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Lesbische Identität in einer Frauenrechtsorganisation – „Jeden Tag muss ich mich outen“

Einige Monate habe ich mit großer Überzeugung für eine internationale Organisation gearbeitet, die sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen bekämpft und Überlebende nachhaltig unterstützt. Bereits beim Bewerbungsgespräch wurde gefragt, ob ich Feministin sei, das sei schließlich Einstellungsvoraussetzung. Kurz darauf bezog ich mein neues Büro und lernte die Mitarbeiterinnen kennen. Dabei fiel mir auf, wie homogen die Gruppe meiner Kolleginnen doch war: Zwar gab es junge und alte Frauen und vielleicht auch einige, die nicht studiert hatten. Insgesamt aber schienen alle ziemlich ähnlich gestrickt zu sein. Nicht zuletzt verbindet sie alle die gleiche Einstellung, Überzeugung und der Einsatz für die Rechte aller Frauen.

Ein unsichtbarer Kampf

Trotz dieser scheinbaren Homogenität merkte ich schnell, dass ein asymmetrischer Kampf herrschte, der von einigen wenigen Mitarbeiterinnen gegen die große Mehrheit geführt wurde – ohne, dass Letztere sich dessen bewusst schien. Die Rede ist von den wenigen lesbischen Frauen, die versuchten, ihre Identität in die Organisation einzubringen. Mit dem Ziel, die anderen Mitarbeiterinnen für das Thema zu sensibilisieren, aber auch die Unterstützung für LGBTQI-Frauen in den Kriegsgebieten mehr in den Fokus der Organisation zu rücken, versuchen jene Kolleginnen unermüdlich die Aufmerksamkeit ihrer Mitstreiterinnen zu erlangen.
Insgesamt ist es erstaunlich, dass dem Thema „lesbische Identität in unserer Organisation“ im Rahmen von Tagungen und Rundmails eine umfassende Plattform gegeben wurde, ohne merkliche organisationsinterne Erfolge zu bringen. In der Auslandsarbeit wurde – ähnlich wie beim Bereinigungsgesetz – immerhin darauf geachtet, dass Lesben endlich in die Definition unserer Zielgruppe integriert wurden.

Innerhalb der Organisation aber wurde das Thema scheinbar totgeredet. Da sich alle darin einig waren, dass Lesben bei uns nicht diskriminiert würden, gab es keine Diskussion darüber, was zu tun sei, um persönliche Einstellungen zu ändern. Heterosexismus und Diskriminierung von Lesben bei uns? Das gab es selbstverständlich nicht. Auf die Aussage einer Kollegin, die meinte: „Coming-out hört für mich bei unserer Organisation niemals auf. Ich muss mich bei jeder neuen Kollegin wieder outen“, wurde von vielen heterosexuellen Kolleginnen mit Augenrollen und Unglauben reagiert, weil doch alle so tolerant seien.

Auch ich empfand bis dahin keineswegs das Gefühl, mich immer wieder aufs Neue outen zu müssen. Vielmehr fühlte ich mich in einem Umfeld wohl, indem niemand nachfragte, wenn ich von meiner Freundin erzählte, mit der ich gerade zusammengezogen war. Bloß hatte ich bis dahin nicht bemerkt, dass die freundlichen Reaktionen meiner Kolleginnen das Resultat dessen waren, nicht verstanden zu haben, was ich eigentlich gesagt hatte. Dies fiel mir erst Wochen später auf, als der Groschen endlich gefallen war und mir von den meisten Kolleginnen nur ein „Oh!“ entgegnet wurde, meist gefolgt von „ich habe auch Bekannte die lesbisch sind“. Vielen Dank für diesen Beitrag.

Seit dieser Erfahrung begann ich, den organisationsinternen Kampf der lesbischen Mitarbeiterinnen immer mehr nachvollziehen zu können. Viele würden ihn als „meckern auf hohem Niveau“ bezeichnen. Schließlich wurde bei uns niemand aufgrund seiner sexuellen Orientierung entlassen, diskriminiert oder in irgendeiner Weise verbal attackiert. Aber trotz aller offiziellen Bekundungen der Mitarbeiterinnen gegen die Diskriminierung von Lesben offenbart sich in ihrem Verhalten, dass wir in ihren Köpfen eben doch „anders“ waren. Wenn die Frauen in der Mittagspause über ihre Kinder sprachen, wurde man als Lesbe gar nicht in das Gespräch einbezogen. Es wurde nicht gefragt, ob man Kinder hatte, oder welche möchte. In vielen Köpfen sind Lesben und Kinderwunsch immer noch unvereinbar. Das liegt jedoch nicht daran, dass sie homofeindlich waren, sondern vielmehr daran, dass sie sich eben doch nicht mit der lesbischen Identität auseinander gesetzt haben, sondern sich durch das vorgeschobene Mantra „ich bin nicht heterosexistisch“ einfach um jede geistige Auseinandersetzung mit dem Thema gedrückt hatten.

