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Fridays for future: Es geht nicht ums Schuleschwänzen

Klimastreik am 25.01.2019 in Berlin. Foto: RubyImages/Florian Boillot

Seit Ende 2018 gehen Schüler*innen und Studierende jeden Freitag, statt in die Schule oder in die Uni auf die Straße – und das inzwischen weltweit.

Auslöserin der Fridays for Future-Protestwelle war die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg. Heute, nach einem monatelangen Schulstreik vor dem schwedischen Parlament, ist sie zu einer Ikone der Klimagerechtigkeitsbewegung geworden. Im Dezember 2018 erreichte ihre Rede über die absolute Notwendigkeit für sofortiges und konsequentes Vorgehen gegen den Klimawandel hunderttausende Menschen, unter anderem die über 25.000 Schüler*innen und Studierenden, die seit mehreren Monaten in ganz Deutschland während der freitäglichen Schulzeit für eine dringend nötige Änderung in der aktuellen Klimapolitik demonstrieren.

Die Frage nach der Legitimität

In München stieg die Anzahl der Demonstrant*innen von 750 auf bis zu 3500 und liegt im Moment zwischen 2000 und 1000. Während in ganz Bayern Schüler*innen und Student*innen demonstrieren, müssen sie sich anhören, wie Albert Rupprecht (CSU), der bildungspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag ihren Protest als „eine politische Radikalisierung von Jugendlichen“ bezeichnet. An diesem Punkt gebe ich jeden Versuch auf, neutral zu bleiben, denn inwiefern sind die friedlichen FFF Demos bitte „radikal“? Rupprecht begründet diese Bezeichnung mit der Tatsache, dass die Proteste mit einem Verstoß gegen die allgemeine Schulpflicht einhergehe und bezeichnet diesen „Regel- und Gesetzesbruch“ als „vollkommen inakzeptabel“.

Mit dieser Meinung ist er definitiv nicht allein, in der Berichterstattung über Fridays for Future existiert ein klar erkennbarer roter Faden, und zwar die Frage ob es denn legitim sei, für eine Demonstration gegen die aktuelle Klimapolitik die Schule zu schwänzen. Unter der Schlagzeile „Demo statt Unterricht – Sollen die Schüler bestraft werden?“ schreibt Die Zeit am 29.01.2019 lang und breit über die Reaktion verschiedener Schulleiter*innen, Politiker*innen und eines Jugendforschers, letztendlich sind die Meinungen gespalten. Am 25.01.2019 ermutigt die Süddeutsche Zeitung die Schulen – unter der Schlagzeile „Streiken bildet“ – doch „die Gelegenheit [zu] nutzen und das Interesse an der Klimapolitik auf[zu]greifen“, die Autorin spricht von dem politischen Potential, das in einer offenen Auseinandersetzung mit dem Thema liegt. Und schließlich diskutierte der BR auf seiner Website nach der ersten Münchner FFF-Demo lang und breit die Frage, ob und wie die einzelnen Schulen die streikenden Schüler*innen bestrafen werden. In der Mitte des Artikels befindet sich eine kleine Umfrage: „Haben Sie Verständnis, wenn Schüler für die Klima-Proteste ihren Unterricht ausfallen lassen?“. Am 14.02. hatten 30% der Befragten „Ja, auf jeden Fall“ 13,5% „Eher ja“, 14% „Eher nein“ und 38% „Nein, auf keinen Fall“ angekreuzt.
Derart gespaltene Meinungen sind an sich nichts Ungewöhnliches, bei einem so polarisierenden Thema wie der Schulpflicht ist es verständlich, dass viele sich Sorgen machen, ob der akute Mangel an Bildung nicht vielleicht die ein oder andere negative Folge für die kommende Generation haben könnte.

Die falsche Debatte

An diesem Punkt gibt es nur leider eine Sache, die mich irgendwie nicht loslässt…
Nämlich die Tatsache, dass diese Debatte über die Vertretbarkeit von Schulstreiks definitiv nicht die Debatte ist, die im Zusammenhang mit den Freitagsdemos angebracht ist. Anscheinend ist der Grund, warum überhaupt demonstriert wird so weit in Vergessenheit geraten, dass man den verpassten Unterricht als problematischer befindet als das wahre Problem, über das man doch wirklich einmal reden müsste. Das ist nicht die Debatte, die diese Streiks nach sich ziehen sollten. Der Klimawandel stellt eine direkte, akute, wissenschaftlich bis ins Kleinste dokumentierte und belegte Gefahr für den Fortbestand der menschlichen Zivilisation dar. Seit nunmehr 31 Jahren dokumentiert das IPCC (Intergouvernemental Panel on Climate Change), ein Konglomerat von über 500 Wissenschaftler*innen und Vertreter*innen aller UN-Mitgliedsstaaten, in regelmäßigen Berichten die gegenwärtige Situation und prognostiziert die zu erwartenden Folgen des Klimawandels.

