AntiFa & AntiRa, Artikelserien, Erinnern und Gedenken
Schreibe einen Kommentar

„Lügenpresse“ – ein uralter Kampfbegriff

Zeitungen
Pluriformity - von Jeroen Bosman - CC BY-NC-SA 2.0

Ein Abriss über die Geschichte des Begriffs

 

Lügenpresse – so lautet das Unwort des Jahres 2014. PEGIDA-Anhänger*innen rufen den Begriff beispielsweise auf ihren Demonstrationen. Sie werfen den etablierten Medien vor, ihre Ansichten verdreht darzustellen oder gar zu manipulieren (vgl. Kontaktversuch: Lügenpresse trifft Pegida). In Verschwörungstheoretiker*innen-Kreisen wird schon länger der Verdacht gehegt, dass die „Lügenpresse“ ein „geistiges Umerziehungslager“, ein „gleichgeschalteter Medienapparat“ und ein Unterdrücker und Ausgrenzer unerwünschter Meinungen – getreu der Methoden im Nationalsozialismus – sei (vgl. Der Hass der Bescheidwisser). So zumindest ist es in facebook-Kommentaren oder in Internetforen nach zu lesen.

Der topaktuelle Begriff ist aber keineswegs eine neue „Erfindung“. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts findet er sich in den deutschen Sprachgebrauch ein.
Während des Ersten Weltkrieges erscheint Reinhold Antons Buch „Der Lügenfeldzug unserer Feinde: Die Lügenpresse“, dem noch weitere ähnliche Werke folgen sollten (vgl. Von der Journaille zur Lügenpresse). Adolf von Harnack, ein preußischer Historiker, wirft 1914 der ausländischen Presse vor, dass sie Lügen über das deutsche Heer verbreite und die „internationale Lügenpresse“ eine vierte Großmacht gegen Deutschland darstelle (vgl. „Lügenpresse!“ – Ein neuer alter Kampfruf).
Die Zeit des Ersten Weltkrieges markiert die erste Periode, in der der Begriff häufig verwendet wird. Doch auch in den Jahren nach 1918 findet der Ausdruck „Lügenpresse“ Gebrauch. Hier richtet man sich damit vor allen Dingen gegen die Weimarer Presse, die einigen zu unpatriotisch ist.
Joseph Goebbels attackiert in einer Rede aus dem Jahr 1932 die „rote“, also die politisch linke, „Lügenpresse“, indem er ihr einen Verleumdungsfeldzug gegen die Nationalsozialisten vorwirft (vgl. Kommentar: „Lügenpresse“ ist zurecht „Unwort des Jahres“).
1938 stellt man den Abiturienten das Aufsatzthema „Deutschland und die europäische Lügenpresse“ (vgl. Lietz, Wolfram: Hitlers Kinder? Reifeprüfung 1939. Bad Heilbrunn 1998, S. 114). Vier Jahre später erscheint im „Völkischen Beobachter“ ein Artikel mit dem Titel „Lügenpresse im Scheinwerferlicht“ (vgl. „Lügenpresse!“ – Ein neuer alter Kampfruf). Damit kann sich der*die Leser*in einen Überblick über die „demokratischen und bolschewistischen Kriegsgerüchterstattungsorgane“ aus dem Ausland verschaffen (vgl. ebd).

Die zweite Blütezeit des Ausdrucks „Lügenpresse“ liegt also in der NS-Zeit. Dort tritt er häufig im Zusammenhang mit dem Wort „Journaille“ auf. Dieser Begriff leitet sich vom französischen „Canaille“ (vgl. „Journaille“ im Duden) (Schurke) ab und findet bereits in Hitlers „Mein Kampf“ Verwendung (vgl. „Lügenpresse!“ – Ein neuer alter Kampfruf). Die „Lügenpresse“ stellt zwischen 1933 und 1945 die Presse im Ausland beziehungsweise die sogenannte „jüdisch-marxistische“ Presse dar. Es findet also ein Wandel statt, wer mit „Lügenpresse“ gemeint ist.
Zusammengefasst kann man sagen, dass während des Ersten Weltkriegs mit „Lügenpresse“ die ausländischen Medien gemeint waren, in der Weimarer Republik war es die Inlandspresse, die nicht patriotisch genug war und in der NS-Zeit attackierte man damit erneut die Auslandspresse. Und heute? Da scheint es die deutsche und die internationale Presse zu sein, der die Verwender*innen des Begriffs nicht trauen.

