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Lea, die Freiheit und der Party-Patriotismus

SPUNK: Lea, du als Junge Liberale und Kroatin hast als Profilbild bei whatsapp „Proud To Be Croatian“ auf wehenden Fahnen deines Heimatlandes und feierst bei den Spielen der Männer-Fußballmannschaft Kroatiens in rot-weiß-blau. Wie verbindest du Freiheit, das Sakrament der JuLis, und Nationalstolz?

Lea Žigrić: Freiheit und Nationalstolz finden sich für mich dort, wo es nicht um Rasse, Herkunft oder Sprache geht, sondern um gemeinsame Werte geht.

SPUNK: Kannst du das genauer erläutern? Gibt es einen konkreten Zusammenhang zwischen Freiheit & Nationalstolz, oder sind das Begriffe, die unabhängig voneinander sind?

Lea: Klar muss man das einzeln betrachten: Es gibt auf der einen Seite viele freiheitlich denkende Menschen, die keinen Nationalstolz empfinden und auf der anderen Seiten sehen wir immer wieder, dass Nationalbewusstsein in ganz unliberaler Weise missbraucht werden kann, z.B. in vielen Terrorregimen oder auch bei Parteien wie NPD auf deutscher und Jobbik auf internationaler Ebene; aber eben auch, wie in den letzten Wochen zu sehen, vollkommen losgelöst und lediglich als Unterstützung eines Sportteams.

SPUNK: Wie sieht Nationalstolz für dich persönlich denn aus?

Lea: Nationalstolz ist für mich zum Beispiel eine Verbundenheit zu einem Land, seinen Werten, zu seiner historischen Vergangenheit und derzeitigen Situation, er ist aber nicht unreflektiert.

Verbundenheit darfst du aber nicht als durchweg positiven Begriffen nehmen, sondern ich würde damit ausdrücken, dass ich mich mit vielen einzelnen Sachen innerhalb dieses Landes auseinandersetze und für mich einige Aspekte gefunden habe, auf die ich stolz sein kann und die mich freuen.

Gerade weil ich etwas gefunden habe, was mich stolz macht und freut, möchte ich diese Begeisterung teilen. Und so kommen wir zum Nationalstolz, der nach außen getragen wird. Nationalstolz hat aber auch den einfachen psychologischen Effekt, ein Team gefunden zu haben und Menschen die die eigenen Leidenschaften und Begeisterung teilen, das hast du aber nicht nur bei Ländern, sondern auch bei uns in den Jugendverbänden und in so vielen anderen Teilen des Alltags. Vielen Menschen – so auch mir – ist es wichtig, ihrer Wurzeln bewusst zu sein und dabei spielt der Nationalstolz für mich eine Rolle.

SPUNK: Wenn du sagst, Verbundenheit sei nicht bloß positiv, deutest du auf die Problematik des „blinden“ Patriotismus hin, oder? Denkst du nicht, dass Nationalstolz aber genau diese Kritik gegenüber bestimmten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Aspekten eines Landes eigentlich ausschließt? Immerhin schwenkst du nicht eine Flagge für liberale Demokratie, kulturelle Vielfalt und die geschlossenen Freundschaften innerhalb des Landes, sondern die Flagge für – in deinem Fall – Kroatien, also auch für dessen möglicherweise problematische Seiten.

Lea: Das denke ich gar nicht mal. Der spanische Fußball-Fan schwenkt seine Fahne, obwohl er mit der derzeitigen politischen und sozialen Situation unzufrieden ist und obwohl er kein Monarchist ist. Das zeigt, dass er Nationalstolz ausdrücken kann, auch wenn er vieles in seinem Land verbessern möchte oder anders sieht. Genauso schwenke ich meine Fahne und bin mit der derzeitigen Regierung Kroatiens nicht einverstanden. Also haben sich die Menschen damit auseinandergesetzt oder es zumindest zur Kenntnis genommen. Und trotzdem würde ich sagen, ja, ich schwenke eine Fahne auch für die problematischen Seiten. Aber genau damit drücke ich ja aus, dass es diese auch gibt, und schwenke eben nicht blind und behaupte, es gäbe sie gar nicht. Oftmals werden Fahnen ja auch bei politischen Protestaktionen, so zum Beispiel gesehen in der Ukraine, geschwenkt. Auch diese Menschen drücken mit der ukrainischen Fahne aus, dass sie hier bei dieser Protestaktion sind, aber eine positive Veränderung für dieses Land erreichen wollen und sich für ihr Land einsetzen.

