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Im Chaos versunken – Venezuela zwischen Hungersnöten und Wahlmanipulation

Dass es nicht gut um Venezuela steht, ist wohl allgemein bekannt. Wie desolat die Lage ist, das vermag die lückenhafte Berichterstattung, die in den europäischen Nachrichten dazu durchdringt, nicht wiederzugeben. Seine Erfahrungen aus dem Alltag im Ausnahmezustand sowie seine (politischen) Aktivitäten, um dem Leiden der Bevölkerung etwas entgegenzusetzen, schildert uns deshalb Gregorio Blanca, Generalsekretär der Parteijugend der grünen Partei Venezuelas.

Das Interview führte Sarah Teworte, Koordinatorin des Fachforums Europa und Globales.

Gregorio: Hallo Sarah. Entschuldige die Verspätung, aber die Probleme mit Strom und Internet hier in Venezuela wollen nicht enden. Jetzt aber kann ich endlich antworten.

Sarah: Wie denkst du über das zukünftige Verhältnis Venezuelas mit seinen Nachbarstaaten?

Gregorio: Historisch betrachtet war Venezuela ein Land, in das dank des Wachstums der Ölindustrie viele Menschen immigriert sind. Jedoch hat die aktuelle humanitäre Krise viele Venezolaner*innen in die Flucht über die Grenzen – entweder über Land oder Wasser – getrieben. Dies hat zu einem Kollaps an all unseren Grenzen geführt: Kolumbien und Brasilien nehmen täglich Tausende von Venezolaner*innen auf, die vor dieser Situation fliehen, was zu einem Problem für die Nachbarstaaten aufgrund der Überbevölkerung führt. Zudem haben diese ihre eigenen Schwierigkeiten dabei, sich des venezolanischen Problems anzunehmen, das sich längst in ein länderübergreifendes Problem gewandelt hat.

Venezuela und den bilateralen Beziehungen mit seinen Nachbarstaaten steht eine ungewisse Zukunft bevor, weil die vermeintlich progressiven Regierungen Lateinamerikaszum Glück nicht dieselbe Macht wie vor etwa zehn Jahren haben, und das schwächt natürlich die natürlichen Beziehungen unseres Landes zu seinen Nachbarn.

Sarah: Welche Möglichkeiten gibt es, den demokratischen Parteien zu helfen?

Gregorio: Es ist schwierig zu helfen, weil das aktuelle Regime jeglichen Weg externer Hilfe kontrolliert. Hinzu kommt die geringe Aktivität der demokratischen Parteien wegen der fehlenden finanziellen Mittel, um ihre politischen Ziele voranzubringen und zu realisieren.

Normalerweise erhalten wir Unterstützung aus Kolumbien, dem nächstgelegenen Land, was somit die sicherste Form der Hilfe ist.

Sarah: Wie gestaltet sich die humanitäre Situation?

Gregorio: Die aktuelle Situation ist absolut alarmierend, es ist eine Situation der Misswirtschaft, fehlender Kontrolle und totaler Korruption, vergleichbar mit den Verbrechen des 2. Weltkriegs und des Kalten Kriegs in Europa. Leider haben die Petrodollar [1]der Regierung von Nicolas Maduro viele Medien zum Schweigen gebracht, sodass die wahren Informationen über das, was hier passiert, nicht nach außen dringen. Die Lage ist so verheerend wie in Syrien.

Allein im vergangenen Jahr starben laut der venezolanischen Beobachtungstelle für Gewalt etwa 30 Millionen Personen auf gewalttätige Art, und das, obwohl wir uns nicht im Bürgerkrieg befinden.

Acht von zehn Venezolaner*innen bekommen täglich nur eine Mahlzeit, viele Mütter verzichten auf ihr Essen, um es ihren Kindern zu geben. Auch ich befinde mich in dieser schwierigen Situation, nur einmal täglich essen zu können.

Es ist für eine durchschnittliche Person, die einen Mindestlohn von nur 2 Euro bekommt, extrem schwierig, Nahrungsmittel zu erwerben, obwohl man etwa 300 Euro bräuchte, um in würdiger und angemessener Weise essen zu können.

Die gesundheitliche Lage ist absolut alarmierend, Krebs- und Diabeteserkrankte können nicht behandelt werden, es gibt keine Antibiotika für Menschen mit HIV, und wenn es welche gibt, nur zu einem Preis, der den venezolanischen Mindestlohn einer*s Venezolaner*in übersteigt.

