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Humorlose, kalte Zahlen…

Jede*r, die*der in der Schule war kennt doch diese Situation: Man sitzt auf dem Weg zur Schule in der Bahn oder im Bus, hat das Schulbuch in der Hand und versucht verzweifelt, noch die letzten Gedächtnislücken vor der gleich bevorstehenden Lernkontrolle zu füllen. Dass der dabei aufgenommene Input vielleicht kurzfristig noch zur guten Note verhilft, auf lange Sicht aber nicht im Gedächtnis bleibt, ist zweitrangig. Worauf es ankommt, ist die Note.
Und damit sind wir auch schon mittendrin angekommen in der Problematik des aktuellen Bewertungssystems. Wissen muss lediglich aufgenommen und nach einiger Zeit auf Kommando wiedergegeben werden. Damit die Lernenden auch eine nette Belohnung für diese Tortur haben, gibt es gute Noten bei Wiedergabe mit wenigen Fehlern. Aber der Fokus hat sich verschoben. Man muss lediglich bestehen, danach kann Wissen wie ein Blatt Papier zusammengeknüllt und weggeworfen werden, doch im Zeugnis steht eine Zwei. Es kommt nicht mehr darauf an, ob ich den Stoff verstanden habe, sondern welche Note ich bekommen habe. Aktuell wird nicht für das spätere Leben, sondern für die Note gelernt. In der Konsequenz haben wir auf der einen Seite Musterschüler, die in Tränen ausbrechen, weil sie eine Vier geschrieben haben und auf der anderen Seite Eltern, die wegen einer Drei ihr Kind zur Nachhilfe schicken.
Doch was heißt das eigentlich, wenn man in Chemie eine Drei hat, die Leistung also „befriedigend“ war? Hängt der Begriff „befriedigend“ nicht immer von den Ansprüchen ab, die andere Menschen an uns stellen? Kann eine „befriedigende“ Leistung nicht für andere Menschen „gut“ oder vielleicht sogar „mangelhaft“ sein?
Im Folgenden möchte ich die Absurdität des aktuellen Benotungssystems sowohl in Lernkotrollen als auch in Zeugnissen veranschaulichen. Bei näherer Betrachtung wird sich die Notenvergabe stets als kontraproduktiv erweisen.

Beginnen möchte ich am Beispiel der Lernkontrolle (wobei man den Sinn von solchen Leistungsnachweisen auch hier in Frage stellen sollte…). In schriftlichen Lernkontrollen lässt sich die Note bei genauem Hinsehen ganz leicht ersatzlos aussparen. Sie wird schlicht und einfach nicht gebraucht. Wenn man alles andere so belässt, wie es momentan gehandhabt wird, bietet sich mir nach der Rückgabe der Lernkontrolle folgendes Bild:
Meine Lösungen sind alle in irgendeiner Weise als richtig bzw. falsch kenntlich gemacht worden, eventuell hat der*die Lehrer*in einige Kommentare bezüglich dessen verfasst, was beim nächsten Mal berücksichtigt werden sollte und es gibt auf jede Aufgabe eine gewisse Anzahl von Punkten bzw. Bewertungseinheiten, die von mir erreicht wurden und nach der Korrektur zusammengerechnet werden. Vermisst irgendjemand die Note? Ob die erbrachte Leistung jetzt gut oder schlecht war, das kann doch jede*r mit sich selbst ausmachen, wozu brauchen wir noch dieses Bewertungsanhängsel?

Während die Note in Lernkontrollen zumeist lediglich unnötig ist, wird sie im Zeugnis schon problematischer.
Man kann in Deutsch ein*e Meister*in der Interpretation von Gedichten sein, wenn man aber das Kommunikationsmodell von Watzlawick überhaupt nicht verstanden hat, steht im Zeugnis wahrscheinlich die Drei als Gesamtnote. Ist das wirklich fair? Sollte man nicht versuchen, alle Stärken und Schwächen von Schüler*innen möglichst genau abzubilden? Die Ziffer „3“ kann das jedenfalls nicht sehr präzise.
Wir brauchen endlich eine wirksame Alternative zum aktuellen System, welches viel zu steif und unflexibel ist. Wenn man die Leistungen an Schulen wirklich im vollen Umfang im Zeugnis darstellen will, müssen wir von diesen kalten Zahlen ablassen. Es ist ja auch nicht so, als stünde momentan absolut keine Alternative zur Verfügung. Ich behaupte sogar, ihr alle habt sie wahrscheinlich noch irgendwo in euren Schränken! Ich spreche vom Kinderzeugnis.
Selbstverständlich würde es etwas ulkig wirken, wenn Schüler*innen mit 16 Jahren noch ein „Kinderzeugnis“ bekommen würden, aber es geht mir auch nicht um den Namen, sondern um das Prinzip: In einem Kinderzeugnis gibt es keine Noten. Trotzdem werden Jeder*m ihre*seine Stärken und auch ihre*seine Schwächen vor Augen geführt, allerdings in schriftlicher Form. Der*die Klassenlehrer*in schreibt zu jeder*m Schüler*in einen circa einseitigen Text, in dem all das drin ist, was eine Note nicht auszudrücken vermag. Das einzige Problem am Kinderzeugnis: Es wird momentan nur in der ersten und zweiten Klasse an Grundschulen verteilt.
Ich plädiere nun dafür, dass das konventionelle Zeugnis künftig durch genau dieses Kinderzeugnis (allerdings mit anderem Namen und in etwas erweiterter Form, nicht allein der*die Klassenlehrer*in, sondern alle Fachlehrer*innen sollten einen individuellen Kommentar zu ihren Schüler*innen verfassen) ersetzt wird und zwar in allen Jahrgangsstufen. Das schließt die Zeugnisse nach den Abschlussprüfungen an den verschiedenen Schulformen mit ein.
Nun werden vielleicht einige Leser*innen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sich fragen, woher denn dann die Universitäten bzw. Arbeitgeber*innen ganz ohne Noten wissen sollen, ob bei den Bewerber*innen überhaupt die Voraussetzungen für ein Studium bzw. eine Anstellung vorhanden sind. Ich kann nur nochmals betonen, dass Noten niemals mehr ausdrücken können als Worte. Selbst wenn im Kinderzeugnis nur zusammengefasst wird, wie und mit welcher Qualität beispielsweise in den Abiturprüfungen die verschiedenen Aufgabenfelder bearbeitet wurden, kann sich jeder ein Bild von den Qualitäten einer*s jeden Bewerber*in machen. Beispiel gefällig? Hier:
Die im Aufgabenfeld der Funktionen gestellten Aufgaben wurden allesamt ohne Fehler bearbeitet. Defizite sind lediglich im Bereich der Geometrie erkennbar.
Somit steht fest: Architekt*in wirst du zwar nicht, theoretische Mathematik ist dafür dein Spezialgebiet.

Fest steht jedenfalls, dass die Note nur eine Zahl ist. Eine Zahl mit unheimlich viel Interpretationsspielraum. Man sieht, dass Noten ein vollkommen unzureichender Indikator für erbrachte Leistungen sind, doch trotzdem nehmen sie eine so prägende Position in unserem Leben ein. Über jeder*m von uns schwebt diese Bewertung: Sie* war „sehr gut“, doch er* war nur „ausreichend“. Ich sage, man sollte mit diesem Wahnsinn aufhören! Wenn wir schon in einer Leistungsgesellschaft leben wollen, dann doch bitte in einer, in der Leistungen auch authentisch bewertet werden!

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