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Kollektivschuld – ein Versuch

Die Handlungsfähigkeit und Handlungsfreiheit des Menschen sei vorausgesetzt. Metaphysische Abschweifungen bezüglich Determination und Kausalität sollen hier in der Tradition des Existenzialismus vernachlässigt werden. Ferner nehme ich an, dass ich mich wählend [] den Menschen(Sartre) wähle, mir somit Verantwortung für meine Taten gegenüber der gesamten Menschheit zukommt. Wenn ich eine Handlung ausführe, trage ich dafür Verantwortung. Kann sie mir vorgeworfen werden, mache ich mich schuldig.

Schuld kann [] nur persönliche Schuld sein(Frankl, 1988). Der Begriff der Kollektivschuld, gegen den Frankl hier argumentiert, stammt ursprünglich aus der antiken Mythologie und der Vorstellung, die Olympier*innen würden jede*n strafen, den*die familiäre oder emotionale Beziehungen mit dem*r Schuldigen verbinden. Aus dieser Idee der Sippenstrafeentsteht das Konzept der Befleckungund der Kollektivschuld. König Ödipus tötet in der Tragödie des Sophokles seinen Vater Laios und heiratet seine Mutter Iokaste. Ganz Theben muss dafür mit einer schrecklichen Epidemie büßen und wird somit vom Schicksal mitverantwortlich gemacht für die Taten des Königs.

Jede*r einzelne Thebaner*in ist jedoch nach moderner Auffassung absolut unbeteiligt und somit unschuldig an den Freveltaten des Ödipus. Schuld nach unserem Verständnis ist personengebunden.

Jede*r ist für seine*ihre Taten selbst verantwortlich und schuldig, wenn etwas misslingt oder anderen schadet.Verursache ich Schaden, so kann niemals mein Freund für diesen Schaden verantwortlich gemacht werden aufgrund der Tatsache, dass er mein Freund ist.

Jaspers widmet sich in seinem Aufsatz Die Schuldfrage(1946) dieser Problematik, wobei er zwischen verschiedenen Ausprägungen der Schuld als kriminelle, politische, moralische und metaphysische Schuld differenziert. Hier soll jedoch nur die moralische Schuld näher betrachtet werden. Es ist [] sinnwidrig, ein Volk als Ganzes eines Verbrechens zu beschuldigen, argumentiert Jaspers. Verbrecher ist immer nur der Einzelne.Ein Kollektivverbrechen, für das alle gleich belangt werden können, wäre aberwitzig. Es verfällt in das gefährliche Muster, einem Menschen seine Individualität, seine persönliche Freiheit abzusprechen und ihn zur Masse, ihn zum Instrument totalitärer Regime zu machen. Von Kollektivschuld zu sprechen wäre ein Verbrechen, würde es sich nicht um einen Fall von Wahnsinn handeln. Und um einen Rückfall in die so genannte Sippenhaftung(Frankl, 1988). Kollektivschuld betrachtet das Kollektiv als homogene Masse, als Marionetten mit einem übergeordneten Willen. Diese Darstellung widerspricht in höchstem Maße unserer pluralistischen Gesellschaftsordnung. Der Begriff der Kollektivschuld ist somit nur zu verwenden, wenn man darunter nichts anderes versteht als die objektiv manifest gewordene Summe individuellen Fehlverhaltens(Améry, 1966). Nur der Begriff der individualistischen Kollektivschuldoder der der Jedermannsschuld(siehe Schefczyk in: WDR, 2014) ergibt daher Sinn. Eine Verallgemeinerung und Kollektivierung der Schuld ist jedoch gefährlich und biedert sich an Ideologien der Schuldverursacher*innen des Totalitarismus im zwanzigsten Jahrhundert an. Moralisch kann immer nur der einzelne, nie ein Kollektiv beurteilt werden(Jaspers, 1946).

Schuld als individualistische Kollektivschuld wirft jedoch neue Fragen auf: Wie weit geht diese Schuld? In einer komplexen, modernen Gesellschaft sind Handlungsfolgen längst nicht so einfach abzuwiegen und einzusehen. Hannah Arendt berichtet von einem Zahlmeister eines Konzentrationslagers, der nie Menschen eigenhändig umbrachte (WDR, 2014). Bei Verkündigung der für ihn bestimmten Strafte (Tod durch Hängen) fragte er, was er denn falsch gemacht habe.

Die Problematik ist simpel: Wie weit geht Verantwortung, wenn sie nicht mehr klar abzugrenzen ist?