Und der Gebrauch vom Wort „Lügenpresse“ heute? – Ein Kommentar

 

Bleibt nun die Frage offen, weshalb sich der Begriff heute erneut scheinbar so großer Beliebtheit erfreut.
Analysiert man einmal die jeweilige politische und gesellschaftliche Lage, in der das Wort „Lügenpresse“ ihre Hochzeiten hatte, dann stellt man fest, dass es immer Zeiten waren, in denen Unzufriedenheit – gar Krisenstimmung – herrschte.
Das erste Mal, als man die Presse der Lüge bezichtigte, befand sich Deutschland im Krieg. Bekanntlich sah es für das Deutsche Reich nicht so rosig aus, wie man es sich im Land gewünscht hätte. Zu allem Überdruss war dann da auch noch die böse Auslandspresse, die der Welt diese Tatsache auf dem Silbertablett präsentierte. Da wurde man als gute*r deutsche*r Patriot*in, die*der ihr*sein Land heiß und innig liebte, natürlich sauer. Zum einen wurde einem selbst die missliche Lage vor Augen geführt und darüber hinaus auch noch die Heimat als Verlierer dargestellt – welch` eine Schmach! Dagegen musste man ja wohl protestieren!
Nur wenige Jahre später verunglimpften die bösen roten Medien die Ansichten jener politischen Gruppierung, die Deutschland seinen Glanz zurückbringen wollte. Erneut rief der glühende Patriot und die treue Patriotin: Die Presse lügt!

Heute gebraucht beispielsweise PEGIDA den Begriff, da sich die Gruppierung in der Presse falsch dargestellt fühlt. Gemeinsam haben PEGIDA und die Personenkreise, die sich des Bergriffs in der Vergangenheit bedienten, dass sie sich als Patriot*innen bezeichnen. Jedoch betonen die Mitglieder von PEGIDA und Co., dass sie keine Nazis seien. Warum aber gebrauchen sie dann einen Ausdruck, der ganz eindeutig in der Vergangenheit von Nationalsozialist*innen verwendet wurde? Tritt hier die Geschichtsvergessenheit ein, dass ihnen nicht bewusst ist, welche Geschichte das Wort hat? Oder verschließen sie bewusst die Augen davor, dass es in der NS-Zeit Verwendung fand, da ihnen das Wort einfach gerade passend erscheint? Denn nicht zu übersehen ist die Tatsache, dass – zumindest PEGIDA – Deutschland in einer gegenwärtigen Krisensituation sieht. Ein ähnliches Deutschland bedrohendes Klima, welches Anfang beziehungsweise Mitte des 20. Jahrhunderts bei Gebrauch des Begriffs herrschte.
Eindeutig festzustellen ist, dass der heutige Kontext der Verwendung vom Begriff „Lügenpresse“ Gemeinsamkeiten mit seinem früheren Gebrauch aufweist. Uneindeutig hingegen ist, weshalb PEGIDA-Anhänger*innen, die keine Nazis sein wollen, ein Wort benutzen, das schon Goebbels lauthals vom Podium schrie. Die Antwort darauf kann wohl allerhöchstens ein*e Benutzer*in vom Begriff „Lügenpresse“ geben!

Svenja Karina widmet sich in ihrem Studium der Geschichte und der deutschen Sprache. Schaut sie sich nicht gerade das sonnige Wetter durch die Fenster der Uni-Bibliothek an, dann besucht sie Konzerte und Festivals; häufig auch mit ihrer Kamera, mit der sie unter anderem Fotos für ihren Kultur-Blog macht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.