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Katalanische Unabhängigkeit: Linke Utopie oder Brexit 2.0?

Katalonien Flagge - von lecrousois - CC0

Seit September studiere ich im Rahmen eines Erasmus-Semesters in Barcelona. Hier möchte ich meine Eindrücke aus dem Uni-Alltag zur katalanischen Unabhängigkeitsbewegung teilen. Das ist natürlich subjektiv und ganz sicher nicht repräsentativ. Aber es kann vielleicht eine Ergänzung sein zu den Nachrichten, gerade zur Neuwahl des katalanischen Parlaments am 21.12.

Das Spannende an der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung ist die Mischung aus Identitätspolitik und einem linken Selbstverständnis. Etwas, das sie von anderen separatistischen Bewegungen in Europa unterscheidet. Dies spiegelt sich auch wieder in dem Bild, das viele von uns von der Idee der katalanischen Unabhängigkeit haben. Für die Einen reihen sich die Bestrebungen ein in ein Wiedererstarken nationaler Ideen in Europa.  Andere denken an Kataloniens Rolle im spanischen Bürgerkrieg, an die Demonstrationen im Januar dieses Jahres mit 160.000 Menschen in Barcelona, die für die Aufnahme von mehr Geflüchteten protestierten, oder daran, dass linke Parteien in Katalonien einen ganz anderen Stand haben als im spanischen Parlament und in einem katalanischen Staat vielleicht ganz andere Dinge möglich wären.

Ich selbst habe anfangs kaum einen Unterschied gesehen zu anderen separatistischen Ideen in Europa. Auf einer Demo anlässlich des katalanischen Nationalfeiertags war ich deshalb überrascht, wie offen und fröhlich eine Veranstaltung voller nationaler Symbole und Flaggen wirken kann. Mich im Angesicht von Tausenden, die ihre Nationalfahne schwenken, nicht unwohl zu fühlen, war für mich etwas Neues.

Auf politischer Seite wirkt es auf den ersten Blick als gäbe es aktuell nur zwei Lager: „Konstitutionalist*innen“ und Separatist*innen. Doch setzt sich das separatistische Lager aus Parteien mit unterschiedlichsten Zielen zusammen. So bestand die letzte katalanische Regierung aus einem Vier-Parteienbündnis, das mit dem gemeinsamen Ziel der Unabhängigkeit zur Wahl antrat. Im Parlament war diese Minderheitsregierung (ca. 40%) zusätzlich auf die Unterstützung der CUP (ca. 8%) angewiesen. Die basisdemokratische, sozialistische CUP unterstützte die Regierung des Präsidenten Puigdemonts und drängte gleichzeitig darauf, die Unabhängigkeit schneller auszurufen. Dennoch gibt es extrem unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie ein neuer Staat Katalonien aussehen soll. Puigdemont verspricht ein Katalonien innerhalb der EU und damit auch ein Fortführen der wirtschaftlichen Beziehungen mit den anderen EU-Staaten. Von der CUP (und anderen linken Gruppierungen) wird ein Ausscheiden aus der EU einkalkuliert, um anschließend eine sozialistische Republik zu errichten. Interessanterweise versteht sich die CUP dabei durchaus als nationale Partei aller „katalanischen Länder“. Dies umfasst neben der heutigen Region Katalonien auch die Balearen, Andorra sowie Teile Valencias und der französischen Mittelmeerküste. Es sollen alle Menschen, die Katalanisch sprechen, in einer Nation vereint werden.

Doch die Parteien sind vielleicht gar nicht der wichtigste Bestandteil der separatistischen Dynamik. Die Großdemonstrationen mit hunderttausenden Teilnehmer*innen werden hauptsächlich von Vereinen wie ANC (Assemblea Nacional Catalana) und Òmnium Cultural getragen. Deren sehr populäre Anführer, die „zwei Jordis“, spiegeln dabei in ihren Personen ebenfalls die Gegensätze der separatistischen Bewegung wider. Beide sind seit Mitte Oktober wegen „aufrührerischem Verhaltens“ in Untersuchungshaft, was die Proteste weiter angestachelt hat. Jordi Sànchez ist seit 2015 Präsident der ANC, die 2011 explizit zur Erreichung der Unabhängigkeit gegründet wurde. Der Politikwissenschaftler engagiert sich bereits seit den 80er Jahren für die katalanische Sache. Er organisierte Demonstrationen für die linksradikale Terrororganisation Terra Lliure. Später war er in der Organisation „La Crida de la Solidaritat“ aktiv, die sich des Schutzes der katalanischen Sprache verschrieben hatte und auch für die Unabhängigkeit warb. Der andere Jordi, Jordi Cuixart begann mit 16 zu arbeiten und baute ein Verpackungsunternehmen auf, das heute sieben Millionen Euro im Jahr umsetzt. Er ist der aktuelle Präsident von Òmnium Cultural, ein deutlich älterer Kulturverein als die ANC. Òmnium Cultural wurde 1961 unter der Franco-Diktatur von Industriellen gegründet, zeitweise verboten und förderte über Literaturwettbewerbe die katalanische Sprache.