SPUNK: Also drücken Menschen auch Kritik an „ihren“ Ländern aus, indem sie diese bejubeln? Wenn ja, scheint die Kritik aber nicht immer gleich geartet zu sein. Einige kritisieren womöglich fehlende Liberalität, andere hingegen gerade das Übermaß dieser. Kritik sieht also, sofern sie mit Patriotismus vereinbar ist, immer unterschiedlich aus. Glaubst du, man kann trotzdem von einer Nation im Sinne eines „Volkes“ sprechen, das sich gewissermaßen einheitlich als kroatisch, deutsch oder anders national identifizieren lässt?

Lea: Ja, die Kritik ist definitiv nicht gleich geartet, weil der Patriotismus eben von vielen Menschen unterschiedlich ausgelebt wird und von außen in unterschiedlicher Art und Weise bewertet werden kann. Verschiedene Kritikansätze zu fehlender Liberalität oder fehlender Eingrenzung sind somit vorprogrammiert.

Mir ist einfach wichtig, dass bei diesem Thema eine große Liberalität herrscht, weil ich jedem Individuum sein persönliches Statement nach außen hin tragen lassen möchte und weil auch das Teil unserer pluralistischen Gesellschaft ist.

Nein, ein „Volk“ natürlich nicht, davon halte ich auch nichts. Auch das Empfinden innerhalb eines Landes ist ja so unterschiedlich wie die Menschen, die in ihm leben. Genau deswegen halte ich nichts von exklusiven Begriffen. Ich fühle mich ja auch beiden Ländern zugehörig, Deutschland und Kroatien. Gäbe es ein einheitliches Volk, wäre das gar nicht möglich. Auch wenn ich vorher angesprochen habe, dass man sich gerne einer Gruppe Gleichgesinnter anschließt, so sehe ich nicht, dass man ein Team ist, nur weil es in deinem Pass steht. Man teilt eben mit Menschen Ansichten, Traditionen und Werte. Das kann ich aber auch genauso auf deutscher Seite behaupten und fühle mich dadurch verbunden. Jeder Mensch ist unterschiedlich und das ist perfekt so. Genau das ist übrigens auch einer der Gründe, wieso ich mich für den Liberalismus einsetze, eben weil es beim Liberalismus nicht um ein Volk oder eine große Gruppe geht, sondern um den einzelnen Menschen – egal, woher er kommt. So hast du auch Pluralität und Toleranz als extrem wichtige Begriffe für mich und innerhalb des Liberalismus, um jetzt kurz nochmal Werbung zu machen, falls es sich jemand bei euch anders überlegen sollte…

SPUNK: Soso, Pluralität. Aber funktioniert der Nation-Begriff nicht eben gerade so, dass es eine gewisse kulturelle Identität, eine bestimmte „Leitkultur“ gibt? Denn wie, wenn nicht über gemeinsame Eigenschaften & Werte, kann von einer Nation, also einer Gruppe von sich zusammengehörig fühlenden Menschen, funktionieren? Und wie plural darf ein solches Kollektiv deiner Ansicht nach sein, damit die Sache mit der gemeinsamen Identität noch klappt?

Lea: Also weißt du, mich stört halt dieser Begriff „Leitkultur“, denn der ist einfach ziemlich einengend. Für mich können viele einzelne Menschen mit anderen vielen einzelnen Menschen Traditionen, Werte und Erfahrungen teilen. Denn Nation würde ich eben, wie der Ursprung des Wortes halt, von der Herkunft ableiten und weniger mit der Kultur zusammenbringen. Also ist eine Nation eben nur das, was in deinem Pass steht, aber das macht wie gesagt nicht den ganzen Patriotismus aus.

Für mich gibt es auch kein Limit nach oben innerhalb der Pluralität.

Das „Kollektiv“, wie du sagst, kann so plural sein wie es möchte. Du hast solche und solche Gruppen. Wenn sie alle verschiedene Meinungen haben, aber sich trotzdem als Kroaten oder was auch immer sehen, dann eint sie ja immer noch ein Gedanke.

