Bildung, Kultur
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Eliteuniversitäten – eine Selbstkritik

Alte Bogenbrücke über einem Fluss
Clare College Bridge, Cambridge - von Kosala Bandara - CC BY 2.0

Ich studiere Philosophie in Cambridge. Neben Ivy League Universitäten [1] in den USA und Oxford eines der Relikte vergangener Zeiten von Exklusivität und Elfenbeinturmabschottung. Studiere ich in einer toten Institution oder zumindest einer, die nicht in eine progressive, egalitäre Weltvorstellung passt?

Die ZEIT schreibt über dubiose Zulassungsbestimmungen und unüberwindbare Bewerbungsgesprächhürden; der Guardian veröffentlicht Unirankings mit meiner Universität ganz oben; den Platz als Stipendiatin der Heinrich Böll Stiftung habe ich vielleicht auch nicht allein meinem Können zu verdanken; in meinem Schrank hängt eine dieser schicken, schwarzen Roben, die man sonst nur aus Harry Potter kennt; die entsprechenden Schühchen stehen in dem Regal daneben und warten auf das nächste formal Dinner. Das Wochenende in der Bibliothek zu verbringen, ist keine Seltenheit, sondern Normalität und wenn Wäschewaschen schon eine zu lange Essaypause vergönnt, ist es klar, dass ich die Stadt, in der ich lebe, fast nur aus Hörsaalfenstern kenne. Aber natürlich arbeite ich höchstens eine Stunde am Tag, denn alles andere würde die unangreifbare Voraussetzung angreifen, dass nur Genies hier studieren. Selbstzweifel in großem Ausmaß sind wohl auch unvermeidlich Teil dieser Institution, die für meine Bildung (oder Einbildung) über 9000 Pfund im Jahr verlangt.
Während wir über Chancengleichheit und egalitäre Bildung reden, spiegelt die Existenz von Ivy League und Oxbridge eine andere Realität wieder. Egalitarismus wird zur Farce, ähnlich der hochgepriesenen equality of opportunities in den USA, die weder die Realität widerspiegelt noch eine erstrebenswerte Utopie, sondern eine sozialdarwinistische, leistungsorientierte, in höchstem Maße ungleiche Gewinnmaximierungsgesellschaft bezeichnet.

Trotz allem, Chancengleichheit, equality of opportunity, wäre zweifellos ein erster Schritt in Richtung wünschenswerte Gesellschaft, allerdings ein Schritt in weiter Ferne. Geld und Elternhaus bestimmen den Bildungsweg und -ort des Kindes massiv. Intransparenz im System Oxbridge und vorurteilsbedingte Hemmungen (Da gehören Menschen wie ich nicht hin.) sorgen ganz ohne harte Zulassungsbestimmungen für eine natürliche Auslese, von der reiche Akademiker*innenkinder profitieren, alle anderen nicht. Ob Chancengleichheit überhaupt jemals innerhalb des Systems Eliteuniversität erreicht werden kann, nachdem sie jetzt deutlich nicht existiert, – die Frage stellt sich weiterhin. Das Bild, die Elite heranzuziehen, in Formal Halls zu speisen, schwarze Umhänge zu tragen und später wie Papa Tory zu werden, ist fast schon untrennbar mit Institutionen wie Oxford und Cambridge verknüpft. Dieses Image, das die Universitäten, allein schon zur Erhaltung ihrer eigenen Exklusivität und Besonderheit, weiter nach außen hin vertreten werden, schreckt Menschen ab, die dieses Leben nicht von Klein auf im Elternhaus gewohnt sind und sorgt für ein unterbewusstes Gefühl des Fremdseins an einem Ort, zu dem man vielleicht wegen seiner Intelligenz passt, wegen seiner Sozialisation aber nicht. Es wird suggeriert, dass der*die typische Cambridge Student*in auf Bällen tanzt, Austern zum Frühstück isst, seine*ihre Studiengebühren selbst zahlen kann, während sein*ihr Großvater schon durch die selben Gebäude lief, genauso wie sein*ihr Enkel in ein paar Jahren. Klassenerhalt gehört ebenso existentiell zu diesen Institutionen wie Imageerhalt. Reproduktionsmechanismen der Oberschicht laufen, wie Bourdieu [2] formulieren würde, über den Umweg Bildung ab, der maßgeblich durch soziale Herkunft bedingt wird. Das System Cambridge, sowohl Schüler*innen, Eltern, als auch Lehrer*innen, spielt hier seine Rolle und unterstützt so eine Vererbung von Bildung, Macht und Reichtum. Die Institution von ihrer jetzigen Rolle und ihrer Nähe zur Herkunftselite zu trennen, scheint fast unmöglich.
Eliteuniversitäten existieren und überleben durch die Existenz der anderen Seite, die Existenz von unvollständiger, mangelhafter, schlechter oder zumindest nicht perfekter Bildung. Hier profitiert man davon, anders, besser, zu sein. Ziel ist keineswegs eine Angleichung von Bildungschancen, Ziel ist vielmehr die Beibehaltung jeglichen Unterschieds dem Unterschied allein zu Liebe und dem eigenen Ego. Verringert sich das Bildungniveau öffentlicher Einrichtungen oder normaler Universitäten, verringert sich auch das Niveau hier, so könnte man polemisieren, um genau gleich viel, um immer ein Stückchen besser zu stehen als der Rest. Exzellenz wird lediglich auf Vergleichbares bezogen, ein universelles Maß gibt es nicht. Eine gewagte These, die jedoch schwer zu widerlegen ist, denn ein universelles Maß an Bildungsniveau gibt es wohl kaum. Eine gewagte These, die aber ebenso schwer zu untermauern ist. Sicher, Cambridge lebt davon besser als der Rest zu sein, quasi automatisch die oder eine der besten Universitäten dieser Welt, aber das heißt lange nicht, dass die Bildung, die hier ihren Ursprung findet, unantastbar und unerreichbar, der Standard per se ist, sie ist lediglich anders und gibt sich selbst das Attribut “besser”.

