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Erinnern & Vergessen vor Ort

Wenn in Deutschland die Themen Geschichtspolitik und NS-Vergangenheitsbewältigung zur Sprache kommen, dann ist entweder schnell zu hören, dass es jetzt endlich mal den oftmals ersehnten ‚Schlussstrich‘ geben müsse1 oder es wird von der bemerkenswerten Leistung Deutschlands im Bereich der Vergangenheitsaufarbeitung gesprochen. Der Direktor der Berliner Denkmalsstiftung für die ermordeten Juden Europas, Uwe Neumärker, beschrieb in einem Interview dieses Phänomen so: „Ich denke schon, dass Deutschland auf eine sehr besondere Weise mit seiner Vergangenheit umgegangen ist. Es hat lange gedauert, sehr, sehr lange. Es ist mittlerweile staatlicher Konsens, das ist auch nicht selbstverständlich, unabhängig von vielleicht einigen kritischen Stimmen. Und wir werden oft auch gefragt aus anderen Ländern: Wie ist es bei euch dazu gekommen? Wie macht ihr das?“2

Auf der nationalen Ebene – insbesondere im Vergleich zu anderen Staaten – empfinden einige Akteure Deutschlands Geschichtspolitik als ‚vorbildlich‘. Es wird von – in Anlehnung an Fußballtiteln – vom ‚Aufarbeitungsweltmeister‘ Deutschland gesprochen. Doch ist diese Leistung tatsächlich so ‚weltmeisterlich‘ und umfassend, wie gerne behauptet wird? Was ist mit den vielen unzähligen Geschichten aus der Provinz? ‚Funktioniert‘ auch die lokale Aufarbeitung der NS-Vergangenheit?

Dieser Beitrag wird einen Wechsel der Bezugsebene vornehmen: Statt weiter nach einer Erinnerungskultur auf Ebene des Nationalstaates zu fragen, sollen nun die lokale Erinnerungskultur und ihre Entstehung im Fokus stehen. Im Anschluss daran soll es dann um die besonderen Schwierigkeiten bei der Erinnerungsarbeit an NS-Ortsgeschichte gehen. Dafür muss jedoch erstmal die Lokalität geklärt werden.

  1. ‚Man kennt sich‘ – Besonderheiten lokaler Räume

Die Besonderheit von kleinteiligen und lokalen, sehr häufig ländlich strukturierten Gebieten hat im Hinblick auf das soziale Miteinander in den Ortschaften zwei Ausprägungen: Auf der einen Seite besteht auf Seiten der EinwohnerInnen eine generell höhere Identifikationsbereitschaft mit dem (überschaubaren) Ort; ebenso sind die Beziehungsnetzwerke der EinwohnerInnen im Ort engmaschig, solide und tragfähig. Mit anderen Worten: ‚Man kennt sich‘ und das zum Teil seit Generationen. Diese Struktur fördert die tendenziell höhere Bereitschaft der Ansässigen, Aufgaben im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements für die „Dorfgemeinschaft“ zu übernehmen, was zunächst einmal ein recht positiver Effekt ist. Auf der anderen Seite ist es angesichts dieser monolithisch wirkenden Geschlossenheit der lokalen Gemeinschaft auch sehr viel schwieriger, abweichendes oder widerständiges Verhalten zu zeigen und einfach mal gegen den Strom zu schwimmen. Dieses Phänomen wird als Konformitätsdruck bezeichnet; unter zumeist subversiver sozialer Kontrolle wird Anpassung erwartet. Das Meinungsklima im Dorf wird nicht selten von örtlichen „MeinungsmacherInnen“ oder „Honoratioren“ geprägt: Diese Honoratioren sind in der Regel KommunalpolitikerInnen, örtliche UnternehmerInnen, Lokalpresse aber auch die große Bandbreite der lokalen Vereine- und Organisationslandschaft von der Feuerwehr bis zum Sportverein. Hier wird der Ton angegeben und die Agenda bestimmt. Als ein weiterer Faktor ist ebenfalls die zunehmend homogene Zusammensetzung (Überalterung und kaum Personen mit Migrationshintergrund) der lokalen Wohnbevölkerung zu nennen und die vielfach vorhandenen Strukturprobleme des ländlichen Raums: Mangelhafte Infrastruktur und Abbau von Einrichtungen der sozialen Daseinsfürsorge, der Rückzug demokratischer Institutionen und fehlende Angebote in den Bereichen Freizeit, Kultur und Bildung.

