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Du bist wichtiger als Deutschland!

„Integration ist Bringschuld“ – eine Auffassung, die die deutsche Migrationsdebatte schon seit vielen Jahren prägt. Immer wieder fordern vermeintliche Tabubrrecher_innen wie Thilo Sarrazin, Roland Koch, Bernd Lucke und Konsorten die Anpassung von Migrant_innen an die deutsche Mehrheitsgesellschaft. Auch der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsy, der es sich zum obersten politischen Ziel gemacht hat, Schüler_innen mit Migrationshintergrund durch bildungspolitische Maßnahmen bestmöglich in die deutsche Mehrheitsgesellschaft zu „integrieren“, machte dies zu seinem Leitsatz. Ganz aktuell ist dieser Spruch auf den AfD-Plakaten zur Europaparlamentswahl zu sehen.

Rein oberflächlich betrachtet, scheinen sich derlei Floskeln von rassistischen Aussagen zu unterscheiden, da sie sich auf ein spezielles Verhalten (des Nicht-Integrierens) und nicht auf eine essentialisierte, homogenisierte Menschengruppe zu beziehen scheinen.

Doch ist die Konstruktion verschiedener, kulturell homogener und identischer Herkunftsgruppen Voraussetzung für die Forderung nach Integration in die deutsche bzw. die „abendländische Leitkultur“.

Diese Konstruktion beinhaltet eine Homogenisierung von Individuen, die den konstruierten Kulturen zugeordnet und damit zwangskollektiviert werden. An diese entindividualisierende Zuordnung knüpft sich auch die Zuschreibung von Eigenschaften, die mit der jeweiligen Kultur assoziiert werden. Gemeint sind Zuschreibungen wie „die Italiener und die Griechen sind aufgrund ihrer südländischen Mentalität fauler als die Deutschen“ oder „die Familie spielt bei den Türken eine große Rolle“ etc.

Während der „Multi-Kulti“-Gedanke diese Konstruktion ebenfalls vornimmt, aber versucht, Hierarchien zwischen den Kulturen abzulehnen, steckt hinter dem Integrationsgedanken das Motiv, die deutsche bzw. abendländische Kultur- und Werteordnung zu bewahren.

Hier schwingt also eine Überlegenheitsannahme mit, aus der eine Art Hausrecht des deutschen Staat abgeleitet wird, das ihm zubilligen soll, darüber zu entscheiden, wie sich seine Bewohner_innen zu verhalten haben.

Jene Migrant_innen, die in das Idealbild der bürgerlichen Gesellschaft passen, die „die deutsche Werteordnung“ adaptierten, sind demnach „gute Ausländer“ oder „gut integriert“, während alle anderen dagegen als unerwünscht gelten. Häufig orientieren sich diese Kategorisierungen in „gute und schlechte Bürger“ auch am wirtschaftlichen Erfolg. Auch Fleiß und „wirtschaftliche Produktivität“ gelten als Indikatoren für eine gute Integration in die Gesellschaft.
Appelle zur Integration stehen im Zusammenhang mit der nationalen Identitätsbildung, die das Ziel verfolgt, die kapitalistische Wettbewerbsfähigkeit des Staates zu sichern und sich von dem Unzivilisiertem, Niederen abzugrenzen.

Untermauert wird die Überlegenheitsannahme der abendländischen Kultur häufig mit Vorwürfen an die „niederen Kulturen“ beispielsweise hinsichtlich der Geschlechterrollen bzw. der Unterdrückung der Frau.

Interessanterweise stilisieren sich genau hier oft die allergrößten Chauvinisten zu Kämpfern für die Emanzipation.

Während Sexismus innerhalb der eigenen Kultur nicht thematisiert werden darf, werden Unterdrückungsverhältnisse, da die Vorwürfe gegenüber einer anderen homogenisierten Gruppe geäußert werden, plötzlich aufs Schärfste kritisiert.

Hierbei ist zu betonen, dass die Kritik an religiösen Ideologien und an tradierten Unterdrückungsverhältnissen selbstverständlich Notwendigkeit besitzt, ganz egal wem gegenüber sie geäußert wird. Sie sollte nur nicht vorgeschoben werden, um Menschen kulturbezogen zu diskriminieren. Denn die Zuordnung von Menschengruppen in eine „andere Kultur“ oder das Betonen eines fehlenden Integrationswillens, dient lediglich der Legitimation von Ausschluss und sozialer Benachteiligung von Bevölkerungsgruppen. Da die Gründe für Ausgrenzung bei den diskriminierten Gruppen selbst gesucht werden, dient die Forderung nach Integration von Minderheiten immer der Manifestierung der aktuellen Herrschaftsverhältnisse. Daher ist sie aus einer emanzipatorischen Perspektive abzulehnen.

 

Jamila Schäfer war lange Mitglied der SPUNK-Redaktion und studiert in Franfurt am Main Soziologie und Philosophie. Sie ist die Bundessprecherin der GRÜNEN JUGEND.

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