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Klimagerechtigkeit: Jetzt!

Alle Jahre wieder findet im November und Dezember irgendwo auf der Welt eine Klimakonferenz statt. Alle Jahre wieder reisen tausende Delegierte, Lobbyisten, aber auch Akteure der Zivilgesellschaft zu eben dieser Konferenz. Und alle Jahre wieder stellt sich heraus: Wenn es um Klimaschutz geht, versagt die internationale Gemeinschaft. Einer der Hauptgründe, weshalb sich die Staaten dieser Welt nicht auf eine gemeinsame Strategie im Kampf gegen den Klimawandel einigen können, ist das Thema der Klimagerechtigkeit. Denn während einige Menschen schon heute unter den Folgen des Klimawandels leiden, sind ebendiese Menschen häufig am wenigsten verantwortlich für den menschengemachten Klimawandel. Auf der anderen Seite werden in anderen Regionen der Welt weiterhin enorme Mengen Treibhausgase ausgestoßen, die laut des IPCCs[1] (Intergovernmental Panel on Climate Change, dt. Weltklimarat) die Ursache des menschengemachten Klimawandels sind.

Was bedeutet Klimagerechtigkeit aber konkret? Zunächst muss man sich mit dem Wort „Gerechtigkeit“ beschäftigen und sich fragen, was denn Gerechtigkeit überhaupt bedeutet. Die Mehrzahl der Menschen wird hier wohl dem „Verursacher-Prinzip“ zustimmen, was besagt, dass derjenige, der ein Problem verursacht, „die Suppe auch auslöffeln muss“. Dieses Prinzip findet Anwendung in vielen verschiedenen Bereichen des alltäglichen Lebens und spiegelt sich auch in der Rechtsprechung vieler Landes wieder. In Bezug auf den Klimawandel gibt es allerdings ein großes Problem: Die Natur reagiert nicht „gerecht“ (im Sinne des Verursacher-Prinzips). Denn unser Klima ist kein örtlich begrenztes System, sondern dehnt sich über unsere ganze Erde aus. Im Falle des Klimawandels spielt deshalb der geographische und der zeitliche Faktor eine große Rolle.
Geographisch gesehen trifft der Klimawandel schon heute vor allem die Regionen des globalen Südens, die in der Vergangenheit fast keine Treibhausgase in die Atmosphäre ausgestoßen haben und auch heute häufig nur relativ geringe Treibhausgasemissionen aufweisen. Auf der anderen Seite haben die Staaten des globalen Nordens seit der Industrialisierung enorme Mengen an Treibhausgasen ausgestoßen, wodurch schon heute eine Klimaveränderung zu registrieren ist[2]. In diesem Zusammenhang wird häufig von einer „historischen Verantwortung“ der so genannten Industriestaaten gesprochen, die diese Verantwortung innerhalb der Verhandlungen auf der Klimakonferenz nur mäßig bis gar nicht wahrnehmen. Zusätzlich stoßen diese Länder auch heute noch große Mengen an Treibhausgasen aus, wodurch das Ungleichgewicht noch weiter verstärkt wird. Ein Knackpunkt in den Klimaverhandlungen ist beispielsweise ein Konflikt zwischen den sogenannten Schwellen- und Industrieländern. Unter anderem die USA verlangt z.B. von China als heute größtem Emittent von Treibhausgasen, verbindliche Treibhausgasreduktions-Verpflichtungen zu unterschreiben. Andererseits hat die USA als sowohl historisch Verantwortlicher und auch heute noch zweitgrößter Treibhausgas-Emittent[3] nicht einmal das Kyoto-Protokoll ratifiziert und in der Vergangenheit die Klimaverhandlungen häufig blockiert, weshalb China nicht bereit ist, Verpflichtungen auf dem gleichen vertraglichen Niveau wie die USA einzugehen. Und während wirtschaftliche und nationale Interessen eine der Hauptmotivationen vieler Verhandlungsparteien ist, steht anderen Verhandlungspartnern das Wasser im wahrsten Sinne des Wortes schon bis zum Hals. Denn kleine Inselstaaten wie beispielsweise Tuvalu werden auch bei einem Einhalten des so genannten 2°C-Zieles große oder alle Teile ihres Landes durch den ansteigenden Meeresspiegel verlieren. Im Allgemeinen wird dem intensiven Drängen der vom Klimawandel am stärksten betroffenen Staaten aber wenig Gehör geschenkt: Man hört zu, schweigt, ist betroffen, beteuert, mehr zu tun, und stellt dann letztendlich die eigenen nationalen politischen und wirtschaftlichen Interessen doch in den Vordergrund der eigenen Verhandlungsstrategie.

