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Frechheit siegt – Mit kreativen Aktionen gegen Mitgliederschwund!

Ein Mitglied der Jeunes Écologistes Bordeaux-Aquitaine bei der Anbringung von Moos-Tags im Rahmen der "Climate Games" zur COP21
Ein Mitglied der Jeunes Écologistes Bordeaux-Aquitaine bei der Anbringung von Moos-Tags im Rahmen der "Climate Games" zur COP21 - Foto: Privat

Die GRÜNE JUGEND schrumpft also. Die dazugehörigen Statistiken kenne ich seit meiner Zeit als Landessprecherin in Sachsen, einem der kleineren GJ-Landesverbände. Damals fand ich diesen Negativtrend vor allem schade. Schade, weil wir alle überzeugt von einem junggrünen politischen Projekt sind und viel Engagement investieren. Warum nur zieht das nicht mehr junge Menschen an?

Als ich nun aus meinem Erasmus-Semester aus Bordeaux zurückkehrte, fielen mir andere Dinge auf. In Frankreich habe ich eine sehr aktive, herzliche und agile Ortsgruppe der Jeunes Écologistes kennengelernt, die einen sagenhaften Mitgliederzuwachs erfährt. Ich habe nach einem Jahr voller Telefonkonferenzen, Vernetzungstreffen und Pressemitteilungen richtig Spaß daran gefunden, raus auf die Straße zu gehen. Gerade in den schwierigen Zeiten, die Aktivist*innen unter dem Ausnahmezustand in Frankreich immer noch erleben. Unsere Aktionen waren oft originell, spontan und zielten auf einen Austausch mit den Menschen um uns. Die Jeunes Écolos sind sich einig, dass sie ein gesellschaftliches Projekt haben, und als jugendliche Graswurzelbewegung die Gesellschaft dafür begeistern wollen.

Was, wenn nicht die rückläufigen Mitgliederzahlen das eigentliche Problem sind, sondern die Attraktivität der GRÜNEN JUGEND in Deutschland? Wenn wir immer weniger junge Menschen zu junggrüner politischer Arbeit inspirieren können?

Pfeilmodell zur Visualisierung

In meinem Studium habe ich eine Vorliebe für das Pfeilmodell entwickelt. Es hilft mir, Ursache, Phänomen und Wirkung auseinanderzuhalten und mir Rahmenbedingungen (Hintergrundvariable), sowie besondere Umstände (intervenierende Variable) vor Augen zu führen. Da ich in Gedanken dieses Modell aufgestellt habe, um über den Negativtrend in der Mitgliederentwicklung nachzudenken, möchte ich euch daran teilhaben lassen:

Strukturproblem Diagramm Alessa

Was sollten wir in der Situation der GJ als Hintergrundvariable berücksichtigen? Wir sind ein sehr großer Bundesverband, bei circa 6.870 Mitgliedern (Stand Anfang 2016) brauchen wir eine gewisse Verwaltung und Koordinierung. Zudem leben wir in einem föderalen Staat. Es ist absolut funktional, dass wir Landesvorstände haben. Die GRÜNE JUGEND ist damit ein „Mehrebenen-System“ mit komplexeren Strukturen und Hierarchien. Das ist nicht immer barrierefrei, aber durchaus notwendig. Die deutsche GRÜNE JUGEND zeichnet sich zudem durch ihre Parteinähe aus. Klar, wir sind weder offiziell, noch unserem Selbstverständnis nach
ein Jugendparteilkader, aber doch recht verbandelt mit Bündnis 90/Die
Grünen. Die französische GJ weist – trotz Anerkennung als offizielle
Jugendorganisation der Grünen – einen viel höheren Grad an
Unabhängigkeit auf. In Bordeaux befinden wir uns zum Beispiel in
„solidarischer Autonomie“ zur grünen Partei.

Warum führt also die von mir attestierte mangelnde Attraktivität zum Mitgliederschwund?