  1. Entstehung von lokalen Erinnerungskulturen

Gibt es ein gemeinsames Bild von der Vergangenheit, dass von mehreren Menschen geteilt wird? Maurice Halbwachs (1877 – 1945) hat das Konzept des „Kollektiven Gedächtnisses“ entwickelt. Halbwachs beschreibt das Verhältnis zwischen subjektiver Geschichtswahrnehmung von Individuen und wie sich diese individuelle Perspektive auf die Vergangenheit in Gruppenkontexten verändert. „Mit anderen Worten: Der einzelne erinnert sich, aber er bleibt damit nicht allein. Das Milieu, in dem er lebt, bildet einen Rahmen, der Form und Inhalt gemeinsamer Erinnerungen begrenzt und bedingt; die historischen Deutungen und Wahrnehmungsmuster ergeben sich aus einem Zusammenspiel des persönlichen Gedächtnisses und der gemeinsamen, kollektiven Erinnerung. Vergangene Ereignisse verwandeln sich nicht ohne weiteres in Erinnerungen; sie werden dazu gemacht durch das kollektive Bedürfnis nach Sinnstiftung, durch die Traditionen und Wahrnehmungsweisen, die aus den gesellschaftlichen Milieus erwachsen. Insbesondere Nationen produzieren derlei kollektive Erinnerungen, aber das gilt mehr oder weniger für Gruppenbildungen aller Art. Keine Gemeinschaft ohne Gedenkfeiern und Denkmäler, Mythen und Rituale, ohne die Identifizierung mit großen Persönlichkeiten, Gegenständen und Ereignissen der eigenen Geschichte.“3

Die Bezugsebene in dem Zitat ist mal wieder die Nation; allerdings wird ebenso argumentiert, dass dieser Prozess für Gruppenbildungen aller Art gelte. Deshalb möchte ich nun auf die Ebene der lokalen Erinnerungskultur wechseln und außerdem die Bedeutung des konkreten, sinnlich wahrnehmbaren Ortes betonen, der im lokalen Raum eingebunden ist. An Gedenkorten (Denkmäler, Gedenkstätten,…) nimmt diese kollektive Erinnerung an die NS-Vergangenheit eine materielle Form an und wird somit sichtbar.

Wo Verbrechen sichtbar werden, bleiben Konflikte (häufig) nicht aus.

  1. ‚Sowas gab es hier nicht‘ – Widerstände gegen die Aufarbeitung lokaler NS-Vergangenheit

Kommunen sind Schauplätze für geschichtspolitische Auseinandersetzungen. Oder um es mit den Worten der Theorie Maurice Halbwachs zu formulieren: Warum spielt die Zeit des Nationalsozialismus im kollektiven Gedächtnis von vielen kleinen Orten entweder keine oder nur eine nebensächliche Rolle? Verdrängung, Schweigen, Abwehr, Blockade – viele dieser Reflexe sind bereits aus geschichtspolitischen Kämpfen über die Deutungshoheit bekannt.

„Je umfassender das Wissen über Kriegsverbrechen, Verfolgung und Vernichtung ist, desto stärker fordern die familiären Loyalitätsverpflichtungen, Geschichten zu entwickeln, die beides zu vereinbaren erlauben – die Verbrechen der Nazis oder der Deutschen und die moralische Integrität der Eltern und Großeltern.“4

Die systematische Herausnahme der Familienbezüge und des sozialen Nahbereichs aus den Verbrechen des Nationalsozialismus ist eine der zentralen Ergebnisse der Studie von Harald Welzer und seinem Forschungsteam. Das Motto lautet: „Schlimm war das damals, aber hier war es nicht ganz so schlimm“. Für die Beobachtung des lokalen Raums ist dieser Befund selbstverständlich besonders relevant und wird zu einer massiven Hypothek für die Herausbildung einer lokalen Erinnerungskultur. Daneben bestimmen weitere Faktoren eine beständige und rege Erinnerungslandschaft in der Kommune.

