AntiFa & AntiRa, Artikelserien, Erinnern und Gedenken
Schreibe einen Kommentar

Ein schlechter Start für deutsches Erinnern und Gedenken

Der 27. Januar 1945, der Tag der Befreiung der letzten Überlebenden im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ist heute für uns offizieller Gedenktag an die Millionen Opfer der Shoa. In unseren Köpfen haben wir diesen Tag als das Ende des Leids abgespeichert, die nächste Konfrontation mit den Opfern erfolgt erst wieder viele Jahre später, wenn diese als Zeitzeug_innen von ihrem Überlebenskampf berichten.

Der Kampf der Überlebenden ging jedoch auch nach der Befreiung weiter, ein Zurückkehren zur Normalität war unmöglich. Viele mussten in Lagern untergebracht werden als sogenannte „Displaced Persons“ (Menschen, die während der NS Zeit gezwungen wurden ihre Heimat zu verlassen), teilweise sogar in den ehemaligen, befreiten Konzentrationslagern selbst.

Hatte noch während der Besatzungszeit die Rückgabe von gestohlenem Vermögen an Einzelpersonen begonnen, so erwachte das Interesse der neu gegründeten Bundesrepublik an einer Entschädigung der NS Opfer erst mit einem kommenden Aufschwung und dem Wunsch sich in die westliche Staatengemeinschaft zu integrieren.

Bundeskanzler Konrad Adenauer, dessen erklärtes Ziel es war, „Deutschland aus der Tiefe wieder emporzuheben“, wusste, dass eine Westintegration und Anerkennung als Demokratie nur gelingen konnte, wenn Deutschland sich komplett von nationalsozialistischem Gedankengut distanzierte. Dieses Streben nach Nähe zu den westlichen Mächten, insbesondere der USA, war dabei kein ernsthaftes Streben nach den westlichen „Werten“, sondern viel mehr die Suche nach Schutz vor der „kommunistischen“ Sowjetunion.

Doch scheinbar stand dabei für Adenauer ein weiterer, wichtiger Faktor mit im Raum: „Die Macht der Juden, auch heute noch, insbesondere in Amerika, soll man nicht unterschätzen. Und daher [sic!] habe ich (…) meine ganze Kraft drangesetzt, so gut es ging, eine Versöhnung herbeizuführen zwischen dem jüdischen Volk und dem deutschen Volk.“ Der damalige Bundeskanzler zeigte mit dieser Aussage nicht nur seinen Mangel an Sensibilität und Verständnis für die jüdischen Opfer, sondern auch sein zutiefst antisemitisches Weltbild. Wer Jüdinnen und Juden nur entschädigen möchte, weil er um ihre Macht fürchtet, scheint das Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen nicht verstanden zu haben oder ignoriert es. Doch er stand damit nicht alleine da. Die deutsche Debatte um das sogenannte „Luxemburger Abkommen“ war geprägt von difusen Erklärungen über den „Missbrauch des deutschen Namens“ (Paul Löbe, SPD) und Aussagen über die angebliche Hilfsbereitschaft vieler Deutscher gegenüber Jüdinnen und Juden und einer erdachten Abscheu der „überwiegenden Mehrheit“ gegenüber den NS-Verbrechen.

Im „Luxemburger Abkommen“ waren Anfang 1953 Zahlungen in Höhe von drei Milliarden DM an Israel und 450 Millionen DM an die Jewish Claims Conference für außerhalb von Israel lebende Überlebende vereinbart worden. Dabei hatte die deutsche Seite den Preis deutlich heruntergehandelt, hatte doch Adenauer sich 1949 noch für Zahlungen in Höhe von nur zehn Millionen DM ausgesprochen. Dass Expert_innen die eigentlichen Forderungen der israelischen Regierung von über vier Milliarden noch als gemäßig angesehen hatten und der bittere Beigeschmack des Verhandelns über den „Preis“ von Toten schien egal.

Doch selbst das war der deutschen Bevölkerung noch zu viel. Umfragen zeigten, dass rund 44 Prozent der Befragten eine „Wiedergutmachung“ für überflüssig hielten, lieber sollten die Kriegswitwen und -waisen untersützt werden und die aus den besetzten Gebieten „vertriebenen“ Deutschen. Dass sogar ein Fünftel erklärten, dass Jüdinnen und Juden selbst Schuld an der Shoa hatten wundert dabei kaum noch.

Tatsächlich erreichte Adenauer jedoch mit seinen Bemühungen seine Ziele: zwei Jahre nach dem „Luxemburger Abkommen“ wurde die Bundesrepublik in die NATO aufgenommen und damit ein Teil der Verteidigung des Westens gegen den Ostblock im Kalten Krieg.

Was für Adenauer den „Abschluss des für jeden Deutschen traurigsten Kapitels unserer Geschichte“ bringen sollte, ging in die Geschichte ein als sogenannte „Wiedergutmachung“. Die Absurdität des Wortes, dass etwas wie die Shoa irgendwie wieder gut zu machen wäre, spiegelt dabei die Heuchelei der deutschen Gesellschaft wieder.

Adenauers Wunsch nach einem Abschluss kommt einem aus heutiger Sicht nur zu bekannt vor, nur scheint, wer heute nach einem Schlussstrich schreit, nicht zu wissen, dass diese Forderung fast so alt ist, wie die Verbrechen selbst, unter die dieser Schlussstich gezogen werden soll. Es drängt sich also die Frage auf, ob diese „Wiedergutmachung“ ein tatsächlicher Versuch war das Leid von Menschen nachträglich zu entschädigen, oder ob sie bloß ein Mittel zum Zweck war, ein Mittel auf dem Weg zum kollektiven Vergessen der Verbrechen. Das sich bei einer aufgezwungenen Schuld sehr schnell ein Hass der Schuldigen gegen die Schuldner_innen entwickelt dürfte klar sein – und zeigt sich deutlich in den zahlreichen Fällen von sekundärem Antisemitismus, Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz.

Trotzdem sollte man sich klar machen, dass selbst eine mit einer geheuchelten Entschuldigung übergebene Entschädigung immernoch eine Entschädigung ist. Hätte es keine Gründe für Adenauer gegeben, sich für die Opfer einzusetzen, hätten viele vermutlich zu Lebzeiten überhaupt kein Geld mehr gesehen. Man darf nicht vergessen, dass die Verhandlungen über ihre Entschädigung für viele Menschen die einzige Möglichkeit war, um über das Erlebte zu sprechen und um ihr eigenes Recht nach der Entrechtung durch die Nationalsozialist_innen wieder herzustellen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.