Soziales, Wirtschaft
Schreibe einen Kommentar

Freiheit & Markt

Adam Smith, Friedrich A. von Hayek, Milton Friedman, Robert Nozick und all die übrigen Verteidiger_innen des freien Marktes finden, Freiheit sei das höchste Gut, das unsere Gesellschaft hervorbringen kann. Diese Freiheit müsse jedem Individuum in möglichst hohem Maß zugestanden werden und dürfe nur in Ausnahmefällen, bspw. Kriminalität, eingeschränkt werden. Freiheit vor fremden Eingriffen in das eigene Leben gilt in der liberalen Theorie stärker und weiter als in anderen Theorien als fundamentales Recht prima facie, also unter Vorbehalt, aller Individuen.

Beziehen wir Freiheit in diesem Sinn nun auf Steuern und damit auf die Beziehung zwischen Staat und Individuum, benötigen wir ein paar Prämissen, um die liberale These zu verstehen, dass Staat und speziell Steuern möglichst eng der Leine geführt werden sollten, um nicht gegen die Freiheitsrechte der Individuen zu verstoßen.

Die erste Prämisse besagt ganz einfach, dass wir uns und unsere Talente gänzlich selbst besitzen. Die zweite Prämisse beschreibt uns als mündig, also autonom in unserer Willensbildung und Entscheidungsfindung.

Wenn wir nun in einem System, das den Freiheitsrechten gewissermaßen nachkommt, indem es möglichst wenig Einfluss auf unsere ökonomischen Situationen nimmt, miteinander handeln, tun wir dies idealer Weise freiwillig, da autonom, und auf Basis unserer Talente, die wir unser rechtmäßiges Eigen nennen können, da wir unsere Körper selbst besitzen. So kommen wir zu unserem Besitz, den wir rechtmäßig erworben haben, sofern wir niemanden betrogen, bestohlen oder zum Handel gezwungen haben.

Um das zu konkretisieren, nehmen wir uns Michael „Air“ Jordan vor: Der werte Herr verdiente mit Basketball einen nicht zu unterschätzenden Haufen Geld, indem er seine Talente dazu einsetzte, möglichst unterhaltend Sport zu treiben, wofür die Zuschauenden freiwillig Geld bezahlten, das letztlich in Teilen bei Michael ankam. Für seine letzte Saison bei den Chicago Bulls erhielt er so immerhin lockere 31 Millionen US-Dollar für tolles Basketballspielen.

Coole Sache, denken sich die konservativen Marktliberalen da. Kein Diebstahl, kein Betrugt, kein Zwang, alles fair. Warum also nicht?

Ja, warum eigentlich? Abgesehen davon, dass wir uns sinnvollere Investitionen als in körbewerfende Michael Jordans vorstellen können, gibt es einen Haken, den die liberale Theorie gerne übersieht: Was kann Michael Jordan eigentlich dafür, dass er so überragend gut Basketball spielt? Die Schreie aus der marktliberalen Ecke dürften bei dieser Frage ziemlich laut werden. Immerhin hat Michael ja ordentlich geackert und eine Menge Aufwand betrieben, damit er so gut wurde. Wollen wir jetzt etwa behaupten, dass diese Leistungen nicht mehr zählen und wir alle gleich behandeln sollten, ungeachtet der Leistungen, die sie erbringen oder schon erbracht haben?!

Nein, per se wollen wir das nicht. Es geht vielmehr um eine Differenzierung, die in der liberalen Theorie gerne unter den Tisch gekehrt wird, nämlich der Unterschied von Leistung als ergebniszentriert und Leistung als prozesszentriert. Die zweite Form von Leistung könnte auch als Mühe beschrieben werden. Ein simples Beispiel: Zwei Menschen bekommen Geld für das Bauen von Mauern. Der eine Mensch ist muskolös, gut genährt, groß und hat ganz schön Ahnung vom Mauernbauen, stellt an einem Tag zwei große Mauern in die Landschaft und muss dabei nicht einmal schwitzen. Der zweite Mensch ist zierlich, unterernährt und versteht das mit den Mauern einfach nicht so richtig, ist generell nicht so clever, kriegt in der gleichen Zeit nur eine halbe Mauer hin und kollabiert danach fast.

Was wird nun wie belohnt? Und wer hat hier was geleistet? Die erste Person hat definitiv das bessere Ergebnis, zwei dicke Mauern. Aber dafür hat sie sich nicht wirklich anstrengen müssen. Gegenteiliges gilt für den Menschen mit der zierlichen Statur. Doch im Endeffekt wird nicht die Mühe, sondern das Ergebnis belohnt.

Jetzt noch einmal die Frage: Was können die beiden Menschen dafür, dass sie so unterschiedlich ausgestattet und begabt sind? – Vermutlich nicht sonderlich viel.

