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Leistung muss sich wieder lohnen?

„Leistung muss sich wieder lohnen!“1 Die Logik der Lohnbemessung scheint simpel: Wer viel leistet, darf auch viel verdienen!2 Dies scheint Millionen-Gehälter, riesen Boni, hohe Abfindungssummen für die so genannten „Leistungsträger“ zu rechtfertigen, sowie vergleichsweise geringe Löhne für Fließbandjobs oder Müllentsorgung.

Die Einen leisten eben mehr als die Anderen und werden deshalb besser bezahlt. Aber ist das wirklich so?

Das Lohngefälle generiert natürlich viele fortschrittliche Errungenschaften, denn Aussicht auf höhere Bezahlung ist ein Anreiz für harte Arbeit, für den Versuch, es vom „Tellerwäscher zum Multimillionär“ zu bringen. Der Drang nach individuellem Aufstieg wird oft als Motor für die gesamte Gesellschaft betrachtet.

Oftmals positiv konnotiert, wird unsere Gesellschaft gerne als „Leistungsgesellschaft“ bezeichnet. Im Alltag dieser Leistungsgesellschaft beginnt für viele nach acht Stunden regulärer Arbeitszeit die zweite Halbzeit des Arbeitstages, in welcher noch das Profil im sozialen Netzwerk gepflegt wird, noch unbeantwortete Mails bearbeitet werden oder Arbeit in der Familie, im Haushalt geleistet wird3. Um zu beantworten, wie sich diese moderne Arbeitsgesellschaft gebildet hat und was diese ausmacht, ist es notwenig, sich mit dem ideologisierten Begriff „Leistung“ losgelöst von Entlohnung auseinanderzusetzen und diesen infrage zu stellen.4

In aktuellen Debatten wird der Begriff Leistung vor allem in der (1) Sozialphilosophie, (2) Politik und (3) Wirtschaft verwendet.

(1) Axel Honneth, deutscher Sozialphilosoph, sieht Leistung als einen der drei für die Sozialintegration verantwortlichen Anerkennungssphären der Gesellschaft.5 Honneth versteht unter Leistung den Betrag, welcher von jeder*m für die Gesellschaft geleistet wird. Diese müsse dementsprechend entlohnt werden, sofern es zu keinen sozialen Zerwürfnissen kommen soll. Dieser zunächst attraktiv wirkende erkenntnistheoretische Leistungsbegriff, ist jedoch keine Realität, wie die Ergebnisse einer Studie der NEF belegen6.

(2) Parteiprogramme verweisen geradezu inflationär auf den Begriff der Leistung, jedoch ist substantiell nichts zu finden. Das bedeutet, obwohl die Parole „Leistung muss sich wieder lohnen“ immerzu wiederholt wird, fehlt es an einer näheren Erklärung. Auch die Programme der grünen Partei enthalten keine genaue Definition, wenngleich davon geschrieben wird, dass Leistung auch außerhalb der Wirtschafts- und Arbeitswelt zu finden sei, oder auch „Kindererziehung eine beachtliche Leistung“ darstelle.7

(3) In der Wirtschaftswissenschaft wird der Begriff oft im Zusammenhang mit „Arbeitsleistung“ verwendet und bemessen als „Arbeit pro Zeiteinheit“, auch Produktivität genannt.8

Im Allgemeinen wird jedoch deutlich, dass kein einheitlicher Leistungsbegriff existiert; ergo die politischen und wirtschaftlichen Diskussionen zu dem Thema nicht fähig sind, eine Begriffsbestimmung von genau dem zu geben, wovon sie andauernd sprechen.

Jede*r von uns kennt die Metapher vom „Stück Kuchen“: Jede*r bekommt ihr*sein Anrecht auf ein entsprechend großes Stück zugestanden. Voraussetzung für die Bemessung der Größe des Kuchenstücks ist (1) die Quantifizierung, (2) eine Vergleichbarkeit zu teilweise vollkommen anderer Arten von Leistung und (3) die Schaffung eines „gerechten“ Verhältnisses von den zu verteilenden gesellschaftlichen „Ressourcen“.

Problem einer solchen Bemessung ist zum einen, dass es keine definierte Einheit gibt, in welcher gemessen werden könnte – es gibt keinen Kuchen, den man verteilen könnte – und zum anderen, dass sich die Arbeitsverhältnisse in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft verändert haben. Die Persönlichkeit des Individuums ist zum Produktionsfaktor geworden. Folglich wird nicht mehr nur körperliche Fähigkeit und Kraft, sondern die gesamte Persönlichkeit der Individuen quantifiziert.

Die starke Fokussierung auf den ideologisch aufgeladenen Begriff hat zu folgenden Phänomenen geführt:

(1) Verinnerlichung von sozialen Herrschaftsmechanismen durch Individualisierung des sozialen Phänomens der Ausbeutung9. (Die Ausbeutung durch Lohnabhängigkeit erfolgt individualisiert und ist dadurch weniger sichtbar).

(2) Das Streben nach Utopien verliert an Bedeutung und sie geraten in den Hintergrund, da sich immer mehr auf den Kreislauf des Kapitals und den individuellen wirtschaftlichen Erfolg fokussiert wird.

(3) Die Rede von Leistungsgesellschaft und einer Gesellschaft mit idealer Verteilungsgerechtigkeit verstellt den Menschen den Blick auf die eigentliche Leere des Kapitalkreislaufes.

Zusammenfassend ist der Leistungsbegriff in keiner Form angemessen, um über Gerechtigkeit zu sprechen. Der Begriff „Leistung“ wird immerzu ideologisch verwendet und eignet sich auch aus diesem Grund nicht zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus bzw. der Neoliberalismus-Idee.

Aus diesen Gründen sollten wir es vermeiden, uns in Debatten über „Leistung“ einzulassen und darauf hinweisen, dass dieser Begriff keinen Gehalt hat, denn „Leistung hat schon genug Gesellschaft“.10

1Rosenfeld, Dagmar: “Vorsicht, Umfallgefahr”, DIE ZEIT, Nr. 33/2009

http://www.zeit.de/2009/33/FDP

2Bitcoin-Millionär, 2014

http://www.heise.de/newsticker/foren/S-Wer-viel-leistet-darf-auch-viel-verdienen/forum-274284/msg-24739884/read/

3Allgemein wird von Verdichtung, von Beschleunigung und von Rastlosigkeit geklagt.

4Distelhorst, Lars: “Leistung. Das Endstadium der Ideologie”, transcript Verlag, 2014

http://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-2597-4/leistung

5Ranke, Wolfgang: “Integrität und Anerkennung bei Axel Honneth”, Monatshefte Vol. 97, No. 2, 2005, Published by: University of Wisconsin Press http://www.jstor.org/discover/10.2307/30159745?sid=21104916827151&uid=2&uid=4&uid=3737864

6NEF: “A Bit Rich”, 2009

http://www.neweconomics.org/publications/entry/a-bit-rich

7Bündnis 90/DIE GRÜNEN: “Zeit für den GRÜNEN WANDEL”, BTW 2013

http://www.gruene.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/Wahlprogramm/Wahlprogramm-barrierefrei.pdf

8Leistung im wirtschaftswissenschaftlichen Sinne nimmt zunehmend auch den Gegenbegriff zu „Kosten“ ein.

9Vergleiche Callcenter, Zeitarbeit und den Niedriglohnsektor

10GJ-Hipster-Tasche: Leistung hat schon genug Gesellschaft” https://gruene-jugend.de/node/26957

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