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Gedanken zu Nigeria oder wieso Oli das Land verließ

Ein Weg im Wald
Weg - von Frank Behrens - CC BY-SA 2.0

Anmerkung: Das hier ist ein Text, der aus einem Interview mit Oli entstanden ist. Oli hat den Text gelesen und der Veröffentlichung zugestimmt. Der Autor hat dem Ganzen einen Rahmen geschrieben und Hintergrundinformationen hinzugefügt.

Das hier ist die Geschichte von Oli, oder zumindest ein Teil davon.

Oli ist nicht erst seit vorgestern (sprich: seit circa 8 Jahren) in Deutschland und Oli kommt aus einem Land, das in den heutigen Statistiken der Herkunftsländer von Geflüchteten nicht zu existieren scheint, aus Nigeria. Oli ist sein richtiger Name. Oli sieht sich als biafra Igbo („Ibo“). Er möchte vor allem seine Geschichte korrekt wiedergegeben wissen und mehr Leuten erzählen, was ihm und vielen anderen passiert ist, und doch so wenige wissen.

Er möchte vor allem seine Geschichte korrekt wiedergegeben wissen und mehr Leuten erzählen, was ihm und vielen anderen passiert ist und doch so wenige wissen.

Die heutige Bundesrepublik Nigeria oder auch Federal Republic of Nigeria liegt an der Küste Westafrikas. Es leben dort momentan 181 Millionen Menschen.

Oli ist in der Kleinstadt Isuofia im Bundesstaat Anambra im Süden des Landes geboren und aufgewachsen. Die Region gehört zu dem Gebiet, das ursprünglich mal zu “biafra land” gehört hat.

Die Republic of Biafra war ein eigener Staat, der sich 1967 von Nigeria abgespalten und seine Unabhängigkeit erklärt hatte. Dort lebten vor allem Menschen, die sich zur Gruppe der Igbo zählten. Die Abspaltung fand aufgrund der ethnischen, ökonomischen, kulturellen und religiösen Spannungen1 zwischen den verschiedenen Gruppen in Nigeria statt.2 Kurz nach der Abspaltung hat das Nigerian Federal Military Government3 , das den Rest des Landes kontrollierte, einen Krieg gegen Biafra begonnen. Die biafrischen Truppen verloren nach zweieinhalb Jahren letztendlich gegen das nigerianische Militär. In dem Krieg wurde von Nigeria eine großen Blockade um das Biafra-Gebiet aufgebaut, sodass viele Menschen hungerten und zwei Millionen Menschen der Zivilbevölkerung an Hunger und Krankheiten gestorben sein sollen.

Im Januar 1970 kapitulierten die biafrischen Kräfte und Biafra wurde in Nigeria reintegriert.

Oli erzählte, dass er die “depressive“ Stimmung und die Traumata der Menschen dort immer fühlen konnte. Sie alle teilen die Erfahrung der vielen Tötungen des Krieges.

Oli selbst war zur Zeit des Krieges noch nicht auf der Welt, seine Familie war aber daran beteiligt und Menschen aus der Familie sind dabei umgekommen. Isuofia liegt in der Nähe von Uga, einem Ort in dem im Krieg ein Notflughafen eingerichtet wurde, von dem aus viele Kinder zur Rettung in benachbarte Staaten, wie zum Beispiel die Elfenbeinküste, geflogen wurden. Die Auseinandersetzung hat immer um sie herum stattgefunden. Entsprechend gezeichnet war die Region nach dem Krieg und in seiner Kindheit und Jugend. Seine Eltern waren Schmied*innen, wo er in seiner Jugend anfing mitzuarbeiten, sie waren die „ụmụ ụzụ“, was „Kinder von Schmied*innen“ bedeutet.4 Oli erzählte, dass er die “depressive“ Stimmung und die Traumata der Menschen dort immer fühlen konnte. Sie alle teilen die Erfahrung der vielen Tötungen des Krieges.

Nächste Station nach Isuofia war Aba, in einem anderen “Bundesland“, Abía state. Es ist ein durch Industrie geprägtes Gebiet, er lernte dort verschiedene Handwerke. Probleme gab es mit der Sprache, der Dialekt war anders. Den musste er auch lernen. In Aba hat er mehrere Jahre gearbeitet und mit Stoffen gehandelt. Als sich die Möglichkeit bot, in Gombe Geschäfte zu machen, zog er in die circa 1000 km nordöstlich gelegene Stadt um. Dort blieb er nur kurz, weil Igbos vor allem im Norden des Landes von anderen Gruppen5 verfolgt wurden und floh nach Gambia.

