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Global, grün und euphorisierend – Bericht vom #Greens2017 aus Liverpool

Ein gemeinsamer Artikel von Julius Rupprecht, Eva Pfannerstill, Anton Jaekel und Laura Mai Ehrich.

Berauschende Erlebnisse beginnen normalerweise eher in der heimischen WG als mit einer stundenlangen Zugfahrt nach Liverpool. Wir haben letztere aber für Euch unternommen und festgestellt: Man kann auch, ohne irgendetwas außer Essen, Trinken und Koffein konsumiert zu haben, tagelang einen ungesund hohen Endorphinspiegel erreichen.

Aber zu den Fakten: Der Kongress der Globalen Grünen (GG), der Europäischen Grünen (EGP), der Grünen aus England & Wales (GPEW) und der Globalen Jungen Grünen (GYG) Ende März war das größte Zusammentreffen grüner Politiker*innen, das jemals stattgefunden hat. Ziel des Kongresses war es, weiter eine gemeinsame Idee davon zu entwickeln, was „to be green“ (engl:“grün sein“) eigentlich bedeutet. Das hat den Hintergrund, dass Kongresse der Globalen Jungen Grünen, der Globalen Grünen und der Europäischen Grünen nur äußerst selten stattfinden – mit Glück alle drei Jahre, in der Regel nur alle fünf. Und wie eben geschrieben: Sie fanden noch nie gemeinsam statt. Auf dem Kongressgelände direkt am Hafenbecken Liverpools vernetzten, diskutierten, stritten und einigten sich ca. 1800 Grüne aus 103 Parteien und 90 Ländern bei vielfältigen Paneldebatten und motivierenden Reden vieler Grüner Akteur*innen. Dieses Rahmenprogramm ermöglichte, viele Leute kennenzulernen, aber auch ganz neue Perspektiven zu gewinnen.

Besonders mitreißend war beispielsweise die Rede von Caroline Lucas, die als einzige Grüne Abgeordnete im britischen Parlament sitzt und sich, wenige Tage nachdem Theresa May den Brexit-Antrag eingereicht hatte, für mehr europäische Kooperation stark machte. Oder auch die Rede von Isabella Lövin, der Vizepremierministerin Schwedens. In der Zeit, in der Trump frauenfeindliche Dekrete in den USA erlässt, macht sie sich für Feminismus stark.

Aber vor allem bewegend waren die Auftritte von Grünen aus dem außereuropäischen Raum, wo Grüne Parteien in demokratiefeindlichen Regimen unter sehr widrigen Umständen für eine bessere Welt kämpfen. Frank Habineza aus Ruanda zum Beispiel floh, nachdem sein Parteikollege ermordet wurde, für zwei Jahre in Exil, kehrte dann aber zurück nach Ruanda und tritt dort in der kommenden Wahl als Präsidentschaftskandidat an. Viele der Reden könnt ihr hier nachlesen oder -schauen.

Auch die Paneldbatten wurden per Livestream übertragen und sind nun noch auf der Facebook-Veranstaltungsseite nachzuschauen.

Auf dem Kongress der Europäischen Grünen Partei wurden viele verschiedene Anträge verabschiedet: Zu Trump, zum europäischen Schienenverkehr, zu europäischer Altersversorgung oder wie Klagen gegen Umweltzerstörung international institutionalisiert werden können. Alles in allem verliefen die Verhandlungen ruhiger als auf GJ-Bundeskongressen. Konflikte gab es immer wieder, doch die meisten konnten gelöst werden. Grund für diese Konflikte waren oft unterschiedliche Perspektiven, die in unterschiedlichen Umständen der Grünen Partei des jeweiligen Landes begründet lagen. Hierbei halfen stark die sogenannten „Compromise Amendment Sessions“. Diese ähneln den Antragsverhandlungen beim GJ-Bundeskongress, sind jedoch um vieles formalisierter. Gleichzeitig schlug sich an einigen Stellen wieder, was Staaten in der EU immer wieder versuchen: Politiken, für die es in einem Land keine Mehrheit gibt, werden versucht zu einer europäischen Position zu machen.

Die verabschiedeten Anträge könnt ihr hier sehen.

Delegierte der GRÜNEN JUGEND waren nicht nur auf dem Kongress der Europäischen Grünen, sondern auch auf dem der Globalen Jungen Grünen (GYG) zugegen. Der letzte GYG-Kongress fand 2012 in Dakar statt. Seitdem kehrte eine große Ruhe in dem Verband ein – und diese Ruhe wurde durch Veränderungen, die auf dem Kongress beschlossen wurden, beendet.

Der GYG-Kongress verlief etwas turbulenter als die drei anderen Kongresse.

Das fing schon damit an, dass vom afrikanischen Kontinent nur drei Delegierte anwesend sein konnten, obwohl ca. 20 Personen aus verschiedenen Ländern Afrikas als Delegierte registriert waren. Was war passiert? Die britischen Behörden hatten die meisten Visumsanträge afrikanischer Delegierter abgelehnt – selbst einer Mit-Organisatorin des Kongresses aus Kenia wurde so die Teilnahme verwehrt.

