Globales, Ökologie
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Landgrabbing – Es geht um mehr als nur um Boden

Korenaren - von jankie - CC BY-NC-ND 2.0

Ausländische Konzerne pachten riesige Agrarflächen, zerstören damit die Existenzgrundlage vieler Millionen Kleinbauern, während nationale wie internationale Regierungen wohlwollend zusehen – wie kann das sein?

„Du bist, was du isst.“ – Was aber, wenn die verfügbare Nahrung nicht zum Überleben und schon gar nicht zu einem menschenwürdigen Sein reicht?

95 Millionen Menschen leiden derzeit weltweit unter Hunger – 98 % davon leben in Ländern des Globalen Südens; in Afrika haben sie dabei mit 20% den höchsten Anteil an der Bevölkerung. Hunger stellt zudem das größte Gesundheitsrisiko dar – größer als das von Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen.

Gerade in den Ländern, die am meisten vom Hunger betroffen sind, haben oft ausländische Firmen gigantische Agrarflächen gepachtet – angeblich zum Bekämpfen des Welthungers, für die Produktion von Exportgütern, sogenannten Cash Crops (Kaffee, Kakao, Bananen etc.), zum Sichern der Ernährung durch den Anbau von Grundnahrungsmitteln oder zur Herstellung von Agrarbiosprit in investierenden Ländern wie den USA und den Industriestaaten Europas und der Golfregion. Betroffen sind vor allem Länder, deren Ernährungssituation laut der FAO (Food and Agricultural Organization, Teilorganisation der UNO) unsicher ist, z.B. Uganda, Kenia und Myanmar.

Die Weltbank schätzt verhalten, dass bisher ca. 50 Milliarden Dollar ins Landgrabbing investiert wurden; die Organisation GRAIN geht dagegen vom doppelten Wert aus; zwischen 10 und 30% der weltweit verfügbaren Agrarflächen seien von den Investitionsverhandlungen betroffen. Das genaue Ausmaß ist jedoch aufgrund der mangelnden Transparenz schwer nachvollziehbar.

Die Ursachen für das Landgrabbing sind vielschichtig: So ließ die Nahrungsmittelkrise im vergangenen Jahrzehnt die Lebensmittelpreise explodieren – fatal für Staaten wie China und Indien, deren Bevölkerung bei gleich bleibend großen eigenen Agrarflächen besonders stark wächst und die deshalb von Nahrungsmittelimporten abhängig sind. Um Kosten zu sparen, pachten oder kaufen deshalb deren staatliche, halbstaatliche oder private Firmen deutlich billigere Anbauflächen in Ländern des Globalen Südens – ohne Rücksicht auf die dort lebenden Menschen, die zwar nicht die offiziellen Eigentumsrechte über das Land innehaben, deren Existenz jedoch davon abhängt.

Mit Essen spielt man nicht..?!

Zudem sind Agrarflächen ein sicheres Investitionsobjekt für die Spekulationen von Banken, Versicherungen und privaten Investoren. Diese Form der Investition ist allerdings mehr als problematisch: Institutionen wie Privatunternehmer treiben durch die Spekulation mit dem Geld ihrer Kunden die Nahrungsmittelpreise in die Höhe; aufgrund des sich zuspitzenden Agrarflächenmangels wird die Attraktivität der Nahrungsmittelspekulation laut des FDCL (Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika e.V.) sehr wahrscheinlich steigen.

Diese Landprivatisierung wurde durch das Etablieren einer neoliberalen Wirtschaftspolitik, ausgehend vom Internationalen Währungsfond (IWF) und der Weltbank in den 1980er Jahren, maßgeblich unterstützt. Schutzvorschriften legitimieren und forcieren laut des FDCL das Landgrabbing zusätzlich.

Aus diesen Gründen setzen Hilfsorganisationen wie Foodwatch sich für eine Reglementierung in diesem Sektor ein. Sie fordern beispielsweise eine Begrenzung des rein spekulativen Rohstoffhandels und ein Verbot der Agrarspekulation für Institutionen wie Banken.

Hinzu kommt, dass besonders Frauen die Konsequenzen des Landgrabbings zu spüren bekommen, da sie neben dem Haushalt, der Kindererziehung und Altenpflege oft auch für das Bestellen des Lands zuständig sind und somit 60 bis 80% der verbrauchten Lebensmittel produzieren.

PPPs – Ausbeutung von Mensch und Natur

Nachdem die öffentliche Entwicklungshilfe den Anteil für die Landwirtschaft zunächst reduziert hatte, lenkte erst die Nahrungsmittelkrise im letzten Jahrzehnt den öffentlichen Fokus auf diese Problematik und den daraus resultierenden Handlungsbedarf.