In der bisherigen Debatte wurden drei Gründe genannt, die sich sicherlich überlagern:
1.) GJ-Mitglieder scheiden aufgrund der Altersgrenze ihres Landesverbandes aus. Hier setzen Forderungen nach der Anhebung des Höchstalters an.
2.) Junge Menschen, die sich für politische Ökologie begeistern, werden gleich Parteimitglied. Sie „überspringen“ die GRÜNE JUGEND oder entscheiden sich gegen eine Doppelmitgliedschaft. Wir stehen in diesem Zusammenhang also in einer gewissen Konkurrenz um junge Köpfe zur Partei. Die Idee von automatischen Doppelmitgliedschaften mit „Opt Out“ versucht, diese Menschen in die GJ zu holen.
3.) Es kommen weniger Neu-Mitglieder nach, als Menschen austreten oder über die „Bioklippe“ springen. Das heißt nicht zwingend, dass wir im Durchschnitt altern, wir werden zunächst einfach weniger.

Aufgrund meiner Erfahrung aus dem Landesverband Sachsen plädiere ich für die Anhebung der Altersgrenze – sie sichert uns schlichtweg kurzfristig eine gewisse Mitgliederbasis. Dem zweiten Trend ist schwieriger beizukommen. Es ist toll, wenn junge Menschen Verantwortung in demokratischen Parteien übernehmen. Und zumindest in strukturschwachen Bundesländern, in denen die GJ nicht flächendeckend Fuß fassen konnte, sollten wir auch über Anreize zu Doppelmitgliedschaften nachdenken. 
Unsere Überlegungen müssten jedoch auch an einem weiteren Punkt ansetzen: Warum bevorzugen diese Engagierten die Grünen? Inwiefern unterscheidet sich die GJ von der Partei – inhaltlich, strukturell, in ihrem politischen Aktionsmodus? Oder zugespitzt formuliert: Warum lohnt es sich, in eine politische Jugendorganisation Zeit, Energie und Herzensblut zu investieren, wenn mensch ähnliche inhaltliche Positionen gleich in der Mutterpartei abstimmen lassen könnte, mit der Chance auf parlamentarische Durchsetzung? Und denselben Infoständen? Und einer ähnlichen politischen Kultur?

Für eine Attraktivitätsoffensive

Die tiefgehende Lösung des Mitgliederverlusts ist daher eine Attraktivitätsoffensive. Das soll keine PR-Kampagne sein, sondern die Neuausrichtung all unserer Aktivitäten auf junge Menschen.

Ich bin überzeugt davon, dass wir bei all unseren Aktivitäten unsere Zielgruppe niemals aus dem Blick verlieren dürfen: Meine Auffassung der GJ ist es, dass wir die Jugend ansprechen und von unten eine Transition zu einer nachhaltigen, gerechten Gesellschaft in unserem Lebensumfeld beginnen. Die Jeunes Écolos bekennen sich dazu, mit einem Bein fest in den sozialen Bewegungen zu stehen und mit dem anderen in der (institutionalisierten) Politik. Wie ist im Vergleich die GRÜNE JUGEND in der Gesellschaft verwurzelt und geerdet?

Eine Attraktivitätsoffensive bedeutet konkret, dass wir in unseren Aktionsformen und unserer Kommunikation jugendtauglich sein müssen. Nun fällt mir nach meiner politischen Arbeit mit unserer französischen Schwesterorganisation auf, dass wir manchmal mehr einer Jugendpartei ähneln als einer politischen Jugendorganisation. Ja, es ist wichtig, dass wir unsere Positionen und Beschlüsse in professioneller Weise in der Öffentlichkeit kommunizieren, dazu gibt es Pressemitteilungen. Nur erreichen wir damit die Presse und die Öffentlichkeit. Aber eben nicht die Jugend. Unsere Zielgruppe erreichen wir viel besser mit geistreichen Sharepics in sozialen Netzwerken, die unsere junggrüne Sicht auf (Tages-) Politik auf den Punkt bringen. Oder mit gut recherchierten Infographiken, die öffentliche Debatten mit Fakten und anderen Blickwinkeln bereichern. Es ist mir aus eigener Erfahrung bewusst, dass eine solche Öffentlichkeitsarbeit die Orts- und Landesvorstände, sowie auch den Bundesvorstand im Alltagsgeschäft überfordern würde.

In Frankreich haben die Jeunes Écologistes die landesweite Arbeitsgruppe „Kommunikation“ gegründet, die allen interessierten Mitgliedern die Mitarbeit in der Öffentlichkeitsarbeit ermöglicht. Auf Wunsch der Vorstandsgruppe „Kommunikation“ oder aus eigener Initiative heraus entsinnt und erstellt diese pointierte Medienprodukte. Das neue Corporate Design der GRÜNEN JUGEND, begleitet durch Workshops durch die Corporate Design-Botschafter*innen in den Ortsgruppen, geht daher genau in die richtige Richtung: einer Demokratisierung der Öffentlichkeitsarbeit.

