Queerfeminismus, Soziales, SPUNK
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Lasst uns den Gender Pay Gap überwinden!

Heute ist der Equal Pay Day. Ab heute werden Frauen*¹ für ihre Arbeit bezahlt! Dazu zunächst ein paar langweilige Zahlen…
Es sind 22% des Jahres 2015 verstrichen und genau so groß ist auch der Bruttostundenlohnunterschied zwischen Frauen* und Männern*. Dieser wird als ‚unbereinigter Gender Pay Gap‘ bezeichnet. Gemeint ist die Lücke in der Bezahlung der Geschlechter, bei der alle untersuchten Verdienste von Frauen* und Männern* verglichen wurden (vgl. Statistisches Bundesamt).
In Europa liegt Deutschland damit 2013 auf dem viertletzten Platz, größer sind die Unterschiede nur in Estland, Österreich und der tschechischen Republik (vgl. Statistisches Bundesamt). Innerhalb Deutschlands fällt auf, dass der Pay Gap im Osten mit 8% im Jahr 2013 wesentlich geringer ausfällt als im Westen mit 23%. Da im Westen allerdings viel mehr Menschen leben, werden die 23% bei der Berechnung für die gesamte Pay Gap stärker gewichtet.

Wie kommt das zustande?

Der Unterschied hat verschiedene Gründe. Ausschließen kann man wohl eine niedrigere Qualifikation von Frauen*, denn unter den Personen, die eine allgemeine Hochschulreife haben, machen sie 56% aus (Bundeszentrale für pol. Bildung). Sie arbeiten allerdings häufiger in schlechter bezahlten Branchen wie dem Gesundheits- und dem Sozialwesen. Außerdem haben sie weniger Chancen, in eine besser bezahlte Position aufzusteigen. Dies liegt unter anderem daran, dass Frauen* häufiger (und länger) als Männer* in Elternzeit gehen oder Teilzeit arbeiten, was eine Karriere erschwert.
Neben dem unbereinigten gibt es noch den bereinigten Gender Pay Gap. Hier werden Frauen* und Männer* mit derselben Qualifikation gegenüber gestellt, die vergleichbare Arbeit ausführen. Der Unterschied in der Bezahlung beträgt immer noch 7% und gilt als „unerklärter“ Rest des Gender Pay Gap. Über die Ursachen lassen sich nur Vermutungen anstellen, beispielsweise könnte die Arbeit von Frauen* als schlechter eingeschätzt werden. Möglich wäre auch, dass Frauen* bei Gehaltsforderungen aufgrund unterschiedlicher Erziehung durchschnittlich weniger fordernd auftreten als Männer*.

Was sagt der Gender Pay Gap aus?

Zum Einen sagt der Gender Pay Gap uns also, dass Frauen* sogar dann schlechter bezahlt werden, wenn sie vergleichbare Arbeit ausführen.
Zum Anderen ist aber auch ein Problem, dass viele Berufe, in denen Frauen* überdurchschnittlicher vertreten sind, schlecht bezahlt werden, besonders im Gesundheits- und Sozialwesen (tja, da haben sich die Frauen* wohl die „falschen“ Berufe ausgesucht, ist sich die FAZ sicher. Ob die Entscheidungen für Berufe der erwähnten Branchen so falsch sind, würde sich schnell klären, würde die Berufe niemand wählen). Dahinter steckt auch die Einstellung, dass Care-Berufe weniger anspruchsvoll seien als beispielsweise technische Tätigkeiten. Er ist also ein Mittel, um Ungleichheit darzustellen. Ein gutes Einkommen bedeutet finanzielle Unabhängigkeit, ein Zustand, den Frauen* noch nicht allzu lange genießen dürfen: bis 1977 mussten verheiratete Frauen* ihren Ehemann um Erlaubnis bitten, wenn sie arbeiten wollten. Finanzielle Abhängigkeit ist in manchen Fällen dann kein Problem, wenn sie individuell gewählt wurde. Liegt sie allerdings in der Struktur einer Gesellschaft vor, können für Individuen, die sich nicht dazu entschieden haben abhängig zu sein, Probleme entstehen. Außerdem sind Frauen*, insbesondere alleinerziehende Mütter, häufiger als Männer* darauf angewiesen, dass ihr Gehalt aufgestockt wird, sie Wohngeld bekommen usw. Frauen* sind häufiger von Armut betroffen und eine Scheidung bedeutet ein Armutsrisiko, vor allem wenn die Kinder bei der Frau* leben (vgl. Armut und Armutsrisiken von Frauen und Männern.

Was also tun?