International tätige Konzerne wie Monsanto, Syngenta, BASF und Bayer, die Saatgut, Pestizide und weitere Agrarprodukte etc. herstellen, versprachen daraufhin, im Rahmen sogenannter Public Private Partnerships (PPPs), z.B. der Neuen Allianz als Initiative der G8-Staaten, die Betroffenen mit ihren Produkten vom Hunger zu befreien. Den Privatunternehmen werden der Zugang zu Land und Rohstoffen sowie zu Investitionen in die afrikanische Landwirtschaft erleichtert, wohingegen die Kleinbauern in die Wertschöpfungsketten integriert werden und dadurch von den PPPs profitieren sollen – scheinbar eine „win-win-Situation“: „Die Neue Allianz für Ernährungssicherung bringt Partner zusammen, um verantwortungsvolle private Investitionen in die afrikanische Landwirtschaft zu erschließen, zum Nutzen der Kleinbauern und um Hunger und Armut zu reduzieren.” – 50 Millionen Menschen soll dadurch allein in Subsahara-Afrika geholfen werden.

Scheinbar erfreulich, dass die Konzernriesen sich endlich von ihrem oft verurteilten Größenwahn abwenden, um sich der schlechter gestellten Kleinbauern anzunehmen. Solche Versprechungen müssen jedoch kritisch hinterfragt werden: So nutzen Unternehmen wie Monsanto beispielsweise nur etwa 10% des von ihnen angebauten Sojas als Nahrungsmittel – der Großteil ist für die Produktion von Treibstoff (80%) und Tierfuttermittel (10%) bestimmt.

Den Welthunger bekämpfen solche Methoden gewiss nicht – unter dem Deckmantel der vermeintlichen Nächstenliebe lässt sich aber umso ungestörter reichlich Profit erwirtschaften.

So versprach beispielsweise der Schweizer Agrarkonzern „Addax Bioenergy“ den 14.000 Bewohnern eines fruchtbaren Gebiets in Sierra Leone eine Verbesserung der Infrastruktur und vor allem Arbeitsplätze – genau das, was die Menschen zu diesem Zeitpunkt brauchten; genau das, was sie dazu bewog, den Pachtvertrag für den Anbau von Zuckerrohr für Agrarbiotreibstoff zu unterzeichnen. Passiert ist bisher jedoch nichts – jedenfalls nichts, was den Menschen in irgendeiner Weise geholfen hätte: zwei Trinkwasserquellen in der Nähe eines Dorfs wurden stattdessen zugeschüttet, sodass die Bewohner nun drei Kilometer bis zur nächsten laufen müssen. „Addax hat uns enttäuscht. Wir sind ohne Hoffnung.“, klagt ein Dorfbewohner.

Die Arbeitsverträge erweisen sich ebenfalls als leere Versprechung – wegen eines Mangels an Schutzkleidung, erklärt Addax. Aha. Vielleicht auch, weil Arbeitsplätze zu teuer wären..?!

„Das alles ist eine Zeitbombe“, urteilt Miges Baumann von der Schweizer Hilfsorganisation „Brot für alle“.

Was weder die Unternehmen noch die Regierungen, die die PPPs ermöglichen und legitimieren, beachten: Der Boden hat für die heimische Bevölkerung, jenseits von offiziellen Eigentumsrechten, nicht ausschließlich einen Wert als landwirtschaftliche Nutzungsfläche, sondern ist laut des Internationalen Forums für Agrarpolitik sowohl auf der emotionalen Ebene „identitätsstiftend, kulturell und spirituell“ als auch auf der klimatischen relevant – so speichert der Boden mehr Kohlenstoff als Erdvegetation und Atmosphäre zusammen. Der Boden wäre also in den Händen von Kleinbauern deutlich besser aufgehoben – das interessiert die Investoren jedoch wenig, ihnen geht es um Profit.

Der vermeintliche Fortschritt besteht aus ineffektiven Methoden wie sogenannten „fortifizierten Lebensmitteln“. Diese werden durch eine chemische Aufbereitung mit Mineralien und weiteren Nährstoffen angereichert; heimische Sorten sind allerdings oftmals sehr viel reichhaltiger und benötigen dafür im Gegensatz zu den fortifizierten keine aufwendigen Pestizide, Dünger und erheblich weniger Wasser.

Im Rahmen der PPPs sollen angeblich auch die Kleinbauern in die Wertschöpfungsketten integriert werden. Dass das aber für diese mit hohen Risiken verbunden und nur bei den privilegierten von ihnen (maximal 10%) der Fall sein kann, kümmert in der Führungsebene, dort wo über die Köpfe der Kleinbauern hinwegentschieden wird, wenig: „Es können eben nicht alle Menschen in der Landwirtschaft bleiben“, kommentierte Thomas Silberhorn, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Der „Verdacht“ des Forums für Internationale Agrarpolitik, dass die Rechte der örtlichen Bevölkerung in den meisten Fällen nicht geachtet werden, dass sie ihre Lebensgrundlagen, und dabei insbesondere ihr Land und den Zugang zu Wasser verlieren, scheint somit mehr als berechtigt.

Das Landgrabbing zeigt einmal mehr, dass Profitinteressen Existenzen zerstören können. Für die Konzerne als die Kolonialherren der Neuzeit geht es um ein Umsatzplus von ein paar Milliarden – für die Kleinbauern und ihre Familien um das bloße Überleben.