SPUNK: Es tut mir jetzt schon fast leid, dass ich so auf den Definitionen herumhacke, aber ich denke, dass es in dieser Debatte wirklich wichtig, ganz sauber zu differenzieren und zu definieren. Deshalb: Du sagst auf der einen Seite, dass eine Nation auf der Geburt oder Herkunft der Menschen beruht, nicht auf Kultur. Und anschließend sprichst du im letzten Satz von einem die Menschen einenden Gedanken. Das scheint mir widersprüchlich.

Lea: Geburtsorte sind Geburtsorte. Ich will bloß zeigen, dass der Geburtsort für deine Einstellungen und Werte völlig unerheblich sein kann. Ich bin mir sicher, dass ich nach Dänemark, in die Türkei, nach China oder nach Ecuador gehen kann und dort Leute finden werde, mit denen ich deutlich mehr gemein habe, als z.B. mit meinem in Deutschland geborenen Nachbarn.

SPUNK: Warum dann ausgerechnet für Deutschland oder Kroation oder welches Land auch immer feiern?

Lea: Viele Menschen feiern auch nicht für ein Land, sondern mit einem Land.

Für ein Land zu feiern bedeutet, dass sie Deutschland feiern, und mit einem Land zu feiern bedeutet, dass sie mit vielen anderen egal welcher Herkunft die deutsche Mannschaft anfeuern, wo wir wieder beim Party-Patriotismus wären.

Und ich habe es dir doch weiter oben auch schon gesagt: es ist ein ganz einfaches Prinzip, wieso du etwas nach außen tragen solltest: Wenn dich etwas begeistert, dann trägst du es gerne nach außen, weil du eben gerne Sachen teilst, die dich glücklich machen und die du gut findest. Du hast doch auch ein Bändchen in Regenbogenfarben.

SPUNK: Ich denke, die Aussage eines politisch-inhaltlichen Symbols und einer Nationalflagge unterscheiden sich nicht unwesentlich, aber ich lasse dir diese Frechheit jetzt durchgehen, um zum nächsten Punkt zu kommen: Ich sehe nämlich ein Problem darin, wenn du sagst, – ich zitiere dich jetzt mal frei nach Sinngehalt – wir definieren eine Nation als sich zusammengehörig fühlendes Kollektiv von Menschen, und als gemeinsamen Nenner für dieses Zusammengehörigkeitsgefühl hast du Herkunft und aktuellen Lebensraum genannt, richtig? Dann scheint es mir so, als fiele die Abgrenzung zu anderen nationalen Kollektiven recht willkürlich aus: Ich bin dort nicht geboren und ich lebe dort nicht. Verbunden mit Stolz auf die eben jeweiligen Nationen haben wir dann einen willkürlichen Patriotismus, also eine willkürliche, aber klare Abgrenzung zu anderen als Nationen beschriebenen Kollektiven. Glaubst du nicht, dass diese Abgrenzung negative Folgen haben kann?

Lea: Ja, es gibt Gefahren bei überstiegenem Patriotismus, die wir ja in der Vergangenheit und auch heute oft genug sehen. Diese Gefahr der Druckausübung der Gemeinschaft sowohl nach innen als auch nach außen gibt es bei allen Kollektiven, ein Grund weswegen ich als Liberale Kollektiven auch recht zurückhaltend gegenüberstehe. Aber seien wir doch mal ehrlich: Ich habe so etwas bei der WM bisher nicht gesehen. Stattdessen sehe ich Fans von verschiedenen Nationalmannschaften gemeinsam feiern, die Stimmung in den Stadien in Brasilien ist absolut super, es gibt praktisch keine Ausschreitungen, anders als z.B. noch bei der WM 1998 in Frankreich. Und auch hier in Deutschland wird sich gemeinsam gefreut und gemeinsam gelitten. Guck´dir an, wie ich meine Kroatienspiele geschaut habe: In Wiesbaden gibt es eine kroatische Bar, dort saßen wir und damit meine ich meine Freunde, meine Eltern und genug zufällig vorbeigekommene Passanten, die sich einfach dazugesetzt haben und mitgefiebert haben. Das war eine unfassbar familiäre und freundschaftliche Atmosphäre und es war vollkommen egal, welche Sprache der Einzelne sprach, Freudenschreie und verzweifelte Ausrufe kann man in jeder Sprache verstehen. Ich habe meinen Freunden Trikots geliehen, die sie anziehen konnten, es wurde zusammen gefeiert, geweint und getrunken.

