AntiFa & AntiRa
Kommentare 1

Einer von Millionen

94 Jahre alt ist Oskar Gröning heute. Er wurde dieses Jahr angeklagt für seine Tätigkeit als SS-Unterscharführer im Vernichtungslager Auschwitz. Ihm wurde Beihilfe zum Mord an 300 000 Menschen vorgeworfen, 300 000 ungarische Jüdinnen*Juden, die im Jahr 1944 während einem Zeitraum von weniger als 60 Tagen in Auschwitz-Birkenau ermordet wurden. Damit beschränkte sich die Anklage auf die sogenannte „Ungarn-Aktion“, Gröning hatte bereits ab 1942 im Lager Auschwitz gearbeitet.
Seine Aufgabe bestand darin das Geld und die Wertgegenstände der Ankommenden zu beschlagnahmen, damit die SS sich daran bereichern konnte. Ebenfalls wurde er des Dienstes an der Rampe beschuldigt, dem Ort, an dem die Deportierten selektiert wurden und entweder direkt in die Gaskammern geschickt wurden oder erst in das Lager selbst kamen. Dort mussten sie Zwangsarbeit verrichten, bis sie dabei umkamen oder ebenfalls mit Giftgas ermordet wurden.
Der Prozess vor dem Lüneburger Landgericht steht in einer Reihe von „Auschwitz- Prozessen“, die ihren Anfang 1963 mit dem großen Prozess in Frankfurt (Main) nahmen. Der Frankfurter Prozess gilt als Wendepunkt in der westdeutschen Aufarbeitung der deutschen Verbrechen, so widmete sich erstmals ein deutsches Gericht den Verbrechen in den Vernichtungslagern.
Die Angeklagten waren, 20 Jahre nach der Shoa, gut integrierte Mitglieder der Gesellschaft und verweigerten jegliche Form von Schuldeingeständnis oder auch nur ein Eingeständnis des Mitwissens, ganz so, wie der Großteil der deutschen Gesellschaft. Den Deutschen war die Shoa schlicht egal. In einer Umfrage im Oktober 1963 lehnten 54 Prozent die Prozesse ab und unterstützten die Forderung nach einem Schlussstrich. Auch politisch war ein Eingeständnis deutscher Verbrechen maximal ein taktisches Kalkül, um sich mitten im Kalten Krieg die westliche Unterstützung zu sichern.
Die Zahlen zur Strafverfolgung von NS-Verbrecher_innen sprechen dabei in diesem Kontext eine besonders deutliche Sprache der Ignoranz: zwischen 1945 und 2005 wurden Ermittlungsverfahren in 36 393 Fällen eingeleitet. Zu einer tatsächlichen Verurteilung kam es bei 6656 Angeklagten. Von diesen Urteilen waren gerade einmal neun Prozent Haftstrafen über fünf Jahren, genau 166 waren lebenslänglich, dazu kamen noch 16 Todesurteile.
Mitverantwortlich für solche Zahlen war die Tatsache, dass nur Menschen verurteilt werden konnten, denen die individuelle Beteiligung an den einzelnen Verbrechen nachgewiesen werden konnte. Das änderte sich erst 2011, mit dem Prozess gegen den SS-Mann John Demjanjuk in München. Seit diesem Urteil konnten alle, die auch nur in einem Konzentrations- oder Vernichtungslager gearbeitet hatten dafür auch verurteilt werden, als „Teil dieser Vernichtungsmaschinerie“.

Erst dieses Urteil machte eine Anklage gegen Gröning überhaupt möglich und war vor allem eine wichtige, erinnerungspolitische Botschaft – die Shoa wurde von der ganzen „Volksgemeinschaft“ möglich gemacht und von vielen direkt mit ihrer Arbeit, und sei es nur durch das Überweisen von gestohlenem Geld.

Mit seinen 94 Jahren wirkt Gröning nun, wie der alte, nette Opa von nebenan, dazu kommt der im ersten Moment so deutlich erscheinende Unterschied zu den „Monstern“ aus Frankfurt – der Angeklagte bekennt sich selber zu seiner „moralischen Mitschuld“. Was ihm in der öffentlichen Wahrnehmung hier positiv angerechnet wird, ist bei genauerer Betrachtung jedoch beinahe höhnisch. So bezieht sich seine Aussage nur auf sein Mitwissen, jedoch nicht auf seine eigenen Handlungen. In einem Interview mit dem Spiegel im Jahr 2005 bezeichnete er sich selbst lieber als „Rädchen im Getriebe“, juristisch nicht schuldig und stellt die Frage, ob es überhaupt Mithilfe zum Töten war, was er getan habe.
Seine, auch vor Gericht noch mal, betonte Reue und Demut vor den Opfern ist dabei tatsächlich ein Novum, ob sie so gemeint ist oder nicht. Jedoch eines, das im öffentlichen Diskurs Argumenten Aufwind gibt, die Mitleid mit dem Angeklagten wecken wollen. Wie absurd es ist dieses Mitleid einzufordern, sei es aufgrund seines Alters oder aufgrund seines sich „moralisch“ schuldig Fühlens, verdeutlichen auch drei Rechtsanwält_innen von Nebenkläger_innen in ihrem Plädoyer: „Ja, er ist ein gebrechlicher, ein alter und ein schwacher Mann. Wir sollten aber eines nicht vergessen: wer hatte Mitleid mit den schwachen und wehrlosen Menschen an den Rampen von Auschwitz? Wer hat sich dieser Menschen erbarmt? Niemand. Nicht Oskar Groening und nicht seine Komplizen.“