Und ist es deshalb nicht irgendwie unfair, dass tatsächlich bloß das Ergebnis zählt? Es scheint, als sei die theoretische Chancengleichheit, auf die sich Marktliberale immer gerne berufen, tatsächlich nur theoretisch – oder besser: formal – gegeben. Praktisch gibt es sie nicht. Denn die Voraussetzungen unterscheiden sich schlicht zu sehr, als dass alle Menschen die gleichen Chancen im Wettbewerb des alltäglichen Lebens hätten. Wenn wir unterschiedliche Voraussetzungen haben, sollten wir vielleicht eine andere Einheit zur Bewertung des Verdienstes wählen.

Nehmen wir eine andere Perspektive, um das zu verdeutlichen: Was wäre, wenn unsere Gesellschaft gänzlich anders aussähe, sie nicht mehr auf bestimmte Eigenschaften wert legen würde, sondern auf vollkommen andere?

Woody Allen spielt in einem seiner eigenen Filme einen erfolgreichen Komiker, der nach einiger Zeit einen alten Schulfreund trifft, der Taxifahrer wurde und sich deshalb schlecht fühlt. Sandy, so heißt der Komiker, tröstet seinen Kumpel Jerry, den Taxifahrer, folgendermaßen:

Sandy: „Ich sag dir, im Grunde bin ich immer noch der Junge von nebenan, der Witze erzählt.“

Jerry: „Jaaah …“

Sandy: „Du musst immer daran denken, dass wir in einer Gesellschaft leben, die dem Witz einen außerordentlich hohen Stellenwert einräumt. Stell dir vor, ich wäre als Indianer geboren – die Jungs brauchen nämlich gar keine Komiker –, dann wäre ich jetzt arbeitslos.“

Wiederum lässt sich also die Frage stellen: Was können Menschen dafür, dass sie Erfolg haben? Was ist moralisch relevant für ihren Erfolg, wenn nicht ausschließlich die Mühe, die sie in diesen investiert haben?

Michael und das Mauerbau-Genie mögen innerhalb des Handels-Systems vielleicht fair gewirtschaftet haben, wenn sie für ihre Mühen in hohem Maß entlohnt werden, aber das System, nach dem sie entlohnt werden, scheint nicht sonderlich fair, da sie für etwas belohnt werden, für das sie wenig bis gar nichts können: ihre guten Umstände, ihre Talente und den zufälligen Wunsch der sie umgebenden Menschen nach ihren Produkten.

John Ralws, einer der wohl einflussreichsten Denker_innen unserer Zeit, nennt solche Umstände daher moralisch irrelevant. Gerecht wäre daher bspw., wenn Michael Jordan nach Leistung im Verhältnis zu seinen (zufälligen) Eigenschaften entlohnt würde, bzw. wenn er so besteuert würde, dass der (zufällige) Mangel an diesen Eigenschaften derjenigen, die sich ebenso viel Mühe gegeben haben wie Michael, um tolle Basketballspieler_innen zu werden, ausgeglichen wird.

Rawls unterstützt damit zwei wichtige Prinzipien: Das der Gleichheit – gleiche Mühe, gleicher Lohn – und das der Liberalität – mehr Mühe, mehr Lohn.

Grob umrissen ist das die Grundlage einer politischen Philosophie, die als egalitärer Liberalismus gehandelt wird. Eine Theorie, die als Basis eines sozialen Liberalismus verwendet werden kann, der sich von dem Liberalismus der konservativen Marktliberalen unterscheidet, indem er die glücklichen Umstände der Geburt und des des sozialen Umfelds sowie andere Gegebenheiten, die Individuen nicht bewusst und zielgerichtet beinflussen können, als nicht wertbar für die Definition von legitimen Verdiensten macht.

Freiheit wird so nicht pervers verabsolutiert, sondern in Zusammenhang mit Gleichheit gestellt, in dem sich beide Werte gegenseitig Rechenschaft schuldig sind. Auf diese Weise kann Freiheit auch für jene ermöglicht werden, die weniger glückliche Umstände erfahren und daher im Wettbewerb benachteiligt sind. So verstanden birgt der Liberalismus mehr als die bloß formale Chancengleichheit, nämlich eine Form der praktischen Chancengleichheit, in der faktisch vorherrschende Benachteiligungen, bspw. in der Bildung oder der ökonomischen Situation der Familien von Individuen, berücksichtigt und aufgefangen werden.

Ein sozialer Liberalismus wirkt gegen den exponentiellen Ausbau von Vorteilen der ohnehin schon Privilegierten und die damit verbundene Monopolisierung von Freiheit, Unabhängigkeit und Macht.

Was diese Theorie nun für die Praxis, also die Politik, bedeutet, nennt Rawls zwar nicht, aber wenn ich ihn richtig interpretiere, sollten wir möglichst bald damit anfangen, gesamtgesellschaftlichen ein wenig umzufairteilen und ein System zu entwerfen, das nicht Glück, sondern Selbstverantwortetes belohnt.

Marcel ist 23 Jahre jung, studiert Philosophie, Deutsch, Soziologie und Bildungswissenschaften an der Uni Bielefeld und ist seit April 2014 Mitglied der SPUNK-Redaktion.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.