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Herausforderungen einer modernen Erinnerungskultur

Einer Kernfrage in der Erinnerungskultur widmet sich zurzeit besonders die Fachschaft der Geschichtswissenschaften in Europa. Denn in der Erinnerungsforschung geht es heute häufig darum, wie die Menschen, vor allem die jungen Generationen, zu erreichen sind, wie man das Interesse an Geschichte wecken kann, oder anders gesagt, das Geschichtsbewusstsein des Individuums ansprechen kann. Unter anderem geht es dabei um die konkrete Gestaltung von Museen (bzw. Gedenkstätten) und Ausstellungen zum Themenkomplex Nationalsozialismus, zweiter Weltkrieg und Shoah und um die Ein- bzw. Errichtung von Mahnmalen und Denkmälern. Aber genauso geht es auch um die Vermittlung dieser Themen in der Schule und im Umfeld dieser. Wie können die jungen Generationen, nun vierte und fünfte Nachkriegsgeneration, in eine Erinnerung eingebunden werden? Wie Interesse wecken? Wie für die Gräuel der Vergangenheit sensibilisieren?

Diese Fragen zu beantworten versuchen unzählige Konzepte verschiedenster Menschen, von Wissenschaftlern über Politiker und Lehrern bis hin zu diversen Ehrenamtlichen. Im Folgenden also einige Lösungsansätze, wie die gegenwärtige Erinnerungskultur modernisiert werden kann und welche Herausforderungen dabei beachtet werden müssen. Auch Handlungsmöglichkeiten sollen genannt werden. Sicherlich kann ich aber aufgrund der Platzbeschränkung nicht alle Aspekte umfassend berücksichtigen.

Einer der größten Herausforderungen der gegenwärtigen Erinnerungskultur ist der zeitlich bedingte Verlust der Zeitzeugen.

Dieser Generationenwechsel ist Teil der Transformation von „lebendiger“ Zeitgeschichte in Geschichte. Zeitzeugen können in der Zeitgeschichte berichten und machen die Geschichte persönlich fassbarer, sie geben den Überlebenden nicht nur Name und Gesicht, sondern auch die Stimme wieder. In dieser Zeit des Verlusts der Zeitzeugen ist dies besonders wichtig und zukünftig nicht mehr möglich. Der intergenerationelle Dialog wo er bisher noch möglich war, wird, zumindest direkt, immer seltener möglich sein. Für eine moderne und zukunftsgerichtete Erinnerungskultur, die aktiv und attraktiv für die jungen Generationen ist, gilt es also, diesen Intergenerationellen Dialog zu virtualisieren, also die Zeitgeschichte, die „lebendige“ Geschichte in Form von Zeitzeugen- Interviews (in Ton und Bild) für kommende Generationen zu präservieren.

Dies kann ganz konkret mit der Auseinandersetzung mit Zeitzeugenbiographien geschehen. Hier kann zu den bewährten Methoden eines Treffens oder Interviews (solange möglich) gegriffen werden oder zur eher unkonventionellen künstlerischen Auseinandersetzung mit Opferbiographien, beispielsweise durch ein Theaterstück, ein Film, Collagen oder ähnliches. Denn die Bedeutung von Kunst und Künstlern im Rahmen der Erinnerungskultur wird immer wichtiger, gerade wenn es um die Darstellung und Vermittlung von Geschichte geht. Traditionell bietet ja die Kunst vielfältige und oft erfrischende (da modernisierende) Darstellungs- und Vermittlungsformen, die es hier von einer modernen Erinnerungskultur zu nutzen gilt.

Nun kann Erinnerung, also das Nichtvergessen, nicht ohne einen Gegenwartsbezug stattfinden. Denn nur durch das Medium des Erinnerns kann, gemäß des kategorischen Imperativs Theodor W. Adornos, ein Wiederholen verhindert werden. Bei Adorno heißt es:

Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts aehnliches geschehe.“1

Dieses ethische Erinnern ist fast immer opferorientiert und voller Empathie und daher verbunden mit einer zwischenmenschlichen Liebe (im Sinne von Zuneigung und Freundschaft „der Völker“). Dies, eine Botschaft für die Zukunft, findet ihren Ausdruck unter anderem in den universellen Menschenrechten der Vereinten Nationen (UN). Es ist eine Botschaft des Friedens. Und diese Botschaft muss eine moderne Erinnerungskultur als Mahnung vortragen, ganz im Sinne der Menschenrechte.

