AntiFa & AntiRa, Kolumne
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Frankreich, zwei Monate nach Charlie Hebdo oder wie ich mich selbst leugnete

”Wir haben zehn, die kein Schwein essen. Wir müssen deshalb auch ohne kochen. Sie zwingen uns regelrecht dazu. Wie gesagt, bei uns sind es nur zehn, aber woanders, in Paris, in anderen Großstädten, sind es viel mehr.” Gerade lag ich noch im Bett, nach drei Wochen wieder in dem eigenen und dann schießen mir aus dem Nichts diese Sätze durch den Kopf. Die gerade verzehrte Banane fühlt sich irgendwie flau an in meinem Magen. Ich habe das Bedürfnis zu schreiben.

”Hm, hm.” Das ist alles, was ich antworte. Ein zögerliches Nicken. Tatsächlich alles. Ich will widersprechen, will meinen Kopf gegen die Tischplatte drücken, wild gestikulieren, wie ich es sonst auch immer tue, wenn mir etwas anstößt. Aber ich antworte mit ”hm”. Später sitze ich auf dem Gästebett, schäme mich, versuche zu rechtfertigen, was gerade geschehen ist. Ich hatte keine Wahl. Doch hattest du, du hättest sie damit konfrontieren, ihre Vorurteile gegen die Wand fahren sollen, sagt mir eine Stimme in meinem Kopf. Nein, das war reiner Selbstschutz, sagt mir eine andere.

Zwei Wochen lehrplanpflichtiges Wirtschaftspraktikum in Frankreich sind absolviert. Ich toure nun ein wenig durch das Land. Genau einundachtzig Tage nach den Anschlägen auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo und das jüdische Lebensmittelgeschäft kommt mir die Stimmung nachwievor angespannt vor. Ich sitze am Frühstückstisch einer befreundeten französischen Familie. Die Mutter hat gerade erzählt, dass heute die Kommunalwahlen stattfinden, dass sie gleich gen Wahllokal aufbricht. Vollkommen unbedacht frage ich sie, wie präsent die Front National in der jeweiligen Region sei. Vom Abendessen mit einer anderen französischen Familie weiß ich bereits, dass der Norden Frankreichs noch weiter nach rechts gerückt ist, als der Rest des Landes. ”Jaja, die sind stark hier” bekomme ich als Antwort zu hören. Im Folgenden erklärt sie mir dann, wieso sie diesen Sachbestand zwar als äußerst gefährlich einstufe – aber irgendwie trotzdem vollstes Verständnis für all diejenigen habe, die die FN wählen. Als ob jemand* fragen würde: ”Stehst du hinter menschenverachtenden Ideologien wie Rassismus?” und die Person antwortet mit ”Nein, aber ich hasse Migranten und andere Minderheiten.”

Die Mutter weiß nicht mehr, dass ich Muslimin bin, so viel ist sicher. Am Abend zuvor hatte sie mir noch Schinken angeboten – dass ich Vegetarierin bin, hatte dazu geführt, dass meine Religionszugehörigkeit zu keinem Gesprächsthema wurde – und jetzt lässt sie sich über Menschen meines Glaubens aus, spricht ganz typisch von ”uns” und ”denen” (natürlich war ich in dem ”wir” miteingeschlossen, da sie sich meiner Identität ja nicht bewusst war). Im Folgenden redet sie über Arbeitslosigkeit und vieles mehr, ich spreche wiederum davon, dass es schwierig ist, willkürlich einen Sündenbock herauszupicken, verliere aber weiterhin kein Wort über mich als Muslimin. Ein paar Minuten ringe ich noch mit mir, will sie aufklären, sie damit zu konfrontieren, dass ich selbst ihrem Feindbild nicht entspreche – dann überlege ich es mir doch anders.
Mein Blick fällt auf all die Charlie-Hebdo-Ausgaben der letzten Wochen, die nun scheinbar in jedem französischen Haushalt wiederzufinden sind. Man hat regelrecht das Gefühl, die Leute würden das Satireblatt eher aus Trotz, als aus Interesse am Inhalt kaufen, frei nach dem Motto ”Jetzt erst recht!”. Auch sie zeigte mir gestern kurz nach meiner Ankunft die letzten Ausgaben mit dem aus Fernsehnachrichten bekannten Titelbildern. Wie eine Trophäe, die es nun zu verteidigen gilt. Ich habe genickt, höflich und mit gespieltem Interesse in der neuesten Charlie Hebdo geblättert.