Dieses Jahr haben die venezolanischen Studierenden die Hörsäle verlassen, was zu 70% der wirtschaftlichen Situation geschuldet ist und der Tatsache, dass sie weder Essen noch Transportmittel bezahlen können. Aufgrund des Mangels an Nahrungsmitteln hat jede*r Venezolaner*in durchschnittlich drei Kleidergrößen abgenommen.

Viele Kinder müssen auf der Straße um Essen betteln, um nicht zu verhungern und gehen nicht mehr zur Schule, obwohl ein zehnjähriges Kind in die Schule gehört statt auf der Straße zu betteln – und das passiert täglich in Venezuela. Zudem sind Krankheiten zurückgekehrt, die längst ausgerottet waren, unter anderem Masern und Röteln.

Das Geld ist zu einer Ware geworden, denn es gibt kein Bargeld, Venezuela ist im totalen Chaos versunken.

Sarah: Welche Bedeutung hat die grüne Bewegung in Venezuela? Könnt ihr grassroot-Kampagnen durchführen?

Gregorio: Die grüne Partei hier in Venezuela hat mit beachtlichen Resultaten an den Wahlen teilgenommen, doch die Instabilität des Landes ließ nicht zu, dass sich Vorhaben und Zielrichtung der Partei festigen.

Ja, es lassen sich viele Kampagnen durchführen. Es gibt unendlich viele Themen, die wir dabei behandeln können – ökologische, soziale, es sind wirklich unendlich viele. Jedoch bremst der Mangel an finanziellen Mitteln alle Vorhaben. Die Gesellschaft ist keine Gesellschaft mehr sondern versinkt im Chaos.

Auch möchte ich über die politische Gewalt gegen die Mitglieder der venezolanischen jungen Grünen sprechen.

Die Parteijugend der venezolanischen Grünen war seit 2014 sehr aktiv an den Protesten beteiligt. Seitdem wurden 14 unserer Mitglieder inhaftiert, aktuell befinden sich sechs junge Grüne in Haft, zwei weitere stehen unter Hausarrest.

Die Inhaftierten jungen Grünen sind aktuell Alex Gonzalez, Jorge Angel, Wilmer Castillo, Kenny Colmenares, Juan David Garcia und Pedro Carreño. Unter Hausarrest steht Nixon leal, der ebenso wie Gerardo Carrero zweieinhalb Jahre in Haft war.

Ich wurde von Agenten der Regierung verfolgt, auch wurden meine Accounts von sozialen Netzwerken gehackt, was ich aber unversehrt überstanden habe.

Wir leiden unter jeglicher Form von Gewalt, typisch für derartige Regime und Diktaturen.

Sarah: Welche Hilfe können wir euch von Deutschland aus bieten?

Gregorio: Die Lage Venezuelas den jungen Grünen in Europa und den Grünen in Deutschland zu schildern wäre ein großer Fortschritt.

Zudem benötigen wir dringend Medizin und Nahrungsmittel für die Bedürftigsten. Mit einer Gruppe Jugendlicher habe ich deshalb eine Stiftung namens „Mi Refugio“ (Mein Zufluchtsort) gegründet, mit dem Ziel, hier in meiner Stadt einmal pro Woche je nach Möglichkeit die bedürftigsten Menschen mit mindestens 80 bis 90 Mahlzeiten zu versorgen. Auch spenden wir den Krankenhäusern Arzneimittel, da das Gesundheitssystem aufgrund des Mangels an Medikamenten und Ausstattung zusammenbricht.

Eine kleine Unterstützung, um dieses Ziel zu erreichen, wäre sehr hilfreich, was wiederum sehr wichtig wäre, um die aktuelle Krise zumindest etwas zu mildern.

Ich bin sehr daran interessiert, die Lage, die wir derzeit erleben, so vielen Grünen und jungen Grünen wie möglich, zu schildern. Wenn ihr mir dabei helfen könntet, wäre das großartig.

Sarah: Wie gestaltet sich dein tägliches politisches Leben sowie die Erfolge und Herausforderungen der grünen Bewegung in Venezuela?