Gegen diese Willkür und gegen Grenzen, Nationalstaaten und Visabeschränkungen im Allgemeinen demonstrierten die über 100 anwesenden GYG-Teilnehmenden mit einem lautstarken spontanen Protestmarsch durch das Kongresszentrum.

In den letzten Jahren passierte auf GYG-Ebene sehr wenig. Unser globaler Dachverband stand vor einigen Herausforderungen: Unklare Strukturen führen zu einer niedrigen Arbeitsbeteiligung in ihm und einer geringen Relevanz des Verbandes. Hauptziel der GRÜNEN JUGEND war (und ist) es, globale Gerechtigkeit nicht nur als Phrase zu begreifen, sondern nach unseren Möglichkeiten auch so zu handeln, um GYG zumindest zu einer funktionierenden Plattform für globalen Austausch zu reformieren. Dazu traten wir schon im Vorlauf des Kongresses in den Austausch mit vielfältigen Akteur*innen.

Doch es stellte sich heraus, dass auf dem Kongress einige Debatten ganz neu geführt werden mussten. Klare Meinungen und Visionen hatten sich zu Beginn des Kongresses noch nicht herausgebildet. Die Delegierten waren also mit der Aufgabe konfrontiert, innerhalb eines drei-Stunden-Blocks für Diskussion und zwei drei-Stunden-Blöcken für Abstimmung einen funktionierenden Verband zu konstruieren. Auf den ersten Blick wirken Strukturdebatten oftmals langweilig – und doch sind sie oft hochpolitisch und interessant, gerade wenn es darum geht, einen Verband zu aktivieren.

Letztlich setzen sich viele Vorschläge, die von der GRÜNEN JUGEND in Kooperation mit anderen Verbänden entwickelt wurden, durch. Erstens wurde etwas Grundlegendes eingeführt: Eine klare Mitgliedschaftsregelung. Vorher konnten alle Menschen auch als Individuum Mitglied sein, genau wie Organisationen. Das führte im Laufe der Jahre dazu, dass niemand wirklich wusste, wer eigentlich Mitglied ist. Nach den Änderungen können nur noch Organisationen Mitglied werden, wenn sie durch den Vorstand bestätigt wurden. Individuen können nur noch Mitglied werden, sofern in dem Land keine junggrüne Organisation existiert, die auch Mitglied der Globalen Jungen Grünen ist.

Des Weiteren wurde das Steering Committee (der Vorstand) von 16 auf 8 Personen mit festen Aufgaben verkleinert. Je zwei Personen kommen aus den Regionen Europa, Amerika, Afrika und Asien-Pazifik. Das neugewählte Steering Committee besteht aus Samantha Anzemo (Afrika), Thompson Kamuhuza Luzendi (Afrika), Zoe Lee (Asien/Pazifik), Janmejai Tiwari (Asien/Pazifik), Alice Hubbard (Europa), Joseph Harmer (Europa), Gloria Polanco (Amerika) und Ian Soutar (Amerika).

Einige Organisationen versuchten, die momentan bei GYG bestehende 50+-Quote abzuschaffen. Dies bereitete uns zu Beginn des Kongresses Sorge, da wir die Positionen vieler Organisationen nicht einschätzen konnten. Doch schließlich wurde der Antrag abgeschmettert und GYG behält weiterhin eine 50+-Quote, die auf Inter- und Trans*personen ausgeweitet werden konnte.

Wenn ihr euch in unserem neustrukturierten und wiederbelebten globalen Dachverband engagieren möchtet, dann tretet gerne mit der Internationalen Koordination in Verbindung: internationales@gruene-jugend.de oder schaut rein bei globalyounggreens.org.

Was den Kongress so emotional gemacht hat, waren allerdings nicht in erster Linie die Strukturdebatten, sondern die Vernetzung mit inspirierenden Menschen aus der ganzen Welt. Mit dem Kennenlernen von (jung)grünen Engagierten aus z.B. Fidschi, Elfenbeinküste, Korea, Brasilien und Kanada realisierten wir, dass wir Teil einer lebendigen weltweiten Bewegung sind. Auch rückte in den meisten Reden und Debatten die globale Perspektive in den Vordergrund, die ja leider im Klein-Klein des hinter Staatsgrenzen stattfindenden politischen Alltags nur allzu oft in Vergessenheit gerät. Immer wieder wurde beschworen: Wir stehen vor der immensen Aufgabe, diesen Planeten auch in Zukunft als lebenswert zu erhalten – aber gemeinsam können wir es schaffen. Das ist nur schaffbar, wenn wir gemeinsam für Klimaschutz, Gerechtigkeit, Vielfalt und Demokratie streiten. Am Ende der Konferenz wurde dieses Bekenntnis auch in einer gemeinsamen Erklärung der englisch-walisischen, europäischen und globalen Grünen zum Ausdruck gebracht: Der Liverpool Declaration, die ihr hier finden könnt.

SPUNK

Seit dem 1. Februar 2014 ist der SPUNK das Online-Magazin des Bundesverbandes der GRÜNEN JUGEND.

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