So saß ich dann auf meinem Gästebett, in meinem Gästezimmer und schämte mich. Und so sitze ich auch jetzt gerade auf meinem eigenen Bett. Selbstleugnung. In jenem Augenblick in Frankreich hätte ich mich gerne auf sozialen Netzwerken darüber ausgelassen, mich den tröstenden, anonymen und doch so persönlichen Stimmen meiner Follower*innen, Facebook-Freund*innen oder sonst wem gewidmet und den Selbsthass, die Scham ausgeblendet (ich hatte letztenendes kaum Internet in diesem 2000-Seelen-Dörfchen), musste aber doch allein mit dem Stimmengewirr in meinem Kopf klarkommen.

Die Wahrheit ist: Ich hätte anders reagieren sollen, hätte fragen sollen, was denn so schlimm daran sei, mit anderem Fleisch als Schwein zu kochen. Hätte ihr sagen sollen, dass dieses Wir-Ihr-Denken extrem gefährlich ist, dass die muslimische Minderheit in Frankreich nicht mit den Terrorist*innen gleichgesetzt werden darf, dass damit den Rechten, also den wirklich wirklich Rechten, ein gefundenes Fressen geliefert wird. Aber ich habe geschwiegen.

Ich muss unwillkürlich an ein Gespräch mit Freundinnen von vor ein paar Wochen denken. Wir sprachen über den Migrant*innenanteil in der CDU. Jemand, nicht-migrantisch, sagte, man müsse sich ja geradezu selbst leugnen, um als Mensch mit Migrationshintergrund in diese Partei einzutreten. Jetzt verstehe ich all diejenigen, die genau das tun. Ihre Identität sogar vor sich selbst verschließen. Nicht, dass ich vorher kein Verständnis gehabt hätte – es steht mir grundsätzlich nicht zu, über die Diskriminierungserfahrungen irgendeiner Person zu urteilen – aber dieses Gefühl, diese Scham über einen beträchtlichen Teil der eigenen Identität, ich habe sie an jenem Nachmittag schmerzlich nachempfinden können.

Charlie Hebdo am Kiosk von nebenan. Charlie Hebdo in den Händen des Typen, der mir gegenüber sitzt, Charlie-Hebdo-Minibücher mit ”den Besten Sprüchen der letzten Jahrzehnte”, Charlie-Hebdo-Märtyrer-Sonderausgaben in dem Pressehaus, in dem ich mein Praktikum absolvierte. Tage später erblicke ich dann in Paris kiloweise vertrockneter Rosen in der Allee, die an die Straße des Anschlags grenzt. Mir wird noch einmal auf ungeheuerliche Art und Weise vor Augen geführt, welche Auswirkungen diese Anschläge auf das Image der Religion haben, mit der ich mich seit Kindesalter identifiziere. Was für meine Eltern 9/11 war, könnte für jüngere Generationen Charlie Hebdo bedeuten. Selbstverständlich ist das Ausmaß als solches schwer zu vergleichen, aber die Wellen, die die Anschläge nachsichzogen, sind durchaus äquivalent. Damals, 2001, war ich zu jung, ich bin irgendwie mit einer anti-islamischen Grundstimmung großgeworden, die ich erst später hinterfragt habe, aber in diesen Wochen stelle ich das erste Mal fest, was sich durch CH um ein Vielfaches verschlimmerte: Islamfeindlichkeit ist nicht länger ein Randgruppen-Phänomen, es ist offiziell bei der Mehrheitsgesellschaft angekommen. Jede*r, der*die mir in der U-Bahn begegnet, könnte tendenziell anti-muslimisch eingestellt sein. Meine Religionszugehörigkeit ist jetzt ein Ballast, den ich nur Personen anvertraue, zu denen ich eine Bindung habe, oder die ich als grundsätzlich ”reflektiert(er)” einstufe. Freund*innen, Familie, Personen aus meiner linken Filterbubble. Das wars.

Die Erkenntnis ist nun eine sehr nüchterne. Ich weiß auch nicht so recht, mit wem ich darüber sprechen soll, was ich an jenem Nachmittag am Küchentisch irgendwo in Nordfrankreich tatsächlich gefühlt habe. Ich stelle mir in diesen Tagen häufig die Frage, wie französische Muslim*innen mit solchen Situation umgehen, französische Muslim*innen, die sich wahrscheinlich noch viel häufiger rechtfertigen müssen als meine Wenigkeit. Versuchen sie es wie ich, mit Selbstleugnung? Sind sie selbstbewusster? Ich habe leider nicht mehr die Gelegenheit, mich mit Betroffenen zu unterhalten. Was lediglich bleibt, ist der bittere Nachgeschmack und dieser Artikel.

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