Ich bin Journalist mit einem Master in politischer Beratung. Mein politisches Handeln besteht im Arbeiten in dem Maße, das mir meine Mittel erlauben, um meinen Mitmenschen zu helfen, denn das Land ist verwüstet. Als Generalsekretär der jungen Grünen haben wir uns dazu entschieden, nicht die Entscheidung der Partei zu unterstützen, bei den Präsidentschaftswahlen anzutreten, die am 20. Mai des kommenden Jahres stattfinden werden, da diese von einer verfassungsgebenden Nationalversammlung einberufen wurden, welche die Welt nicht anerkennt, weil es keine Garantie freier demokratischer Wahlen gibt. Hinzu kommt die Krise, die das Land derzeit erlebt, welche kein geeignetes Klima zur Durchführung von Wahlen sind, zumal die einflussreichsten Länder Amerikas wie die USA, Kanada, Argentinien, Chile, Brasilien und Peru diese betrügerischen unfairen Wahlen nicht anerkennen. Hierauf wurde sich auf dem letzten Gipfel der amerikanischen Länder geeinigt, mit Rückendeckung des Europäischen Parlaments und somit der gesamten demokratischen Welt. Alle genannten Akteur*innen erkennen die verfassungsgebende Nationalversammlung Venezuelas nicht an.

Meine Arbeit konzentriert sich derzeit auf den internationalen Bereich, weil dies die einzige Möglichkeit ist, in diesem System Politik zu machen.

Die Jugendlichen fliehen vor dem Hunger in andere Länder, andere sterben wegen der Unsicherheit, wieder andere aufgrund des Mangels an Medizin. Kurz: Dies ist eine erbärmliche Situation.

[1] US-Dollar, die für den Handel mit Erdöl verwendet werden.


Nach dieser Momentaufnahme vom 20.04.18 hier eine Zusammenfassung der Entwicklung in den folgenden Monaten bis zu der aktuellen Situation im August 2018:

Durch die zwischenzeitlichen Ereignisse hat sich im Wesentlichen die Haltung des Regimes von Nicolas Maduro radikalisiert.

Die Fälle von Malaria haben zugenommen, Tuberkulose und anderen schon lange ausgerottete Krankheiten sind aufgrund des aktuellen Chaos im sanitären Bereich nach Venezuela zurückgekehrt. Personen mit Krankheiten wie Krebs und Diabetes erhalten keine Behandlung, ihnen bleibt kein anderer Weg als der langsame Tod.

Im Mai 2018 fanden manipulierte Präsidentschaftswahlen statt, die der amtierende Präsident Nicolás Maduro laut dem nationalen Wahlrat mit angeblich 67,8% der Stimmen gewann. Wie viele andere unterstützten auch wir als grüne Parteijugend die Wahlen nicht, sodass die Wahlbeteiligung bei nur 46,02% lag.

Weiterhin flohen und fliehen viele junge Venezolaner*innen nach Kolumbien und Brasilien, was der Hungersnot und den fehlenden Mindeststandards, um irgendwie leben zu können, geschuldet ist. Zudem hoffen sie, aus dem Ausland ihren Familien helfen zu können. Die venezolanische Diaspora betrifft inzwischen den gesamten Kontinent, aber die bisherige Hilfe hat nicht ausgereicht, Venezuela fleht um Hilfe. Die Aktivitäten der politischen Parteien sind inzwischen zum Erliegen gekommen.

Entgegen der Nachrichten über ein angebliches Attentat gegen Nicolas Maduro glauben wir nicht, dass es ein solches gab. Denn wir sehen, dass es stattdessen als Entschuldigung instrumentalisiert wird, um weiterhin die Rechte der Venezolaner*innen zu verletzen und falsche Beweise gegen unschuldige Personen zu erbringen.

Die Währungsreform vom 20.08., in deren Zuge der „souveräne“ Bolívar als die neue Währung an die Kryptowährung Petro gekoppelt wurde, entpuppte sich wie erwartet als wirkungslos.  Nullen zu streichen stoppt nicht die Inflation und die tiefe wirtschaftliche Krise, in der das Land steckt und deren Ursachen sehr viel tiefer liegen! Die 500.000 souveränen Bolívares, die maximal jeder Person zustehen, reichen noch nicht einmal für den Kauf einer Flasche Wasser.

Früher bot Venezuela vielen deutschen, spanischen, italienischen und chilenischen Immigrant*innen, einer unendlichen Menge an Personen ein Zuhause. Heute steht Venezuela vor ähnlichen Problemen wie die all dieser Menschen, die einst zu uns geflohen sind. Probleme, die am stärksten die Unschuldigen und verletzlichsten Mitglieder unserer Gesellschaft treffen. Der Sinn für das Gemeinwohl ist wie so vieles andere verloren gegangen.

Ich danke euch, der deutschen Grünen Jugend, für euer Interesse und hoffe, euch bald persönlich von der Lage Venezuelas berichten zu können.

Seit dem 1. Februar 2014 ist der SPUNK das Online-Magazin des Bundesverbandes der GRÜNEN JUGEND.

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