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Ich bin morgens immer müde!

Es ist 06:30 Uhr morgens, ein Wecker klingelt. Voller Mühe noch halb im Schlaf den Wecker ausgeschaltet, völlig überhastet fertig machen, dann Sachen packen und auf dem Weg zur Haltestelle noch den mitgenommenen Kaffee trinken, rauchen und frühstücken. Anschließend: 10 Stunden Unterricht mit kurzen Pausen, Kopfschmerzen und Müdigkeit.

Dass diese persönliche Erfahrung kein Einzelfall ist, dürfte allgemein bekannt sein: Einer repräsentativen Studie des Dillenberg Instituts zu Folge schlafen schulpflichtige Jugendliche im Schnitt 7 Stunden, jeder Fünfte sogar weniger als 6 Stunden.
Dabei sollten junge Menschen im Alter von 15 bis 17 Jahren 8 bis 9 Stunden (oder mehr) schlafen, junge Menschen von 10 bis 14 Jahren sogar 9 bis 10 (oder mehr) Stunden.
Die Folgen liegen auf der Hand: Unkonzentriertheit, Übermüdung, Abwesenheit. In der Folge oftmals schlechte Leistungen und eine verstärkte Unlust zur Teilnahme am Unterricht. Allen müsste eigentlich klar sein, dass dieser Kampf mit dem morgendlichen Aufstehen bedingt durch den frühen Schulbeginn alltägliche Erfahrung vieler Schüler_innen ist, die dazu führt, dass die Leistungen hinter den Möglichkeiten des_der einzelnen Schüler_in vielfach erheblich zurückbleiben.

Die Folgen liegen auf der Hand: Unkonzentriertheit, Übermüdung, Abwesenheit.

Wie soll denn schließlich ein_e Schüler_in nach gerade einmal 6 Stunden Schlaf motiviert und gut gelaunt dem Unterricht in der Schule folgen und dann auch noch die Erwartungen erfüllen, die das vom Leistungsgedanken völlig durchwirkte Bildungssystem an die Schüler_innen stellt? Es ist deshalb kein Wunder, dass Schüler_innen bedingt durch den erheblichen Druck, dem sie in der Schule ausgesetzt sind, zu leistungsfördernden Medikamenten oder sogar zu Drogen greifen. Unter Berücksichtigung dieses Systems kann das eigentlich wirklich niemand ernsthaft erstaunen.

Gerne wird dieser – meiner Auffassung nach – berechtigten Kritik am bestehenden Bildungssystem entgegengehalten, es handele sich doch nur um ein formales Argument, das sich allein dadurch ganz einfach lösen lasse, dass die betroffenen Schüler_innen einfach eher ins Bett gehen. Eine solche Argumentation übersieht allerdings zunächst, dass insbesondere in der Oberstufe der Stundenplan vielfach bis in den späten Nachmittag hineinreicht, dann der Unterricht nachzubereiten ist und die Schüler_innen ggf. an mehreren Tagen bis in die frühen Abendstunden hinein außerschulische Verpflichtungen im Rahmen sozialen Engagements, Sport, Politik oder anderes zu erledigen haben. Ein Engagement im Verein, bei politischen Gruppierungen oder in anderer Art und Weise wird nämlich nicht nur gern gesehen, sondern im Leistungssystem des Staates angeblich erwartet. Danach wird man dem_der Schüler_in aber auch noch eine gewisse Zeit zugestehen müssen, in der er_sie die Möglichkeit hat, zur Ruhe zu kommen. Dann aber fragt man sich, wie von dem_der Schüler_in erwartet werden kann, zur Steigerung seiner Leistungsfähigkeit früher ins Bett zu gehen.

Im übrigen ist zweifelhaft, ob der frühe Schulbeginn in unserem Bildungssystem nicht einen Eingriff in das natürliche Schlafbedürfnis darstellt.
Wie nämlich Dr. Katharina Wiedenhorn-Müller und Dr. Ulrike Müller von der Universität Ulm überzeugend dargelegt haben, widerspricht ein früher Schulbeginn meist schlichtweg dem biologischen Schlafrhythmus eines_einer Schülers_Schülerin.

