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Jugend Rettet e.V.

Jugend Rettet e.V. wurde von Berliner Jugendlichen im Herbst 2015 aufgrund von Katastrophen im Mittelmeer mit vielen Toten gegründet. Seither wächst die Organisation und die Studierenden betreiben weiter Seenotrettung an den großen Flüchtlingsrouten.
Was treibt ihre Mitglieder an? Wie stehen sie zu Europa? Und was erwarten sie von Jugendlichen und den Jugendorganisationen der Parteien? Ein Interview mit Sarah Fischer, der Sprecherin von Jugend Rettet.


Wie bist du zu Jugend Rettet gekommen?

Zu Jugend Rettet bin ich im Oktober 2015 durch das erste offene Treffen gekommen. Kurz vorher hatte ich mich noch lokal engagiert. Ich hatte mich immer gefragt, wie man noch vorher helfen kann, bei den Migrationsrouten selbst. Jugend Rettet war für mich von Anfang an eine gute Möglichkeit, mit meinen Fähigkeiten direkt zu partizipieren und etwas zu verändern.

Wie sieht deine Tätigkeit dort aus?
Bei Jugend Rettet bin ich vor allem für die Öffentlichkeitsarbeit und das Fundraising wie z.B. durch Betterplace verantwortlich. Wir arbeiten alle im Team und je nachdem, wie es zeitlich aussieht übernehmen wir verschiedene Aufgaben. Dabei kann es sich sowohl um Facebook-Postings, Newsletter, als auch die Website oder Kommunikationsstrategien handeln.


Was machst du hauptberuflich, beziehungsweise studierst du? Wie lässt sich das zeitlich und inhaltlich mit der Arbeit bei Jugend Rettet vereinbaren?

Derzeit studiere ich an der Universität der Künste das Fach Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation. Das lässt sich inhaltlich gut mit der Arbeit mit Jugend Rettet vereinbaren, weil ich dort die Theorie direkt in die Praxis umsetzen kann. Zeitlich geht das leider mal mehr mal weniger gut. Es hängt sehr stark davon ab, wie viele Unterstützer*innen wir im Team haben. Uns ist jedoch als Organisation wichtig, dass vor allem junge Menschen einfach partizipieren können. Auf der anderen Seite wollen wir natürlich sagen: Hey EU, wenn wir das als Schüler*innen, Student*innen und junge Leute nebenher machen können, warum könnt ihr das nicht?

Wo du gerade schon die EU erwähnst: Was kritisierst du oder eure Organisation generell am meisten an der aktuellen Politik der EU?
Wir kritisieren vor allem die fehlende Unterstützung der EU im Mittelmeer. Derzeit gibt es von der EU ein Programm, welches Schlepper*innen aufdecken soll. Das Mandat sieht dabei keine Seenotrettung vor. Außerdem sehen vergangene Beschlüsse vor, die libysche Küstenwache zu stärken. Verschiedene Menschenrechtsorganisationen, wie zum Beispiel die UN, kritisierten schon, dass es in Libyen Camps gibt, bei denen Geflüchtete völlig menschenunwürdigen Bedingungen ausgesetzt sind. Auch Geflüchtete erzählten uns von Erschießungen und Gewalt. Zusammen mit dem Türkei-Deal macht die aktuelle Außenpolitik den Eindruck, dass eine „Festung Europas“ aufgebaut werden soll, bei der es egal ist, was mit den Menschen vor den Grenzen passiert. Das wollen wir natürlich nicht hinnehmen. Menschen, egal welcher Herkunft, sollen die selben Rechte haben, egal ob sie auf der Flucht sind, oder in Deutschland.

Stimmt euch das manchmal anti-europäisch?
Ich denke, wir reflektieren eher die Idee der EU und versuchen, sie für uns zu übersetzen. Als junge Europäer*innen haben wir die Privilegien und Mittel etwas zu verändern, egal ob politisch, oder direkt vor Ort. Anstatt Grenzen zu schließen und Europa zu isolieren, setzen wir uns für sichere Fluchtwege ein. Die andere Option ist nur, dass Menschen weiterhin auf der Flucht sterben werden. Das können wir nicht hinnehmen.

Habt ihr das Gefühl, dass sich etwas ändern lässt und dass sich die Politik der EU insgesamt zum positiven verändert/verändern wird?
Auf jeden Fall glauben wir, dass sich etwas ändern lässt. Ob sich die Politik der EU insgesamt positiv verändern wird, hängt natürlich von der Gesellschaft, von Politiker*innen und auch von jedem einzelnen Menschen ab. Ich persönlich glaube dass, wenn ein Bewusstsein geschaffen wird, auch medial bei Facebook oder in der Presse, wir dann schon ganz viel gewonnen haben. Wichtig ist erst einmal, dass dieses Bewusstsein durch Fakten geschaffen wird.