Das Problem des Welthungers kann somit nicht von vermeintlicher Entwicklungshilfe in Form von Konzernen gelöst werden, die gleichzeitig die lokale Bevölkerung entrechten – eine nachhaltige und damit eine die Nahrungsmittelknappheit lindernde Landwirtschaft ist somit nicht möglich.

Die tatsächlichen Retter vor der Hungerkatastrophe können dagegen nur die Kleinbauern sein. Durch ihre traditionelle, an die lokalen Gegebenheiten angepasste Anbauweise bewahren sie der Natur die Fähigkeit, den Nährstoffhaushalt des Bodens zu generieren, Landschaft, Artenvielfalt und Klima zu erhalten. Für die örtliche Bevölkerung wiederum bedeutet die kleinbäuerliche Landwirtschaft Arbeitsplätze, eine Stärkung der Wirtschaft und des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Eine Unterstützung dieser agrarökologischen Orientierung sollte den technischen Fortschritt der Kleinbauern jedoch keinesfalls ausschließen – allerdings muss dieser den jeweiligen Bedürfnissen der Kleinbauern angepasst sein und darf sie nicht in Abhängigkeit von weiteren Konzernen bringen. Diese bezeichnen indes eine solche Form der nachhaltigen Landwirtschaft als „rückwärtsgewandt“ oder „altmodisch“.

Bezeichnend ist jedoch, dass bisherige Projekte, die Kleinbauern agrarökologisch unterstützten, eine Steigerung der Ernte um 79% bei gleichzeitiger Erhöhung der Wassereffizienz und Kohlenstoffbindung erbrachten – ein erheblicher Beitrag zur sozialen wie klimatischen Nachhaltigkeit.

Hunger nach Leben

Hinzu kommt ein weiterer globaler, die Ungleichheit verschärfender Faktor: der Klimawandel. Dessen – nicht nur, aber vor Allem für die Landwirtschaft negativen – Konsequenzen wie Dürren und Hochwasser treffen nämlich oftmals jene Länder des Globalen Südens, die am abhängigsten von der Landwirtschaft und dadurch von einem intakten Klima sind. Allein in der Sub-Sahara sind 62 % der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Gleichzeitig gehören sie auch zu jenen, die von der Ausbeutung durch die Agrarkonzerne des Globalen Nordens betroffen sind, die wiederum die Erderwärmung durch die exzessive Nutzung vermeintlich „fortschrittlicher“ Technologie vorantreiben – eine doppelte Ausbeutung also.

Der Klimawandel ist deshalb so gravierend für die Kleinbauern, da Klima und Boden in wechselhafter Abhängigkeit zueinander stehen: Die Beschaffenheit des Bodens wird sowohl von Regen und weiteren klimatischen Faktoren als auch von der auf ihm wachsenden Vegetation beeinflusst.

Eine besondere Belastung stellt hierbei die Landwirtschaft dar: Arbeitsprozesse wie Pflügen und Ernten begünstigen die Freisetzung vom im Boden gespeicherten Kohlenstoffdioxid in die Atmosphäre. Noch schädlicher wirkt Stickstoffdünger, da durch ihn Distickmonoxid den Boden verlassen kann. Methan, welches 25mal stärker als Kohlenstoffdioxid ist, gelangt durch den Reisanbau und Nebeneffekte der Weidewirtschaft wie Aufstoßen des Viehs und Dung in die Atmosphäre.

Dabei könnte der Boden bei nachhaltiger Bewirtschaftung, kontrollierter Beweidung und weiteren Maßnahmen verhältnismäßig viel Kohlenstoff aufnehmen. Das Roden von Wäldern und Steppen für mehr Agrarflächen setzt dagegen viel Kohlenstoff frei, welchen die Bäume zuvor gespeichert haben.

Landgrabbing – es geht um mehr als nur um Boden. Es geht um Existenzen, um Emotionen, die mit dem Boden als Lebensspender tief verwurzelt sind. Diese Verbindung aufzubrechen, Menschen ihr Land zu nehmen, um damit Milliarden an Profit zu machen, Spekulation zu betreiben und ganz nebenbei noch Klima und Umwelt durch nicht nachhaltige Methoden stark zu schädigen, ist nicht zu verantworten – genau so wenig, sie auch nur zu dulden.

 

Zahlen, Daten, Fakten über Kleinbauern

  • Kleinbäuerliche Betriebe: unter zwei Hektar
  • Weltweit 500 Millionen Betriebe
  • 25% der Agrarflächen weltweit
  • Ernährung von 2 Milliarden Menschen
  • Produzieren in Asien und Afrika 80% der verbrauchten Nahrungsmittel

 

Quellen

AgrarKoordination – Forum für Internationale Agrarpolitik e.V.

Bodenatlas 2015

www.fdcl.org

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Clara Kiesbye ist Schülerin und lebt in Braunschweig. Ihre politischen Schwerpunkte liegen im antirassistischen und feministischen Bereich.

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