Berufliche Professionalität und lesbische Identität

Mit dem Thema der lesbischen Identität wurde sich besonders dann auseinander gesetzt, wenn es Probleme mit der alltäglichen Arbeit gab. Was erzähle ich im Kongo, wenn man mich fragt, ob ich verheiratet bin? Was sage ich, wenn ich die Freundschaftseinladung auf Facebook nicht annehme, weil dann auffällt, dass ich seit fünf Jahren mit einer Frau zusammen bin? Wie reagiere ich, wenn die Kolleginnen aus Afghanistan oder Burundi vorgeben, noch nie von Homosexualität gehört zu haben? Wie gehe ich damit um, wenn Kolleginnen aus Liberia und dem Kongo androhen, den Raum zu verlassen, wenn weiterhin über die Bedürfnisse von Lesben geredet würde?
Kann man erwarten, dass die Betroffenen ihre persönliche Identität in den zwei Wochen verschleiern, in denen Workshops im Ausland anstehen? Das berufliche Engagement vor Ort steht im Vordergrund und die persönlichen Bedürfnisse könnten in der Zeit hinten angestellt werden, aber muss das sein? Zudem macht man ja den Job, um etwas zu bewegen, die Organisationsentwicklung und die Zivilgesellschaft vor Ort zu stärken und Expertise zu teilen, damit Frauen nachhaltige Unterstützung erfahren können. Aber sollte man deswegen lügen, einen Ehemann und zwei Kinder erfinden, nur um bei den Partnerinnen vor Ort ein positives Bild zu hinterlassen? Hat man nicht vielleicht sogar im Gegenteil die Pflicht, seine Möglichkeiten auszuschöpfen, seine Solidarität mit den Lesben vor Ort zu zeigen und vorzuleben, dass lesbisch sein ein identitätsstiftendes Charakteristikum sein kann, aber nicht muss? Hierfür gibt es keine Standardantwort. Lesbisch sein ist eben keine Kategorie, der angemessene Verhaltensweisen zugewiesen werden können. Lesben sind nicht alle gleich. Manche wollen unerkannt bleiben, manche haben das Gefühl, sie müssen sich ständig outen, um sich selbst treu zu sein. Manche fühlen sich verpflichtet, die ihnen gegebenen Privilegien zu nutzen, um anderen Lesben den Weg zu ebnen. Letztendlich ist das Verhalten im Ausland eine persönliche Entscheidung, die von Außenstehenden nicht zu bewerten ist.

Bezüglich des ständigen Outings innerhalb unserer Organisation denke ich, dass man selbst nicht die Einstellung der Kolleginnen beeinflussen kann und deshalb auch nicht darauf abzielen sollte. Natürlich kann man jedes „Oh!“, wenn der Groschen gefallen ist, als negatives Feedback auffassen. Aber man kann es auch so sehen, dass sich auch die andere Kollegin ein Stück weit outet, wenn sie einen Satz mit „Mein Mann hat gestern Abend…“ beginnt. So lange wir uns selbst das Gefühl einreden, wir müssten uns jeden Tag „outen“, empfinden wir das als negativ und belastend, da wir uns jeden Tag aufs Neue verletzlich machen. Anstatt sich aus Unterhaltungen ausgeschlossen zu fühlen und sich selbst dadurch zu viktimisieren, kann man sich aber auch einfach aktiv einbringen und so die Mitarbeiterinnen zum Umdenken anregen. Vielleicht merken sie so eher, dass die Ungleichbehandlung von Lesben auch auf subtileren Ebenen stattfindet.

„Choose your battles wisely.“

Am Ende des Tages ist es für mich wichtiger, dass sich die Organisation international für die Rechte lesbischer Frauen einsetzt, als beim Mittagessen nach dem eigenen Kinderwunsch gefragt zu werden. Schließlich kann das öffentliche Bekenntnis der Organisation zu ersterem Leben retten. Während wir uns beschweren, uns zum Outing genötigt zu fühlen, ist die körperliche und psychische Gesundheit vieler Frauen auf der Welt davon abhängig, dass niemand von ihrer sexuellen Orientierung erfährt. Gleichwohl ist es auch wichtig, anzumerken, dass sich die Verankerung patriarchaler Werte und traditioneller Normen in unserer Gesellschaft besonders darin widerspiegeln, dass sie sogar in feministischen Frauenrechtsorganisationen unterschwellig die Denkmuster prägen und dass ihre Offenlegung der erste Schritt zu ihrer Bekämpfung ist.

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