  • Häufig ist vor Ort kein Problembewusstsein vorhanden. Initiativen zur Vergangenheitsaufarbeitung kommen häufig von außen und werden nicht selten als ungerechtfertigter Eingriff oder als Angriff (Angst vor Rufschädigung) verstanden. Die Fassade bekommt Risse; das Problem wird verharmlost. Personen, die aus der Mitte der Dorfgemeinschaft stammen, und diese Initiativen aufgreifen werden daher als „Nestbeschmutzer“ wahrgenommen. Nicht mehr das fehlende Gedenken ist das Problem, sondern diejenigen, die es einklagen. Generell gibt es auch in der betreffenden Ortschaft zumeist verschiedene Lager; es kommt zu einer Polarisierung. Statt dies als einen produktiven demokratischen Prozess zu empfinden, herrscht die Wahrnehmung dieser Diskussion über würdiges Gedenken vor Ort als Belastung vor.

  • Unterstützen deutungsmächtige Akteure (Kommunalpolitik, regionale Unternehmen, Lokalpresse, lokalen Vereine) das Bemühen um Erinnerung oder blockieren bzw. ignorieren sie die Erinnerungsarbeit?

  • Wie und in welcher Form findet das Gedenken statt? Wo liegt der konkrete Ort einer Gedenkstätte (Ortsrand vs. Mitte einer Ortschaft?), Wie sieht die Gestaltung des Denkmals aus und wem wird gedacht? (Was beinhalten die Inschriften? Werden Namen und Lebensdaten von konkreten Personen genannt oder wird anonymen Gruppen gedacht?)

  • Nimmt das Gedenken Formen eines ritualisierten und offiziellen Aktes an? Oder gibt es Anreize für die BewohnerInnen ganz individuelle Gedenkformen zu finden und diese zu pflegen? Wird über das Gedenken und die Lehren aus der Geschichte diskutiert und daraus ein Handeln für die Zukunft abgeleitet?

Diese Aufzählung zeigt: Aufarbeitungsprozesse bleiben da stecken, wo die Aufarbeitung anfängt an das persönliche Umfeld des Individuums zu ‚kratzen‘ und droht Unangenehmes für den Ort, Familie, Freunde und/oder Nachbarn ans Licht zu bringen.

Die Praxis des Erinnerns und Gedenkens kommt nicht ohne den Konflikt aus und stellt für die historisch-politische Bildungsarbeit5 eine Herausforderung dar. Auch nach 70 Jahren wurden diese Konflikte in vielen Orten noch nicht oder nur mangelhaft ausgetragen.

1 Zum 70-jährigen Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau hat die Bertelsmann-Stiftung im Januar 2015 eine Studie vorgelegt, wo knapp 80% der Befragten die Geschichte der Schoah „hinter sich lassen“ wollen. Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/deutsches-verhaeltnis-zum-holocaust-die-schlussstrich-befuerworter-1.2319728
2 Quelle: http://www.deutschlandradiokultur.de/deutsche-geschichte-der-bewaeltigungsweltmeister.976.de.html?dram:article_id=296214
3 Quelle: François, Etienne / Schulze, Hagen (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 1, München 2001, S. 13
4 Welzer, Harald; Moller, Sabine; Tschuggnall, Karoline: „Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Frankfurt am Main 2002, S. 53
5 Gerade Bezüge zu den lokalen Lebenswelten bergen eine große Chance für die historisch-politische Bildungsarbeit, weil die Anknüpfung direkt vor Ort ermöglichen. Mit diesem Grundgedanken arbeitet auch das Projekt “Grabe, wo du stehst“: http://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/4290

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