Wie versucht ihr, Einfluss auf die Politik zu nehmen?
In unserer aktuellen Kampagne benennen wir unsere Missionen nach Politiker*innen. Wir fahren also in ihrem Namen raus. Alles was dann dort passiert, geschieht auch in ihrem Namen. Die Rettungen, die Todesunglücke und alles was dazu gehört. Wir versuchen damit, die Namen von verantwortlichen Entscheidungsträger*innen in einen Kontext zu rücken und gleichzeitig zu sagen: Ihr könnt es ändern. Jedoch ist natürlich Öffentlichkeitsarbeit nicht alles. Gleichzeitig versuchen wir durch Gespräche einen Diskurs herzustellen. Das fängt dann oft schon klein an. Mit unserem Botschafternetzwerk versuchen wir dann, mit Lokalpolitiker*innen zu sprechen, was sich verändern lässt. Was uns jedoch wichtig ist: Wir werden nicht staatlich gefördert. Wir wollen diskutieren und nicht den Job der EU machen.

Was hat sich an deinem persönlichen Blick, einerseits auf die EU und auf Geflüchtete andererseits, durch die Arbeit bei Jugend Rettet geändert?
Früher habe ich mich sehr mit Europa identifiziert. Das sehe ich heute durchaus kritischer. Mittlerweile sehe ich eher negative Strukturen, die auch durch die Politik unterstützt werden. Wir sehen sowohl einen strukturellen Rassismus, als auch Sexismus, der nicht erst in Deutschland anfängt, sondern eben vor Europa. Damit sehe ich mich auch anders. Als junge Akademikerin, die durch Zufall in Deutschland geboren wurde, habe ich zum Beispiel mehr Chancen, als eine Frau aus Somalia. Diese Chancen sollten wir nutzen und das Beste daraus machen. Das können kleine Aktionen vor Ort sein, oder auch die Partizipation in einer Partei. Ich glaube, dass wir erst diese Strukturen überwinden müssen, um wirklich eine Veränderung herbeizuführen.
Auch mein Blick auf Geflüchtete hat sich stark verändert. Würden Europäer*innen im Mittelmeer ertrinken, gäbe es sofort eine mediale Auseinandersetzung. Die fehlt mir im Moment. Ich denke wir müssen Menschen mehr zuhören und mehr von ihren Geschichten erfahren.

Wenn du sagst, „die Politik“ würde negative Strukturen in Europa fördern, gibt es dann überhaupt politische Bewegungen oder Parteien, denen du (stellvertretend für die Ziele von Jugend Rettet) nahe stehst?
Als Verein schauen wir uns natürlich politische Entscheidungsträger und etablierte Parteien an. Es gibt durchaus parlamentarische Politiker*innen, die auch unsere Ziele adaptieren. Bis jetzt sehen wir aber keine Parteien, die ein staatliches Seenotrettungsprogramm, also unsere Hauptforderung, unterstützen.

Der SPUNK ist ein Mitgliedermagazin der Grünen Jugend. Was würdest du den Leser*innen mitgeben wollen: Was soll sich in unserer Organisation, aber auch in unserer Mutterpartei verändern? Welche Ziele sollten wir eurer Meinung nach verfolgen?
Ich denke, vor allem ist es wichtig, dass sich jede*r bewusst wird, dass man etwas verändern kann. Wir sollten die Chancen, die sich uns bieten nutzen, sollten uns reflektiert weiterbilden und uns nicht mit Phrasen wie „das geht nicht“ aufhalten. Es geht alles.
Ich denke, dass eine Veränderung, egal in welchen Organisationen, nur von innen kommen kann. Ich würde mir wünschen, dass sich die Menschen mehr für Menschenrechte einsetzen und das ohne Kompromisse. Dass Dinge, die uns nicht passieren, nicht relativiert werden und dass mehr Betroffene zur Sprache kommen. Für die parlamentarische Politik, also auch die Partei, wünschen wir uns, mehr auf Organisationen zu hören, mit uns in Kontakt zu treten und ein Seenotrettungsprogramm anzustoßen. Nicht nur öffentlich, sondern auch in parlamentarischen Abstimmungen.

kira.wesbuer@gmail.com'
kira.wesbuer@gmail.com'

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