichung des Buchs „Der Akademisierungswahn: Zur Krise der beruflichen und akademischen Bildung“ des ehemaligen SPD-Staatsministers Julian Nida-Rümelin im letzten Jahr durch die Feuilletons, Talkshows und Podiumsdiskussionen spuckt. In diesem Buch kritisiert Nida-Rümelin die Fokussierung der Bildungspolitik auf den Hochschulbereich und die ansteigende Zahl der Hochschul-Absolvent*innen. Dieser Einschätzung schlossen sich schon bald mehrere Expert*innen an, die bemängelten, dass der stärkere Zulauf an die Hochschulen nicht die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes abdecke und zu einer Entwertung der Hochschulbildung führe. Diese Kritik geht einher mit der Forderung nach höheren Zugangsbeschränkungen und einer stärkeren Selektion vor Aufnahme eines Studiums.

Doch was steckt hinter dieser Panikmache? Tatsächlich sind die Zahlen der Studierenden in Deutschland in den letzten Jahren sehr stark angestiegen, hat sich im Vergleich zu 1975 mehr als verdreifacht. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen wurden viele ehemalige Ausbildungsberufe in den letzten Jahren an die Fachhochschulen verlagert und es gibt immer mehr Berufe, für die ein Hochschulabschluss unerlässlich ist. Gleichzeitig haben sich die Hochschulen zu einem Teil für Gesellschaftsgruppen geöffnet, für die ein Studium vor 40 Jahren noch unerreichbar war. So ist der Anteil an Studierenden aus einem nicht-akademischen oder finanziell nicht gut gestellten Elternhaus in den letzten Jahrzehnten stetig angestiegen. Das bedeutet bei Weitem nicht, dass ein Studium heute in keinem Zusammenhang mehr mit dem Geldbeutel steht. Auch heute noch spielen finanzielle Situation, Bildungshintergrund und Herkunft eine enorm große Rolle und von dem Ziel einer Hochschule für alle sind wir noch weit entfernt. Trotzdem gab es auf diesem Gebiet, unter anderem durch die Einführung des BAföG, große Fortschritte und ein Hochschulstudium ist nicht mehr ausschließlich bestimmten Eliten vorbehalten.

Wenn sich die Beschwörer*innen des Akademisierungswahns nun über die steigende Zahl der Studierenden beschweren, ist es genau dieser Prozess der langsamen Öffnung der Hochschulen, dem sie sich entgegenstellen. Der Ruf nach mehr Selektion und stärkeren Zugangshürden an den Hochschulen ist nichts anderes als der Wunsch, diesen Prozess wieder rückgängig zu machen. Hinter diesem Wunsch steht meistens die Angst um den Verlust eigener Privilegien. In der Vergangenheit, als ein Hochschulstudium nur für einen kleinen Teil der Gesellschaft möglich war, bot dieses einen Garant für einen sicheren Beruf und überdurchschnittlich guten Lohn. Durch die Öffnung des Studiums hat dieses auch an seiner Besonderheit und den damit einhergehenden Vorteilen verloren. Deshalb wünschen sich einige Menschen in die Zeit der Eliten-Hochschulen zurück. Hierzu passt, dass die Warnung vor dem Akademisierungswahn fast ausschließlich von Personen kommt, die selbst ein Studium abgeschlossen haben und dieses vermutlich auch für ihre eigenen Kinder beanspruchen. Wer sagt, das nun mal nicht jede*r studieren könne, meint eigentlich, dass bestimmte Menschen wieder vom Studium ausgeschlossen werden müssen. Wer diese Menschen sind, bleibt zwar unausgesprochen, ist aber allen Beteiligten klar. Dass damit Menschen Freiheit genommen wird, selbst über ihren Lebensweg zu entscheiden, und gesellschaftliche Ungleichheiten zementiert werden, wird dabei bewusst in Kauf genommen.

Trotz dieser Kritik hat der Begriff des Akademisierungswahns große Aufmerksamkeit bekommen und den bildungspolitischen Diskurs stark geprägt. Das liegt auch daran, dass Problembereiche angesprochen wurden, die tatsächlich existieren. Das betrifft zum einen die prekäre Stellung der Ausbildungsberufe. Tatsächlich leiden Auszubildende häufig unter nicht ausreichender Bezahlung, mangelnder Mitbestimmung und schlechten Arbeitsbedingungen und es fehlt der politische Wille und Fokus, hieran etwas zu ändern. Das Ausbildungsberufe dadurch an Attraktivität verlieren ist selbstverständlich, steht jedoch in keinem Zusammenhang zu der Öffnung der Hochschulen. Eine Aufwertung der Ausbildung setzt keine Zugangshürden an Hochschulen, sondern politische Maßnahmen und die Unterstützung von Ausbildenden voraus.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei einem Blick auf den Hochschulbereich. Die Hochschulen sind vollkommen überfordert von den steigende Studierendenzahlen – Studierende klagen über überfüllte Hörsäle und zu wenig Sitzplätze in den Bibliotheken, während Professor*innen und Dozent*innen das fehlende Betreuungsverhältnis zu den Studierenden bemängeln und sich nach einer teilweise verzerrten Vorstellung der Vergangenheit zurück sehnen. Diese Überforderung ist jedoch in erster Linie durch eine politische Untätigkeit geschuldet. Der Anstieg an Studierendenzahlen war schon lange vorhersehbar, trotzdem wurde es unterlassen, Hochschulen finanziell so aufzustellen, dass sie dem gewachsen sind. Statt mehr Zugangshürden benötigen die Hochschulen eine bessere Finanzierung, mehr Lehrpersonal und Unterstützung bei der Abarbeitung des Sanierungsstaus. Die Bedingungen müssen sich an die heutige Situation und die neue gesellschaftliche Rolle einer offenen Hochschule anpassen. Die Reaktion auf Überforderung darf jedoch auf keinen Fall Abschottung sein.

In den letzten Jahren wurden erste Schritte auf dem Weg zu einer Öffnung der Hochschulen gegangen. Diese Verbesserungen gilt es zu verteidigen gegen den als Sorge vor dem Akademisierungswahn getarnten Wunsch, zu einem Hochschulsystem zurückzukehren, dass einige bevorteilt und einen großen Teil der Gesellschaft ausschließt.

Ricarda Lang lebt in Berlin und studiert Jura. Ihre politischen Schwerpunkte liegen im bildungs- und hochschulpolitischen Bereich.

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