Schuld ist die Schuld an etwas, das ich selbst getan habe – oder vielleicht zu tun unterlassen habe(Frankl, 1988). Wie soll man nun dieses vielleichtinterpretieren? Als ja? Als nein? Wäre es ein ja, ergibt sich daraus ein unendlich weiter Kreis der Verantwortlichen. Ich bin schuldig, weil ich nicht in die Ostukraine fahre und versuche, die Kämpfe zu stoppen. Ich bin schuldig, weil ich Pegida Proteste nicht verhindere. Ich bin schuldig, weil ich Saudi-Arabien nicht in eine Demokratie verwandele. Diese Beispiele scheinen grotesk. Es fehlt ihnen die Verhältnismäßigkeit. Es ist mir unmöglich, diese Dinge zu verändern, selbst wenn ich es versuchen würde. Ich bin schuldig, weil ich in der U-Bahn einer Schlägerei zuschaue und nicht versuche zu schlichten. Dieses Beispiel scheint plausibel. Unterlassene Hilfeleistung bietet also einen Grund für Schuld im Sinne der Vorwerfbarkeit. Grenzen der Schuld festzulegen ist folglich ein Kernproblem.

Nach Hans Jonas muss von einem konstanten Zustand der Menschheit abgesehen werden, da einzelne Handlungen uns alle beeinflussen können. Aus einer Nahethikwird das Konzept der Fernethik. Auch ich kann an Dingen, die anderswo geschehen, schuld sein. Zuletzt kommt dem Wissen eine entscheidende Bedeutung zu. Um Handlungen beurteilen zu können, muss die Einzelperson die Gesamtlage erfassen und überblicken können. Die kleinste Handlung kann unabsehbare Folgen nach sich ziehen. Diese Expansion der Verantwortung nach Hans Jonas zeigt, dass Handlungsstränge vielschichtig zusammenhängen und dass Verantwortung und Schuld in komplexen Systemen weiter gespannt werden müssen. Auch der Zahlmeister trägt somit Verantwortung und Schuld, jedoch nicht, weil er Teil des Kollektivs ist, sondern weil er beteiligt ist. Dieser Unterschied ist existentiell. Es geht nicht um bloße Gruppenzugehörigkeit, sondern um Teilhabe am Unrecht, auch wenn die Zahl der dadurch schuldigen Menschen nahezu gleichzusetzen ist mit der Größe der Gruppe.

Kollektivschuld existiert nicht. Somit muss auch das Konzept der historischen Kollektivschuld negiert werden.

Von der Übertragung von Schuld auf zukünftige Generationen zu sprechen, widerspricht der Schuld, die als Konsequenz der Handlung unabdingbar an die Handlung und somit an die handelnde Person geknüpft ist. Historische Kollektivschuld wäre gleichzusetzen mit der Erbsünde des Alten Testaments oder mit der Erbfeindschaftzwischen dem deutschen Kaiserreich und Frankreich. Den Österreichern, die heute zwischen 0 und 50 Jahre alt sind, in diesem Sinne eine sozusagen rückwirkende Kollektivschuldeinzureden, halte ich für ein Verbrechen und für Wahnsinn <,> [] einen Rückfall in die so genannte Sippenhaftung der Nazis(Frankl, 1988).

Kollektivschuld ist ein gedankliches Konstrukt ohne Realitätsbezug. Daraus darf jedoch keinesfalls eine Verharmlosung oder ein Abtun der Vergangenheit und ihrer Schrecken folgen. Wir müssen uns nicht schuldig fühlen. Wir müssen aber offensiv dafür eintreten, das Bewusstsein für Gräueltaten, die im Namen des Staates, dem wir uns durch unseren Pass oder unseren Wohnort zuordnen, verübt wurden, zu erhalten. Somit haben wir keine historische Verantwortung, sondern eine Verantwortung gegenüber der Gegenwart und der Zukunft aufgrund der Vergangenheit.

Quellen:
Améry, Jean, Jenseits von Schuld und Sühne, Bewältigungsversuche eines Überwältigten, nchen 1966
Frankl, Viktor E., Rede wider die Kollektivschuld, Wiener Rathausplatz 1988
Jaspers, Karl, Die Schuldfrage, Heidelberg/Zürich 1946
Jonas, Hans, Das Prinzip Verantwortung: Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt/M. 1979
WDR 5 Das philosophische Radio: Für jedermann? Die Kollektivschuld, 14.03.2014, http://www.ardmediathek.de/radio/Das-philosophische-Radio-im-WDR-5-Radio-/WDR-5-Das-philosophische-Radio-Für-jede/WDR-5/Audio-Podcast?documentId=20199856&bcastId=298512

Paula studiert ab diesem Herbst Philosophie in England. Sie ist seit 2014 in der Grünen Jugend und koordiniert das Fachforum Globales und Europa. Außerdem ist sie Mitglied der internationalen Koordination und bei FYEG aktiv. Paula liebt Sartre und verworrene pseudointellektuelle Konversationen

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