SPUNK: Ok, das klingt ja recht euphorisch & optimistisch. Und da wir ja so schöne mediale Möglichkeiten haben mit unserem Online-SPUNK: Was hältst du von diesem Interview mit Adorno, das einen relativ direkten Gegenentwurf zu deiner Ansicht vermittelt?

Lea: Du bringst Adorno, ich bringe Popper. Die Empirie widerlegt seine These. Junge Menschen in Deutschland sind heute im Durchschnitt weltoffener als sie das noch vor wenigen Jahren waren. In der politischen Diskussion geht es um liberalere Zuwanderungsregeln, nicht wie vor 20 Jahren um eine Verschärfung dieser.

Mitten während der Fußball-WM ist sich die Politik einig, dass mehr Flüchtlinge aufgenommen werden sollten, die EU stellt ihre hochproblematische Abwehrmaßnahmen gegen Flüchtlinge auf dem Mittelmeer auf den Prüfstand.

Es gibt also auch genug tagesaktuelle Beispiele gegen Adornos Theorie.

SPUNK: Also würdest du der These widersprechen, dass (Party-)Patriotismus sein strukturelles Fundament mit Nationalismus und Rassismus teilt, und damit gleichzeitig implizit bestreiten, dass die Grenze zwischen Patriotismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit eine fließende ist?

Lea: Kurz und knapp:

Ja. Party-Patriotismus hat für mich mit Ausgrenzung nichts zu tun, denn für mich geht es darum, eine Mannschaft oder ein Land zu unterstützen, und nicht ein anderes Land zu diffamieren.

Deswegen kann ich darin auch gar nichts Problematisches erkennen. Und vom Patriotismus ist es ein sehr weiter Weg zu dem, was du „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ nennst.

SPUNK: Das nenne ich doch mal eine klare, aber kontroverse Aussage. Ich denke, das ist als Abschluss-Statement deshalb sehr geeignet. Lea, vielen Dank für das Interview!

 

Lea Žigrić ist 20 Jahre jung, Studentin, Mitglied im Landesvorstand der JuLis Hessen und seit 2011 aktiv für die Jungliberalen auf kommunaler Ebene in Wiesbaden. Sie ist sehr familiär, chronisch unpünktlich und bemuttert gerne.

Marcel ist 23 Jahre jung, studiert Philosophie, Deutsch, Soziologie und Bildungswissenschaften an der Uni Bielefeld und ist seit April 2014 Mitglied der SPUNK-Redaktion.

3 Kommentare

  1. Felix sagt

    Es geht mir zwar nicht ums inhaltliche direkt, aber ich möchte erstmal sagen, dass ich es sehr schön finde, dass man hier andere Meinungen aufstellt und diskutiert.
    Ich würde mir trotzdem eine neutrale Führung des Interviews wünschen. Das ist doch eigentlich auch journalistischer Standard. Die Diskussion und die Wertung kommt doch danach intern sowiso. Warum hat man sich im Artikel nicht immer neutral oder unwertend verhalten?
    (Beispiel: Eure Frage nach ihrer Antwort, die mit dem Regenbogenbändchen endet)

  2. Marcel Rodenberg sagt

    Moin Felix,
    erstmal Danke für dein prinzipiell positives Feedback.
    Ich bin der Meinung, ein Interview in einem Magazin wie dem SPUNK, das eine klare ideologische Linie verfolgt, braucht nicht zwingend eine neutrale Position auf der Seite der_des Interviewenden. Wir erheben hier nicht den Anspruch einer neutralen Berichterstattung. Im Grunde macht das keine Zeitung oder andere Publikation, überall scheinen Meinungsbilder durch, insbesondere in Interviews.
    Dementsprechend halte ich es für angemessen, dass ich in diesem Interview an einigen Punkten eine junggrüne Position vertreten habe.
    Gerade durch diese Gegenüberstellung der politischen Perspektiven gewinnt doch ein solches Interview erst an Nährwert, auch im Hinblick auf die Kommunikation zwischen den jeweiligen Jugendorganisation.

  3. Pingback: » Party-Patriotismus – Ein Résumé SPUNK

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