Der Gegenwartsbezug liegt also in der Verknüpfung von Erinnerung mit den Werten der Menschenrechte und der politischen Botschaft des Friedens, der Nichtgewalt und Versöhnung.

In diesem ethischen Erinnern wird eine moderne und zukunftsgerichtete Erinnerungskultur zur politischen Bildung und trägt praktisch zur Gestaltung zukünftiger Staaten und Gesellschaften bei. Konkrete Wege sind hier das politische Engagement in beispielsweise NGO’s oder sogar demokratischen Parteien. Denn im Gedenken an die Opfer (des Nationalsozialismus) liegt die Zukunft Europas (und der Welt?). Ein echter menschlicher Zustand will also noch erreicht werden.

Doch das Medium des Erinnerns ist mehr als nur ein Nichtvergessen von Vergangenem. Es ist hier, wie Aleida Assmann sagt, dass „man sich in der Gegenwart für die Zukunft gemeinsame Ziele“ 2(setzt). Erinnern dient also nicht nur dem kategorischen Imperativ des Nichtwiederholens wie er von Theodor W. Adorno formuliert wurde (siehe oben), sondern auch der Schaffung und Gestaltung einer kollektiven Identität (nach A. Assmann). Nur im Medium des Erinnerns können gemeinsame Orientierungsformen aufgebaut werden. Ohne Auschwitz keine (deutsche und europäische) Identität. Ohne Identität keine (fortschrittliche) Gesellschaft. Dabei muss unbedingt beachtet werden, dass das hier angewandte Konzept der Identität nicht das eines nationalistischen entspricht. Hier ist meiner Meinung nach Identität eher im Sinne von Amartya Sen, dem indischen Ökonomen und Philosophen, zu verstehen, also im Sinne einer Multiidentität oder Identitätenpluralismus. (Das bedeutet, neben der kollektiven deutschen oder europäischen Identität nach Assmann kann ein Individuum multiple andere Identitäten haben, wie es ja Realität ist. Man ist also nicht einfach Deutsch sondern beispielsweise auch Europäer, Schüler oder Student und gehört vielleicht noch einer Religion an.) Doch auch bei Assmann wird wieder die Bedeutung des Gegenwartbezugs deutlich.

Konkret heißt es hier wieder, welche Werte wollen wir (als Gesellschaft) zukünftig vertreten, gar leben?

Das Benennen und Verurteilen und, vermutlich am wichtigsten, Verhindern und Bekämpfen von gegenwärtigen Problemen wie Antisemitismus, Rassismus und generell gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit oder gar Gewalt gegen Minderheiten ist hier politisch als Weg zu verstehen. Dies ist natürlich global zu sehen und hilft, das Erinnern an andere Verbrechen oder Genozide zu stärken. Doch Vorsicht: Vergleiche oder Gleichsetzungen sind hier leichte Fallen und helfen eher Antisemiten und Rassisten oder gar Despoten in ihren Machenschaften. Die Erinnerung an die Shoah ist zwar als ethisches Vorbild für den Umgang mit Verbrechen der Gegenwart zu verstehen, aufgrund der Singularität der Shoah ist diese aber nie gleichzusetzen mit anderen Verbrechen. Hier gilt es, ein Sowohl-als-auch einzurichten und eine Konkurrenz im Erinnern zu vermeiden. Beispiele sind hier die DDR und die Stasi-Verbrechen oder die ehemalige Sowjet-Union (Flucht und Vertreibung sowie die Erfahrung der Gulag-Lager) oder der Völkermord an den Armeniern durch die osmanische Besatzung. Hier wird auch der Wandel der Erinnerungskultur in einem multikulturellen Deutschland und Europa deutlich. Bezüge zu den individuellen Biographien und möglichen eigenen Diskriminierungserfahrungen der Menschen mit Migrationshintergrund, um eben diese auch in das Erinnern an die Shoah einbeziehen zu können, sind möglich.