Unterschiede zwischen Menschen bezüglich ihres Intelligenzniveaus zu verneinen soll hier nicht mein Anliegen sein. Solche Differenzen in dem, was die Mehrheitsgesellschaft als Intelligenz bezeichnet, existieren offensichtlich. Die Auffassungsgabe einiger ist schneller als die anderer, logisches Denken liegt manchen wie selbstverständlich, andere müssen sich solche Kompetenzen mühevoll erarbeiten. Diese rein deskriptiven Feststellungen beschreiben eine pluralistische Gesellschaft, die Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten vereint und von diesen unterschiedlichen Fähigkeiten in hohem Maße profitiert. Problematisch wird es jedoch, wenn strikte, feste Hierarchien eingeführt werden und aus den Attributen “schnellere Ausfassungsgabe” oder “ausgeprägtes logisches Denken” ein undifferenziertes “besser” wird, wenn Beschreibungen mit Normativem, mit Wertungen vermischt werden. Dies, so mein Eindruck, geschieht unweigerlich bei dem Label Eliteuniversität. Neben mangelnder Chancengleichheit und Intransparenz bei der Zulassung entsteht unweigerlich der Eindruck, dass die Gesellschaft die privilegierten Elitestudent*innen fördert, die anderen aber vernachlässigt, als schlechter ansieht und ihnen daher nur eine Bildung in der zweiten Reihe gewährt. Sicher ist die individuelle Aufmerksamkeit und Betreuung, die ich genieße, die ständige Diskussion mit Elitekommiliton*innen, nur wünschenswert und überaus hilfreich. An der Art, wie Elitebildungseinrichtungen im Vergleich zu anderen Universitäten lehren, ist wenig auszusetzen, vielmehr daran, wie andere Universitäten nicht lehren. Der Standard in Oxbridge und ähnlichem muss nicht gesenkt, vielmehr noch dort und besonders anderswo gehoben werden. Natürlich macht es viel her, von sich sagen zu können, man habe eine exklusive Bildung an einem exklusiven Ort genossen. Ob diese Art der Segregation, die sich auch in den Köpfen der Student*innen festsetzt, wünschenswert ist, bleibt jedoch offen. Neben exzellenter Bildung und Betreuung wird auch ein Hierarchiedenken vermittelt, das die eigene Person weit oben, Menschen mit normalen Universitätsabschlüssen weiter unten ansiedelt. Ein komplexes Gesellschaftsmodell, das die Fähigkeiten jedes*r einzelnen optimal fördert und ein Netzwerk an Funktionen statt einer Pyramide wünscht und erschafft, ist kaum mit der Existenz von elitären Bildungseinrichtungen vereinbar und eine Utopie in weiter Zukunft. Selbst wenn es menschlich und nur natürlich ist, der Einfachheit halber in Strukturen, Schubladen oder Klassen zu denken, rechtfertigt das keine Ausrichtung der Bildung gemäß dieses Denkverhaltens, sondern fordert vielmehr gegenzusteuern.

Die Lösung muss jedoch eine komplexere sein. Statt Eliteuniversitäten abzuschaffen, deren Bildungsniveau an andere anzupassen oder persönlich einen anderen Studienort zu wählen, gilt es am gesamten Bildungssystem zu verändern. Universitäten wie Oxbridge oder Ivy League sind lediglich Symptome eines hierarchischen, normativen Zweiklassensystems, das gewisse, privilegierte, glückliche Individuen fördert, andere jedoch fallen lässt. In gewisser Weise sollte diese Art Bildungseinrichtung sogar als Vorbild dienen: Ihre Art Wissen zu vermitteln, persönlichen Kontakt zu Student*innen zu pflegen und jeden einzelnen zu fördern und fordern muss Ziel und Maßstab jeder Universität sein.

[1] : Liga der US-amerikanischen Elite-Hochschulen: Brown, Columbia, Cornell, Dartmouth, Harvard, Princeton, Pennsylvania und Yale

[2] : Französischer Sozialphilosoph, † 2002

Paula studiert ab diesem Herbst Philosophie in England. Sie ist seit 2014 in der Grünen Jugend und koordiniert das Fachforum Globales und Europa. Außerdem ist sie Mitglied der internationalen Koordination und bei FYEG aktiv. Paula liebt Sartre und verworrene pseudointellektuelle Konversationen

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