An der Universität entsteht schnell der Eindruck, dass die überwiegende Mehrheit der Studierenden aber auch viele Dozent*innen für die Unabhängigkeit sind. Das kann damit zu tun haben, dass die Gegner*innen generell kaum sichtbar sind. Auch manche „Nicht-Katalan*innen“ befürworten die Unabhängigkeit, weil sie zum Beispiel auf eine neue Verfassung ohne Monarchie hoffen. Es wird kritisiert, dass zu viel Steuergeld aus Katalonien für den Zentralstaat abgezogen werde und es gibt die Hoffnung, dass generell deutlich progressivere/linkere Politik möglich wäre ohne den konservativeren Rest Spaniens. Die mangelnde Aufarbeitung der faschistischen Diktatur infolge der Amnestie von 1977 wird immer wieder angeführt. Besonders akut zeigt sich das auch an der „Guardia Civil“. Die spanische Bundespolizei ist doppelt verhasst: Sowohl aufgrund ihrer Rolle während der Diktatur als auch wegen der Polizeigewalt gegen das Unabhängigkeitsreferendum am 1. Oktober 2017. Viele sehen darin eine Kontinuität von den Verbrechen der Diktatur bis hin zur Unterdrückung der Unabhängigkeit heute.

Katalonien hat viele eigene Traditionen, die intensiv gepflegt und oft erwähnt werden, wenn es um die Unabhängigkeit geht. Das stärkste Argument dafür scheint mir aber die Sprache zu bleiben. Ich vermute, dass dies in jedem Unabhängigkeitskonflikt ein essentieller Teil ist. Im Gegensatz zu politischen Meinungen und kulturellen Besonderheiten ist die Sprache sofort greifbar. Sobald jemand spricht, ist ein Unterschied erkennbar, egal ob die Person das möchte oder nicht. Während die katalanische Sprache unter Franco unterdrückt wurde, wird heute in den Schulen und an den Universitäten auf Katalanisch unterrichtet. Der Gebrauch der Sprache kann dabei auch immer ein politisches Statement sein: Gerade auf politischen Veranstaltungen wird Katalanisch gesprochen.

Das Schöne an der katalanischen Idee von Identität ist, dass anscheinend jede*r Katalan*in werden kann. Eine Vielzahl an Sprachkursen ermutigt dazu, Katalanisch zu lernen. Hierin liegt meiner Meinung nach der Unterschied, der diese separatistische Bewegung so viel sympathischer macht als nationalistische Bewegungen in anderen Ländern. So sprechen sich auch Kommiliton*innen mit Eltern aus anderen Teilen Spaniens für die Unabhängigkeit aus. Leider bedeutet dies nicht, dass die katalanische Gesellschaft frei von Rassismus ist. So sagte zum Beispiel der Sprecher der Gewerkschaft der Straßenverkäufer*innen dazu, dass er nicht für die Unabhängigkeit demonstrieren werde, da es für ihn keinen Unterschied mache, ob er in Spanien oder einem zukünftigen katalanischen Staat rassistisch behandelt würde.

Was mich an den Gründen für die Unabhängigkeit irritiert, ist, wie selten es darum geht, wie dieser neue Staat aussehen wird. Aktuell gibt es einen gemeinsamen Gegner. Da diesem eine post-franquistische oder gar faschistische Einstellung vorgeworfen wird (teilweise wohl zu Recht), sieht sich die katalanische Unabhängigkeitsbewegung automatisch als antifaschistisch an. Es wird dabei stets glaubhaft betont, dass die Proteste nicht gegen die Spanier*innen, sondern gegen die spanische Zentralregierung unter Rajoy gehen. Dies ist angesichts der hohen Anzahl an Menschen aus anderen Regionen Spaniens, die in Katalonien leben, auch wichtig, um die Gesellschaft nicht weiter zu spalten. Die Frage ist aber, was im Falle eines eigenen Staates an gemeinsamen Ideen bleibt.

Auch unter den Befürworter*innen der Unabhängigkeit scheint mir die Mehrheit für einen Verbleib in der EU und ein Fortführen der wirtschaftlichen Beziehungen zu sein, was extrem schwierig werden dürfte. In einer dann angespannten ökonomischen Situation könnte die starke Konzentration auf die eigene kulturelle Identität und die Abgrenzung zu Spanien in Nationalismus umschlagen und die noch hochgehaltene Zweisprachigkeit zum Beispiel aufgegeben werden. Es wäre schade, wenn das passieren würde. Trotz der Vielzahl an politischen Gruppen, an selbstorganisierten Zentren hier in Barcelona sowie der offenen Einstellung vieler Katalan*innen kann auch hier ein wachsender Nationalstolz diese offene und vielfältige Gesellschaft verändern und damit das Potential für eine progressivere und linkere Republik zerstören.

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