Demokratie
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Die großen Kämpfe sind doch alle ausgefochten

Wenn das mit dem studentischen Engagement mal besser klappt - hier ein Fotos aus Wien, 2009.

Die großen Kämpfe sind doch alle ausgefochten

Vom alleingelassen fühlen

Das ist hier ist keine sachliche Abhandlung. Keine Argumentation. Kein Artikel. Ich schreibe deswegen nicht mit „Das Autor ist…“-Konstrukten in der dritten Person, sondern direkt und persönlich.

Ich lebe in Baden Württemberg, ich studiere dort und bin auch in der Hochschulpolitik aktiv. Vor einigen Wochen hatten wir da Wahlen. Alle Studierenden und eingeschriebenen Promovierenden waren aufgerufen, ihre Stimme für die jeweiligen Fachschaftsvorstände und das Studierendenparlament abzugeben. Ich selbst habe nicht kandidiert, weil ich es nicht kann, dazu später mehr. Die Wahl habe ich dennoch unterstützt: Ich habe eine unserer Wahlurnen zwei Tage lang geleitet und war auch beim Auszählen dabei.

Damit Stimmen abgegeben werden können, müssen immer mindestens zwei Personen eine Urne betreuen. Freitag Nachmittag half mir einer der letzten Diplomer – deutlich älter als ich, hochschulpolitisch erfahrener und sehr politisch. Dazu gesagt, seine Eltern sind politischer als meine, sie haben ihn früh einbezogen, kritisch diskutiert.

Da immer mehrere Urnen gleichzeitig geöffnet haben, sind wir vernetzt, haben ein zentrales Wähler*innenverzeichnis und können so verhindern, dass einzelne Personen mehrfach abstimmen. Das System stellt auch Statistiken zur Wahlbeteiligung live zur Verfügung. Somit war Freitag schon absehbar, dass die Beteiligung an der Wahl sehr gering ausfallen würde.

Wir kamen an der Urne also ins Gespräch, und kamen auch auf die Wahlen selbst, Hochschulpolitik, studentisches Engagement. Und dann fiel ein Satz, der mir jetzt noch im Kopf nachhallt: „Das wundert mich alles nicht, die großen Kämpfe der Studierendenschaften sind alle ausgefochten.“ Er führte das noch weiter aus. Die Systemfrage sei gesellschaftlich lange ausdiskutiert, der Ostblock ist Geschichte, genau wie das Verbot der Studierendenschaften und allgemeine Studiengebühren.

Der Bogen spannt sich also von globaler Politik bis in den studentischen Alltag und alle Fragen scheinen gelöst, beantwortet, mal zu unseren Gunsten, mal auf unsere Kosten. Alles scheint geregelt und so sieht wohl niemand mehr die Notwendigkeit für die eigene Repräsentation einzustehen. Das klang erstmal plausibel.

Ich schluckte.
Ich schluckte tief.

Die Studierendenschaften waren in Baden Württemberg über Jahrzehnte verboten, weil sie angeblich Nährboden für linken Terror boten. Viele Dinge, die hätten getan werden können, blieben liegen, immer mit der Hoffnung darauf, das eines Tages angehen zu können, wenn wir legale Strukturen bekämen, eine gefestigte Position, Macht. Und jetzt, wo wir sie haben, haben wir die zum Nichtstun? Das führt doch jede Argumentation, jede Sekunde, in der wir darauf hinarbeiteten, wieder legaler Teil der Hochschulen zu werden, ad absurdum, wenn wir jetzt da stehen, und nichts mehr wollen. Wie kann das sein?

Ich bin im Vorstand der Studierendenschaft im Referat für Chancengleichheit. Wir beraten Studierende mit Kind, mit Pflegeaufgaben in der Familie, mit chronischen Krankheiten oder Behinderungen, neurodiverse Studierende. Und in einem Satz: da ist noch elendig viel zu Tun, für all diese Menschen unnötige Hürden aus dem Studium zu nehmen. Wir beraten nicht nur, wir sind im Kontakt mit der Uni, wir reden mit den Zuständigen, wir gehen da Stück um Stück zusammen gegen strukturelle Diskriminierungen vor – oder versuchen das zumindest. Der andere große Arbeitsbereich des Referates ist geschlechtliche Identität. Bevor es Referat für Chancengleichheit hieß, war es das Frauen-Referat. Heute vertreten wir nicht nur Frauen, wir vertreten auch Studierende, die Trans oder Nicht-Hetero sind, versuchen gegen strukturellen Sexismus an der Uni anzugehen.