Es gibt daher meiner Ansicht nach vor Allem einen Grund für die Rechtfertigung des frühen Schulbeginns: Der_die Schüler_in soll frühzeitig auf das System und den Leistungsdruck vorbereitet werden, das ihn_sie später erwartet. Diese Rechtfertigung im Sinne des eigentlich kaum zitierfähigen Spruches „Gelobt sei, was hart macht“, ist aus meiner Sicht allerdings absolut inakzeptabel. Es zeigt sich aber, dass die Befürworter_innen des frühen Schulbeginns genau in diese Richtung argumentieren. So heißt es, „der Unterrichtsbeginn vor 8:30 Uhr bereite auf das Leben vor“ oder „die Eltern müssten auch früh morgens aufstehen, um ihrer Erwerbstätigkeit nachgehen zu können“.

Der_die Schüler_in soll frühzeitig auf das System und den Leistungsdruck vorbereitet werden, das ihn_sie später erwartet.

Eine solche Argumentation, die sich allein an bestehenden Fakten orientiert, verkennt allerdings, dass diese Vorbereitung auf das, was die Schüler_innen später in der Leistungsgesellschaft erwartet, nicht immer richtig ist, sondern im Gegenteil selbst dringend geändert werden müsste. Es ist allgemeine Auffassung, dass insbesondere die Schichtarbeit und hier besonders die Arbeiten ganz früh am Morgen oder in der Nacht für die Gesundheit des Menschen überaus schädlich sind und deshalb eigentlich auf den Prüfstand gehören. Daraus folgt doch, dass eigentlich umgekehrt argumentiert werden müsste. Verstößt das frühe Aufstehen im Hinblick auf den Schulbeginn ebenso wie beispielsweise die Schichtarbeit und der frühe Arbeitsbeginn bei den Eltern gegen den natürlichen Biorhythmus, ist es weder Schüler_innen noch Eltern möglich und zumutbar, fehlenden Schlaf durch früheres Zubettgehen auszugleichen mit der Folge, dass es keine Rechtfertigung für den frühen Schulbeginn mit der Begründung geben kann, auch das spätere Leben erwarte eine derartige Verhaltensweise. Es müsste vielmehr dahin gearbeitet werden, dass später im Berufsleben eine derartige Verhaltensweise allenfalls eine Ausnahme für gewisse Berufe sein kann, nicht aber die Regel! Der Leistungsdruck im bestehenden Wirtschaftssystem rechtfertigt jedenfalls kein generelles Verhalten, das erkennbar gesundheitsschädlich ist.

Es müsste vielmehr dahin gearbeitet werden, dass später im Berufsleben eine derartige Verhaltensweise allenfalls eine Ausnahme für gewisse Berufe sein kann.

Dies schließt natürlich nicht generell aus, dass in gewissen Berufen früh morgens mit der Arbeit begonnen werden muss. Es muss sich dabei jedoch um erkennbare eingeschränkte Ausnahmen handeln, die dann auch entsprechend bei der Arbeitsleistung honoriert werden. Niemand darf aber weder in der Schule noch später im Arbeitsleben zu einem derartigen Verhalten gezwungen werden. Es muss dem Einzelnen überlassen bleiben, ein solches Modell zu wählen oder nicht. Dann aber kann es nicht richtig sein, die gesamte Schüler_innenschaft zu einem viel zu frühen Schulbeginn zu zwingen.

Auch hier ist Flexibilität gefordert. Ebenso wie in der gesamten Gesellschaft und Arbeitswelt Flexibilität gefordert werden muss, dem_der Einzelnen die Möglichkeit flexibler Arbeitszeiten eingeräumt werden muss, die Gesellschaft daher im Arbeitsleben auch über die Gleichberechtigung hinaus in diesem Bereich modern gestaltet werden muss, auf die Betreuung von Kindern Rücksicht zu nehmen ist, hat im Schulsystem zu gelten, dass auch hier ein Umdenken im Sinne einer Flexibilität notwendig ist. Erforderlich sind individuell den Bedürfnissen der Schüler_innen angepasste Schulen, Schulzeiten, Fächerkombinationen und ein auf die Bedürfnisse der Schüler_innen angepasster Unterrichtsbeginn. Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung, um zu einem Schulsystems des freien Lernens zu kommen.
Es bleibt aber noch voll viel zu tun!

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