Globales, Queerfeminismus, SPUNKFunk
Schreibe einen Kommentar

#Istanbulpride

Wir sprachen mit Max Lucks aus dem Bundesvorstand, der gemeinsam mit anderen Junggrünen Ende Juni die Pride in Istanbul besuchte. Max schildert die Ausschreitungen auf der Pride und seine Erfahrungen mit der türkischen Polizei.
Er sprach auch über die türkische Protestbewegung gegen das AKP-Regime, der wir bereits 2 andere Ausgaben des SPUNKfunks gewidmet haben:
1. Die Istanbul-Brille
2. Reclaim Istanbul!

Kapitel

00:00 – 00:34 Erwartungen und Hintergründe zum Besuch des Pride

00:34 – 02:04 Verbot der Pride und Ausschreitungen

02:04 – 04:23 Zusammenhang der Pride mit den Gezi-Protesten

04:23 – 05:16 Auswirkungen der Gewaltdemonstration auf die aktivistische Szene

 

Transkription

SPUNK: Willkommen beim SPUNKFunk! Wir reden jetzt mit Max Lucks aus dem Bundesvorstand der Grünen Jugend. Max, du warst ja letzte Woche auf der Pride in Istanbul. Was war denn deine persönliche Motivation nach Istanbul zu fahren und das so mitzuerleben?

Max: Meine Motivation nach Istanbul zu fahren, war eigentlich, dass ich nur Urlaub machen wollte und dann habe ich zufällig von der Pride erfahren. Und auch in den Reiseführern von Istanbul wird halt die Pride als relativ sichere, als bunte Veranstaltung beschrieben zu der es sich lohnt zu gehen. Und dann bin ich da hingegangen, in der Erwartung ein buntes, cooles Straßenfest zu erleben. Das hat sich dann ein bisschen geändert.

SPUNK: Du hast jetzt schon angedeutet, dass deine Erwartungen da nicht ganz erfüllt wurden. Was hast du denn so erlebt?

Max: Die Sache ist halt, dass die Pride in Istanbul von der Gouverneursregierung in Istanbul verboten wurde, die von der AKP-Regierung in Ankara ernannt wird. Es war halt so, dass es erst eine Stunde vorher verboten wurde. Und wir hatten halt vorher schon bei ganz vielen Terminen, zum Beispiel bei Regenbogenempfängen oder bei einer großen Eröffnungsfeier schon richtig Lust auf das Fest bekommen und dann kam auf einmal das Verbot. Wir sind dann trotzdem zu der Pride-Veranstaltung gegangen und da erwartete uns dann die Polizei. Es war zuerst friedlich, dann kam es zu Ausschreitungen.

SPUNK: Inwiefern haben sich diese Ausschreitungen geäußert? Kam es dann auch zu Polizeigewalt?

Max: Also diese Ausschreitungen kamen – zumindest bei dem was ich gesehen habe – allein von Seiten der Polizei. Es war so, dass wir uns auf dem großen Platz in der Istanbuler Innenstadt, dem Taksim-Platz, befanden. Von diesem Platz wurden wir, nachdem wir zehn Minuten dort standen und friedliche Gesänge von uns gegeben haben, eine Seitenstraße runter gedrängt. Und in dieser Seitenstraße wurden wir dann von Wasserwerfern und Tränengas in Empfang genommen.

SPUNK: Das erinnert ja jetzt auch ein bisschen an die Taksim-Proteste von denen wir ja auch letztes Jahr im SPUNKFunk berichtet haben, bei den Revolten gegen die Regierung, die es ja dort gab, in Istanbul, im Zentrum des Protests. Gab es da dann eigentlich Unterstützung von den Aktivist*innen oder gab es einen Einfluss auf die Protestbewegung, die sich generell gegen das System, gegen die Regierung dort stellt?

Max: Die politische Linke in Istanbul und in der Türkei ist unheimlich gut vernetzt und unheimlich aktivistisch geprägt, weshalb es da halt große Überschneidungsmengen gab zwischen den Leuten, die an den Gezi-Protesten haben und den Leuten, die an der Pride teilnehmen wollten. Allerdings waren halt auch viele Tourist*innen da, es war zum Beispiel auch unsere Europaabgeordnete Terry Reintke da. Es waren halt auch einfach viele Schwule, Lesben, Bi, Trans, Intersexuelle da, die einfach nur ein buntes Straßenfest wie es die Jahre davor wohl gewesen ist, haben wollten. Dieses Publikum war da.

SPUNK: Welche Konsequenzen, glaubst du, haben jetzt die Erfahrungen von der Pride auf die aktivistische Szene?

Max: Viele Demonstrant*innen, die auch bei den Gezi-Protesten dabei waren, haben gesagt, dass die Pride im Vergleich zu den Gezi-Protesten eigentlich noch relativ harmlos verlaufen ist, was mich sehr, sehr stark beeindruckt hat im negativen Sinne. Weil halt auf dieser Pride nach der ersten Szene, wo wir von Wasserwerfern und Tränengas in Empfang genommen wurden, auch noch weitere krasse Szenen waren. Wie Menschen einfach durch die Innenstadt gejagt wurden, auch zufällige Tourist*innen, oder wie auch ein vermeintlich richtiger Schuss auf einen provozierenden Demonstranten fiel, der zum Glück nicht getroffen wurde. Also ich glaube, die Menschen in Istanbul und in der Türkei, die in diesen Bewegungen sind, haben eine unheimliche Widerstandskraft gegen dieses Regime von Erdogan. Allerdings hat es sie, glaube ich, schon hart getroffen, wenn sie als Schwule, Lesben, als Bi-, als Trans- und Intersexuelle, die normalerweise ohne irgendeinen Form von Diskriminierung zu erfahren durch die Istanbuler Altstadt schlendern können, dann auf einmal plötzlich von der Polizei gezielt gejagt werden. Ich glaube, das prägt die Szene nachhaltig.

SPUNK: Und da gibt es ja jetzt verschiedene Szenarien: Also zum Einen, dass die Einschüchterung geklappt hat und die Leute zurückschrecken und zum Beispiel dann die Pride nicht mehr machen oder, dass es eben Mobilisierungspotenzial gibt. Kannst du da schon eine Einschätzung abgeben oder hast du mit Leuten geredet darüber, wie es dann weitergeht?

Max: Istanbul hat eine unheimlich starke queere Community, die sehr zusammensteht. Es gab immer diese friedlichen Momente, diese Momente des Aufatmens auf der Pride, und die haben mir gezeigt, dass die Menschen mit ihrer Haltung und dem Guten wofür sie kämpfen, dass sie da auch weitermachen und sich nicht einschüchtern werden, auch gerade nach dem Wahlsieg der HDP tun.

SPUNK: Das bleibt uns eigentlich nur zu hoffen übrig. Danke Max für das Interview!

Max: Jo, danke!

Jamila Schäfer war lange Mitglied der SPUNK-Redaktion und studiert in Franfurt am Main Soziologie und Philosophie. Sie ist die Bundessprecherin der GRÜNEN JUGEND.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.