Konkretes Beispiel: Die Wahlordnung und damit einer der Gründe, warum ich nicht zu dieser Wahl antreten kann. Ich bin trans. Ich führe nicht den Namen, der auf meinem (Studi-)Ausweis steht. Die meisten Menschen an dieser Uni kennen den Namen auf meinem Pass gar nicht. Wozu auch? Nur: Die Wahlordnung erlaubt nur unter dem Namen anzutreten, unter dem eins auch eingeschrieben ist.

Die Wahlordnung könnte die Studierendenschaft ändern, da gab es auch schon Anläufe für, aber bisher gibt es diese Möglichkeiten nicht. Hier wäre eigentlich ein größerer Schritt konsequent. Die Uni müsste es uns ermöglichen, uns unter unseren Namen einzuschreiben. Das ist keine Utopie, an anderen Hochschulen gibt es das schon, rein rechtlich ist das möglich. Also: Wir haben quasi kein passives Wahlrecht und darüber hinaus keine Anerkennung von der Hochschule selbst. Das ist noch lange nicht ausgefochten.

Anderes konkretes Beispiel: Die Uni hat sich seit Jahren in einer Auditierung selbst- verpflichtet, auf dem gesamten Campus Wickeltische einzurichten, die für Angestellte und Studierende unabhängig vom Geschlecht zugänglich sind. Das hängt seit Ewigkeiten in der Luft und geht nicht vorwärts, da sich verschiedene Abteilungen in der Verwaltung gegenseitig auf den Füßen stehen. Im gleichen Audit ist auch ein Eltern-Kind-Lernraum vorgesehen. Die Studierendenschaft arbeitet da drin insgesamt aktiv mit. Dieser Raum ist unsere Aufgabe. Bisher gab es den. Aus unserer Initiative heraus. Ohne Verpflichtung, ohne alles. Die Baugenehmigung lief aus. Jetzt ist der Raum Teil des Audits geworden. Wir müssen also einen anderen bekommen. Die Uni hat sich dazu verpflichtet. Aber auch das hängt, auch aufgrund des allgemeinen Raummangels in der Uni, in der Luft.

Die Uni mag sich verpflichtet haben, aber solange diese Verpflichtungen nicht wirklich umgesetzt werden, ist das Papier eben geduldig. Und so wir fechten weiter.

Letztes konkretes Beispiel: Auch in der Studierendenschaft gibt es Menschen, die weder Mann noch Frau sind – in allen Gebäuden sind aber nur Toiletten für eben diese zwei Geschlechter. Und bevor jetzt irgendwer mit den Augen rollt – ja, ich bin dieses Drecktsthema genau so Leid. Nur: Wenn ich damit aufhöre, gibts für mich halt auch in Zukunft keine Klos, auf denen ich richtig bin.

Punktum. Solange die Uni uns nicht bei unseren Namen nennen will, solange wir nicht wählbar sind, solange es weder Lernräume gibt, in denen wir mit unseren Kindern lernen können, noch Platz, sie zu wickeln, solange wir noch nicht mal einen passenden Ort zum Kacken haben, mindestens so lange sind für mich noch nicht alle Kämpfe ausgefochten. Wenn sie für andere ausgefochten sind, ist das für mich vor allem eins:

Ein Zeichen, dass ich damit allein dastehe. Mehr noch: Dass ich aktiv allein gelassen werde. Probleme sind nicht nicht da, wenn ich sie nicht sehe, sondern, wenn sie keiner sieht.

Das heißt für mich aber auch, dass ich lauter kämpfen muss. Dass ich mehr auf unsere Anliegen aufmerksam machen muss, mehr für sie streiten, lauter für sie streiten. Solange und so laut, bis alle einsehen, dass da noch viel zu viel zu tun ist. So lange und so laut, bis diese wirklich ausgefochten sind. Und dann die Augen und die Ohren offen halten, um nicht eines Tages mal in die gleiche Falle zu tappen.


Antirassistische und antifaschistische Arbeit sind weiterhin große und wichtige Aufgaben in den Studierendenscahften – gehört aber nicht zum Aufgabenbereich unseres Chancengleichheitsreferats. Deswegen taucht das in diesem Text nicht auf.

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