Hier wird dann auch der transnationale Charakter und die globale Tragweite einer modernen Erinnerungskultur besonders deutlich. Eine erfolgreiche europäische Integration, gerade im Osten Europas, ist nur möglich durch die Integration anderer Erinnerungsnarrative in eine gemeinsame und moderne europäische Erinnerungskultur. Momentan erinnert jedes Land anders und mit anderen Schwerpunkten. Polen und Osteuropa konzentriert sich stark auf die Sowjet-Vergangenheit, Frankreich und Großbritannien haben ihre jeweilige Kolonialgeschichte. Erst eine multidirektionale und vielfältige, oder nach Assmann, dialogische Erinnerungskultur hilft hier, Brücken zu schlagen. Hier kann jedes Land die Erinnerung an seine Geschichte weiterhin verfolgen (und wie immer, kritisch hinterfragen), durch ein gemeinsames ethisches Erinnern an die Verbrechen des Nationalsozialismus findet sich aber ein gemeinsames europäisches Erinnerungsnarrativ. Auch dies ist Ziel einer modernen Erinnerung.
Die Singularität der Shoah wird auch hier nicht infrage gestellt, sondern das Erinnern an sie als ethisches Vorbild verstanden. Auch hier gilt wieder ein Sowohl-als-auch und kein Entweder-oder zu schaffen. Dieser transnationale Charakter wird gegenwärtig besonders deutlich, wenn man sich die Zusammenarbeit der Staaten bei der Finanzierung und Gestaltung der Gedenkstätte Auschwitz anschaut (und trotzdem bleibt es ein polnisches staatliches Museum).

Einige Herausforderungen und Lösungsansätze sind genannt. Viele mehr wären noch zu nennen, nicht alle sind uns jetzt bekannt und werden erst in der Nachbetrachtung durch zeitliche Distanz offengelegt. Deutlich wird aber, trotz Unvollständigkeit, die Herausforderungen der Gegenwart müssen von der Erinnerungskultur aufgegriffen und indirekt, da über den Umweg der Erinnerung und mit Mitteln der Politik und des Engagements, angegangen werden, ebenso wie die ursprüngliche Aufgabe des Erinnerns (das Nichtvergessen).

Eine moderne zukunftsgerichtete Erinnerungskultur, wie sie sich erst noch in Europa und der Welt neu formieren muss, dient der Prävention gegen das Vergessen und trägt in ihrem transnationalen Charakter zur Völkerverständigung bei. Immer muss sie sich wieder neu erfinden und Praktiken von Zeit zu Zeit hinterfragen.

Gewiss ist aber, dass kein Museum der Welt, kein Buch der Welt und kein Film der Welt den Kontakt mit den Zeitzeugen ersetzen kann. Dieser Herausforderung muss sich die deutsche und transnationale Erinnerungskultur noch stellen. Die aktuelle Debatte um „das Unbehagen“ in der Erinnerungskultur verdeutlicht dies nur.

Literaturempfehlung:
Aleida Assmann, Das neue Unbehagen in der Erinnerungskultur- Eine Intervention, München, 2013, S.21
1Adorno, Theodor W., 1966: Negative Dialektik, Suhrkamp, Frankfurt am Main, S. 358.
2Aleida Assmann, Das neue Unbehagen in der Erinnerungskultur- Eine Intervention, München, 2013, S.21
3Siehe dazu aktuelle Publikationen und Studien von Ulrike Jureit, Christian Schneider und weitere, Harald Welzer und Dana Giesecke sowie Aleida Assmann, um nur einige zu nennen.

1 Kommentare

  1. „Erinnern dient also nicht nur dem kategorischen Imperativ des Nichtwiederholens wie er von Theodor W. Adorno formuliert wurde (siehe oben), sondern auch der Schaffung und Gestaltung einer kollektiven Identität.“

    Hierzu eine Anmerkung. Die kollektive Identität ist gleichwohl das Problem. Denn wie Adorno in seinem Aufsatz „Erziehung nach Auschwitz“ gut verständlich herausarbeitet: „Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie, wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf; die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.“

    Das Allerwichtigste gegenüber der Gefahr einer Wiederholung laut Adorno sei „der blinden Vormacht aller Kollektive entgegenzuarbeiten, den Widerstand gegen sie dadurch zu steigern, dass man das Problem der Kollektivierung ins Licht rückt“.

    Das sei nicht so abstrakt, wie es „angesichts der Leidenschaft gerade junger, dem Bewusstsein nach progressiver Menschen, sich in irgend etwas einzugliedern, klänge. „Anknüpfen ließe sich an das Leiden, das die Kollektive zunächst allen Individuen, die in sie aufgenommen werden, zufügen“.

    Wenn man Adorno und den kategorischen Imperativ ernst nimmt, dann kann dabei eins vor allem nicht herauskommen: der Ruf nach kollektiver Identität. Sondern es bedeutet das glatte Gegenteil: die Stärkung des Individuums und seiner Mündigkeit.

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