2008 wurde er krank, bekam einen Tumor und entschied sich, für eine bestmögliche Behandlung nach Deutschland zu kommen.

Dort fühlte er sich sicher und begann, mit Elektronikware aus zweiter Hand zu handeln. Ein so lukratives Geschäft, dass er sich nach ein paar Jahren eine Reise nach Deutschland leisten konnte. Diese Geschäftsreise ging nach Dortmund und intensivierte die Beziehungen zu den Händler*innen vor Ort in den nächsten Jahren.

2008 wurde er krank, bekam einen Tumor und entschied sich, für eine bestmögliche Behandlung nach Deutschland zu kommen. Die Operationen kosteten ihn so ziemlich sein komplettes Vermögen und da er irgendwann nicht mehr zahlen konnte und noch Operationen ausstanden, beantragte er Asyl in Deutschland, in Braunschweig. Nachdem er wieder gesund war, wurde er erst nach Cloppenburg verlegt und schließlich sein Antrag bewilligt. Seine Situation ist also erstmal gesichert, zumindest so lange er Arbeit hat und das Arbeitsamt mitbekommt, dass er darum bemüht ist.

Er wollte Neues anfangen und die Welt kennen lernen. Ein scheinbar einfacher Wunsch, der aber mit weitreichenden Folgen verknüpft ist.

Er hat sich zwischen seinen Operationen aus verschiedenen Gründen dafür entschieden, in Deutschland bleiben zu wollen. Er wollte über sich selbst nachdenken – wie es ihm bisher ergangen ist und was noch kommen kann; die meisten Menschen, mit denen er aufgewachsen ist, sind mittlerweile tot. Er wollte Neues anfangen und die Welt kennen lernen. Ein scheinbar einfacher Wunsch, der aber mit weitreichenden Folgen verknüpft ist. Oli lebt heute in Oldenburg in Nordwestdeutschland. Damit ist sein Weg nicht vorbei; es wird sich zeigen, was die Zukunft bringt.

Er wünscht sich bezüglich des Konfliktes um die Biafra herum vor allem Frieden.

Er wünscht sich bezüglich des Konfliktes um die Biafra herum vor allem Frieden. Dafür muss in der nigerianischen Gesellschaft eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit stattfinden. Die Regierung des heutigen Staates Nigeria darf sich nicht vor ihrer Verantwortung drücken. Momentan gibt es keine offiziellen Igbo-Repräsentant*innen in der Politik oder der Justiz, die für die Igbo sprechen, meint Oli.

Bisher wurden Leute der Biafra bei öffentlicher Thematisierung des Konfliktes ins Gefängnis gesteckt. Es gab Trauma und Tod auf allen Seiten. Das sollte auch so anerkannt werden, sonst können die Betroffenen und deren Nachkommen nicht zur Ruhe kommen.

Wer sich weiter mit der Biafra beschäftigen möchte, kann das Buch der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie lesen. Es heißt im original “Half of a yellow sun“ und handelt unter anderem vom Nigeria-Biafra Krieg. Oli hat das Buch sehr gefallen.

Der Link zur Seite der Autorin: http://chimamanda.com/books/half-of-a-yellow-sun/

Der Link zur Seite des deutschen Verlags: http://www.fischerverlage.de/buch/die_haelfte_der_sonne/9783596035489

 

1 Igbos wurden zu der Zeit in vielen Teilen des Landes verfolgt und umgebracht. Es ging also auch darum dem Hass und der Gewalt zu entkommen.

2 Meine Hauptquelle zur Biafra ist in diesem Fall der englische Wikipedia-Artikel dazu (zuletzt abgerufen: 10.04.2016). Der Artikel erscheint mir gut recherchiert, mit einer Vielzahl von Quellenverweisen.

3 Frei übersetzt etwa: Militärregierung der Bunderepublik Nigeria, die damalige Militärdiktatur

4 Der Originalbegriff kommt aus der Sprache der Igbo, die ebenfalls Igbo heißt. Ich schreibe hierbei mit *, weil es im englischen „blacksmiths“ heißt und das kein Geschlecht enthält.

5 Oli hat erzählt, dass es vor dem Nigeria-Biafra Krieg ungefähr 350 verschiedene sogenannte ethnische Gruppen gab, von denen viele auch ihre eigenen Sprache oder verschiedenen Dialekte besaßen.

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