Wenn man sich diese Berichte durchliest, kann man sich angesichts der aktuellen politischen Lage nur fragen, ob man im falschen Film gelandet ist.
2018 hatte sich das globale Klima bereits um ca. 1.0 °C erwärmt, eine Erwärmung um weitere 0.5 °C innerhalb der nächsten 30 Jahre lässt sich schon jetzt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit voraussagen. Konsequenzen wie verheerende Dürren und Überschwemmungen, massives Artensterben, die Zerstörung von hunderttausenden Siedlungen, eine Häufung von Wassermangel und zerstörerischen troischen Stürmen, ein Jahrzehnte andauerndes Abschmelzen der Pole und des Grönlandeises und die daraus folgende Flutung von küstennaher Landmasse inklusive mehrerer Weltmetropolen sind schon jetzt garantiert.

Nochmal, damit hier keine Missverständnisse aufkommen, diese Konsequenzen werden uns mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit innerhalb dieses Jahrhunderts mit voller Wucht treffen, und an diesem Punkt gilt es mit nie zuvor gesehenen Flüchtlingsbewegungen, Nahrungs-, und Wasserknappheit zu rechnen – nicht zu vergessen die daraus folgenden massiven politischen Umbrüche…

Mit solchen Aussichten ist es natürlich angenehmer, das Problem zu ignorieren oder einfach aufzugeben – allerdings dürfen wir gerade das auf keinen Fall tun. Wir dürfen eins nicht vergessen: Dass wir noch Zeit haben, um die Situation in den Griff zu bekommen.

Die magische Zahl ist 1,5 °C.

Sollten wir es schaffen, die globale Erwärmung auf diesen Wert zu beschränken, würden die erwarteten Folgen ebenfalls massiv abgeschwächt, potentielle globale Katastrophen abgewendet werden.
Eben zu diesem Zweck wurden 2015 die Pariser Klimaziele festgelegt, zum damaligen Stand der Wissenschaft würde das Einhalten dieser Ziele eine Erwärmung von weniger als 1,5 °C ermöglichen. Allerdings geben aktuellere Beobachtungen an, dass wir die 1,5 °C-Grenze mit hoher Wahrscheinlichkeit so oder so sprengen werden.

Also, wieso steht hier ein übervereinfachter Klimareport in einem Artikel über Fridays for Future?

Aus dem einfachen Grund, dass die Regierungen anscheinend immer noch nicht verstanden haben, wie ernst unsere Lage ist. Bis 2030 sollten die globalen Treibhausgasemissionen definitiv halbiert werden, alles andere könnte eine Erwärmung von über 2,0 °C und somit humane und umweltbezogene Katastrophen von nie gesehenem Ausmaße nach sich ziehen.
Und trotzdem sollen in Deutschland bis 2038 Kohlekraftwerke in Betrieb bleiben, trotzdem sind Fahrverbote für Autos in den meisten Städten utopisch, Langstreckenflüge sind so billig wie nie und es brauchte monatelange Proteste um die Kohleindustrie davon abzuhalten den Hambacher Forst gänzlich abzuholzen. Es ist absurd, wie wenig in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt, für eine bessere Klimapolitik getan wird.
Es ist absurd, dass Schüler*innen überhaupt auf die Straße gehen müssen.
Und es ist eine bodenlos ignorante Unterstellung, die Demonstrant*innen seien „politisch extrem“.

Worte können nicht ausdrücken, wie absurd es sich anfühlt, mit 17 zu merken, dass man demonstrieren gehen muss, weil die Regierungen die geballten Warnungen der wissenschaftlichen Gemeinschaft seit nunmehr 30 Jahren fröhlich ignorieren. Wie absurd es sich anfühlt, zu merken, dass hier politische Pflaster auf offene Fleischwunden geklebt werden und dass Menschen, von denen man noch vor acht Jahren in der Grundschule lernte, sie seien die gerechten Vertreter*innen des Volkes, seit über 30 Jahren wissentlich auf die Zukunft kommender Generationen scheißen.

Hier geht es nicht um Schule schwänzen, hier geht es nicht um einen Verstoß gegen die Schulpflicht oder um 2-6 verpasste Unterrichtstunden – hinter Fridays for Future steckt eine tief sitzende und völlig berechtigte Angst um unsere Zukunft, unsere blanke Existenz.

„Sind Schulstreiks denn in Ordnung?“, darf nicht die Frage sein, die man sich nach mehreren Monaten wöchentlicher Demonstrationen stellt. „Wie können wir so schnell wie möglich so viel wie möglich tun, um unsere Emissionen zu reduzieren?“ schon eher.

Genau deswegen werden die Streiks auch weitergehen, bis die Streikenden seitens der Regierung anerkannt, ihre Forderungen ernst genommen und unsere Zukunft mit dem Respekt behandelt wird, den sie verdammt nochmal verdient hat.

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