Soziales, Wirtschaft
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Doping, Drogen & der Kapitalismus

Legalize it!“ titelt Florian seinen Artikel pro Legalisierung von leistungssteigernden Substanzen im Sport.

Das ist lustig, denn den Slogan kennen wir ursprünglich aus dem Kontext der Cannabis-Debatte. Und ja, es gibt ganz offenkundig Parallelen zwischen diesen beiden Kontroversen. Immerhin geht es in beiden Fällen um Substanzen, die die psychische und physische Verfassung von Menschen beeinflussen.

Aber genau hier liegt auch schon die Crux: Inwiefern beeinflussen diese Substanzen unsere psychische und physische Verfassung? Und weshalb werden sie überhaupt eingenommen?

Die erste dieser Fragen scheint leicht zu sein. Doping-Mittel erhöhen die Leistungsfähigkeit in bestimmten Fähigkeitsbereichen. Von Cannabis kann man das nur bedingt behaupten, aber bei anderen Drogen, bspw. Speed oder MDMA, fällt es schwer zu sagen, sie hätten keinen positiven Einfluss auf unsere Leistungsfähigkeit – zumindest in gewissen Aspekten.

Die zweite Frage macht die Differenz klarer: Doping wird im Sport betrieben, um die Erfolgswahrscheinlichkeit zu erhöhen. Der Wettbewerb verlangt Spitzenleistungen, Doping bedient diese Nachfrage.

Schneller, höher, weiter! – Das ist der eigentliche Slogan der Doping-Freigabe.

Bei Substanzen wie Cannabis und anderen „Party-Drogen“ liegt ein anderer Anreiz vor:

Spaß. Gelassenheit. Entspannung. Das sind die Schlagworte, um die es geht, wenn „Legalize it!“ gerufen wird.

– Und Selbstbestimmung natürlich. Freiheit. Aber diesen Punkt kann man vermutlich sowohl bei der Doping- als auch bei der Drogen-Legalisierung wiederfinden.

Ziehen wir die eben genannten Motive zur Einnahme der jeweiligen Substanzen nun mal auf die gesamtgesellschaftliche Ebene:

Einerseits ist da das Survival of the Fittest. Wettbewerb, der gewonnen werden soll. Leistungsprinzip. Erfolg um jeden Preis. Das sind Werte & Normen, die wir in der Grünen Jugend entschieden ablehnen. In der Debatte um den Kapitalismus und Marktliberalismus sind sie Kernelemente unserer Argumentation. Wir kritisieren das ewige Erfolgsstreben gegeneinander und das aggressive Manövrieren zum Zweck des sozio-ökonomischen Aufstiegs.

Doping im Sport leistet jedoch genau diesen Idealen Vorschub. Es befeuert das Destruktive im Wettbewerb, indem es diesen verschärft und Rivalität auf eine höhere, riskantere Ebene hebt.

Und andererseits, was macht Cannabis? Was machen Speed, MDMA & Co.? Auf den Coffeeshop-Sofas Amsterdams und den Tanzflächen der Partymetropolen überall in der industrialisierten Welt geht es wohl weniger um Konkurrenz und Verdrängungswettbewerb. Es geht um das Abkapseln aus dem stressigen Alltag in eben jenen Leistungsgesellschaften, es geht um den Slow-Down-Effekt, es geht um Spaß mit Freund_innen. Drogen werden also genau deshalb eingenommen, um dem Wettbewerb des kapitalistischen Alltags endlich entgehen zu können und mal wieder Freude jenseits des ökonomischen Erfolgs zu empfinden.

Party-Drogen könnten so betrachtet zum Symbol des Antikapitalismus avancieren.

Und ja, Florian hat recht: Die gängigen Argumente gegen die Legalisierung von Doping sind hinfällig, sie sind heuchlerisch! Wer Spitzensport betreibt, hat von der eigenen Gesundheit längst Abschied genommen; sie rückt in die Periphere, je intensiver die Leistungsanforderungen werden. Die Vorbildfunktion von Spitzenathlet_innen ist eine Mär, die reale Wettbewerbsverzerrung, allgegenwärtige Korruption und aggressive Ellbogenmentalität ausblendet. Auch die (gesundheitliche) Fürsorgepflicht des Staates gegenüber seinen Bürger_innen ist ein Argument, das ich aus freiheitlichen Gründen nicht unbedingt mittragen möchte. [Kurzer Werbeblock in redaktioneller Sache: Im SPUNK läuft demnächst eine Debatte zum Thema Freiheit an. Yay!] Und Doping-Mittel könnten obendrein viel intensiver und sorgfältiger getestet werden, wenn sie erstmal freigegeben wären und entsprechende Institutionen dafür bereitgestellt würden.

Doch verfehlen all diese Punkte den Kern des Problems:

Doping steht für all das, was ich aus kapitalismuskritischer Perspektive ablehne! Aggressiver, riskanter Wettbewerb. Konkurrenz. Beschleunigung bis ins Nirvana, wie sie schon im Mythos von Ikarus und Daedalus verurteilt wird. Leistungsdruck, und damit einhergehend die Abwertung der zu dieser Leistung nicht Bereiten und Fähigen.

Und aus diesem Grund, nicht aber aus den langweiligen bis scheinheiligen Gründen der zahllosen Anti-Doping-Kampagnen, ist die Legalisierung von leistungssteigernden Substanzen im Sport ein Schritt in die falsche Richtung.

Da hilft es auch wenig, sich auf das Credo der Freiheit zu berufen! Denn was genau können wir für eine Freiheit erwarten, wenn wir Werte & Normen wie die oben genannten (re)produzieren und eine Gesellschaft hervorbringen, in der nur wenige Menschen überhaupt wirklich frei sind.

Denn wirklich frei können Menschen nur dort sein, wo sie sich nicht davor fürchten müssen, dass ihnen ihre Freiheit und Unversehrtheit im nächsten Augenblick schon von Rival_innen im alltäglichen Wettbewerb des „Schneller, höher, weiter!“ abgenommen werden könnte.

Marcel ist 23 Jahre jung, studiert Philosophie, Deutsch, Soziologie und Bildungswissenschaften an der Uni Bielefeld und ist seit April 2014 Mitglied der SPUNK-Redaktion.

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