Wer Mitleid fordert, der fordert es für den 94 Jährigen. Angeklagt ist dieser jedoch für die Beteiligung an Verbrechen, die stattfanden, als er sich als vollkommen zurechnungsfähiger, junger Mensch freiwillig für die SS gemeldet hatte.

Am 15.7.15 wurde Gröning nun schuldig gesprochen und das Urteil verkündet: vier Jahre Haftstrafe. Eine Zeitspanne, die juristisch gesehen sogar noch als Strafmaß für ein Vergehen gilt, erst ab einer Mindeststrafe von fünf Jahren spricht man von einem Verbrechen – angesichts von der Zahl von 300 000 Toten für die er mitverantwortlich gemacht wird schlicht absurd.
Trotzdem wird das Urteil von Seiten der Nebenkläger_innen und von Seiten jüdischer Organisationen begrüßt. Es sei ein „Schritt zur Gerechtigkeit“, erklärten fünf Anwält_innen in einer Erklärung im Namen ihrer Mandant_innen. Bereits der Prozess an sich wurde als eine der letzten Möglichkeiten benannt, zu denen die Überlebenden die Chance hatten über die Verbrechen der Deutschen zu berichten.
Was feststeht ist, dass dieser Prozess und der Schuldspruch nicht nur für die Einzelnen Genugtuung bringen konnte, sondern, dass er hilft die Erinnerung an die Shoa wach zu halten. Nicht nur die Überlebenden werden bald alle verstorben sein, auch auf Seiten der Täter_innen gibt es nur wenige, die noch am Leben sind und nochmal weniger, die noch körperlich fit genug sind für eine Anklage.

Im oben zitierten Plädoyer der drei Anwält_innen heißt es passenderweise: „Oskar Gröning sitzt heute alleine auf der Anklagebank. Es waren aber Zehn- und Hunderttausende, die Teil der Mordmaschinerie waren. Es waren Millionen Deutsche, die von dem Morden wussten und vom Morden profitierten.“

Eine eigentlich so simple Tatsache, die in der deutschen Erinnerung nur all zu gerne unter den Tisch fällt. Die fehlende, vollständige Entnazifizierung und das einfache Abschieben der Schuld auf eine kleine Gruppe von „Bossen des Naziterrorismus“ entlastete jahrelang die deutschen Massen. Bis heute zieht sich dieses Bild durch die gesamte Gesellschaft und wird zu Gunsten eines „harmlosen Party-Patriotismus“ auch noch weiter befeuert. Dass mit Prozessen wie diesem mit dieser Wunschvorstellung nach Schuldlosigkeit gebrochen wird, ist ein Erfolg.
Durch einen solchen Prozess schafft man keine Gerechtigkeit. Richtigerweise erklären die Anwält_innen in ihrem Plädoyer: „Gerecht wäre es, wenn Auschwitz und die Shoa niemals stattgefunden hätten.“ Jedoch sollte das Urteil in Erinnerung rufen, dass ab dem Zeitpunkt, ab dem alle Überlebenden verstorben sind und keine Täter_innen mehr angeklagt werden können, ein enormer Teil der öffentlichen Erinnerung wegbricht. Gerade deshalb ist es Aufgabe aller, sich gegen Geschichtsumdeutungen zu stellen, gegen die Schuldumkehr gegen Jüdinnen*Juden, sich einzusetzen für ein Gedenken an alle Opfergruppen und für eine konsequente Bekämpfung von Antisemitismus, in all seinen Formen.

1 Kommentare

  1. Schmiel sagt

    Interessanter Text. Wenn man es mal durchrechnet, hätte G. rund 7 Minuten pro von ihm (mit-) ermordetem Menschen sitzen müssen. Nun, er hat die Strafe nicht antreten müssen, ist – weil die deutsche Justiz jahrelang ihn nicht in den Knast steckte, obwohl ein rechtskräftiges Urteil vorlag -, vor Haftantritt verstorben. G‘tt hatte dann über ihn zu richten.

    P.S.: Gröning ist freilich für ein Verbrechen, nicht ein Vergehen verurteilt worden. Vergehen sind Delikte, die mit unter 12 Monaten Mindestfreiheitsstrafe (es zählt die mindestens zu verhängende Strafe) oder Geldstrafe geahndet werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.