Esel

© Julia Pesch – Schon heute kommt es durch den fortschreitenden Klimawandel zu einer Zunahme von Extremwetterereignissen in einigen Regionen der Erde. Kenia ist eines der schon heute betroffenen Länder, in denen Dürren in den letzten 30 Jahren zugenommen haben und das Leben der Menschen dort in vielerlei Art und Weise beeinträchtigen: Ernten vertrocknen, Quellen vertrocknen und die Preise für Nahrung und Wasser steigen an. In der Folge leiden vor allem Menschen, die von Subsistenzwirtschaft leben, unter Hunger und Durst. Auch gesellschaftlich haben lange Dürreperioden in weiten Teilen Kenias starke Konsequenzen. Beispielsweise sind es bei den Massai zum größten Teil „die Frauen“, die für die Wasserbeschaffung verantwortlich sind. Wenn Quellen austrocknen, müssen diese Frauen die Wasserkanister von 10, 20 oder 30 Litern oft viele Kilometer weit tragen. Einen Esel, wie er auf dem Bild zu sehen ist, besitzen nur die reichen Familien innerhalb einer Massai-Gemeinde.

Während die Verhandlungen um ein international verbindliches Klimaabkommen also unter anderem an Konflikten zwischen den einzelnen Ländern hängen bleiben, tickt die Uhr unerbittlich weiter. Denn eine weitere Komponente der Klimagerechtigkeit ist die zeitliche Komponente. Unser Klimasystem reagiert auf die Veränderung von Konzentrationen von Gasen nämlich relativ langsam. Während also weiterhin Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen, werden die Folgen dieser steigenden Treibhausgas-Konzentration erst langsam sichtbar. Diese zeitliche Komponente bedeutet also, dass historisch Verantwortliche größtenteils schon tot sind, während diejenigen, die die Auswirkungen des Klimawandels am stärksten zu spüren bekommen werden, noch nicht geboren wurde. Dies nennt man in Bezug auf die Klimagerechtigkeit „intergenerationelle Klimagerechtigkeit“ (oder eben Ungerechtigkeit). Von diesem Blickpunkt aus ist das System der Klimakonferenz völlig unzureichend, da in den Verhandlungen kein einziger „Vertreter der zukünftigen Generationen“ mit am Verhandlungstisch sitzt. Bestenfalls werden Jugendorganisationen als Beobachter der Verhandlungen zugelassen, wodurch das Thema der Generationsgerechtigkeit meist zu einem Randthema der Verhandlungen wird.

Wenn wir uns also dem zentralen Gerechtigkeits-Prinzip unserer Gesellschaft bedienen, ist nicht nur der Klimawandel an sich zutiefst ungerecht, sondern eben auch die Klimaverhandlungen. Aus diesem Grund fordern viele Jugendorganisationen zusammen mit Klimaschützern aus aller Welt von den Verhandelnden in Paris: Nehmt das Thema „Klimagerechtigkeit“ endlich ernst – um heutigen und zukünftigen Generationen ein Leben in Würde zu ermöglichen!

[1] IPCC, 2014: Climate Change 2014: Synthesis Report. Summary for Policymakers. Contribution of Working Groups I, II and III to the Fifth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change [Core Writing Team, R.K. Pachauri and L.A. Meyer (eds.)]. IPCC, Geneva, Switzerland, S. 4

[2] IPCC, 2014, S. 2 (Details siehe oben)

[3] PBL Netherlands Environmental Assessment Agency, “Trends in global CO2 emissions: 2013 Report”, The Hague, 2013, S. 11

Julia Pesch ist 25 Jahre alt und wohnt in Köln. Sie studiert dort den „International Master of Environmental Science“. In ihrem Studium hat sie sich besonders auf die Themen Klimawandel und Internationale Entwicklungszusammenarbeit spezialisiert und arbeitet zu diesen Themen auch ehrenamtlich. Außerdem liebt sie es zu Reisen, Serien zu gucken, Katzen zu kuscheln und viele gute Bücher zu lesen.

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Julia Pesch ist 25 Jahre alt und wohnt in Köln. Sie studiert dort den „International Master of Environmental Science“. In ihrem Studium hat sie sich besonders auf die Themen Klimawandel und Internationale Entwicklungszusammenarbeit spezialisiert und arbeitet zu diesen Themen auch ehrenamtlich. Außerdem liebt sie es zu Reisen, Serien zu gucken, Katzen zu kuscheln und viele gute Bücher zu lesen.

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