Ein relativ einfacher Schritt wäre es, Care-Berufe besser zu bezahlen und damit die harte Arbeit angemessen zu entlohnen, die alle Beschäftigten leisten. Gesellschaftlich praktisch wäre das auch, da insbesondere bei den Pflegeberufen Beschäftigtenmangel herrscht und sie durch höhere Löhne attraktiver würden. Eine weitere Maßnahme, um die Arbeit von Frauen* einfacher zu machen, ist eine verbesserte Kinderbetreuung. Auch wenn Männer* häufiger in Elternzeit gehen würden, wäre das positiv für Frauen*: nicht nur beteiligen sich Männer* dann durchschnittlich mehr am Familienleben, auch Firmen dürften Frauen* und Männer* dadurch insgesamt gleicher behandeln, da sie nicht mehr nur den Frauen* unterstellen können, dass sie nach der Geburt eines Kindes erst einmal ausfallen.

Als politische Forderung halte ich „Vollzeit für Alle“ für nicht sinnvoll. Wenn Frauen* (und Männer*) das möchten, dann sollen sie Vollzeit arbeiten können, das heißt, dass die Kinderbetreuung und der Berufswiedereinstieg verbessert werden müssen. Wenn Frauen* (und Männer*) gerne zu Hause bleiben möchten oder in Teilzeit arbeiten, dann ist auch das eine unterstützenswerte Entscheidung. Ich möchte den Menschen nicht zumuten, dieser Forderung nachkommen zu müssen, denn viele arbeiten nicht, weil es ihnen so viel Spaß macht, sondern weil sie das Geld für ihren Lebensunterhalt brauchen. Zudem nehmen die Fälle von Burnout seit Jahren zu, es wäre also sinnvoller, nach Wegen zu suchen, wie Menschen vom Stress ihres Berufes entlastet werden können, anstatt ihnen noch mehr aufzuhalsen.

Zum anderen denke ich, dass es strukturell nicht gut wäre, politisch zu verlangen, dass mehr Menschen Vollzeit arbeiten, denn unsere Art von Wirtschaftswachstum führt unter anderem zum Klimawandel. Mehr zu arbeiten und zu wachsen würde letztendlich zu noch größeren ökologischen Schäden führen, als es aufgrund unserer Art zu Wirtschaften ohnehin der Fall ist.
Geeignet, um alle Menschen zu entlasten, wäre eine 35-(und später 30-)Stundenwoche bei vollem Lohnausgleich und eine deutliche Erhöhung von Hartz IV. Es muss möglich sein, dass Menschen selbst entscheiden, wie viel sie arbeiten, ohne dadurch von Armut bedroht zu sein.

Doch was ist mit dem Rest, den unerklärten 7 Prozent der Gender Pay Gap?

Es gibt Überlegungen zu einem Gesetz, das es Firmen vorschreibt, auf Anfrage den Verdienst der Mitarbeiter*innen offen zu legen. Diese Idee stammt aus Österreich, wo der Unterschied im Stundenlohn der Männer* und Frauen* noch größer ist als in Deutschland. Bundesministerin Manuela Schwesig möchte diese Idee aufnehmen und in einem Entgeltgleichheitsgesetz unter anderem einen Anspruch der Arbeitnehmer*innen darauf schaffen, ihre Lohngruppe zu erfahren und größere Unternehmen dazu verpflichten, Lohnunterschiede zwischen Männern* und Frauen* offenzulegen (vgl. Manuela Schwesig). Ob das Wissen über eine Lohndifferenz dazu führt, diese abzuschaffen, bezweifle ich, solange das Einfordern des gleichen Gehalts ein individueller Kampf bleibt. Das Gesetz kann allerdings dabei helfen, Unternehmen mit einem besonders eklatanten Gender Pay Gap gezielt anzugehen, so dass Extremfälle besser bekämpft werden können. Solidarität im Streit für bessere Löhne ist sinnvoll, allerdings in der Praxis oft kompliziert.Trotzdem: inzwischen können Frauen* wählen, studieren und arbeiten; eigene Leben führen. Eines Tages wird auch der Gender Pay Gap der Geschichte angehören.
¹In diesem Artikel wird sehr viel von „Frauen“ und „Männern“ die Rede sein, auch wenn diese Kategorien die Realität nicht hinreichend abbilden. Das liegt daran, dass die Daten, auf die ich mich beziehe, auf diese Weise erhoben wurden. Um klar zu machen, dass es sich hier um soziale Konstrukte handelt, werde ich Frauen* und Männer* schreiben.

Lena Grebenstein studiert Soziologie und Wirtschaftswissenschaften in Jena. Sie liebt Musik, Bücher und Essen. Außerdem verläuft sie sich gern in (un)bekannten Städten. Fragen rund um eine nachhaltige und gerechte Wirtschaft findet sie besonders interessant. Im Moment freut sie sich auf den Sommer.

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