Ein Plädoyer für kreative Aktionen

Noch entscheidender als unsere Kommunikation sind jedoch unsere internen Strukturen und Aktionsmodi. Wir sind unglaublich professionell in unserer Art, eine GJ-Sitzung vorzubereiten, abzuhalten, Pressemitteilungen zu schreiben, Infostände zu planen und uns lokal zu vernetzen. Und ich habe diese Arbeit geliebt. Sie schafft allerdings viele Barrieren für junge Menschen und kann abschreckend wirken.

Ein kleiner Einblick in witzige Aktionen, die die Jeunes Écolos in Bordeaux durchführten:
Im Kontext der Klimaverhandlungen COP21 in Paris haben wir mit Moos-Tags auf Mauern im öffentlichen Raum auf den Klimawandel aufmerksam gemacht. Die Fotos davon gingen über Twitter um die Welt. Unser hüllenloser Kalender stellt jeden Monat saisonales Gemüse vor. Abends streiften wir durch die Innenstadt, knipsten die Schaufensterbeleuchtung großer Läden aus (Lights out!), um diese an ihre gesetzliche Verpflichtung im Kampf gegen Energieverschwendung und Lichtverschmutzung zu erinnern. Oder wir prangerten Sexismus und Konsumwahn auf großflächigen Werbetafeln durch Plakataktionen im öffentlichen Raum an (Anti-pub). Als der Ausnahmezustand in Folge der Attentate im November 2015 in ganz Frankreich Einzug hielt und Demos wie politische Aktionen generell stark einschränkte, änderten die Jeunes Écologistes eben ihren Aktionsmodus: „Unsichtbares Theater“ in Straßenbahnen (bei dem unklar bleibt, wer Schauspieler*in ist), oder Spruchtafeln um den Hals von öffentlichen Statuen bleiben unter dem Radar. Offene Gesprächsforen auf Plätzen regten dazu an, über die Geschehnisse und politischen Reaktionen kritisch nachzudenken. Um gegen sexuelle Belästigung zu sensibilisieren, traten wir mit Passant*innen ins Gespräch und sammelten ihre Erfahrungsberichte auf einem Plakat, um auf diese systematische Unterdrückung aufmerksam zu machen. Ein Kreide-Tag auf den Quais stellte den Parcours einer Frau nach, den sie jeden Tag in öffentlichen Verkehrsmitteln ertragen muss (Hey du…). Die dazugehörige GIF-Animation erzeugte ein großes Echo in sozialen Netzwerken.

Diese Aktionen haben unheimlich viel Spaß gemacht, neue Leute begeistert, Mitglieder angeworben und unsere politische Programmatik in der Stadt und darüber hinaus bekannt gemacht. Ein Austausch origineller Aktionsideen könnte auch in der GJ viel Kreativität freisetzen!

Schlussendlich werden jede Basisgruppe und jeder Landesverband durch Versuch und Irrtum herausfinden, welche Themen vor Ort brennen und welche Aktionsmodi bei den jungen Leuten ziehen. Traut euch, kreativ zu sein und tauscht euch aus! Wenn diese Aktivitäten auf der Straße wieder im Herzen unserer politischen Arbeit stehen, werden sich Strukturen auf allen Ebenen dem neuen Aktionsmodus anpassen müssen.

Ich lade alle ein, leidenschaftlich über die Entwicklung der GRÜNEN JUGEND zu diskutieren, nicht nur über Mitgliederzahlen. Denn das wird uns am Ende wieder voranbringen: unsere Leidenschaft!

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Alessa Wochner studiert Internationale Beziehungen in Dresden. Sie interessiert sich besonders für Fragen der Friedens- und Klimapolitik. Seit ihrem Erasmus-Semester in Bordeaux ist sie auch in der französischen GJ, den Jeunes Écologistes, aktiv.
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Alessa Wochner studiert Internationale Beziehungen in Dresden. Sie interessiert sich besonders für Fragen der Friedens- und Klimapolitik. Seit ihrem Erasmus-Semester in Bordeaux ist sie auch in der französischen GJ, den Jeunes Écologistes, aktiv.

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